Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an Ida Seele in Darmstadt v. 21.9.1848 (Keilhau)


F. an Ida Seele in Darmstadt v. 21.9.1848 (Keilhau)
(BN 651, Bl 41-42, Brieforiginal 1 B 8° 4 S., ed. König 1990, 171-173)
(Verhältnis Originalzeile : Transkriptionszeile nicht 1 : 1)

An Frl. Ida Seele in Darmstadt
Keilhau am 21 Septbr 1848. [Jahreszahl eingekreist]

Liebe Ida.

Gar sehr hätte ich gewünscht, daß Sie bei den Verhandlungen und bei allen dem, was daraus hervorgegangen ist und sich daran angeschlossen hat, gegenwärtig gewesen gewesen [2x] wären; Sie würden dadurch, wie es Ihr Geist und Gemüth bedarf, gestärkt und erhoben worden seyn. Schon das macht einen höchst wohlthuenden Eindruck, eine Menge von ohngefähr 500 Menschen, wenn auch überwiegend, doch nicht allein ernste Männer, sondern auch sinnige Frauen, in der würdigsten Haltung über das berathen zu hören, was uns das Wichtigste des Lebens ist; wie würdevoll besprechen zu hören, so sie versammelt zu sehen in einem, dem allen entsprechenden, wenn auch einfach, doch sinnvoll und schön geschmückten Saal. Sie würden sich gewiß hocherfreut haben auch Frauen und Jungfrauen in ruhiger klar durchdachter Rede über das, was dem weiblichen Gemüth und Leben von deren frühesten ersten Beginne der Selbstständigkeit an eine, gleichsam magnetisch anziehende Beschäftigung ist, - die Pflege der Menschheit, der Menschheit im Kinde, und so auch über die Bedeutung unserer Kindergärten und deren Vertretung [König: Verbreitung] - sprechen zu hören. Ein Kranz von mehr als einem Viertelhundert der so klar und selbstständig und jede in ihrer eigenthümlichen Weise ausgebildeten Blumen aus dem Garten des weiblichen Lebens: von Frauen, Müttern und Jungfrauen bildeten gleichsam die Verbindung zwischen der ernst berathenden, und eifrigst und kämpfend besprechenden Männerschaar: - Lehrer, Erzieher, Männer, Väter durchdrungen von der Wichtigkeit ihres Berufes wie des vorliegenden Gegenstandes - und dem ruhig über dem Ganzen waltenden, dasselbe fest zum Ziele der Entscheidung Für oder Wider leitenden Präsidiums; in der Mitte welches Kranzes die Kleinen aus dem [sc.: den] Kindergärten: Keilhau Eichfeld, Rudolstadt u Saalfeld froh und frey ihre lieblichen Spiele, geführt von ihren Gärtnerinnen am 2n Tage, d[as] war freitags den 18en August, vorführten; dieß geschah Vormittags. Nachmittags wurde in einem schön abgegränzten Raume, auf einem der angemessendsten /
[41R]
freien Plätze Rudolstadts, auf dem sogenannten Anger, umgeben von den prachtvollsten, jetzt kühlenden Schatten gebenden Lindenalleen, die größeren Bewegungsspiele von größeren Kindern und in größerer Zahl ausgeführt, theils um den Sinn der Spiele noch allgemeiner darzulegen, theils ihre Verbindung mit der Schule, dem Schulleben und Schulspielen, wie mit den angebahnten und schon in Quetz ausgeführten Jugend- und Volksspielen, zu zeigen.
Dieser Spielraum befand sich dicht vor einem, unserm fürstlichen Hofe gehörigen Saalgebäude, welches von demselben benutzt wird um an gewissen Bürger- und Volksfesten im Laufe des Jahres, freundlich beachtenden Antheil zu nehmen. Dieses Gebäude nun mit seinem geräumigen Saale war vom Fürsten mir aus Theilnahme an der Sache eingeräumt worden um dort die Spiel- und Beschäftigungsmittel in ihrer Ausführung, wie in ihrem Zusammenhange überhaupt darzulegen, als ganz besonders die, von verschiedenen Kindergärten, gebildeten und eingesandten Arbeiten insbesondere vorzulegen.
Wie Sie sich, liebe Ida, gefreut haben würden hier die verschiedensten Arbeiten, die verschiedensten Blüthen u Früchte der gepflegten schaffenden Thätigkeit der Kinder, in den verschieden[en] Graden der Ausführung, mit den mannichfachsten Fortentwickelungen, gleichsam neuen Erfindungen, als frischen Gewächsen aus kindlichem, treu gepflegten Geiste zu sehen; so würde es Sie gefreut haben, dieß mit all dem ihren [sc.: Ihren] lieben Lebens- und Berufsgenossen zu schauen die am Morgen den schönen Kranz sinniger Kinderpflege bildeten. Wie würden Sie sich gehoben gestärkt gefühlt haben in dem Bewußtseyn, eines der thätigsten, der wirksamsten Glieder in diesem schönen Kreise in diesem lieblichen Kranze zu seyn. Daß daraus für alle die innigste Lebenseinig[ung] wie Begeisterung hervorgehen mußte, ist natürlich; wie Sie aus mehr als einem Dzzd [sc.: Dutzend] Kindergärten die schönsten Arbeiten sahen, sahen Sie solche auch in einem Kreise von mehr als 1 Dzzd [sc.: Dutzend] wirklichen Kindergärtnerinnen u solchen die es /
[42]
eben im Begriffe standen zu werden.
Doch die Zeit drängt der Brief soll zur Post ich muß schließen. Das Ergebniß des Ganzen sagen Ihnen die paar gedruckten Zeilen, welche Sie hier beiliegend finden. Der [sc.: Den] Geist in welchem berathen, gesprochen, gekämpft wurde finden Sie in Middendorffs Schrift "Die Kindergärten" - welche an diesen Tagen mit ausgegeben wurde.
Nur noch ein Doppeltes kann ich erwähnen:
Ich bin so eben im Begriffe mich zur allgemeinen deutschen Lehrerversammlung nach Eisenach zu rüsten.
Dann gehe ich in der Mitte künftigen Monats nach Dresden um für nächsten Winter ganz dort zu verweilen, weil ich von einer Anzahl von Männern u Frauen, Vätern, Müttern, Lehrern und Jungfrauen aufgefordert worden bin den nächsten Bildungscursus nach Dresden zu verlegen. Alle diejenigen welche sich schon für Keilhau zum Bildungscursus gemeldet hatten, werden mich dahin begleiten. So werden Sie also meinen nächsten Brief aus Dresden erhalten[.]
Sehr vieles hätte ich noch zu schreiben, alles muß ich zurückdrängen. Was Sie mir über Ihr Inneres und dessen Zustand schreiben, habe ich alles dem Wesen nach gewußt, so wie mir auch die Ursachen davon bekannt sind; heut bleibt mir nur eines Ihnen auszusprechen übrig, welches ich durch mein ganzes Leben hindurch bis in diesem Augenblick als das Lebenswichtigste erkennen [sc.: erkenne]: - Wenn sich in unserem Innern frey- und selbstthätig Zu- und Vertrauen zu einer Person, oder Sache Idee oder Gedanke entwickelt, so müssen wir daran, was sich auch dazwischen drängen möge, festhalten; Trennung davon, gebiert allemal Schmerz, ja erzeugt noch mehr als diesen; darum um Ihretwillen, und da mir die gesunde, frische, freie, frohe, friedige u. freudige Entwickelung Ihres Gemüthes und Geistes zum Wohl der, in der Kindheit aufblühenden Menschheit am Herzen liegt, - halten Sie Ihre Liebe, Ihr Vertrauen in Lebens-Seelentreue fest zu Ihrem wahren Freunde Fr. Fr.

Hier ist alles auf der Herbstreise selbst Elise, darum nur von mir, Emilien Barop u Albert[inen] Midd[endor]ff - Grüße[.] /
[42R]
Allwina, das wissen Sie ist seit Monat Mai, sehr glückliche und seegensreich wirkende, im treuen einigem Geiste die Fortentwickelung des Ganzen pflegende Kindergärtnerin in Hamburg. Frei und ganz selbstständig führt sie den Kindergarten in der großen weiblichen Bildungsanstalt der Frau Doris Lütkens geb. v. Cossel, welche mit dem Kindergarten beginnt und mit der Bildung zur Kindergärtnerin und Erzieherin wieder schließt.
Die Adresse ist.
Herrn H.S. Lütkens
Für Fräul. Allwina Middendorff.
Adresse Herrn J.O. Meyer
Steinstraße No 75.
Hamburg
Die jüngste das heißt die letztere meiner jetzigen Schülerinnen Luise Levin ist eben auf der Reise zu ihrer nächsten Bestimmung als Kinderführerin und Erzieherin nach Rendsburg an Hollsteins Grenze. Aus diesem Familienverhältniß soll sich dort die Ausführung eines Kindergartens entwickeln.
Meine Adresse nach Dresden wird von der zweiten Hälfte des Octbr an seyn:
Abzugeben bei H[errn] Frankenberg
in
Dresden
       Ecke der Liliengasse. Seilergasse No 2.