Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an Luise Levin in Rendsburg v. 21.10./22.10.1848 (Dresden)


F. an Luise Levin in Rendsburg v. 21.10./22.10.1848 (Dresden)
(BlM XXIII,15, Bl 39-42, Brieforiginal 2 B 8° 8 S.)

Dresden in der eigenen Wohnung in der Liliengasse.
Am 21n Oktober 1848 [*Jahreszahl eingekreist*]

Meine einzig geliebte, theure Luise.

Was kann doch der Mensch dem Menschen so viel Freude
machen, wie kann doch der Menschen [sc: Mensch] so hoch beglücken!-
wie kannst Du, mein Herz mich doch so innig glücklich ma-
chen, wie hast Du mich gestern und heut, wie hast Du mich
doch gestern, ich darf wirklich sagen vom ersten Augen[-]
blick des Eintrittes in meine Wirkungsräume so innig
hoch beglückt, wie hast Du gleich einem treuen Weibe und
einer seelenvollen Gattin meinen Wohnungs- und Wirke-
raum geseegnet! Denn denke Dir als ich gestern Abend
nach 5 Uhr bei Frankenbergs ankam und kaum die ersten
Begrüßungsworte gewechselt waren, sagte mir Franken-
berg daß schon am 18en Oktober ein Brief an mich aus Rends[-]
burg angekommen sey. Von wem konnte er nun anders
seyn als von Dir meiner Getreuen?- Wie freute mich nun
schon der Gedanke daß er es wäre, wie steigerte sich aber die-
se meine Freude, als ich die freundlichen Züge Deiner lieben
Hand sahe. Und nun zu Hause in meiner stillen Wohnung
angekommen, wie hat mich da, Geliebte, jedes Wort
Deines theuern Briefes gerührt, denn jedes leuchtete u.
glänzte von der Liebe wieder in welcher es von Dir emp-
funden mit welcher es von Dir niedergeschrieben war.
Jedem Worte fühlte man es an, daß es von Dir nieder[-]
geschrieben war um mir Freude zu machen um mich
Deine Liebe fühlen zu lassen. Du bist auch meine Blumen[-]
freude, meine Blumenwonne unter den Menschen. Gott
erhalte Dich mir, Deine Liebe, Deine Eingung mit mir!- /
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Ich habe nicht nur Deinen herzigen Brief an mich, nein!
ich habe alle 3 auch den an Henrietten und Middendorffen
wiederholt gelesen, denn in jedem Worte jedes derselben
spiegelte sich Dein thautropfenklares Gemüth, Deine
edlen, einfachen und doch so hohen Gesinnungen. Du hattest
aber auch schon vor Wochen ohne daß es von Dir geahnet
worden Deinem Briefe einen mich so beglückenden Empfang
zu bereitet; höre nur wie. In oder vielmehrwährend
der Fahrt von Weimar nach Halle hatte bei Gelegenheit
der Erwähnung meiner Calla Henriette mir erzählt, daß
Du Deine Calla so sehr liebgehabt hättest, so lieb, daß sie
selbst auf dieselbe gleichsam eifersüchtig gewesen und sie da-
her einmal zu Dir gesagt habe; - sie werde die Calla
deßhalb zum Fenster hinauswerfen un Du dann darauf
geantwortet habest, so würdest Du sie [sc: Henriette] nachwerfen.
Diese Deine, mir dadurch kund gewordene zarte Liebe für
die und zu der mir auch so theuren Blume hatte mich nun so
dankbar gegen Dich, so innig einig mit Dir fühlen lassen
daß Dein Lieber Brief den gestrigen Abend mir zu Feststunden
des Lebens machte. Siehe so wenig bedarf es am Ende
um den Menschen glücklich zu machen: - Deine vor mehre-
ren Wochen der Blume bewiesene Zuneigung, brachte,
mir bekannt werdend, nach Wochen mir die reinsten
Herzensfreuden. Ja, Geliebte, das ist wahr, der Mensch
welcher wahr liebt, ist in dieser Liebe ein in sich ein klares, reines Wesen[.]-
Wie hatte ich aber auch schon ehe
ich Deinen Brief gelesen Deiner so viel gedacht.- Wir
waren nemlich gleich nach unserer Ankunft bei dem /
[40]
Mädchenturnen Zeuge. Wie so sehnlich wünschte ich da[-]
zu [Dich als] Theilnehmerin an unserm jetzigen Bildungscursus.
O, dieser wird schön werden. Mit Amalien K. und Ama[-]
lien M.
- Henrietten B.- und Emilien Stieler aus Ru-
dolstadt wird er wenigstens 18 Frauen und Jungfrauen
zählen. Zwei davon solltest Du nur noch kennen: Auroren
? [Busch]
und Henrietten Dahlenkamp, diese beiden würden Dich
ganz besonders erfreuen. Denke ich aber nun dagegen
wieder Deiner wirklich seltenen Stellung, wo Du Gelegen[-]
heit hast ein liebes Engelskind von den ersten Stunden
seines irdischerschienenen Daseyns in seiner Entwickelung
zu beobachten und von einer liebenden, wie erziehend ge-
sinnten Mutter alles mitgetheilt zu hören was ihr zarter
Sinn in und von dem Entwickelungsgange des Kindes bemerkt,
wenn ich nun dieß alles, gegen jenes in die Wagschaale
lege, so weiß ich nicht, wohin ich den Ausschlag d.h. das Über[-]
gewicht geben soll. Die Entwickelung eines lieben Engels-
kindes an der Hand einer so innig liebenden, wie sinnig
eingehenden Mutter, als mir Frau von Cossel erscheint, zu
beobachten, dieß ist, da es so selten ist, etwas sehr sehr
hohes; ich bitte Dich recht sehr benutze ja diese schöne Gelegen[-]
heit ganz; wie so gern schickte ich Dir dazu einen Leitfaden,
wenn es nicht durch die Post zu schwierig wäre. Doch nimm
nur das Mutter- oder Familienbuch, gieb es Frau von
Cossel in die Hand, die liebe kleine Tochter wird es jetzt
Euch beiden verstehen lernen. Zeigt sich Dir passende
Gelegenheit z.B. gleich bei Mittheilungen aus dem Familien[-]
buche - so sprich der Fr. v. C. meine herzinnige Theilnahme
an ihrem /
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Mutterglücke, ihrer Mutterwonne aus. Wie hat mich der ein[-]
fache, menschlich-mütterliche Sinn der Worte so hoch erfreut mit welchen sie
Dich in ihrem Heiligthume, der Wochenstube begrüßt und Dir
ihren Liebling, ihre neue Knospe, an dem gesunden frischen Baume
ihres schönen Familienlebens im Gottesgarten der Menschheit
dargebracht hast hat. Wärest Du, meine Geliebte, nicht mit alle
dem, was Dein ist auch mein, so würde ich in die Versuchung
kommen Dich Deines Glückes halber zu beneiden? - nein!
Das könnte ich doch nicht über mein Herz bringen; denn eine
so menschlich reine, liebe Seele wie Du verdient solches Glück.
Aber benutze es nun auch dieses Glück; sieh ich bin leider auch
ein wenig eigennützig, damit ich recht viel von Dir lernen
und erfahren kann, wenn uns einst unser liebendgeliebter
Vater, der nicht blos im Himmel, sondern stets bey mit, um und
in uns ist, wieder vereinigen wird; damit ich dann Dein auf[-]
merksamer, treuer Schüler werden kann.- Laß Dir sagen oder
bemerke besser selbst wie der Wechsel der Wärmegrade, die Emp-
findung der Mutternähe oder Mutterferne auf den kleinen
Engel wirkt, das heißt auf dessen körperliches Allgemeinge[-]
fühl und dadurch auf dessen schlummernde Seelenthätigkeit; be-
merke wie die Lichtreize, die Lichtgrade und Lichtarten auf
die Seele des Kindes besonders erweckend wirken. Siehe ob Du be-
merken kannst wie die Lichtreize Richtungen in der Seele wek-
ken, welche wir überwiegend geistig nennen, wie die Wärme[-]
reize dagegen Richtungen der Seele hervorrufen welche wir
überwiegend dem Herzen oder dem Gemüthe zuschreiben.-
Suche zu erforschen wo Dir das Kind mehr geistig vergleichend
[41]
erscheint ob bei Wahrnehmungen des Ohres oder des Auges. /
Mache Dir kleine Bemerkungen nach Tagen, Stunden und
Umständen hinsichtlich der Lebensäußerungen der Kleinen,
auch wenn solche Dir Anfangs vereinzelt und so unbedeutend
erscheinen sollten, es kommt schon die Zeit wo sie sich am rechten
Orte einordnen und als ein wohl wesentliches Glied des gro-
ßen Lebensganzen beurkunden. Sehet ob Ihr, Du und Fr: v. Cossel
die Zeit wahrnehmen könnt in welcher der kleine Engel zum er-
stenmale Töne und Tonwechsel mit Bestimmtheit u Klarheit
wahrnimmt und suche Dir dieß in ein[em] Tagebuch festzuhalten,
so wie wann dessen Blick zuerst den Deinen oder den seiner
Mutter mit Entschiedenheit festhält. Ob es nicht bei letzteren
besonders dann der Fall ist, wenn es sich an der liebendnähren-
den Mutterbrust sattgetrunken hat. Lasse von der Mutter
den Augenblick festhalten wenn die liebe Gottesgabe, bei der
süßen Nahrungsgabe der Mutter zum erstenmale den Busen
der Mutter gleichsam liebend mit beiden Händchen umfaßt;
Alles dieß sind Momente der inneren Seelenentwickelung
des Kindes. Siehe besonders ob Du dahin wirken kannst, daß
man, um das dem Kindchen frühe die Wohlthat der Reinlichkeit
empfindbar zu machen - auf den Ausdruck achte, welchen
der Drang nach Befriedigung eines Naturbedürfnisses auf
dem Gesichtchen des Kindes hervorruft und daß man, sob[al]d
als man diesen Ausdruck bemerkt sogleich der Befriedigung
des Bedürfnisses entgegenkomme, wodurch in dem Körper
und auch schon in der Seele, in dem Willen des Kindchens die Kraft
geweckt wird, das Bedürfniß nicht eher zu befriedigen als bis
ihm dazu von Außen - durch das sogenannte Abhalten - Hülfe
gereicht wird. Hinsichtlich der Quellen fehlerhafter Seelenrichtungen ist /
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ist ganz besonders die Quelle des Eigensinnes zu beachten und
frühe nicht zu öffnen, wichtig. Ich möchte mich als ein gutmü-
thiges Kindermütterchen verwandeln, so in den Dienst der
Fr: v. Cossel treten und so bei der kleinen Weltbürgerin in
die Schule gehen können, ich glaube ich würde noch was Tüchtiges
von ihr lernen können. Nun genug ich freue mich, und preise Dich
im größten Mannesernst recht glücklich daß Du unter so gün-
stigen Umständen die Entwickelung eines Menschenkindes, ich möchte
sagen von der ersten Stunde, mindestens vom ersten Tage seine[s]
Erscheinen[s] beobachten kannst. Benutze dieß aber auch soviel
als möglich; Bitte auch in meinem Namen Fr: v. C.- Dir dazu
behülflich zu seyn; in der Erfüllung dieser Bitte wird auch für
Fr v. C. sogleich ein schöner Dank liegen; denn das Leben der
Kleinen wird sich vor ihren Augen stetig wie das einer Blume
entwickeln.- Die Mutter- und Koselieder auch der 2e Theil
die Erklärungen können dazu vielfach Gelegenheit geben.-
- Aber was sagt denn mein Dresden dazu daß ich so lang bei
Dir in Rendsburg bin?- Es sagt nun kann aber auch Luischen
ein Wenig zu uns nach Dresden kommen und hören wie es da
geht. Nun so höre denn. Komm, sey so gut setze Dich in
meine freundliche Stube neben mir [sc: mich] aufs Soffa und höre mir,
aber ja mäuschenstill, zu was ich Dir da alles zu erzählen
habe. Die Donnerstags am 19n Oktbr Morgens 5 Uhr bin ich von
Keilhau abgereist. In Rudolstadt an der Post traf ich Henrietten [Breymann]
und Marius [Bendsen]. Punkt 6 Uhr fuhren wir 3 nach Weimar ab.
Marius ging bis W. mit theils um Henrietten zu begleiten
theils um den als Demokraten-Anführer gefangenen Herrn
Otto
, seinen Vetter in W. zu besuchen. Dieß wurde ihm aber /
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[erst] nach unsere[r] Abreise möglich, so daß ich Dir davon nichts sagen
kann, als daß Otto in Weimar im CriminalGefängnisse mit
mehreren seiner Genossen in sehr strenger Haft sitzt.-
2½ Uhr fuhren nun Henriette und ich nach Halle weiter (:Marius
ging vom Bahnhof nach W. zurück um dort seinen Vetter unter Aufsicht des
Criminalrichters zu sprechen:) Spät am Abend kamen wir in H. [sc.: Halle]
bei Krügers an.- Die beiden Amalien hatten schon gepackt, so
daß wir Freitags früh sogleich über Leipzig nach Dresden reisen
konnten. Hier trafen wir nach 5 Uhr Abends an [sc.: ein]. Die beiden
Amalien zogen häuslich bei Frankenbergs ein, ich in meine schöne
schöne [2x] aus vier an einander gereiheten großen Zimmern bestehende
Wohnung ebener Erde nächst Frankenberg und Henriette ebenso in eine
eigene Wohnung in unserer Nähe.
Nachmittags waren heut nun alle hier welche in drey verschiede-
nen Abtheilung[en] diesen Winter hier in Dresden einen Bildungs-
cursus bei mir durch arbeiten wollen.
Damit Du nun weißt in welcher Gesellschaft Du mich in gewissen
Stunden findest, wenn Deine Liebe und Theilnahme mich besucht so
will ich Dir die Personen jeder Abtheilung nennen[:]
1. Abtheilung 6 mal wöchentlich von 8-10 Morgens, lauter junge
Mädchen, mittleres Alter 20 Jahr. 1. Henriette Dahlenkamp
2. Agnes Schöne 3. Amalie Mattfeld 4. Malchen Schwarz
5 Ottilie Schmidt, 6 Bertha Glöckner 7. Elise Schaller 8 A-
malie Krüger
9. Johanna Küstner 10 Henriette Breymann.
11. Emilie Stieler aus Rudolst[adt].
2. Abtheilung 6 mal wöchentlich von 5-7 Uhr Abend[s], gemischt.
1. Frau Luise Frankenberg 2. Aurora Busch 3 Frau Dr Herz
4. Herr Perthen Lehrer, 5 Herr Ritz Lehrer. 6 He. Nitz Familien[-]
vater (Rentier) dann wieder 7. Amalie Mattfeld, 8 Amalie Krüger
9. Henriette Dahlenkamp 10. Johanna Küstner 11. Henriette Breymann. /
[42R]
3. Abtheilung. 3 mal wöchentlich Dienstag, Mittwoch, Freitag.
Abends von 9 8-10 Uhr.
1. Frl. von Gumpert. 2. Frl. Krämer 3. Frau Budich.
4. Frl. Ida Voland. 5. Frl. Clärchen Wagner. 6 Herr
Heidenreich
Prediger 7. He. West Candid: 8 He. Hiehle, 9
Seiffert 10 Wilke 11 Engelmann 12 Lehmann (Von
8 bis 12 incl. Lehrer) 13 He. Dr. Marquart 14 Frau
Kellner
15 Georgine Fuchs 16. Jettchen Schädel
17 Frl. Marschner. 18 Luise Frankenberg (die Schwester)
Also 1 Abtheilung 11. 2 Abtheilung (ohne die 5 welche schon in der er-
sten Abtheilung sind) 6. Dritte Abtheilung 18. Also im Ganzen
35. Jedoch hoffe ich noch daß He. Krell kommt; dann sind es
gerad drei Duzzend.
Doch Du, meine liebe sorgsame Hausfrau wirst auch wissen wollen
ob diese Thätigkeit aber auch etwas die Forderungen leichtere
die auf mir ruhen. Jeder ganze Cursus kostet 4 Thaler, der Halbe
2 Thaler dieß macht nach der vorstehenden Zusammenziehung
gerad Rth. 100.- Die laufende Ausgabe wird monatlich
30 rth seyn, rechne dazu für Kleider usw im Ganzen monatl. 10 th
so werden zur Tilgung der auf mich [sc: mir] ruhenden Forderungen
monatl. ohngefähr Rth 60- also (ruht Seegen auf dem Ganz[en]
im Ganzen[)] 360 Rth übrig bleiben; freilich aber nicht viel
für solche Mühe. Doch die anerkannt werdende Verbreitung
der Idee, diese ist es, welche Mühe und Arbeit lohnen muß.
Aber noch eine Hauptsache, laß uns wegen der Briefe eine feste
Bestimmung treffen - Jederzeit am 1en u 16en jedes Monats will
ich einen Brief Dir senden. Du schickst Deine Briefe jederzeit
am 8en u 24[sten] jedes Monats ab, so kreuzen sie sich nie. Wil[l]st
Du so?- Jetzt gute, gute Nacht. Sonntag am 22. 8br Nachts 12 Uhr.
Mitternacht.