Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an Luise Levin in Rendsburg v. 18.9./19.9.1848 mit Blumengruß-Beilage v. 19.9.1848 (Keilhau)


F. an Luise Levin in Rendsburg v. 18.9./19.9.1848 mit Blumengruß-Beilage v. 19.9.1848 (Keilhau)
(BN 441, Bl 1-5, Brieforiginal 2½ B 8° 10 S. u. BlM XXIII,9, Bl 18, dat. Blumengruß/getrocknete Blüte aufgeklebt, 1 Bl 8° 1 S. Der Blumengruß lag aufgrund der Datierung mit großer Sicherheit dem Brief bei. - F. vermutet auf 5R, daß der Brief die Adressatin in Rendsburg erreicht, sie notiert aber im Briefkopf, daß sie ihn in Hamburg erhalten hat. 4R enthält auf dem Kopf geschrieben und gestrichen: "Keilhau am 18 Novbr".)

Keilhau am 18 Septbr 1848.

Meine geliebte Luise.

Schon begann ich die Tage seit Deiner Abreise zu zählen und
zählte die Stunden bei welchen ich einen Brief von Dir zu erwar[-]
ten hoffte, da empfange ich ihn doch von mir ganz unerwartet
indem Malchen gestern Abend nach Rudolstadt gegangen und von
da heut ganz früh zurück gekehrt ist; so war er denn am Ende
doch ein so unerwarteter als früher frischer Morgengruß, und
so danke ich Dir denn auch mit einen eben so frohen als freudigen
Gegengruß für denselben.- Recht glücklich haben mich die Bewei[-]
se Deines lieben Briefes gemacht, daß Du schon während der
Reise Dich getrieben gefühlt hast brieflich zu mir zu kommen.
Du schreibst mir: daß Du geführt von Deinem Innern auch ohne
Dein bestimmtes klares Wollen bei mir seyn mußt, so muß ich Dir
zur Gegengabe schreiben, daß wenn ich oft ganz in dem Gegen-
stande meines so eben Niederschreibenden vertieft unwillkührlich
mein Gesicht erhebe und nach der Thür schaue, Du dann ganz unan-
gesagt und still in Deiner lieben freundlichen Gestalt durch dieselbe
zu mir ins Zimmer trittst; wie sehr ich mich dann dieser klaren, mich
in meinen geistigen Arbeiten nicht störenden, sondern sie viel-
mehr neubelebenden Gestalt erfreue kannst Du Dir wohl sagen.
Wisse es also immer ganz in Deiner milden Sinnigkeit trittst Du
zu mir.
Was Du mir von der Rückwirkung Deiner Besuche der Kin-
dergärten zu Erfurt und Gotha auf Dein natürliches Gefühl
und Deinen beachtenden Geist schreibst ist mir wahrhaft
wichtig, ich möchte sogleich nach Dir in diese Anstalten eintreten
und recht ruhig ihren Eindruck in mir aufnehmen und diesen
dann mit dem Deinen vergleichen; jedoch noch lieber war mir
und glücklich macht mich was Du mir bei dieser Gelegenheit
von Dir, meine Luise, und was in Dir lebt, aussprachest,
"daß Du ein Ideal eines Kindergartens in Dir tragest, /
[1R]
dem nicht einmal das entsprach und genügte, was Du
doch in Erfurt an Ordnung und Thätigkeit fandest.["] Da
Du Dich mir nun eben so offen auch über Christianens Wir[-]
ken aussprichst, so bitte ich Dich nun recht sehr es mir doch ja
auch in Hinsicht auf die Wirksamkeit Allwinen[s] zu thun.
Bei dieser muß[t] Du nun mit Deinen Anforderungen und
Urtheile ganz streng seyn, sehr freuen wird es mich wenn
dieß Dein Urtheil dann möglichst ausführlich und begründet ist.
Jetzt freue ich mich schon innig über das von Dir auf obige Ver[-]
anlassung Ausgesprochene: - "ich vermißte den geistigen,
den inneren Verkehr der Gärtnerin mit ihren Pflänzchen."
Ja, meine geliebte Luise, hierin liegt das Ganze und darauf
kommt Alles an; je inniger, friediger und doch zugleich
weckender jener Verkehr ist um so seegensreicher ist der Ein-
fluß, die Einwirkung der Gärtnerin auf ihre Pflänzchen.
Gedenke dabei immer eines wirklichen Gartens und wie
still Sonnenschein, Thau und Regen von dem Pflänzchen aufgenommen
wird wie innig und sinnig der Wechselverkehr der Sonne und
der Gewächsthätigkeit ist, was aber die Sonne, der Thau pp dem
Gewächse, das ist der Blick und das Wort, das ist das [sc.: der] stille
sinnige Thau der Kindergärtnerin ihren Pflegebefohlenen.
Welches Liebe und Freundliche soll ich Dir, meine Luise, noch
sagen für das von Dir Ausgesprochene: - "Ich gebe zehen
"Jahre meines Lebens gern hin, wenn ich so glücklich würde
"ein Jahr Kindergärtnerin zu werden in der ganzen Be-
"deutung dieses Wortes, in Deinem Geiste, o! ich habe ein so
"schönes Bild in mir, kann ich dieß erreichen, werde ich glück-
"lich." Ja, meine Luise, Du wirst es erreichen und so wirst
Du glücklich seyn; denn was solch reiner wahrhaft kindli-
cher Sinn für Kindespflege und somit für die Pflege der Mensch[-]
heit in ihren ersten Keimen erstrebt, das wird er auch
gewiß erringen und - so wirst Du glücklich seyn; der
innigste meiner persönlichen Wünsche, die ich jetzt kenne, ist dann
 /
[2]
erfüllt; allein nicht minder lieblich als wirksam dadurch zu[-]
gleich ein anderer, sich aber auf das Allgemeine beziehende
nicht weniger sehnliche Wunsch, der: des Fortgrünens, Blüh-
ens und Fruchtens eines Kindergartens im Geiste der ent-
wickelnd-erziehenden Pflege des Kindes als göttlichen Wesens
als eines Gedanken[s] Gottes, auch wenn ich ins Grab gesun-
ken bin; daß dieser Kindergarten, sey er auch noch so klein,
scheinbar im Äußerlichen noch so unbedeutend von Dir
meine Luise, gewartet und gepflegt werde dieß wird
selbst die Seeligkeit meines Geistes erhöhen, welcher dagegen,
wenn ich in mir überzeugt bin, dankbar und schützend,
seegnend der Pflegestätte Deiner Liebe gedenken wird.-
Daß Du überall wo sich die Gelegenheit dazu zeigt, wie
z.B. gleich in Göttingen, entwickelnd das schlummernde Lebe[n,]
die ruhende schaffende Kraft, in die Kinderkreise trittst,
das hat mich hoch erfreut. Zeigen mußt Du dann den Eltern
wie dieß zwar das Kind noch gänzlich unbewußt; allein
nicht zufällig, sondern nach den ewigen Gesetzen seines Gei[-]
stes thue, welche zugleich die Gesetze der Natur und alles
Lebens, somit auch des menschlichen Lebens seyen. Daß das
Kind aber durch diese von seinem Geiste geforderte Thätigkeit,
getrieben von einem innern Drang seines Wesens zu schaffen,
sich an den und durch die Erzeugnisse seiner Thätigkeit sich der
Gesetze seines Geistes, so dessen Wesens, der Gesetze der
Natur und so ihres Wesens, so zuletzt der Gesetze des Lebens,
des Menschheitlebens und somit der einigen Gesetze in
allen Dingen, ihres Urgrundes in Gott bewußt werde[.]-
Alles Leben geht sich selbst noch unbewußt von Gott dem Ur-
quell alles Lebens aus und kehrt sich selbst bewußt zu
Gott zurück; Du kannst meine Luise durch Deines Geistes Auge
an Dir selbst sehen, wie ein Gedanke z.B. der der Einigung
mit mir oder unserer Einigung zuerst gleichsam Dir und sich selbst
unbewußt von Dir ausgeht, aber sich seiner bewußt zu uns
zurück kehrt. /
[2R]
Daß Du die lieben Kleinen auf Deinem Spaziergange
nach der Pleß so liebend hingewiesen auf die Beachtung der
Natur, so wie aber auch die Bemerkung Deines klaren Au-
ges: "daß so aufgeregt auch sonst die Stadtkinder sind, sie doch
"kein Auge für die Schönheiten noch weniger also für die Lehren
["]und Wahrheiten der Natur haben" - dieß hat mich von Dir
wieder recht erfreut; so wirst Du die Spiele und Beschäft[i]g[ungen]
klar in ihrer hier zunächst doppelten Beziehung erkennen
und üben einmal in der oben angegebenen wo sie zur Ent-
wickelung der Geistes- und Gemüthsthätigkeit des Kindes,
somit des Menschen überhaupt und der Erkenntniß ihrer
Gesetze beitragen oder vielmehr verhelfen, dann in der
jetzt hervortretenden Rücksicht, daß diese Spiele und Be-
schäftigungen die Augen und die Sinne für die mannigfachen
Formen, Farben, Töne und überhaupt Äußerungen der
Natur und ihrer Gegenstände eröffnen, wodurch eben
das Kind und später der immermehr selbstbeachtende
und selbstdenkende Mensch in das innere Wesen und Leben
der Natur und ihrer Gegenstände, deren Einklang eingeführt, und so[-]
mit wieder zu Ahnung, zur Erkenntniß, zum Schauen der innern
Einheit aller Dinge, als hervorgegangen aus der Quelle eines
innig Einigen, der Quelle alles Lebens - hingeführt wird[.]-
- Hätte ich ahnen können daß Du meine Luise Maria
Spring
und die <Pfosse / Pfesse> besuchen würdest, so würde ich Dir
gesagt haben daß ich da vor vielleicht 28 und wieder vor
19 Jahren sehr gemüthvolle, sinnige Stunden verlebt habe
ich würde Dir gesagt haben, daß Du dort recht die Nähe
meines Geistes fühlen solltest, und vielleicht ist es auch
dieser mit gewesen, welcher Deinen Blick auf die schönen
kräftigen Buchen mit ihren großen schattigen Kronen und doch
so sanften Laubes in welchem Du so sinnig das Bild Deines
Geschlechtes, Dein liebes Bild sahest.- Wenn die Natur ja wie[-]
der so zu Deinem Geiste u Gemüthe spricht, dann fühle Deines Frdes [sc.: Freundes / Friedrichs] Gruß
und Kuß. /
[3]
Die Bemerkung welche Du in Göttingen in Bezug auf Deine
Freunde und ihre Kinder zu machen Ursache hattest, daß ob
sie gleich in ihrem Kreise als vorzügliche Erzieher anerkannt
sind, sie Dir doch als Erzieherin ihrer Kinder vielfach entge-
gen wirken würden; auf diese Erfahrung und Bemerkung
meine theure Luise wirst Du Dich wohl auch in Deinem neuen
Wirkungskreise gefaßt machen müssen. Hier hilft im An-
fange entweder nur Ruhe bis man sein Feld kennen ge-
lernt hat oder gleich, zwar ruhig und besonnenes aber festes
Auftreten, aus welchem sich sogleich durchgreifende Grund-
sätze über welche man in sich ganz klar ist - aussprechen.
- Daß Du Dich vor Deinem Eintritte in Deine Erziehungs-
wirksamkeit so recht wieder in Deine Mutter-, Geschwister-
und Familienliebe, gleichsam hast untertauchen können
dieß halte ich wirklich für einen Gewinn für Dich; es wird
Deinem Wirken viel freundliche Eigenschaften geben.
- Du entschuldigst Dich, bei Gelegenheit des dortmals noch nicht
angekommenen Briefes der Frau Lütkens, daß Du alles
mit mir besprechen möchtest. Es würde mir Leid thun
wenn es anders wäre. Handle ich nicht ebenso gegen
Dich?-
- Und so will ich denn auch gleich sagen, daß meine Über[-]
siedelung nach Dresden auf 6 Monate nun ganz entschieden
ist, heut habe ich mich wegen Wahl meiner Wohnung daselbst
entschieden. Den Lehrgang zu welchem sich jetzt ohngefähr
30 gemeldet haben soll ich Anfangs Octbr beginnen, doch
wird es nicht viel vor dessen Ende werden, jedoch werde
ich in der Mitte Octbrs dort eintreffen bitte Dich also Dei[-]
ne Briefe dann unmittelbar dahin zu überschreiben u.
zwar "abzugeben in der Wohnung d. Hrn. Frankenberg
Ecke der Liliengasse, Seilergasse No 2 in Dresden["].-
Daß Frl. Mattfeld - Amalie Krüger und Hr Krell mit-
gehen ist bestimmt, ob Henriette u. ihre Freundin, schwankt noch. /
[3R]
A[malie Krüger] schreibt mir unterm 14 Septbr ganz glücklich über diesen
Plan. Höre sie selbst: - "Ihr l. Brief - (worin ich ihr den Ab-
schluß des Ganzen melde) hat mich ungemein erfreut, u. mit
der vollesten Begeisterung ruf ich Ihnen ein herzliches Lebehoch zu.
Mit Gewißheit läßt sich voraus sehn, daß Sie l. Frbl, für Ihre
mühevollen Bestrebungen den verdienten Lohn finden. Die
Menschen müssen nur erst wissen, was Sie Großes und Hohes
wollen, um zur Theilnahme angefeuert zu werden. Lassen
Sie nur die Frauen ganz in der Stille und verborgen
wirken, einmal kommt es zu Tage und erhellet Alles was
Sie umgiebt. Verzagen Sie über mich nicht, mit der Zeit bringt
auch der kleinste Rosenstock Blüthen, u. verbreitet denselben
Duft als die Frührose.- In Rudolstadt hatte ich hinter Ihrem
Rücken mit Jemanden einen schönen Plan entworfen, doch
leider wird es sich nicht verwirklichen, Menschen gebieten
darüber von denen ich keine Ahnung hatte. (:Wissen Sie was das ist?[:)]
- Fest bin ich entschlossen abermals einen Kursus b. Ihnen
durch zu machen. Zu gut fühle ich zu einer ordentlichen Kin-
dergärtnerin gehört mehr als ein halbjähriges Studium. An[-]
dern welche Muth besitzen genügt vielleicht ein halbes Jahr,
ich glaube lieber mehr, als zu wenig lernen. [*ausradierter Name*]
schreibt mir auch: ["]Ist es Dir Bedürfniß noch einen Cursus
bei Fröbel zu machen, so schieße ich gern vor wenns daran liegt.["]
- Von der wörtlichen Mittheilung dieses Briefes bitte ich Dich
aber liebe Luise nicht weiter Gebrauch zu machen Du weißt
wie jetzt Briefe und Äußerungen bis zum Ausgangspunkt ihren
Kreislauf machen. Und nur Dir wollte ich gern zeigen wie
sich Amalie [*"Amalie" ausradiert*] zum Ganzen stellt. Zu einem gediegenen
gemeinsamen Wirken ist solche Kenntniß nöthig und
ein solches Wirken ersehnst Du ja auch.-
- Hast Du in Hamburg etwas Zeit so bitte ich, suche das
Rauhe Haus und dessen Vorsteher Wichern doch ja persön[-]
lich auf, der Mann und sein Streben interessirt mich und
ich wünsche Dein /
[4]
Urtheil über ihn zu hören und den Eindruck zu wissen, wel-
chen dessen Person wie auch sein Wirken auf Dich macht. Er
scheint mit seinem Wirken auf dem kirchlich-religiösen, oder
vielmehr auf dem dogmatisch-, das heißt satzgläubig reli-
giösen Standpunkte zu stehen d.i. auf dem Standpunkte, welcher
den Menschen nach den, in Urschriften (darum heilig gehalten)
ausgesprochenen Sätzen, die später Glaubenssätze, Dogma
wurden, beurtheilt und auszubilden strebt - überwiegend
und ausgehend zu ruhen; doch bringt er damit auch die staatliche
Ansicht des Menschen, diejenige mit in Verbindung, welche den
Menschen in seinen äußeren bürgerlichen Verhältnissen und Be-
stehen hinsichtlich des Schutzes und der Sicherung welche er in
dieser Rücksicht bedarf - betrachtet.- Wichern betrachtet
also den Menschen in einer innern und einer äußeren Hinsicht
in religiöser und staatlicher Hinsicht, in Beziehung auf
Kirche und Staat und sucht diese Doppelansicht des Men-
schen zu einigen indem er ausspricht, Staat und Kirche
widersprechen sich eigentlich in sich nicht sondern sind nur
die zwei verschiedenen Seiten des menschlichen Lebens,
der Mensch muß also so wohl in sich als außer sich für
Staat und Kirche als eines Einigen erzogen werden.
Hierin liegt nun aber nach meiner Ansicht das Unklare,
Unvollständige, Ungenügende, ja das noch Unfreie,
Fesselnde und sogar in einer gewissen Hinsicht Tödtende
seiner Auffassungsweise: Staat und Kirche sind in ihrer
Schärfe aufgefaßt zwei so verschiedene Dinge, die in dieser
Verschiedenheit sich gar nicht unmittelbar einigen lassen. Über Staat
und Kirche liegt aber ein Drittes beide Einigendes
und das ist der Mensch, das Menschthum, die Menschheit.
Als Glied der Menschheit, als Mensch muß das Kind und der
Mensch in der Erscheinung vor allem erfaßt werden; das
in ihm schlummernde Wesen: - "Mensch" - muß in ihm ge-
weckt, entwickelt, aus ihm hervorgezogen, erzogen, an ihm ausgebildet werden, /
[4R]
dann wird der Mensch aus sich wie wahrhaft als Mensch
und für die Menschheit, so auch für die ächte freie, geistige
Kirche und für den in sich ebenso freien Staat, somit für
Gott-, Lebens Natur- und Selbsteinigung, also für wahre Lebens[-]
einigung
erzogen, denn Gott ist das Leben, die Natur offen-
bart das Leben und der Mensch wird sich des Lebens in
sich selbst durch sich selbst und in der Menschheit bewußt,
und stellt es so wieder, lebt es so wieder in und mit Be-
wußtseyn - wenn auch auf den verschiedensten Stufen
von der Ahnung an - bis zur klaren Selbsterfassung im
stetig schönen Thun - dar.
Dieses Hinwenden an das Innere des Menschen, um ihn zu
der von Wichern geschauten Wechseldurchdringung von Kirche
und Staat, Religion und Politik - zu erziehen nennt er, Wi-
chern nun die Sendung an das Innere, die innere Mission
und der Anerkennung und Förderung dieses Bestrebens, sind
besonders seine "- Fliegende Blätter für innere Mission [-"]
gewidmet.
Du siehest daraus wie Wichern und ich innig einig sind und
zusammen kommen in unsern Bestreben, ja so zusammengehen und
gegenseitig unerkannt, ja bisher unbewußt sogar wohl für einander
wirkten; indem wir uns beide, zur Erhebung des Men-
schen und der Menschheit, an das Innere des Menschen wenden,
er sich aber dabei an bestimmte Glaubenssätze und somit an einen
bestimmten Satzglauben hält, wie er sich in Ur- - darum von ihm
heilig gehaltenen Schriften des Menschengeschlechtes gestaltet
ausspricht, ich dagegen von dem Wesen des Menschen und der
Menschheit ausgehe, wie es sich in der Gesammtheit der Welt-
der Lebens- und Wesensentwickelung, in der Gesammtheit der
Menschheitsentwickelung kund giebt und offenbart.-
- Er begeht aber dabei noch eine zweite Halbheit und Un-
vollständigkeit, indem er zwar mit Recht, in diesen seinen
und Anderer gleichen Menschheiterziehenden Bestrebungen von
 /
[5]
der Persönlichkeit und der Kundmachung und Kundwerdung
der Wahrheit und des Wahren in der Persönlichkeit und
durch die Person ausgeht, aber dann <aber / doch> diese Wahrheit und
dieses Wahre als solches, als Wahres und als Wahrheit nur
einzig an diese Person geknüpft nur gleichsam blos an und
in diese Person z.B[.] an Jesu - gebannt festhält; indem ich
dieses Wahre und diese Wahrheit, eben weil es Wahr und
Wahrheit ist im und am großen Allleben zu schauen, daraus
zu entwickeln, dadurch im Leben wieder anzuwenden und im
eigenen Leben darzuleben lehre.
Du siehst gewiß, meine innig geliebte Luise, und dieß zu
erkennen muß Dir für Dein Leben, bei dem redlichen Streben
und dem reinen Willen und den festen Vorsätzen, welche Du
hast höchst wichtig seyn zu erkennen: - wie zwei Menschen
und Männer, welche auf so ganz verschiedenen Stufen in
so ganz verschiedenen Bestrebungen äußerlich da stehen, doch
in dem innersten Wesen ihres Wollens ganz Eins und Einig
seyn können. Würden dieß nun die Andern ebenso einsehen wie
ich, würden sie sich dieses einzusehen ebensolche Mühe, solche Selbst[-]
verläugnung kosten lassen, würden sie sich bemühen in dem Allge-
meinen und Allgemeinsten das Besondere und Besonderste
zu sehen und aus dem Besonderen wieder das Allgemeinste
zu entwickeln, oder was gleich ist in dem Äußern das Inne-
re zu schauen und im Innern das Äußere wiederzufinden
so siehest Du leicht ein wie dem Leben Friede, Freude und
Freiheit welche wir alle erstreben in der Einigung und durch
die Einigung geboren würde.- Was dem männlichen Ge[-]
schlechte nun zunächst noch schwer scheint, das scheint dem
weiblichen Geschlechte seinem Gemüth und Leben leicht und so
wandelt, wirkt und pflegt denn zunächst Ihr Kindergärt-
nerinnen auf der Erde und unter dem Menschengeschlechte
als die Genien der Menschheit, erfüllt das große Wort
unseres menschlichen Deutschen: - "sinnt und erzieht - Ihr könnt es
- allein, die glückliche Nachwelt."- /
[5R]
Nochmals muß ich auf Wicherns "Fliegende Blätter["]
zurück kommen. Wenn es Dir möglich ist, so kaufe
sie, das Jahr [sc.: der Jahrgang] - 24 Blätter kostet 20 Sgr. Lies dann
zunächst in N° 1. a) Schreiben des Herausgebers rc. b.) den
Brief an eine Dame; dann in N° 10. a) Aus der Geschichte
des Reiches der christlichen Liebe b.) das Vorbild der gegen[-]
wärtigen Zerrüttung. Nach den Mittheilungen dieses
Briefes dünkt mich, wirst Du es auch in Hinsicht auf
unser beiderseitiges innnig geeintes Streben mit Nut-
zen lesen. Schreibe mir gelegentlich ob ich Recht habe.-
- Dieser Brief wird Dich wohl schon in Rendsburg im Beginne
Deines Wirkens finden. Mich mußt Du dann in voller Thä[-]
tigkeit denken um mich zur Übersiedelung nach Dresden
vorzubereiten.
- Wenn Du mir schreibst, so schreibe mir klar Deine Ad-
resse d.h. die des He. v. Cossel, daß der Brief von mir Dich wirklich
treffe.
- Ehe ich wieder die Freude haben werde Dir zu schreiben,
werden wohl Wochen vergehen; jedoch giebt Dir dieser
Brief viel Gelegenheit zum Lesen und Wiederlesen, selbst
dieses Briefes, wobei Dich dann immer mein Geist begrüßen
wird, wie denn meine Gedanken und einigenden Seegens[-]
wünsche immer bei Dir sind.
- Daß Du Wichern, wenn sein Eindruck auf Dich damit über-
einstimmt achtend von mir grüßen möchtest, habe ich Dir wohl
schon ausgesprochen; doch ich muß mir ja eben sagen, daß Dich
dieser Brief wohl schon in Rendsburg trifft; dann sendest Du
wohl gelegentlich die beiden Beilagen an Fr: Lütkens u. Allwinen.
- Hier ist alles auf der Reise. Gestern ist auch Henriette nach
Rudolstadt u heut wohl von dort nach Königsee.- Fr. <v. Born> nach
Arnstadt zu Fr: Schubart - Middendorff in Elgersburg. Nur
Marius - Otto - Wild und ich sind noch hier; auch Krell ist heut zum
Besuch zu Verwandten gereist. Alle die noch hier sind grüßen Dich
herzlich, besonders mit treuer Liebe und Innigkeit
Dein Friedrich Fröbel
Geschlossen am 19/9. Vormittags.

Beilage:

[18]
[BlM XXIII,9]
[wohl getrocknete Blumen, dann Widmung/Gruß:]
M. L. L. Fr. Fr.
19/9. 48 z. Gr.
*
* *