Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an Alwine Middendorff in Hamburg v. 5.10.1848 (Keilhau)


F. an Alwine Middendorff in Hamburg v. 5.10.1848 (Keilhau)
(Autograph nicht überliefert. Abschr. BlM Abschr. F 1058/47, 7 S., tw. ed. Schröcke 1912, 28-32. Text und Seitenangaben nach der von Luise F. angefertigten Abschrift. Luise F. merkt an: „Der Schluß [gemeint Schlußfloskel] fehlt“.)

Keilhau d 5 October 1848.
Liebe Alwine !
Es ist Dir gewiß bekannt geworden, daß in diesen Tagen abermals
eine große Erzieher- und Lehrerversammlung in Eisenach gewesen ist. Um
kurz sein zu können lege ich Dir ein Programm derselben bei. Du siehst
daraus daß die Kindergärten wieder wie in Rudolstadt, dem Programm
der ersten u dann der zweiten sächsischen Lehrerversammlung, wie in viel-
fachen anderen LehrerPetitionen als die Grundlage der deutschen Volks-
u National-Erziehung hingestellt sind. Du weißt das [sc.: daß] jede Behauptung,
sogleich die Entgegnung hervor ruft. Du hast vielleicht von Frau Lütkens,
oder doch von Luise gehört, wie das Gleiche auch in Rudolstadt bei Auf-
lung des eben ausgesprochenen Satzes: „Die Kindergärten
bilden die Grundlage der deutschen Volks-Erziehung“ der Fall gewesen
ist, u daß in Rudolstadt sehr harte Beschuldigungen gegen die Kindergärten,
deren Aus- u besonders allgemeine Einführung gefallen sind; welche erst in
einer heißen Überzeugungsschlacht wenigstens für den Tag, wenn auch
nicht in jedem Einzelnen der Theilnehmenden beseitigt, doch wenigstens
hinsichtlich der Tagesentscheidung unwirksam gemacht wurden. -
Du kennst das Ergebniß der Rudolstädter Tagung: die Aufforderung an
die deutschen Regierungen u an den Reichstag zu Frankfurt a. M, u hiernach
dünkt es Dir vielleicht, dass die Sache auch für Eisenach abgemacht wäre, u Du
hast wohl Recht, - im Ganzen war sie es auch, wie der Erfolg zeigte, allein
nicht im Einzelnen, nicht in allen Theilnehmenden, sondern es erhob sich
auch hier eine Stimme gegen die Kindergärten, ihr Wesen, ihr Wirken,
ihre Früchte, ihre Einführung u abermals gleich heftig, auf den ersten
Blick gleich vernichtend wie in Rudolstadt u. dieser Gegner war ein Ham- /
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burger, ein Lehrer aus Hamburg. Er bezeichnete die Kindergärten als
Kindheit vernichtend, das Kinderleben tödtend u schädlich – u doch muß ich
glauben, daß ihm Euer Wirken, besonders Frau Lütkens Mittheilungen
darüber in Hamburger Zeitungen nicht unbekannt sind ist. Ich wünschte
die Sache möchte hier abermals besprochen geordnet u durch- wenn auch
nicht für immer zu Ende gefochten werden, allein so gut wurde es mir nicht.
Doch da der Lehrer sich sehr spät zum Wort gemeldet hatte so wurde die
Debatte darüber abgebrochen ehe er zum weiteren Sprechen kam. Mir war es auch
so recht, denn auf der einen Seite ist nicht zu leugnen, daß in den Kinder-
gärten, wie sie nun einmal sind, gar viel Unbegründetes, mindestens un-
verarbeitetes zu Tage kommt, u ich wußte gar nicht mit welchen Thatsachen
er seine Behauptungen zu belegen suchte; auf der andern Seite bin
ich in mir tief überzeugt, wenn auch ich nur ganz allein das Wesen
der Kindergärten u ihre Ausführung vertrete sie dennoch in Familie
u Volk Wurzel fassen würde[n].
Ich habe nun zwar nur Gutes von Deinen Wirken gehört u aus Deinen
Briefen mir gesagt, allein ich habe das mir zu unserm ErzieherLehrerversammlung
gesandte Tagebuch nicht lesen, kaum mal hinein blicken können. Du
hast nun zwar - <-> den Gang Deiner Mittheilungen in Freundeskreisen
<speciel> übersandt doch auch diese habe ich noch nicht gelesen. Nach all
den vor mir liegenden Thatsachen halte ich’s für meine größte Pflicht Dich
u Frau Lütkens auf die Äußerungen u Entgegnungen des Lehrers auf-
merksam zu machen, er mag die Belege u Thatsachen zu seinen Be-
hauptungen herhaben wo her er will, aber es mögen so gar nur
Scheinthatsachen sein, beachtet müssen sie werden. Wortentgegnungen
in Tagesblättern, wie sie Namen haben nützen hier nicht, nur Thun u
Thatsachen mögen entscheiden u das sage ich Dir: unsre Gegner haben
zum Theil zum Heile der Kindheit in gewisser Hinsicht klare Augen, /
[3]
und ein oft sicheres Gefühl das Mangelhafte heraus zu finden; würden
sie es mit mir u mit uns zur vollkommenen u vollkommensten Darstellung
des zu Erstrebenden benutzen so würden wir ihnen brüderlich die Hand
reichen müssen ; doch auch als feindlich Gesinnte müssen wir sie nothwen-
dig sorglich beachten. – Du bist glücklich in gewisser Hinsicht Beziehung
wenn es Dir nach Deiner nächsten Umgebung auch nicht so scheinen mag, „wie
ein Lamm unter die Wölfe gesandt“, der Grund dazu ist daß mir weder Deine
Eltern noch Frau Lütkens glauben wollen; nach meiner Überzeugung
müßte die Sache nach mehreren Seiten hin tiefer begründet werden. Etwas
Aeußeres kann jetzt, und erschiene es jetzt noch so gesichert, sich nicht gegen
das Innere erhalten; der Geist ist es der lebendig macht u die Wahr-
heit ist es die uns frei macht. In wie weit nun aber Du den Geist
und die Wahrheit früher Kinderpflege oder die frühe entwickelnd erzie-
hende Kindheitpflege ihrem Geist u ihrer Wahrheit nach nicht nur in
Dir erfaßt hast, sondern auch darzuleben u darzulegen im Stande bist,
darüber, das bescheide ich mich, habe ich kein Urtheil u. ich vertraue in dieser
Hinsicht, ich gestehe es offen, dem Wesen der Menschheit, der Tiefe der
Weiblichkeit u dem Sinn der Jungfräulichkeit; diese drei werden Dir sagen:
daß es sich um etwas höheres handle als um eine äußere Wirksamkeit
u Stellung als Erzieherin u Gehülfin an einer Erziehungs-
u Bildungsanstalt u erfasse sie die Erziehung in ihren Anfangs- u End-
punkten, u eben so wenig um ein äußeres Wirken, als Kindergärtnerin;
es handelt sich um die sichere Begründung des Wohles der Familien,
so unsers Volkes u aller Völker, wie um das Heil der Menschheit.
Hier nützen nicht nur äußere u glatte schöne Formen, auch nicht dichterische
Auffassung u Darstellung sondern die Erfassung der Sache in klarer
Wahrheit. Gegen schöne Formen u dichterische Auffassung ist man jetzt
mißtrauisch, man meint die Leerheit, Nichtigkeit mindestens die Unklar- /
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heit verstecke sich dahinter, und wolle dadurch für die Sache leichte Hand gewinnen.
Du kennst z.B. die jetzt erschienene Schrift „Die Kindergärten“ Du
wirst vielleicht sagen, daß nichts dagegen zu sagen sei, - nun höre ich zu meiner
Verwunderung in Eisenach u zwar von Freunden, daß man in derselben das
politische Gewand, wie soll ich sagen – zu reich finde; darum hinderlich der
Verbreitung der Sache. Wenn man nun alles das zusammennimmt was die
vielseitige Op[p]osition entgegnet u fordert, so mag es sich wohl dahin
einigen: dem Kinde in seiner Entwicklung zwar pflegend u helfend zur
Seite zu stehen, allein nicht bestimmend vorschreibend in dieselbe einzugreifen.
- Mit dem Kinde zwar seiner kindlichen Natur entsprechend sich zu beschäf-
tigen, mit ihm zu spielen, allein auf der einen Seite weder in kindischer
spielerischer, ich möchte sagen läppischer, leerer Weise, auf der andern
Seite aber auch nicht in harten, vorschreibenden Verstandesformen welche
der Kinder Natur so fremd sind; es soll hervor gerufene freie Entwicklung,
Gestaltung u Bildung sein ohne Dressur. Man muß der Entwicklung
des Sinnigen, des Religiösen welches sich frühe seines ächten Wesen[s]
nach in dem Kinde als Ahnen der Gotteinigung zeigt - Rechnung
tragen, ohne dem Kinde die Züge des strengen Dogmatismus auf[-] u
einzuprägen. Das Kind soll der Schule entgegengeführt, entgegen
gebildet werden, aber doch nicht geschult. - Das Kind soll eben so frühe
dem Leben entgegengeführt werden, ohne einerseits von der Nichtigkeit
und Leerheit des Lebens ergriffen; noch anderer seits von der Schwere u
Härte des Berufslebens mancher Eltern erdrückt zu werden u.s.w
Du wirst nun sagen: das thun wir ja alles u Du machst [sc.: magst] Recht haben,
wir erstreben es wenigstens u wir glauben das Urtheil der billig
Denkenden für uns zu haben. Allein wie Du liebe Alwine aus meinen
Andeutungen wohl abnehmen [sc.: entnehmen] kannst – unsre harten u strengen
Gegner sind aber nicht billig, sondern hartnäckig u einseitig; wir müßen /
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aber dennoch, wenn auch nicht in die Erfüllung ihrer besonderen Forderungen
eingehen, sie dennoch in ihrer Allgemeinheit beachten; denn etwas allgemein
Wahres liegt immer darin.
Um nun aber die von Außen an Dich herantretenden Forderungen wahrhaft zu würdigen
suche sie in ihrem ganzen Wesen zu erkennen u um wo möglich wenn auch
nicht der Form sondern der Sache nach zu erfüllen, so suche u forsche
auch nicht außerhalb der Idee, des Grundgedanken[s] unserer Bestrebun-
gen. Siehe, dies ist der große Fehler Vieler die sich meine, unsere
Freunde, die sich Freunde unserer Bestrebungen nennen sie stre-
ben um sich zu rechtfertigen, zu befestigen, nach Außen hin, anstatt
sie durch Suchen und Forschen in ihrem Grundgedanken, in ihrer
Grundidee, in ihrer ewigen Wahrheit, in der Stütze in der sie sich
selbst trägt zu sichern; so bleibt unter den besten Freunden stets eine
Trennung, wenn ich nicht sagen will eine Kluft u ein schwankender unsicherer
Halt, wenn ich nicht sagen will: es ist unter ihnen kein sicher[er] Verlaß.
(Selbst Dein Vater ist von diesem Fehler nicht frei) Möchte es Dir zum
Heile u Wohle der Menschheit zur klaren u schönen Erfüllung des von
Dir gewählten hohen Berufes, welcher den Menschen zu einem Gehülfen
Gottes macht, gelingen, Dich von denselben frei zu machen; u viele
Frauen u Jungfrauen haben es in der Geschichte der Menschheit, so
weit das Buch derselben offen vor uns liegt zum Heile u Segen der-
selben bewiesen, daß es möglich ist.
Da es sich nun wohl voraus sehen läßt, daß unserer Louise in ihrer Wirk-
samkeit ebenso wie uns Entgegnungen entgegentreten, so wird es mich
sehr freuen, wenn Du ihr diesen Brief zusenden wolltest. Ich war Anfangs
willens ihr das Wichtigste desselben abzuschreiben, allein als ich beginnen
wollte sah ich daß es zu viel [zum Abschreiben] wäre, wenn es nützen sollte.
Zu den Vorträgen hättest Du mit dem Ball beginnen sollen denn dieser /
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ist das Allgemeinste; der Ball ist für das Kind der Stellvertreter alles Gegen-
ständlichen, besser allgemeinen Eigenschaften, wie dessen Selbstständigkeit, er
ist zugleich ein Sinnbild des alle Mannigfaltigkeit aus sich entwickelnden Ker-
nes, Samens, der Knospe u.s.w. wie er ein Sinnbild des alle Mannigfal-
tigkeit in sich einenden Erdballs [ist.] Für das Innere des Kindes ist er
ein wichtiges, gefügiges Darstellungsmittel seines Willens u Wollens;
der Entwicklung, Stärkung u des Gebrauches seiner Kraft u ihrer Werkzeuge,
seiner Glieder. So ist der Ball der Vorläufer von der, dem Kinde mit
entwickelter Gliederkraft so lieb werdenden Kugel; durch die größere
Härte, Schwere u.s.w. u durch ihr dadurch bedingt werdenden größeren
Lernens, wird sie dem Kinde ein Maaßstab seiner Kraft, ja ein Ent-
wickler derselben. – Die Kugel aber ruht, doch ist auch leicht
beweglich; durch ihr Ruhen weckt sie die Sehnsucht nach dem überwiegend
- also nicht nur auf einem Punkte sondern auf einer Fläche ruhenden [Gegenstand]
u dies ist der Würfel wie wir sogleich von einer anderen Seite sehen
werden; denn die Kugel zeigt nach einer Mehrseitigkeit: ein Vorn u ein
Hinten, ein Hüben u ein Drüben, oder ein Rechts u ein Links, dann aber
auch ein Unten u Oben p. Dies bedingt u fordert die sechs Seiten des
Würfels
.
Doch das Kind ersehnt auch das Entgegengesetzte also unter sich getrennte
zurück zu sehen, also das Bewegliche u das Feste u Näherstehende dies be-
dingt das Vermittelnde die Walze.
Hieran kannst Du anschließen wie dem Kinde ihm jetzt noch unbewußt, allein
wichtig für eine spätere Entwicklungsstufe in u mit jedem Sichtbaren ein
Unsichtbares in u mit jedem Äußern ein Inneres, mit jedem Umfang
eine Mitte u somit zugleich in diesen Dreien jederzeit ein Vermittlendes; -
der Strahl – der Radius, <die Halbachse> d.h. die Linie (oder auf
gedachter Ebene) gegeben werde, welche die Mitte, das Unsichtbare /
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das Innere mit dem Umfang dem Sichtbaren u Äußeren verbindet, z.B. hier
die Linie ----- a [Kreiszeichnung mit
  Radius] hier hast Du zu einem Deiner künftigen Vorträge einen
Anknüpfungspunkt für das vom Kinde geahnte Innere, Unsichtbare, Eine, u so
zu dem vom Kinde geahnte „Gotteinige“. Du musst ehe Du über diesen Gegen-
stand sprichst denselben in Dir vielseitig, lebenvoll bearbeiten u durchdenken
ich wollte Du könntest ihn mit Luise besprechen. Dies ist der rechte Anknü-
pfungspunkt zur Darlegung u Entwicklung des Religiösen, welches in der
Idee des Kindergartens liegt u sich so wieder ganz einfach an Deine Er-
klärung des Namens Kindergarten anschließt. Jeder Kern schließt
das Wesen des ganzen Baumes in sich, sonst könnte er es nicht aus sich
darstellen, jeder Kern trägt darum nothwendig das Wesen der Baum-
einigung in sich; - so schließt auch das Kind, der Menschen das Wesen
Gottes in sich, sonst könnte er es nicht aus sich entwickeln, was
doch selbst die christliche Religion fordert „Seid vollkommen wie Euer
Vater im Himmel u.s.w.“ ebenso trägt das Kind das Gefühl der Gott-
einigung unmittelbar in sich, sonst würde es nicht so sinnig u achtsam
still sein, sonst würde es nicht so in sich gesammelt die Händchen halten,
wenn die Mutter früh wenn es noch kaum Gott, Vater lallen kann
mit ihm, mindestens über ihn betet. - -