Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an Luise Levin in Osterode v. 11.9.1848 (Keilhau)


F. an Luise Levin in Osterode v. 11.9.1848 (Keilhau)
(BlM XXIII,7, Bl 13-15, Brieforiginal 1 B + 1 Bl 8°6 S.)

An Luise Levin.
Keilhau am 11 Septbr 1848 [*Jahreszahl eingekreist*]
Jetzt, da alles um mich her sich etwas beruhigt hat und ich ebenso
die jüngst vergangenen Tage überblicke, thut es mir recht leid,
daß ich nicht meinen ersten Brief an Dich, liebe Luise, so ge-
schrieben habe, daß Du ihn bei Deiner Ankunft in Osterode schon
vorgefunden hättest. Wie gesagt, daß ich mir nicht diese Freu-
de gemacht habe, thut mir jetzt recht leid. Der Grund mag aber
wohl seyn, daß ich in den ersteren Tagen Deiner Abwesenheit,
häufig dieser gar nicht gedacht, sondern in mir noch immer so fortge-
lebt habe, als seyest Du hier, nur sähe ich Dich, abgehalten durch
Deine Geschäfte, weniger. Denke Dir, so habe ich im Ernste eini-
gemale beim Frühstück und auch beim Mittage fragen wollen: -
- "wo bleibt denn Luise?-" Du siehest daraus, warum ich nicht früher
daran dachte Dich, bei Deiner Ankunft in Deiner Heimat, mit einem
Briefe zu begrüßen: ich fühle Dich ja gar nicht abwesend.- Seit
einigen Tagen ist es aber ganz anders: das Leben hat so viele neue Er-
scheinungen, die ich gar gerne mit Dir besprechen möchte, und da vermisse
ich dann die theilnehmende Freundin gar sehr.- Der Dresdner Bil-
dungscursus wird ohne allen Zweifel zu Stande kommen. 25-30
Männer u Frauen haben sich, nach dem jüngsten Briefe Franken-
bergs
, schon dazu gemeldet.- Diese Theilnehmenden werden sich
in zwei Cursus theilen. Man wünscht daß ich bald beginnen
soll, wann aber dieses Bald ist weiß ich noch nicht.
Wegen Leipzig schreibt Frankenberg: "Kell ist hier in Dresden
"beim Minister gewesen um für Gründung eines Kindergartens
"in Leipzig zu sprechen. Er der Minister hat sich geneigt gezeigt und die Sache
"für wichtig erkannt. Kell und Lohse werden nun bei den Leipziger
"Stadtbehörden dahin wirken daß 1, die Mittel bewilligt werden
"nebst Garten und Haus und 2) daß Lohse Urlaub auf ¼ Jahr be-
"kommt um sich genau damit vertraut zu machen, auch die Reiseko-
"kosten, wenigstens Rth 100.- Ich habe an Lohse geschrieben, daß un[-]
"ser Lehrg[ang] höchstwahrscheinlich zu Stande kommt und daß er dann
"hierher muß. Der Minister hat anerkannt, daß der Leipziger
"Kindergarten als Musteranstalt für die Universität für die /
[13R]
"für die pädagogische (erziehliche) Bildung der Studirenden
"benutzt werden soll." So weit in dieser Beziehung der Fran-
kenbergsche Brief.
Du siehest daraus, meine Liebe Luise, daß sich die Eröffnung
des Leipziger Kindergartens immer bis zum Frühjahre
hinausziehen wird, wer weiß, wie sich bis dahin die Verhält-
nisse entwickeln.
Von Dessau sagt mir der He. Prof. Böttcher in Rudolstadt, daß
sich dort die Verhältnisse zur Einführung der Kindergärten
sowohl von Seiten des Ministeriums, wie von Seiten des Land-
tages, sehr günstig zeigen. Böttcher selbst hat in einem durch 3 Num-
mern oder Stücke einer dasigen Zeitung hindurch gehenden Aufsatze über und
für die Sache gesprochen. Ich selbst habe diesen Aufsatz noch nicht
gelesen, soll ihn aber nächstens von Böttchern erhalten.
Auch von unserm Gesellschafter auf der Schwarzburger Fahrt,
dem Lehrer aus Nürnberg, habe ich bezüglich auf die Fortpflan-
zung der Kindergärten freundliche Notiz erhalten.-
Frl. von Gumpert hat in einem Dresdner Blatte, (auch die
"Dorfzeitung" genannt,) ebenfalls, nach Frankenbergs Mitthei-
lung, einen hübschen Aufsatz über den Gegenstand abdrucken
lassen.
Du siehest somit, meine l. Luise, wie nach allen Seite[n] hin, die
Sache der Kindheit und somit unsere Sache freundliche Be-
förderer findet. Dieß muß in Dir und allen denen, welche
sich noch der Kinderpflege in den Kindergärten widmen wer-
den und wollen, die Furcht vor Mangel an entsprechender Wirk-
samkeit nach beendigter Bildung, ganz verscheuchen.
Da Du auf Deiner Reise Frau Lütkens in Hamburg wieder
sprechen wirst; da Du durch sie eigentlich in dem [sc.:den] Wir-
kungskreise eingeführt werden wirst, welchem Du entgegen
gehst, so will ich Dir doch mittheilen, wie sie an Middendorff
über ihren Aufenthalt in Rudolstadt, die Versammlung und
Verhandlung daselbst sich ausspricht: -
"Wohl eine schöne Erndte habe ich gehalten und werde von
"den gesammelten Früchten so Gott will viel Seegen haben. /
[14]
"und das [sc.:daß] alles Eingesammelte dazu beitragen soll hier immer
"mehr anzuregen, hoffe ich mit Zuversicht. Allwinen[s] erstes
"Auftreten hier fiel sehr zu Gunsten der Sache aus, die wie
"ich hoffe hier immer mehr Boden finden wird, da Mütter und
"Kinder hier für die Sache werben und Allwinen so lieb haben.-
"Ich freue mich sehr daß Frl. Levin nach Rendsburg kommt und
"dort auch für die [Kindergartenidee] gewirkt und gesäet wird.- Kindergärten
"sind Gottes Sache, daher müssen sie sich verbreiten, das kann ja
"nicht fehlen, und ich freue mich daß sich in so vielen Gemüthern und
"Menschen die Empfänglichkeit dafür zeigt, so bald sie nur etwas
"hineinblicken, wenn doch nur erst recht viele an der Quelle bei dem
"ältesten Kindergärtner schöpfen wollten, so lange noch der Weg
"offen ist, mag doch in der Versammlung noch so viel gründlich erörtert
"werden: ob gerade so oder anders es zu machen sey; - mir scheint
es klar, daß gerad Fröbels Weise so unverkennbar das Ge-
"präge der Einheit mit den Kindernatur, also der Wahrheit
"trägt in ihrem ganzen Umfange, daß alles Abweichende wohl
"Theile dieser Vollkommenheit an sich haben, nie aber als selbst-
"ständige Vollkommenheit daneben stehen kann. Ich erkläre
"mich also hiermit für ultra fröbelisch - (:d.h. ohne Einschrän-
"kung dessen Überzeugung theilend:) - und sehe alles Streben
"Fröbel etwas weg zu demonstriren als Folge von Verstan-
"deslücken an die sich gar leicht aus dem Widerstreben sich ei-
"ner anderen Überzeugung glaubend und trauend unterzu-
"ordnen entstehen.- Anna Martin sagt: - Das Heer mit dem
"der Heiland kämpfte und siegte, waren Frauen und Kinder.
"Es ward Hingabe im Glauben gefordert, darum waren eben
"diese die Gewählten. Als Abbild hiervon dürfen wir wohl
"die Anwendung machen, daß auch Frauen und Kinder zuerst
"aufnehmen und beweisen sollen, was dem Verstande nicht
"immer so einleuchten will, wenn er sich da ein Urtheil an-
"maßt wo eine eigenthümlich begabte Erscheinung zu immer
"größerem Berufe hervortritt, wie dieß unläugbar Fr. ist.
"Grüßen Sie ihn herzlich von mir, die ich seiner dankbar gedenke."
- In mehrfacher Hinsicht mußte ich Dir, l. Luise, dieß mittheilen, mußte /
[14R]
ich mir die Freude, die wahre Freude machen es Dir auszuspre[-]
chen, denn ich weiß ja, daß alles Liebe, Freundliche und Aner-
kennende was mir gesagt wird auch Dir ganz aufrichtige
Freude bringt; wie könnte ich Dir nun dadurch, daß ich solches Gesagte
Dir nicht mittheilte, solche ganz reine uneigennützige
Freude entziehen?- Ein[e] solche innige gegenseitig uneigennützi-
ge Lebenstheilnahme, ich möchte sagen Lebenseinigung ist ja das
Höchste und Reinste was das Leben giebt: - Ich leugne es
gar nicht nein im Gegentheil ich hebe es mit gutem Bedachte recht
bestimmt hervor; daß [sc.: das] von der Lütkens Ausgesprochene
macht mir die reinste Freunde [sc.: Freude], nicht etwa um der sich darin
aussprechenden Anerkennung meiner als solcher; o, behüte, son-
dern darum, weil mir diese Anerkennung gleichsam eine sichere feste
Grundlage giebt auf welche ich das Gebäude von Menschenwohl u[n]d
Kinderglück, wovon ich seit meinen Kindheit Jünglingsjahre[n] den Riß in meine[r] Seele
trage darauf aufbauen zu können [glaube.] Oder [um] in einem
anderen mir lieberen Bilde zu reden: - darum, weil mir
diese Anerkennung gleichsam erst den eigentlichen Grund und Boden,
das entsprechende Erdreich giebt um darin den Saamen für
Menschenwohl und Kinderglück, welcher ich möchte sagen seit mei-
ner Kindheit in meiner Seele keimt, ausstreuen zu können, damit
er zu einem schönen ewig grünenden, ewig schattenden, blühenden
und fruchtenden Baume hervor wachse unter dessen Schutze
nicht nur Geschlechter auf Geschlechter [{]sicher / frey}, sondern auch bei
dessen Blüthenduft freudig, und bei dessen Spendung reifer
gesunder u gesundender Früchte friedig, bei einander wohnen
können.- Nun weiß ich aber weiter, diese Mittheilung meiner
Freude an Dich, bringt auch, theilnehmende Seele, Dir Freude,
wovon schon der Gedanke mich wieder beglückt; siehest Du, so
bringt die Mittheilung reiner Freude, vielfach gesteigerte Freude.
Freude, sagt aber unser deutscher Dichter, - Freude ist die Feder in der gr[oßen] Welten Uhr. Darum immer Dir Freude, Friede!
- Du wirst nun meine liebe Luise, gern recht viel von Keilhau
hören wollen; allein da weiß ich Dir wirklich nicht viel zu sagen,
denn mit Deinem und Euren [sc.: Eurem] Weggange ist hier alles still gewor[-]
den und in die alte Ordnung zurück gesunken, bei den Frauen
wenigstens. Bei den Männern mag es anders seyn, denn /
[15]
seit einigen Tagen ist Karl Wild bei Zerenner, He. Otto bei Wäch[-]
ters eingezogen.
Am 6n Septbr war Versammlung der Schwarzburg[-]Rudolstädter Volks-
schullehrer und Erzieher auf dem Chrysopras. Was in Rudolstadt
im Allgemeinen beschlossen worden, wurde auch hier festgesetzt:
"Die Kindergärten in Fröbels Geiste sollen die Grundlage auch der
Schwarzburg-Rudolstädtischen Volksbildung ausmachen."- Wenn
nun damit nun eben auch nicht viel gesagt ist, so stellt sich doch
nach und nach, sey es auch nur zunächst in einem wirklich jetzt noch lee-
ren Worte, eine gewisse Übereinstimmung her aus; in das leere Wort
kann und wird doch auch zu seiner Zeit ein lebenvoller, gewichtiger
Geist kommen; es ist immer merkwürdig, so leer auch auf den
ersten Schein immer ein Wort seyn wenigstens klingen mag, so
kann sich dadurch und daraus, wenn nur ein ächter Geist aus und
mit kräftigem Munde es wiederholt, doch Geist entwickeln; so
viel ist schon gewonnen, daß nun wenigstens das Wort dem Ohr
nicht mehr fremd klingt und somit abstoßend wirkt, und dieß ist immer
schon ein zweites Etwas.
An demselben Tage ist Middendorff von hier nach Elgersburg
ins Bad gegangen. Abends waren wir noch in Watzdorf zusammen.
Am 8n früh ist Emilien Bähring[s] Bruder gekommen. Er war mit
Emilien zweimal hier; gestern Nachmittags ist er zu Fuß über
Jena und Apolda mit der Eisenb. nach Berlin gereist[.]
Gestern war in Blankenburg Fahnenweihe; die Stadt soll sehr
festlich geschmückt worden seyn; außer den Wehrmännern war
jedoch, so schön auch das Wetter und so solenn die Feyer war -
von uns Niemand dort.
Nächsten Donnerstag wird wohl die Herbstreise in verschieden[en]
Abtheilungen angetreten werden. Auch Elise mit Marie, Gertrud
und Adelheid werden über Weimar, Erfurt, Gotha nach Eisenach,
und von da über Wilhelmsthal - Reinhardsbrunn, u.s.w. über
Elgersburg, Ilmenau, Königsee eine Rundreise zurück nach
Keilhau machen. Montag vor Michaelis denkt Elise spätestens
heimzukehren. Nun wüßte ich doch auch gar nichts mehr, was
ich Dir noch zu schreiben hätte.- Torquado Tasso wird jetzt gelesen. /
[15R]
In den jüngsten so wunderschönen Herbsttagen und Abenden
habe ich Deiner viel gedacht und mich immer gefreut, daß zu
Deiner Reise Du so herrliches Wetter hattest. Gestern am
späten Nachmittag waren wir auf der höchsten und äußer-
sten Spitze des rothen Berges, der hohen Spitze, der Blanken-
burg gegenüber. Der Sonnenuntergang erleuchtete besonders
die Gegend um Saalfeld, Preilipp sehr schön und von Blan-
kenburg herauf hallten die Lebe Hoch und die Musik der
aus der Umgegend wieder heimziehenden Wehrmänner.
Henriette, Elise, Marie, Adelheid, Bagge, Bentsen u ich bil-
deten die Gesellschaft. Über den Steiger kehrten wir heim.
- Aber sage mir, liebe Seele, soll ich denn noch zum Abschiede
mit Dir schmählen, wegen der Sendung durch Henrietten? -
Was ich Dir sagte wegen der Zahlung, war mein voller Ernst.
Solltest Du nun auf der Reise in Verlegenheit gekommen seyn,
sollte es Dir bei Deiner Einrichtung zu Hause mangeln,
so hast Du es Dir zuzuschreiben. Ich wollte Du hättest
Dich fest an die Wahrheit meines Ausspruches gehalten.-
- Wir haben wegen Deines vielen Gepäckes rechte Bange
gehabt; mir that es ganz besonders Leid Dir nicht gesagt
zu haben, alles in Neudietendorf auf dem Bahnhof oder
gleich, mit den beiden Amalien, nach Gotha gehen zu lassen[.]
Grüße Deine lieben Geschwister und Verwandte recht
herzlich von mir und lebe nun wohl, recht wohl! Ich hoffe
daß, wenn Du diesen Brief empfängst, ich auch einen von
Dir erhalte, mich verlangt recht herzlich nach demselben.
Mit den Dir bekannten Gesinnungen D.Frd.Fr.Fr.
Heut Abend bei Tische habe ich gesagt, daß ich Dir schriebe, daß
mir da alle an Dich Grüße aufgetragen haben, ver[-]
steht sich. Wenn ich solche später, wie auch jetzt beinahe,
zu vermelden ganz vergesse, so mußt Du mir es
ja nicht übel deuten, sondern im Gegentheil - recht deuten.