Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an Luise Levin in Rendsburg v. 3.10./4.10./5.10./6.10.1848 (Keilhau)


F. an Luise Levin in Rendsburg v. 3.10./4.10./5.10./6.10.1848 (Keilhau)
(BlM XXIII,11, Bl 21-25, Brieforiginal 3 B 8° 9 S.)

Keilhau den 3en 8br 1848 (Dienstag) [*Jahreszahl eingekreist*]

Meine geliebte, theure Luise.

Heut Nachmittag um 2½ Uhr bin ich von der Versamm-
lung deutscher Volkserzieher und Lehrer zu Eisenach, welche daselbst
wie Dir bekannt am 28, 29 und 30' d. verfl. Monats tagten zurück ge-
kehrt. Auf dem ganzen Wege namentlich von Stadtilm an, aber
ganz besonders in dem Thale von Lichtstädt hervor und während
des Weges von Eichfeld nach Keilhau war mir so zu Muthe, als
müßte ich Dich ganz bestimmt in Keilhau persönlich vorfinden.
Das stille, mein ganzes Wesen durchdringendes Sehnen nach Lebens[-]
und Seelenaustausch mit Dir, war so stark, daß ich mich gar nicht
der D Teuschung entwinden konnte: in Keilhau eingetreten würde
diese Sehnsucht durch Deine Gegenwart befriedigt werden. Es
war mir selbst recht überraschend, mich auf dieser sichern Er-
wartung zu ertappen. Mußte ich mir nun wohl sagen, daß
dieß eine Teuschung sey, so beruhigte mich der Gedanke, ich möchte
sagen die innere Gewißheit, daß ich einen Brief von Dir hier
hier vorfinden würde. Allein diese, meine liebe und süße Hoff[-]
nung blieb auch unerfüllt. Was soll ich nun thun?- Vor mir
steht ein herrlicher Blumenstrauß von lilienweißen, rosenrothen,
goldgelben und anderfarbigen Georginen vom schönsten Bau
untermischt von den Blüthenbüscheln des hochrothen Geranium,
der duftigen Reseda, des sinnvollen Penseé (Gedenke mein)
und, unter vielen andern lieblichen Blumen, besonders noch mit
zwei prangenden Rosen einer zarten Monatsrose, und einer
hochrothen Spätrose, begleitet von vielen Knöspchen einer klein-
blumigen und zartlaubigen Rosenart. Könntest Du doch, meine
einzige Freude, diesen wunderlieblichen, schöngeordneten
Blumenstrauß sehen, Du würdest auch Dich innig freuen
und mir recht geben, in der lilienreinen und schöngebauten,
ich sage lieber Dahlie als Georgine, nur Dich zu schauen. Ich
kann mich von dem Anblick der lieblichen Blume, umgeben
von den duftigen Rosen und der häuslichen Reseda, gar nicht
d trennen, denn immer sehe ich in ihr Dein liebes Bild.- Und /
[21R]
Und denke Dir, diesen frischen Blumenstrauß hat mir,
auf meinen vernommenen Wunsch Fr. R. Schubart in
Arnstadt heut früh in ihrem Garten gepflückt, und ob er
gleich die Reise von Arnstadt hierher gemacht hat, so grünt
und blühet er, als sey er eben jetzt erst im Garten gebrochen
worden. Fast möchte ich sagen: er fühlt es, was ich in ihm
schaue, und aus Dankbarkeit dafür, zeigt er sich in solcher Pracht.
Und daß Dankbarkeit eine Blumeneigenschaft ist, das hast Du
ja oft mit mir an unserer Calla gesehen. So weckt auch der
Anblick dieser stillen Blumen in ihrer Jugendfrische all die
Dankbarkeit in mir, welche ich Dir für die mannichfachem
Blumengaben schuldig bin, womit Du so oft mein Stübchen
schmücktest, und immer bedeutender, lebenvoller u. beredter
werden für mich die lieben Blumen, die vor mir stehen.-
Ja Du wirst Dich vielleicht wundern, daß ich mit solcher Jugend[-]
lust, mit solcher Jugendwonne und solchem Jugendgefühle die
Blumen zu mir sprechen lasse, sie sprechen höre, von Dir
sprechen höre. Denke ich freilich an die Jahre, wo zuerst die
Blumen mir die Wonne des Herzens erschlossen so erstau-
ne ich selbst, wie noch solche Blumengefühle meinem Herzen
entblühen können; aber ich gestehe es Dir offen, meine ver-
trauende Luise, ich freue mich recht dieser krystallklaren,
lilienreinen und rosenfarbigen Jugendgefühle, welche dem
vollreifen Manne noch so treu sind, wie der treue, azur-
blaue Himmel unter welchem zuerst und wiederkehrend
der Jüngling seine Blumen und Rosen mit stiller Wonne,
der Wonne seines Herzens pflückte. Es ist wunderbar,
meine geliebte Luise, und ich gestehe es Dir offen, wenn mich
die Menschen alt nennen - (und die Zahl der Jahr[e] zeugen auch
mir es, daß ich es bin) - so habe ich jenem Sagen nur
das Gefühl ewiger Jugend des Herzens, des Gemüthes
und des Geistes entgegen zu stellen, und ich gestehe Dir
darum offen, meine Luise, daß ich mit ruhiger, ich möchte
sagen kalter Besonnenheit, das lebenvolle, warme Gefühl /
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der Jugendzeit des Lebens, des Jünglings Herzens pflege;
Wie sind aber auch die Jünglinge und die Männer so thöricht
daß sie die Jungfrauen- und Frauenliebe, das Jungfrauen-
und Frauen Herz und den Jungfrauen- und Frauen Geist, ü-
berhaupt das Jungfrauen[-] und Frauen Leben altern lassen
und es nach Jahren, nach Jahrzehnten selbst, mehr oder
weniger messen; als ob die Liebe und das Leben, wie
das Licht alt werden, ja alt werden, ja nur altern könnte[n]! -
Gott ist das Leben - die Liebe - das Licht; altert Gott? -
Wie sollte nun der Mensch altern, welcher von Gott Leben,
Liebe u Licht hat, ja selbst das Leben, die Liebe, das Licht ist?!-
- Altert denn selbst die Natur?- Jetzt läßt der Baum
seine Blätter sinken, allein kommt nicht an demselben Zweige
schon die Knospe für den nächsten Frühling? - Wenn wir sagen
der Baum ist abgestorben, er fällt gleichsam vor Alter um,
so ist dieß in einer weiteren Beziehung das, was das Abfallen
des Laubes von den Zweigen ist; unseren blöden Augen
sehen nur die Knospen, die Augen nicht, welche darunter
schon einem neuen Lebensfrühlinge entgegen wachsen, entge-
gen schwellen, in dem höheren Winterschlafe sich entgegen
kräftigen.
Siehe, meine Geliebte, so habe ich hier meine Sehnen nach Dir
und mit Dir verplaudert, hier, auf dem Soffa, wo ich dieß
schreibe, wie wir früher hier unsere Gedanken, Gefühle,
unser Leben ausgetauscht haben. Monate sind seit jener
Zeit verflossen und viele, und - finden wir unsere Gefühle
älter geworden?- Und so lasse uns pflegen die ewige Jugend
unseres Herzens, unseres Gemüthes, unserer Gefühle und
unseres Geistes, unseres Lebens, unserer Liebe und unseres
Lichtes wie ich die Hoffnung habe mit jugendlichem Leben in
das Grab so zu sinken, wie an dem sich entblätternden
Baume schon die neuen Knospen schwellen, dem jungen und
jugendlichen Frühlinge entgegen.- Gute Nacht, schlafe
wohl, meine Luise! morgen erwachen wir beide mit ver[-]
jüngtem Geiste, zu verjüngtem Leben, in verjüngter Liebe!- /

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Am 4.Oktbr Abends spät. Ich habe so eben das, was ich gestern
mit sehnendem Herzen nach Dir nieder schrieb, wieder durch ge-
lesen, wie kalt steht mir alle das da, gegen das warme Ge-
fühl innigster Lebenseinigung mit welchem ich dasselbe nieder-
schrieb, wie verschieden ist doch das wirkliche innere Leben {gegen das / von dem[}]
niedergeschriebenen und so äußerlich gegenständlich gewordenen!-
Ich bin heut viel beruhigter als gestern, denn gestern ich sage es noch[-]
mals ich konnte mich gar nicht von dem Gefühle losreisen Dich hier
zu finden, ich gedenke zwar heut noch Dein, lebe mit Dir in mir, ohne
jedoch von solcher Sehnsucht nach Dir, wie gestern ergriffen zu seyn.
Ich möchte wohl wissen, wie gestern am 3n Oktbr auch Deine
Gemüths- und Seelenstimmung gewesen ist.- Wunder lieblich
kräftig und frisch blühen mir heut noch meine Blumen in aller
Schöne mir Deine Liebe, Dein Leben, die lichte Klarheit Deines
Gemüthes und Deines Geistes entgegen, die heut am Tage auf[-]
geblühete Monatsrose hat sich am Abend wieder zur sinnigen
Knospe gefühlvollen und ein Knöspchen daneben ist zur duftigen
Rose erblüht, siehe so lebst Du liebenswerth und geliebt in
mir wie ich Dich geliebt und liebend in den stummen und doch
gleichsam sinnenden und fühlenden Blumen vor mir sehe.
O! es ist etwas herrliches um die Blumenwelt! die Blumen
in ihrer Schöne, Frische, Kraft, Friedigkeit, Stille und gleichsam
geschlossenen Sinnigkeit sind doch ein schönes wahres Bild
unseres Seelen-, unseres Gemüthslebens.-
Sitzest Du wohl auch und schreibst ein paar Worte für mich
als meine Geliebte und mich Liebende nieder?- O, thätest
Du es doch. Ja ich bitte, bitte; ist es Dir möglich so schreibe
mir jeden Tag ein paar Zeilen nieder, wie Du ja die Tagesblätter
von meinem Hermann von Arnswald kennst; zuletzt wird
es doch blald [sc.: bald] ein Brief, einem Kranze von mannigfachen frischen
schönen, duftigen Blumen und Laube gleich.-
Heut hat mir Henriette erklärt, daß sie bestimmt als meine
Schülerin mit nach Dresden geht. Amalie K. und Frl. Mattfeld
gehen gewiß auch hin, ebenso auch He. Krell. Ob Emilie Stieler ist
noch ungewiß. Schlafe wohl mein Herz, meine Geliebte!-- /

[23]
Am 5. Oktbr. Guten Morgen, meine Freude. Leichter Nebel liegt
im Thale und umzieht unsere Berge; der durchbrechende blaue Himmel
verspricht einen heiteren, schönen Herbsttag. Mögest auch Du Dich ei-
nes friedigen und freudigen Tages erfreuen! Wirst Du dann auch mei-
ner, Deines Freundes gedenken, und werde ich ein Zeichen davon auf Deinem
Tageblatte lesen?-
Gar sehr begierig bin ich Nachricht von Deiner Stellung und Deiner Wirksam[-]
keit zu hören. Wie dieselbe aber auch jetzt immer beschaffen seyn möge, so
so [2x] halte stets bei allem was Du denkst und thust Deinen einstigen Beruf
als "Kindergärtnerin" fest; Alles was Dir begegnet suche dazu zu benutzen
und ihm irgend eine Seite abzugewinnen wo und wie Du Dich zu einer Kindergär[t-]
nerin ausbilden kannst und dieß - dieß ist dem weiblichen, dem jungfräu[-]
lichen Gemüthe, Geist und Leben so leicht, es bedarf nur drei Dinge dazu:
erstlich sich selbst dieß Wesen sich frei und lebenvoll, unbefangen, sich entwickeln
zu lassen; zweitens in dieser Entwickelung zu klären, zu kräftigen und sich
so zum Bewußtseyn zu bringen und drittens demselben in Wort u That
Leben und Handeln treu zu seyn; also nur Dir treu zu seyn; treu zu seyn
wie die Lilie und Rose, die Reseda und die Dahlie sich treu ist, aber im
Bewußtseyn und mit Bewußtseyn; im und mit Bewußtseyn eines
einzelnen dieses Lebens, entweder blos nur des Lilien- oder des
Rosen- oder des Reseda- oder des Dahlienlebens; nein! In einem dieser
Leben, sey es welches es sey sollst Du Dich auch der Leben all der übrigen
mindestens in der Ahnung, also mindestens in der Ahnung des ge-
sammten Blumenlebens bewußt werden. Aber auch die Bäume haben
ihre Blüthen und Blumen, und so sollst Du Dich und kannst Du Dich auch auch [2x]
in Deinem Blumenleben des Baumlebens (ich will es einmal das
männliche Kurzweg nennen wegen seiner Kraft und seinem Heraus[-]
treten) bewußt werden. Blumen u Bäume, Kräuter u Gräser rc
aber sind Gewächse und so kannst Du Dich in Deinem Blumen- Lilien[-]
oder Rosenleben oder wie Du sonst Dein Leben bezeichnen willst,
des ganzen Gewächslebens, seines Wollens und seines Zweckes, seines
Berufes rc bewußt werden; nenne nun aber das Gewächsleben
oder denke Dir unter demselben das Menschen- und Menschheitsleben;
Siehe meine Geliebte, so kannst Du Dir in Deinem einzelnen Blumen-
d.i. E einzelnen Menschenleben, des Lebens des gesammten Menschengeschlechts /
[23R]
der ganzen Menschheit bewußt werden und sie in Deinem Leben
und durch Dein Leben - also auch in Deinem Lieben darstellen.
Was Du aber in Dir kannst, das kannst Du eben so durch Dein
Leben und durch Dein Lieben, durch das Licht und Leuchten Deines
Gemüthes u Geistes in den Deiner Pflege anvertrauten Kinder[-]
blumen, Kindergewächsen wecken, wecken und entwickeln als
treue Kindergärtnerinn. Gott segne Dein Wirken meine
Geliebte, meine Vertrauende und Vertraute meines Herzens, Geistes
und Lebens.- Und er wird es thun, wird es ganz gewiß thun, denn
in dem Menschlichen und Menschheitlichen pflegst Du ja das Göttliche
pflegst so in den Menschen Gottes Kinder, welcher Vater, ächter
Vater ließ aber seine Kinder?- Darum will Gott, daß allen
Menschen als seinen Kindern geholfen werde und sie zur Erkennt[-]
niß der Wahrheit kommen; deßhalb sendet Gott den Kindern zur
Hülfe aus den Engen des Lebens seine Engel, die Kindergärt-
nerinnen; und so nun erkenne und achte in Dir einen von Gott gesandten
Engel zur entwickelnd-erziehenden Pflege der Kinder-Engel oder Engelskinder[.]
Denn - Damit Du nun aber auch siehest und anderen beurkunden
kannst, daß die Kindergärten, und somit die Kindergärtnerei immer
wahr, sicherer und bleibender die Grundlage der deutschen, der
Menschen- und der menschheitlichen Erziehung werden wird,
lege ich Dir hier das Programm der geis zwar nicht der Anzahl
wohl aber der geistigen Kräfte nach größeren, Versammlung
deutscher Volkserzieher und Lehrer in Eisenach bei. Wären wir
beide es innig im Gemüth u Geist, und so im Leben und für das Leben
Geeinte es auch nur allein, welche die Kindergärten und deren
Wesen vertreten, so lasse uns darum im Trauen u Vertrauen
nicht wanken; Dein Wirken sey das Leben, das meine die Deutung des-
selben; Dein Wirken sey das Thun die That, meines das Wort, die
Rede, beide mögt mögen sich gegenseitig ergänzen und durchdringen
zum klaren Erscheinen des schönen Göttlichen in der schönen
Menschengestalt und damit und dadurch in allem Schönen
der Schöpfung.--
Guten Abend m. L. u. L. [sc: meine Luise und Liebste] Es ist zwar schon 11 vorüber; allein ich wollte
Dir doch sagen, ich habe heut einen Brief an Allwina geschrieben /
[24]
von welchem ich gar sehr wünschte, daß Du ihn läsest, ja daß Du
ihn gelegentlich mit Allwina besprächest er betrifft mehrfach
wichtiges besonders auch das gotteinige (religiöse) Leben im Menschen
und dessen Pflege im Kinde. Ich wollte Dir erst den Brief abschrei-
ben allein es sind 2 Blätter wie diese und noch etwas mehr und
dazu habe ich jetzt nicht Zeit, darum wollte ich es Dir nun ausspre-
chen damit Du gelegentlich Allwinen entweder um Sendung oder
um Abschrift des Briefes bitten magst.
Nun schlafe wohl meine Geliebte. Gottes Friede mit Dir.--

Am 6n Oktbr. Möge Dich heut ein so schöner, heiterer Herbstmorgen begrüßen
wie uns in unserm stillen Thale. Mir winken Deine liebe lilien reine Dahlie
und unter ihr drei frische Rosenknospen in meinem Blumenstrauß, Deinen
Morgengruß und Wunsch zu. Wie jetzt in der ganzen Natur durch Trennung und
unter Trennung neues einiges und einigendes Leben in tausend Augen an
scheinbar todten Zweigen sich hervordrängt, so möge unsere äußere und persön[-]
liche Trennung in unserm Geiste, unserm Gemüthe tausend frische Knospen
und neue Augen innerer Lebenseinigung hervortreiben, zum lebendigen
Zeugniß, daß wir ein einiger Lebensbaum sind. Wo Dir es möglich ist
und Du Dich da zu aufgefordert fühlest öffne Dein Auge für die Erscheinungen
der pflanzlichen Entwickelungen und deren Gesetze, ganz besonders in dem
Gewächsganzen, in dem Baume, vergleiche mit ihnen die Erscheinungen und
Gesetze Deines Lebens, Deiner Geistesentwickelung; es wird Dir dabei bald
(besonders wenn Du in die Thätigkeiten des Baumes, des Gewächses Willen
statt der dort herrschenden Naturnothwendigkeit, Bewußtseyn an die Stelle
der organischen Gesetze die dort die Kraft bewegen, bestimmen [setztest] [)].- Es ist dieß
(die Baum- und Gewächswelt) ein trefflicher klarer Spiegel zur Selbster-
kenntniß und zur Erfassung der Kindesnatur wie zur Pflege des Kindesle-
bens; ich schaue täglich in ihn und lerne durch u so von ihm, so z.B. in der
neuesten Zeit das Entstehen meiner Gedanken und ihrer Entwickelung.
Schreibe mir ob auch Du ähnliche Erfahrungen machst.-
Bitte schreibe mir doch ja auch wie Du Dich als Mitgenossin in Hamburg
zu Allwinen gefunden hast, ob ihr [sc.: Ihr] schwesterlich euch geeint fühlt oder
nicht. Ich mache keine Voraussetzung und fordere weder das eine noch
das andere; es ist nur nöthig, daß wir unter uns ganz klar wissen wie
wir zu einander stehen; daher wünsche ich auch, daß Du mir ganz offen
 /
[24R]
und freien Sinnes, freien Muthes schreibst wo Du anders fühlst, an[-]
ders denkst als ich, anderer Überzeugung bist; dieß hebt unsere
innige Lebenseinigung gar nicht auf, stört sie nicht einmal, sondern
es wird sich ein Punkt im Leben zeigen wo sie sich klar eben als
die Erscheinungen eines in sich einigen Lebens zeigen, wie in der Lilie
und der Rose, der Obstbaumblüthe und in allen Blumen und Blüthen
die Entgegensetzung von Staubfäden und Staubwegen.-
Lebe wohl. Ich gehe jetzt hin um mich zur Abreise nach Dresden, und
für morgen zu einem Gang nach Oberweißbach zu bereiten um
einen Verein thüringer Volkserzieher u Lehrer auszuführen.-
Allwinen habe ich eine Anzahl der Middendorffschen Schrift
"Die Kindergärten" geschickt, sollte nun in Deinem Kreise der
Wunsch entstehen solche zu besitzen, so könntest Du Dir selbige wohl
leicht von Allwinen kommen lassen. Der Preis ist 12½ Sgr oder
10 <ggr / ggn [sc: Goldgroschen ?]> prCt, Du wirst hiernach den Preis in Eurem Münzfuß
leicht berechnen lassen.
Um nun diese Schrift in Deinen Umgebungen, Rendsburg und
Hollstein etwas bekannt zu machen; dadurch auch vielleicht
Deiner einstige Wirksamkeit dort vorzubereiten, so lege ich
Dir hier abschriftlich eine (von Middendorff selbst herrührende)
Anzeige bei, welche durch Deine Verwendung vielleicht in
einem Rendsburger Tageblatte aufgenommen werden könnte[.]
Wenn diese Anzeige zunächst gar nichts bewirken sollte, so brächte
sie doch zunächst d mindestens den Namen, das Wort "Kindergar-
ten
" unter das Volk so daß man sich nicht nur an denselben
gewöhne sondern sich dabei auch etwas vernünftiges zu denken
beginne.- Du machst gewiß als Erzieherin Bekanntschaft mit
Lehrern wodurch die Aufnahme der Anzeige und deren Abdruck
ohne Kosten in einem Tageblatte vermittelt werden kann;
wenn dazu auch das A unentgeldliche Abgeben von einem
oder 2 der Schriftchen nöthig wäre, die Du Dir dann von
Allwinen kommen lassen könntest; denn zunächst handelt es sich
blos darum: den Gedanken und die Idee der Kindergärten
allgemein zu verbreiten.- /
[25]
Abends. Guten Abend. Heut Nachmittag hat Albertine
einen Brief von Allwinen erhalten worin diese schreibt, daß
Du 4 Tage als vom 26n bis 30en v. M. in Hamburg geblieben bist.
Ich freue mich darüber so hast Du es recht kennen gelernt, Dich aber
wohl ganz besonders mit Allwinen und auch Frau Lütkens zu-
sammen gefunden, was mich gar sehr freut. Meinen Brief mit
Beilagen welchen ich für Dich unter Allwinens Aufschrift am 19en
Septbr schon in Rudolstadt zur Post gegeben habe, hast Du doch in
Hamburg erhalten?- es würde mich gar sehr betrüben wenn es
nicht der Fall wäre, wie es mich denn wirklich auch etwas be-
trübt daß Du in Hamburg nicht so viel Zeit gefunden hast um den [sc:und dem]
dortmals gewiß schon besprochenen Brief Allwinens nicht ein
Wörtchen von Dir beigefügt hast.
Lebe recht wohl; möge es Dir in Deiner neuen Wirksamkeit
recht wohl ergehen; mögest Du in ihr finden was Dein Herz ersehnt
und verdient; ich werde dann mein Sehnen nach Dir gern ertragen.
Mein Wunsch ja mein wirkliches Gebet für Dich ist: - "Dein Dir
Friede, Freude und Freiheit["], lies dieß stets in der Chiffer Deines
FreundesFriedrichFröbel: - D.Frd.Fr.Fr.
---*---
Die Antwort auf diesen Brief sendest Du mir am sichersten
nach Dresden. Abzugeben bei A. Frankenberg. Ecke der
Liliengasse, Seilergasse No. 2.
[Rosenblatt mit Eintrag:]
       M L L L.
         Fr Fr
      6/X 48. /
[25R]
[leer]