Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an <einen Lehrer> in <?> v. 9.9.1848 (Keilhau)


F. an <einen Lehrer> in <?> v. 9.9.1848 (Keilhau)
(Autograph nicht überliefert, Abschr. BlM F 1058/49/2, Bl 174-178V, 2 B + 1 Bl fol. 8 ½ S. Luise F. lag der Brief ohne Nennung des Adressaten und ohne Schlussfloskel vor. Im BlM befindet sich unter F 1058/48, S.1-7, 1¾ B fol. 7 S. eine weitere Abschrift mit Datum 7.11.1848 ohne Adressat, aber identischem Text, ebenfalls ohne Briefschluß, mit der Anrede „G. H.“ [Geehrter Herr]. Die Briefliste Hoffmann verzeichnet unter Nr.1438 und Datum 7.11.1848 als Adressaten „einen Lehrer“.)

An Herrn N.N.
Keilhau bei Rudolstadt 9/9 48.
Für Ihren ausführlichen, vertrauensvollen Brief, besonders für
die erste Hälfte desselben, bin ich Ihnen sehr dankbar und ich nehme
im Grund meines Herzens recht aufrichtigen und warmen Antheil
an der Gesammtheit Ihrer Lebensverhältnisse, deren abschwächende
Wirkung ich nach jeder Seite hin aus ähnlichen, eigenen
Erfahrungen nur zu gut kenne, ja, noch bis auf den heuti-
gen Tag empfinde, und an der Vernichtung ihres Grundes
arbeite. Erlauben Sie mir meine Ansicht darüber aus-
zusprechen; ich hoffe, daß Sie mich dabei nicht mißverstehen,
noch weniger mißdeuten werden.
Erstlich glaube ich, daß die Lebenserfahrungen und
Schicksale, welche Sie mir in Ihrem mir darum so werthen
Briefe so unumwunden, wie vollständig, darlegen, noch gar
viele mit Ihnen und mir, wenn auch in anderen Graden und
Weisen theilen, welche durch Ausbildung ihrer geistigen
Anlagen und Kräfte und durch deren Benutzung von und im
Staate die einstige Sicherung ihres leiblichen Bestehens
hoffen und hofften. Der Grund davon liegt mir
ganz einfach darin, daß der Staat bis jetzt noch keines-
wegs, ich möchte fast sagen, in gar keiner Hinsicht,
genügend das ist, was er eben als Staat sein soll; oder
anders ausgesprochen, daß wir eben noch keinen eigentlichen
Staat, noch weniger solche Staaten haben.
Der Staat ist mir die bestehende, sichtbar dastehende,
verkörperte, allein selbst noch in dieser Verkörperung gleich
einem Baume, noch besser gleich einem Menschen sich /
[174R]
dennoch fortbildende und fortentwickelnde Idee der Menschheit,
ihres Wesens und ihrer Bestimmung, ihres Seins an und in sich
und ihres Werdens in der Erscheinung, und zwar auf der mög-
lichst höchsten Stufe des klaren Selbstbewußtseins. Man
kann auch sagen: der Staat ist die bewußte und in größerem
Maaßstabe ausgeführte Idee der Menschheitserziehung; der
Staat ist eine Erziehungsanstalt der Menschheit, ist die Erziehungs-
anstalt eines solchen Ganzen an sich (κατ εξοχην), dies setzt
nothwendig wie Klarheit über das Wesen, die Bestimmung der Mensch-
heit, ihren Entwicklungsgang und ihre Entwicklungsbedingungen
zum Ziele der Menschheit, so ganz besonders Klarheit über das
Wesen des einzelnen Menschen, seinen Beruf, die Bedingungen,
Mittel und Wege zu dessen Erziehung voraus. Woher sollte
dies aber kommen? da der Staat kein aus der Idee der Menschheit
und deren Bestimmung aus dem Wesen der einzelnen Menschen
und den Forderungen zur Erreichung seines Berufes Entwickeltes,
nach ewigen Gesetzen mit Nothwendigkeit entwickeltes, sondern
da auf diese, dort auf jene und wieder an einem dritten und vierten
Orte und Verhältnissen nach und durch äußere in kleinen
Dimensionen über<spannten> Forderungen gemacht, äußerlich zusam-
men gebaute Ganze sind; dabei spricht man
auch wegen der Wahrheit der menschlichen Geister und der
menschlichen Sprache vom Staatsgebäude, ja bis auf die neue-
ste Zeit von Staatsgebäuden auf den breitesten Grundlagen,
lauter mechanische Ansichten vom Staate; man spricht nun
wohl von Staatskräften, aber nicht einmal diese dinamische
Ansicht des Staates führt man durch; ja, man hört wohl /
[175]
sogar von den Adern und Nerven des Staates reden, aber noch
weniger führt man diese organische Ansicht des Staates durch.
Von einem Staatsgrundgedanken glaube ich, von einem Staatsgrund-
gesetz, von einer Idee des Staates, ja davon hört man wohl
auch noch sagen, aber nicht von einer Entwicklung und Dar-
lebung dieser Idee nach den Gesetzen und Forderungen des
Wesens der Menschheit
. Man hört nicht sprechen von einer
Entwicklung, einer Erziehung und Bildung der Menschen im
einzelnen wie im Ganzen, z.B. als Volk über der Darlebung
und Darstellung der Idee der Menschheit entgegen, gleichsam
zur Hülfe. - Man hört nicht sprechen von einer Entwicklung,
Erziehung und Bildung des einzelnen Menschen, wie der
Völker von der Kindheit an für und zur Darlebung, Darstel-
lung und Ausführung der Idee der Menschheit im Staate;
Staat, wie ich gleich anfangs aussprach, als die stehende stehen-
de verkörperte Idee der Menschheit, eine Idee, die zwar, in
der Sprache Luthers zu reden, staht (staat) aber auch noch in
diesem Stehen sich fort- dem Ziel seiner Bestimmung entgegen
entwickelt.
Wir sind Deutsche, sprechen viel vom deutschen Volke und
von dem Wesen und der Würde der deutschen Sprache, wenn
wir aber nur anstatt daß beides, wie noch gar vieles Andere,
sehr wichtig nähmen die beiden Wörtchen:
„deutsches Volk“
im Sinn und Geiste unserer deutschen, eben das Rechte deutenden
deutschen Sprache verstanden fühlen, so würde uns dies zum
Begriff, zur ächten Idee des Staates geführt haben. Das /
[175R]
deutsche, deutende Volk ist aber dasjenige Volk, welches sich Kunde giebt,
sich deutet nennt und warum? es folg[t], welcher Idee es eigentlich folgt,
so z. B. wie es seinem Fürnehmsten, Fürsten, Vordersten, Herzogen
folgte, der Idee der Männlichkeit im ganzen, schönen und höchsten Sinne
des Wortes. Männlich aber kann nur der Mensch sein, und so
sehen wir Menschlichkeit in den deutschen Volkszügen und Herzö-
gen voran leuchten gleich einem Banner.
Wir sehen aber das deutsche Volk, eben weil es mit deutendem Be-
wußtsein einem Vorgehenden, einem Vorleuchtenden folgt sucht die
Idee der Menschheit
in einem sich stetig fortentwickelnden, bleibenden,
bestehenden Staate darzuleben. - Dies sind keine leeren
Worte, sondern es ist eine ewige Wahrheit, welche sich aus noch
tieferer Erfassung des Menschenwesens und der deutschen Mensch-
heit nachweisen und unwiederlegbar begründen läßt. Was
nun aber in unserm ganzen Volke lebt, das lebt aber auch na-
türlich in jedem Deutschen und ganz besonders in jedem Gemüthe
eines jungen Deutschen, welcher auch für geistige Ahnungen rege
und empfänglich ist, er wird also auch als ein deutsch sprechender
den Staat seines Volkes in seinem Gemüthe in der natürlichen
Identität auffassen, die ihm nach der Sprache seines deutschen
Volkes darin liegt, d.h. er wird mit jugendlichem, reinen,
ungeschwächten wie ungetrübten Glauben und Vertrauen
(wie Sie beim Antritt Ihres Amtes als Sie vom Staate Zeit
zum Ordnen Ihrer Verhältnisse wünschten) vom
Staate Pflege, Entwicklung und Ausbildung seines ganzen Wesens
in den gegebenen Verhältnissen, zum Wohle des Staates, hoffen.
Jetzt aber sieht er sich mit einem Male (denn der Staat hat
kein Herz für seine Kinder, Söhne und Töchter, Männer und Frauen,
sie sind ihm nur Sache, Mauer- <Ziegel-> Stufen- Eck[-] oder Säulen- /
[176]
steine u.s.w.) – von der Höhe seiner Ansicht des Staates in eine
nächtliche Tiefe herab geschleudert, aus welcher er nur mühsam mit
seiner vereinzelten, schwachen Kraft sich empor helfen, vielleicht
nie wieder emporsteigen kann. Sehen Sie hier Ihr Schicksal,
welches Sie mir so offen darlegen, sehen Sie hier das meine,
welches ich Ihnen durch das Ihrige ahnen lasse, sehen Sie hier
das Schicksal von Tausenden nur in den verschiedensten Formen und Ver-
hältnissen in dem jüngsten halben Jahrhundert und jüngsten Men-
schenalter. Wir alle, wie vielleicht hunderttausende sind durch
unsre Täuschung an unserm Volke und unseren Staaten (von einem
deutschen Staate will ich garnicht reden) mehr oder minder geistig
und leiblich bankrott, wie bankrott in Beziehung auf unsre
äußerlichen wie geradezu gesagt hinsichtlich unserer bürgerlichen
Verhältnisse und der Geldmittel geworden von welchen jene
die geistigen wegen der kalten und falschen Stellung des Staa-
tes abhängig geworden. –
Wie ist nun da zu helfen? Ganz einfach dadurch: weil nun weder
Volk noch Staat das sind was beide sein sollen, und ganz na-
mentlich der Staat nicht der Träger und Vertreter der Idee
der Menschheit und deren Darstellung im Leben ist, so
müssen wir zu retten suchen, was für uns zu retten ist so weit
unsre Verhältnisse dies gestatten. Die leere Hülse Staat
müssen wir sich selbst überlassen und uns unmittelbar der
Pflege der Idee hingeben; wir haben vielleicht äußerlich
auch kein anderes Ergebniß als wenn wir uns ganz dem
nichtigen Staatsleben hingeben, haben zunächst äußerlich
auch noch lange Hunger, Noth, und Sorge, sie stehen mit uns /
[176R]
auf und legen sich mit uns nieder, allein eins lebt in uns was
uns hebt und trägt: Träger und Mitarbeiter an der Verwirk-
lichung einer göttlichen Idee zu sein und empfangen wir
auch keine klingenden Thaler, nicht einmal klingende Heller,
so empfangen wir doch von einfachen Menschen warmen Her-
zensdank und von kindlichen, jugendlichen Gemüthern den
Ausdruck treuer Lebenseinigung; dies läßt uns manchen Hunger
überwinden, ja ihn gar nicht fühlen, ich spreche aus vielfacher
eigner Erfahrung, und der Körper fühlt und beweist
dennoch eine Kraft, als habe er die stärkendste Nahrung
genossen, sehen Sie da bewähren sich auch an uns die
Worte: es giebt eine andere Speise und andern Trank
als sichtbares Brot und fließendes Wasser; dazu kommt daß
wir sahen: die hohen und höchsten die reinsten und wohl-
thätigsten Ideen nach und nach leise ausgestreut und gepflegt
keimen und wachsen um so mehr je weniger der todte und
tödtende Staat sich um sie bekümmert. Sehen Sie, geehrter
Herr, so werden wir in unserm Innern ganz unabhängig vom
Volke und Staate, als einem sich selbst unbewußten Schöpfer und
Bildner eines lebenvollen Volkes - eines sich nach und nach klar
werdenden Staates, ja wir sind, wenn es auch noch Niemand
schaut, die ersten ächten Glieder dieses sich immer mehr
bewußtwerdenden Volkes und Staates. Der Weg dazu ist
durch die Kinderwelt; denn in der Kinderwelt ist noch Leib
und Geist sich innig durchdringend, Idee und Leben sind noch
ein innig Einiges; darum in der Pflege der Kindheit, in
dem Garten der Kindheit, da ruht und keimt, wurzelt und wächst /
[177]
Menschheitsheil, wie das Heil der einzelnen Menschen, Fami-
lien[-] wie Volksglück. In richtig gepflegten Kinder-
leben entwickelt sich ächtes Gemeinde- wie Staatenleben, eben
so das Wesen und die Idee der Menschheit sich in ihren ersten
leisen Keimen entfaltend. – Können wir auch noch nicht
so gleich unsern äußeren Druck vermindern, so sollen wir doch
unsre innere Kraft vermehren, erhöhen, endlich verliert der
äußere Druck, der ganz unabwendbar ist, eben weil er zunächst
unabwendbar ist all seine Schwere und wir wandeln, obgleich
die Gedrückten und Belasteten doch als die doppelt in und
außer sich freien.
Zu solcher ächten, ich möchte sagen all-
mächtigen inneren Freiheit möchte ich nun besonders Euch
Ihr jungen mit kräftigen Streben erfüllten
Volkslehrer durch die ächte Pflege des Kindheitlebens,
ganz namentlich der Kindergärten und durch dieselben
erheben, denn dort seht Ihr wie alles im Kinde sinkt
oder gar nicht hervorkommt was Euch drückt und wie
alles hervorkeimt was Euer Herz ersehnt; darum
meint Ihr es mit Euch selbst gut, fördert und pflegt
die Kindergärten, und sei es zunächst nur in Euch selbst,
wo Ihr Euren Geist u Euer Gemüth als Eure Kinder in den Kindergarten ein-
führt, ihnen einen Kindergarten in Eurem Herzen bildet,
Ihr pflegt dadurch Euer Leben, und weil Ihr Glieder unsers
Volks und der Menschheit seid – unser Volks- und Mensch-
heitsleben, weil aber ja eben in beiden das Mensch-
heitsleben ein Bestehendes, im Bestehen sich entwickelndes
ist, so führt Ihr dadurch nicht nur herbei, was wir Alle be- /
[177R]
dürfen, den ächten Staat, sondern Ihr macht Euch selbst zu Wohlthätern
des Volkes und der Menschheit – Damit Ihr nun aber kennen lernt,
was es eigentlich mit den Kindergärten und deren Wesen und Wirken
für eine Bewandtniß habe , hat Middendorff im Zusammenwirken und Einklang mit mir
ein Schriftchen:
„die Kindergärten“ –
geschrieben, ich lege ein Exemplar bei und bitte es freundliche
Gabe von mir anzunehmen. In Beziehung auf das frühere noch
ein Wort: Die Ausführung und Darstellung der Idee der Kindergärten,
deren Keim und Triebkraft das Wesen der Menschheit selbst ist, führt
uns der reinen Darstellung des Staates entgegen, des Staates, welcher
nicht blos aus der Idee der Menschheit hervorgegangen, sondern
die reine Darlebung der Idee der Menschheit selbst ist und darum bei
uns als Menschen auf allen Stufen unserer Menschwerdung im Bewußt-
sein uns als Menschen und das Menschheitliche nicht umnachtet, sondern
durch Pflege her vor bildet; deshalb wer sich mit ganzer Kraft zur
Ausführung und Pflege der Kindergärten wendet, wendet sich zur Pflege
seiner ihm vielleicht noch unbewußten, mindestens noch unklaren
unbestimmten Strebens seines eigensten Inneren und Wesens und das der
Menschheit selbst, welches sich zwar so colossal, aber noch eben so unklar
und unbestimmt selbst in dem Streben unsers Volkes kund thut. –
Das ist aber das Hohe der neuen Zeit: sie in ihrem Wesen recht erkannt und
behandelt: - daß die ächte Förderung des Wohles des einzelnen und
Kleinsten mit der Förderung des Wohles, des Friedens, der Freude und der
Freiheit des Ganzen als ein innig Einiges zusammen fällt. Die Möglichkeit
davon muß zuerst empfunden, somit dargelebt, dann erkannt und eingesehen,
wie dann mit Selbstbewusstsein nach Zweck und Ziel, Weg und Mittel wie
Wissen ausgeführt werden. Die Nachweisung jener Möglichkeit ist der /
[178]
erste Zweck der Kindergärten im Gefühl und Darlebung für die Kinder,
im Anschauen und Erkennen für die Erwachsenen. – Sind Sie nun,
geehrter Herr, hierin mit mir einverstanden, so wirken Sie für die
Kenntniß und Prüfung Lebens- und Zeitansicht besonders in den
Kreisen Ihrer leben- kraft- gemüth- und geistvollen, aber auch that-
fertigen Mitbrüder Ihres und unseres Amtes und Berufes.