Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an Luise Levin in Rendsburg v. 11.11./14.11.1848 (Dresden)


F. an Luise Levin in Rendsburg v. 11.11./14.11.1848 (Dresden)
(BlM XXIII,17, Bl 49-58, Brieforiginal 5 B 8° 17½ S., tw. ed. Schröcke 1912, 32-35. - In der Numerierung fehlt auf 51R eine Nr.4. Im Abschriftkonvolut BN 441 wird der Begriff "Weiße Rose" (57V) von der Abschreiberin Luise F. erläutert; danach handelt es sich um "eine geschnizte Brosche".)

[Kopf: Lithographie "Aussicht von der
  Terrasse."]
Dresden den 11 Nov. 48

Meine einzig Eine.

Wie glücklich, wie seelig bin ich, daß nun der Sonnabend Abend
da ist und ich um mir, wie im Geist und Gemüthe frei bin,
um so ganz in mir mit Dir leben, ja, ich muß es Dir ausspre[-]
chen, meines Lebens freuen zu können, d.h. mit Dir freuen
zu können. Es ist ein eigenes, wunderbares Etwas was mich
mit Dir eint. Du mußt Dir in Dir bei großer Reinheit des Ge[-]
müthes und Klarheit des Herzens auch eine große Freiheit
des Geistes bewahrt haben; drei große Besitzthümer müs[-]
sen Dein Eigenthum seyn, in einem dreifarbigen Lichtstra[h]l
muß sich Deine Seele, Dein Leben theilen: in Frieden, Freude
und Freyheit; Sinnigkeit, Sittigkeit und Sittlichkeit sind die
jener Dreiheit entsprechenden drei Genien welche wie ge-
würzige Blumendüfte Deinem Leben entsteigen und an[-]
ziehend die Menschen und mich Dir einen, wie der Gewürz-
duft der Linde, die Honig sammelnden Bienen ihr [sc: sie ?] anzieht - /
[49R]
und aller dieser köstlichen höchsten Lebensgaben in unverkün[-]
stelter Einfachheit, Natürlichkeit, voller unverkürzter Mensch-
lichkeit; wie freue ich mich der wahren Himmelsgabe, daß Du
mein bist.- Damit wir nun in der Nähe Dresdens einen
Ort, eine Gegend gemeinsam haben, wo sich unsere Blicke
begegnen, im freien, friedigen und freudigen Blick in die
Natur begegnen, so habe ich zu diesem Briefe diesen um[-]
stehenden Briefkopf gewählt; diese Aussicht führt von der
durch Allwina Dir gewiß bekannten Brühlschen Terrasse
die Elbe aufwärts nach der sächsischen Schweiz, der Bastei
Königstein und Lilienstein bis gegen Schandau und Böhmen,
und abwärts führte mich ja der Blick bis zur Mündung der
Elbe und von dieser zu Dir. Siehe auch wegen dieser sinnlichen
Vermittelung wählte ich diesen Blick in Dresdens Umgebung.
Nun zur Beantwortung Deines lieben, lieben Briefes welchen
ich mit der Feder in der Hand nochmals lesen will um bei je[-]
dem Punkte wo ich mich aufgefordert fühle sogleich die Antwort /
[50]
niederschreiben zu können.
1. Daß Du die Tagesnotizzen niederschreibst wird Dir einst
wenigstens zu gewissen Zeiten Freude wie Nutzen bringen;
wir Männer, wenigstens ich, ich komme, so oft ich es mir auch vor[-]
nehme [selten] zum Niederschreiben solcher Notizen und nochweniger zum
Wiederlesen derselben; doch wenn es geschiehet zeigt beides immer
Nutzen. Aber thue, wenn Du kannst, ja beides, der Mensch wird
dadurch reich, sehr reich, sein Inneres und sein eigenes Leben,
verglichen mit den Thatsachen der Geschichte und der Natur, bleibt
immer sein bestes Lehrbuch. Seit meinen jetzigen Vorträgen
hier fange ich immer mehr an einzusehen, welche Bewandtniß
es mit den eigentlichen Offenbarungen hat und welcher große
Unterschied zwischen ihnen, als unmittelbar dem Gemüthe in schö[-]
ner Gestalt und fertige[r] Wahrheit entsteigend und der erst durch
Vergleichung und Schlüsse gewonnenen Einsicht und Überzeu-
gung ist. Ja, Du Traute und Vertraute meines Herzens, es
ist dieß ganz gewiß der äußerste und zarteste Punkt
der menschlich geistigen Lebensäußerungen. O, ich fühle im-
mer mehr, wir sind sehr ungeschickt und ungebildet, theils
sie zu erkennen, theils sie festzuhalten und im Leben zum Seegen
und Heil für sich und Andere, wie für das Ganze festzuhalten[.]
Eine solche Offenbarung nenne ich zum Beisp. den, mir im
Frühling 1840 auf einer Wanderung von Blankenburg
nach Keilhau zwischen dem alten Schlosse und Kl. [sc.: Klein] Gölitz
gekommenen Namen Kindergarten; Garten = Paradies
also Kindergarten = das den Kindern wieder zurück zu
gebendes und gegebenes Paradies. Wenn ich eigentlich sagen
soll wie ich zu demselben gekommen, so weiß ich es selbst
nicht zu sagen; genug der Name war wie in einem Nu
aus der Seele da, so, daß mich der Name selbst erst befrem- /
[50R]
dete, dann erfreute, wie er denn auch sehr bald die Theilnah-
me aller einfachen unbefangenen Menschen erhielt, welchen
er ausgesprochen wurde. Und jetzt hier in Dresden bezeugt
und bethätigt sich die Idee der oder des Kindergartens, als
die Rückkehr zur Natur als Thatoffenbarerin Gottes und
somit zu Gott als ihrem Schöpfer, als den Grundquell
alles Lebens bezeichnend. Und alles was wir jetzt für die
Erziehung des Menschengeschlechtes überhaupt f wie für die
Erziehung der Deutschen bis in die kleinste Familie hin be[-]
dürfen entwickelt sich mit Nothwendigkeit aus dem reinen
Wesen des Kindergartens, so daß es ganz unmöglich gewesen
wäre nach Erkenntniß und Einsicht in all diesen Forderungen
auf diesen einfachen Namen nur zu kommen, geschweige ihn
zu wählen und festzuhalten, was jetzt so vielseitig ge[-]
schiehet; wie sich denn auch Alles so trefflich und schön aus und
in ihm löst. So halte auch Du in Deinem Tagebuch für Dich und
Deinen Seelenfreund solche unmittelbare Lebensblüthen fest
um sie später im Leben zu Früchten zu entwickeln; ja es gleichen
diese unmittelbaren Lebensgedanken eben dem Herauffunken
und Festhalten der Frucht in der Blüthe.- Ich hoffe Du wirst
mich durch Deine eigenen Lebenserfahrungen verstehen[.]
2.) Daß Du wünschest mir irgend kleine Freundlichkeiten
zu erzeugen [sc: erzeigen] z.B. mir nur eine Tasse Kaffee zu
reichen;
deßhalb bedarfst Du Dich nicht des Egoismus anzuklagen;
denn das macht uns ja Euch Ihr lieben Jungfrauen u Frauen
so werth und theuer, daß wir in dem Allerkleinsten und
an sich ganz Unbedeutenden Eure ganze Liebe, Euer ganzes
Wesen lesen; und ist auch wirklich das Einschenken u Besorgen
einer Tasse Kaffee zur rechten Zeit für einen, geistig angestreng[-]
ter Arbeit hingegebenen Mann keineswegen so unwichtig, daß /
[51]
daß mir Dein lieber, an sich unscheinbar kleiner Wunsch: nur eine
Tasse Kaffee zu reichen, gerad in der jetzigen Zeit meiner geistigen
und leiblichen angestrengten Thätigkeit (warum sollte ich es Dir,
meinem eigenen Selbst nicht sagen) - als ein sehr werthvoller, ja beglüc-
kender erscheint. Meine Traute, vergiß es nicht: ächte Liebes[-] und
Lebenspflege vom geliebten Weibe ist auch Seelen- und Geistespflege dem
Manne. Glaube mir Theure, es kostet dem geistig thätigen Manne viel
Überwindung und Kraftaufopferung wenn er sie vermißt; deßhalb nun,
macht es ihn schon glücklich auf der Erde und sey es in der größten Ferne
ein Wesen zu wissen welches ihm, sich selbst zur Freude, gern solche kleine Pflege
reiche. Darum Dir meine G...... [sc.: Geliebte] schönsten Dank Dir für Deinen freundl[ichen]
fraulichen Wunsch. Denn daß Eure Darbiethungen Euch Freude machen
ist keinesweges die Wirkung eines Egoismus, sondern Euer zarter
Sinn, Euer leichtempfängliches Gemüthe fühlt leis durch, daß Ihr uns
dadurch beglückt und so ist Eure Freude uns selbst ein hohes Ge-
schenk, denn sie sagt ja uns, daß Eure Liebesdienste u Liebesgaben
gegen u für uns Euch selbst glücklich machen und dieß macht uns wiederso
glücklich und erregt die reinsten Lebens- ja Geistes- wie Strebens-
einigung. Siehe meine Luise, das Leben ist eben so menschlich, ja
göttlich schön. "Freude, Freude treibt die Räder in der großen Weltenuhr".[Schiller]
Reinste, göttliche Freude; darum raube sie Dir nicht [dadurch], daß Du ihr
einen fremden römischen, alles Gute in uns Deutschen ertötenden Namen
giebst.
3. Du gedenkest dankbar der Blumen der Räthin S.- [Schubert] so wie Du mir gü-
tig, mich erhebend und beglückend, aussprichst, wie in jeder schönen
Blumen Du ein Dir liebes Bild erblickst und wie Du so Innigkeit,
und Sinnigkeit, Lebenstheilnahme in jedes Sträuschen einflichst was
Du Deiner treuen Mutter mitbringst oder bringen läßt; siehe, so wirkt
Sinnigkeit weiter, und das Schöne und Liebe, was wir erst mit Sorgfalt /
[51R]
in Einem erkannt, tritt uns dann strahlend in Vielen entgegen;
wie, wenn wir nur erst in einem einzigen Thau- oder Regentropfen
die Pracht und Folge, den innern Zusammenhang des Farbenwechsels er[-]
kannt haben, sie uns dann auf Matten und von Bäumen, auf Kohl[-]
blättern und von Spinnennetzen wie aus dem Friedensbogen so {aus / von[}]
den Ersteren tausendfach entgegen leuchtet und unser Herz und
Sinn zu gleichem Einklang einladet, zu gleichem Frieden stimmt.
5. Du gedenkst freundlich der Blumen, welche Deine Güte mir erlaubte nach
manchem Spaziergang in Dein Laienbrevier zu legen. Jetzt ist das letzte-
re nicht mehr möglich; allein ich kann es nicht unterlassen, bin ich im Freyen
glücklich, an den Stellen wo mir dieß recht zum lebendigen Gefühl kommt
Blumen, Blumen für Dich mit dem Vorsatz zu pflücken Dir ein Sträuschen
oder auch nur ein Blatt davon zu senden; Leider gestatten dieß fast nie
die Umstände, weil bald darauf mich meine Lehrerpflicht ruft; allein
die innere Verbindung wird doch gepflegt, wie Du mir nun so lieblich er-
gänzend schreibst, daß Du ein Gleiches thust.- Sag meine Freundin,
und ich bitte beantworte mir in dem nächsten Briefe diese Frage:
lassest Du jeden Morgen das Laienbrevier zu Dir sprechen? Ich thue es,
es ist ein wunderlieber Morgengruß Schön welchen ich oft kaum
erwarten kann. Schön wäre es, wenn aus innerer Bestimmung Du
es auch thätest, dann im Bewußtseyn eine bestimmte Einigung auch äu-
ßerlich wahr [sc.: wäre]. Und immer wenn ich das Buch aufschlage fällt mir
zu erst Deine Lieblingsblume, die Vervena [sc.: Verbena] in die Augen[.]-
6. Die Bildersprache ist für den Menschen die liebste und verständlichste
denn Gott spricht und sprach ja selbst stets nur im Bilde, ja er konnte
sich selbst nicht vollkommener offenbaren als im Bilde, er schuf den
Menschen zu seinem Bilde und wir - wir sollen vollkommen seyn wie
unser Vater im Himmel also auch im erfassenden Bilde sprechen und
hier selbst, rede ich zu Dir nur im Bilde, nur der Geist erfaßt den Geist, /
[52]
d.h. das Innere wird nur vom Inneren erfaßt.
7. In Beziehung auf Dein briefliches Begrüßen meiner in Dresden schreibst
Du, die wahrhaft lebenswichtigen Worte, so leicht und schön sie Deinem
Gemüth entblüheten: - "so hatte ich nun, während ich meinem Her-
zen folgte, Deinen Wunsch erfüllt" - so ist es meine bräutliche Freundin
bei aller höheren und höchsten Lebenseinigung; selbst vom reinen
Menschen zu Gott findet dieses statt, jener erfüllt dieses Willen,
und Wunsch, wenn er seinem Herzen folgt; darum ist es dem sich wahr-
haft als Gotteskind erkannten und fühlenden Menschen so leicht die
väterlichen Wünsche Gottes d.i. seinen Willen zu erfüllen. Siehe welch
ein lebenswichtiger Sinn in Deinen wenigen Worten liegt, wenn
man sie wahrhaft erwägt: - folge darum gern den leisen Forderungen
und [dem] Zug Deines liebenden Herzens.
8. Weiter schreibst Du in Beziehung auf mich, gleichsam zur Bestätigung
des so eben Ausgesprochenen: - "und wie beglückend für mich Dein
Brief, da er nicht als Antwort, sondern als Deine Herzensstimme
zu mir kam.["] Du siehst nun, meine Herzensfreundin, wie Eines das An[-]
dere erklärt und wie so schön es ist wenn wir, wie wir uns eben
gedrungen finden unsere Gefühle uns aus[zu]sprechen, - indem sich da-
raus dann höhere Lebenswahrhrheiten [sc.: Lebenswahrheiten] entwickeln, wie aus dem
Vorstehenden Dir wohl klar ist.
9. Die kleine bei Dir sitzende Auguste arbeitet noch nicht gern allein,
Du mußt mit ihr arbeiten, d.h. Du mußt ihr Magnet seyn,
welcher durch Deine Thätigkeit die in ihr schlummernde weckt.-
Hast Du durch Deine Verhältnisse, vielleicht durch öffentliche Vorträge
woran auch Frauen Antheil nehmen können, wie dieß jetzt in Städten
so häufig der Fall ist - oder durch Bekanntwerden mit einem Freunde
der Natur Gelegenheit Dich etwas mit den ersten Erscheinungen der-
selben, d.h. der Physik oder Chemie bekannt zu machen, so thue es ja /
[52R]
die kleinste Kenntniß davon ist, von im großen Lebenszusam-
menhange aufgefaßt zur Selbsterziehung, wie zur Erzieh[-]
ung Anderer Lebens wichtig.
10. Bei dem Ausschneiden des Ältesten Deiner Knaben, bist Du ganz
den richtigen Weg gegangen: von der willkührlichen, freien
Thätigkeit aus ihn zur gesetzmäßigen Thätigkeit u. durch diese zur Darstel-
lung des Schönen und zwar mit Einsicht hinzuführen, wozu
er Dir selbst wieder die Anleitung giebt, indem er zur Sache
das klärende Wort sucht.
11. Es ist wahr es schien mir, als seyest Du - wie auch Allwina in
Hamburg - ein Wenig schnell gegangen; doch muß man sich
dabei von den Umständen wohl leiten lassen. Im Allgemeinen
aber muß man sich vor dem zu schnellen Fortschreiten hüten, weil
man dabei gar zu leicht den Grund und Boden, ja selbst die Kraft
den Trieb, die Lust des Fortschreitens schwächt. Fest bin ich jedoch
in mir überzeugt Dein einfacher richtiger Sinn, wird niemals in Ge-
fahr kommen wesentliche Mißgriffe zu thun. Also gehe nur ferner
Dir selbst vertrauend freudig vorwärts; wenn Du so auch ein-
mal irrst hast Du doch weder den Muth noch die Kraft, noch den
Willen verloren auf die Bahn des Rechten zurück zu kehren.
Nur Selbst- - Gott- - Natur- und Menschheits-, d.h. des Kindes Ver-
trauen Dir erhalten so geht alles gut.
12. Augustens Gefallen an einfacher Thätigkeit mußt Du besonders
beim Bauen dadurch wecken, daß Du ihr immer Eines aus dem
Andern entwicke[l]n machst, so, daß ein wesentlicher Theil stehen
bleibt und mehr Nebensächliches sich verändert z.B. aus dem
Schulhause [*Zeichnung:*]      , die Kirche [*Zeichnung:*]      , aus diesem das Rathhaus [*Zeichnung:*] aus diesem
das Landhaus [*Zeichnung:*]      , aus diesem die Treppe [*Zeichnung:*]      u.s.w. oder aus dem
Großvaterstuhl [*Zeichnung:*]      , zwei Stühle [*Zeichnung:*]      ebenso bei den Schönheitsformen
u.s.w. /
[53]
Das Vorstehende meine Luise heißt: Du mußt bei der kleinen Auguste
durch äußere Thätigkeit die innere geistige und zwar in
ihrer Stätigkeit zu und in ihrer Schaffenskraft wahrnehmbar
machen. Wie Du dieß so schön in Keilhau u. Eichfeld mit den aus[-]
geschnittenen Papieren gemacht hast, so mußt Du es auch mit den
8 Würfeln oder 8 Bauklötzchen machen, dann z. E. [sc: zur Einsicht] das Liedchen dazu
singen lassen: [*Zeichnung:*]      Seit' an Seite o, wie schön!, [*Zeichnung:*]      schönre Kanten
zusammen stehn; [*Zeichnung:*]      Kant' an Fläche will sich zeigen; [*Zeichnung:*]      Fläch' an
Kante beschließt den Reigen. Siehe das Sonntagsblatt, welches
Du hoffentlich besitzest.
13. Katharinchen's u. Otto's Behandlung muß ich, nach Deinen Andeutungen
ganz erfassend finden; ich freue mich Deines richtigen Taktes.
14. Was den Dir unklaren Satz in meinem vorigen Briefe von - ["]Zeigen
mußt Du den Eltern ... bis ... und kehrt sich selbst bewußt zu Gott
zurück" [betrifft] - diesen langen, vielfach gegliederten, durch Zwischensätze
schwerfälligen Satz mußt Du in seine einfachen Sätze auflösen
(Du kannst diese Aufgabe auch Allwinen schreiben) die Zwischen[-]
sätze, wie die Erweiterungen erst weglassen und dann zu dem
ersten ganz einfachen Satz immer eine erweiternde Bestimmung
nach der andern hinzufügen, dann werden wird Dir dieser Satz, wie
alle derartigen Sätze klar werden. Du mußt solche Sätze betrachten
wie die etwas stark in Kleider eingehüllten Puppen Deiner Mäd[-]
chen Jahre: erst legst Du den Mantel, dann Hut u Schleyer, endlich
Schahl ab nun steht sie schon gesellschaftsmäßiger vor Dir. Zu-
letzt kannst Du sie bis zur einfach menschlichen Gestalt, so auch
solche überfüllten Sätze, bis zum einfachsten Gedanken ent-
kleiden, und dann wieder zum bunten Strauß an einander
reihen, wie Deine Puppe durch Anlegung und Einfügung des der ver[-]
schiedenen Putzstückes zur Dame mit reicher Toilette machen. - /
[53R]
Versuche nun hiernach den schwerfälligen Satz Dir klar zu machen
und schreibe mir ob es Dir gelungen ist: z.B.
1. Zeigen mußt Du den Eltern wie das Kind sein Handeln thue.
2. Zeigen m. D. d. E. w. d. K. sein Handeln nach Gesetzen thue.
3. Z. m. D. d. E. wie d. K. s. H. nach ewigen Gesetzen thue.
4. ................wie dieß das Kind n. d. ewigen Ges. seines Geistes thue.
5. ............... wie es dieß (sein Handeln nemlich) nicht zufällig, sondern nach den
ewigen Gesetzen seines Geistes thue.
6. Zeigen mußt Du unds. w. wie dieß (sein Handeln nemlich) zwar das
Kind noch völlig unbewußt; allein nicht zufällig, sondern nach den
ewigen Gesetzen seines Geistes thue, welche zugleich die Gesetze der Na-
tur und alles Lebens, somit auch des menschlichen Lebens seyen.
D.h. also: ["]Die Gesetze die in dem Kinde leben und wirken sind zugleich die ewigen
Gesetze der Natur, u. alles, somit auch des menschlichen Lebens, das Kind
handelt nun zwar, Anfangs wohl, unbewußt, aber dennoch nicht zufäl-
lig nach denselben; denn es sind ja eben die ewigen Gesetze seines eigenen
Geistes." -- Ich zweifle nicht, Luise, nun wird Dir auch die Folge
zu Deinem klaren Verständniß aufzulösen möglich werden; und ist Dir dieß
gelungen so wirst Du später auch meine anderen, oft wohl etwas zu[-]
sammengedrängten Perioden verstehen lernen.- Doch meine theure Seele,
schreibe mir ja wo Dir etwas in meinen Darstellungen, Aussprüchen
und Forderungen unklar ist; denn von Dir wünschte ich recht verstan-
den zu werden; denn das ist gewiß daß Du die treueste Pflegerin
und Fortpflanzerin meines Lebensgedankens bist und immer mehr werden
wirst, deßhalb bitte ich Dich, gehe nur ruhig in Deiner Fortbildung weiter.
15. Innigst freue ich mich Deines Ausspruchs:- "Aber wie beseligt u kräftigt
mich immer aufs Neue die Gewißheit, daß Du mich liebst." Ich dagegen
fühle auch in mir keine Stelle von wo aus diese Gewißheit erschüttert
werden könnte, denn ich weiß ja, Du strebst in mein Innerstes,
was ich Dir jederzeit gern offen und klar darlegen werde, einzudringen. /
[54]
16. Du schreibst: ich könnte mich wirklich dazu verstehen mein ganzes
Leben noch einmal zu leben um mir eine Bildung anzueignen wie die
Zeit sie möglich macht u.s.w.- Glaube mir Freundin meines Herzens
diese S stille Sehnsucht lebt beständig in mir; o Du kannst nun wohl
fühlen, welches entsagende Leben ich in mir hinsichtlich der Ausbildung
meines Geistes, betreffend die Thatsachen der Natur und des
Lebens durch die Festhaltung meines Kindheitpflegenden Berufes
führe. Natur und Leben liegt mit seinen Thatsachen wie ein reicher
Garten mit den schönsten, seltensten und vielsagendsten Gewächsen
vor mir, und ich verweile mit meinen Kindlein am Eingang in denselben,
auf den ersten besten Rasenplätzchen, betrachte mit meinen Kindern
das Maasliebchen, die kleine Erdensonne, freue mich mit denselben wie
ein Kind als - wäre das große Weltall gar nicht da. Da mögen
wohl die hochweisen und gelehrten Herren über den kindischen Alten lächeln
welcher mit Kindern selbst zum Kinde wird - (wie sie denn jene Herren
auch wirklich im Leben und Thun, nicht viel oder vielmehr gar nichts mit
mir zu schaffen haben mögen) - allein ich denke, der Menschen u Kin-
der, so weit meine Forschung geht, nimmt sich Niemand eigentlich
gründlich an, ob man auch ihretwegen Städte einäschert u Länder rui-
niert, vielleicht auch manches große Haus baut u.s.w. Mit den Erden[-]
Menschen und Erdenkindern lebst Du aber nur einmal zusammen, ihnen
willst Du also gründlich und ganz leben, mir zu leben ist die Ewigkeit
frei gegeben, da werde ich wohl noch das Weltall durchforschen
können, und dann - suchen und finden wir uns, so wollen wir gemein[-]
sam einer Ausbildung unseres Wesens, einer Entwickelung desselben
leben, wie sie der Ewigkeit und den von ihr gegebenen Weltenverhält[-]
nissen angemessen ist. Wenn wir auch beide dort zunächst auf die A.B.C.[-]
schützenbank zu sitzen kommen, so sitzen wir doch beide darauf, u. -
wie sich die Kinder in der Schule von ihren schönen Erlebnissen, so können wir uns
von /
[54R]
unsern Lieben Erdenkindern erzählen; darum tröste Dich mit mir Deinem
G-.
17. Tadeln soll ich Dich, aber ich finde in Wahrheit keinen [Tadel] an und in Dir,
keinen in Deinem Thun. Nur einzig Freude kommt mir von Dir
und Friede; dennoch ich [sc.: in] mir für Dich kein schmeichelndes Gefühl, nur Ernst.
18. Wenn ich Dich gebeten habe mir täglich zu schreiben, so fordere ich
nicht jeden Tag eine halbe oder wohl gar ganze Seite. Mit "guten
Morgen!" oder "guten Abend" bin ich gern zufrieden. Der Mensch
ist einmal ein sinnlich-geistig Wesen, deßhalb freut er sich für [sc.:über] die
"Gedankenthat" auch eine "Thatsache" z.B. einen schriftlichen Morgen[-]
oder Abendgruß zu lesen. Doch eigentlich kann ich dieß auch nicht von
Dir fordern denn - ich gebe es ja selbst nicht, kann nicht. Also geben
wir auch hierin dem Leben seine Freiheit zurück. Ich bedarf, und
wenn Du selbst noch so lange Zeit mir nicht mehr schriebest, keines
Beweises daß Du mich liebst, mir treu bist, mein[er] gedenkst, ja Dich
selbst nach mir sehnest. Wer schreibt uns denn aus dem Jenseits?-
Und dennoch zweifeln wir nicht an der treuen Liebe und an dem
Andenken; sollte nun Jemand der uns theuer ist erst sterben
müssen, ehe wir ihm gleiches Vertrauen schenken; da sei Gott
vor. Ich bin mir Deiner Liebe, ohne alles Fordern, Bangen u Bangen
Lebens gewiß und so Du, ich weiß es, auch von mir.- Also still, wie Du will[st.]
19. Wenn ich gegen Dich von einer spätern Wirksamkeit in Rendsburg
sprach, so hat dieß keinen andern Grund als Dir einen Beweis meiner
steten Vor- und Fürsorge für Dich, selbst auf Kosten meiner eigenen
Entsagung zu geben. Ich in mir handle freilich auch noch anders:
ich suche eine Dich und mich wieder im Leben einigende Wirksam-
keit zu finden; doch ich bin nicht das Schicksal und weiß nichts von
demselben, darum bereite ich mich auf Alles vor. Wird Dein
Gemüth einen Ausweg zur einfachsten Lebenseinigung finden, ich werde
 /
[55]
ihn hochbeglückt betreten. Wie sich mein Herz nach einer angemessenen
stillen Wirksamkeit und zwar in Einigung mit Dir sehnet, dieß denke
ich kannst Du zwischen jeder Zeile lesen die ich Dir schreibe. Daß Deine
Epheu Wünsche auch die meinen sind dafür bedarf es auch nicht eines
Wortes darum: hat mein Lebensbaum einen festen Boden gefunden
so ist mein erstes Geschäft Dich mit in denselben zu verpflanzen, ja
ich kann nicht einmal für meinen Lebensbaum einen sichern Boden
suchen ohne denselben zugleich für Dich zu erstreben, für Dich,
deren Leben mit dem meinen so innig eines ist.-
20. Innig freue ich mich der Liebe Deiner Kleinen zu Dir wovon Du mir schreibst
ebenso auch der Freundlichkeit der alten Dame gegen Dich.
21. Daß Deine Kleinen bei Allem nach dem Gebrauche fragen ist ein Beweis
für das was ich oben aussprach, daß die Kinder, wenn auch Anfangs
unbewußt, doch den Gesetzen ihres Geistes folgen, so sich hier als
denkende Wesen beurkunden u.s.w.
22. Mit dem Weihnachtsbaume hat es folgende Bewandtniß. Friedrich
Hofmann
und J. Meyer lassen gewöhnlich einige Tausend Exemplare
davon drucken. Diese werden nun nach Städten unentgeldlich ver-
sandt wo Menschenfreunde sind welche einer größeren oder ge-
ringeren Anzahl armer, ganz armer Kinder gern eine Weihnachts[-]
freude machen wollen; Kindern, welche sonst keine bekommen;
nach solchen Orten werden 20 bis 40 und mehr Exemplare solcher
Schriftchen, wie gesagt, unentgeldlich gesandt, an irgend eine kinder[-]
freundliche Person. Der Per Diese Person sucht nun für die Schrift
Käufer zu finden, der Preiß ist gewöhnlich 10 bis 15 Sgroschen;
dieser Erlös wird nun zur Christfestfeyer für eine Anzahl von
Kindern benutzt, ist der Ertrag zu gering - (Mehrgeben bringt
Gotteslohn) nun so sucht man noch sonst Beiträge zu erhalten, auch
wohl von Bäckern kleine Stollen, vom Lichtzieher kleine Lichtchen /
[55R]
vom Lebküchner Lebkuchen u.s.w. - wenn alles dieß nemlich
die Umstände erlauben. Nach Maaßgabe der Mittel nun
wählt man die Zahl der armen Kinder und den Umfang der
Geschenke die gewöhnlich 3erlei in sich fassen a) etwas für die
Schule, den Unterricht: - Papier, Schreibzeuge, Schreibbücher, Schie[-]
fertafe[l]n rc rc. b.) ein kleines Kleidungsstück: Strümpfe, Schürze
Höschen, Halstuch, Westchen c.) etwas für den Gaumen u Magen:
kleine Stollen, Äpfel, Nüsse, Lebkuchen, einiges Zuckerzeug womit
nach Umständen ein oder mehrere kleine Bäume geputzt wer-
den. Wolltest Du nun in Rendsburg eine Anzahl von Kindern
ärmsten Kindern 10-20 eine solche Christfest Freude machen, so
müßtest Du sogleich an Friedrich Hofmann: Literaten
in Hildburghausen im Meiningschen
schreiben, ihn von Deinem
Vorsatze unterrichten und bei ihm anfragen: ob und welche An-
zahl von Weihnachtsbäumen er Dir wohl zur Ausführung Dei-

nes Vorsatzes senden könne. Du wirst ja dann hören, was er
Dir schreibt, und was Du zu thun hast. 20 Exempl. würdest
Du Dir wenigstens erbitten müssen. Der Erlös dafür würde
im Mittel vielleicht 10-12 Rth (könnte auch geringer seyn) ich weiß
nemlich nicht welcher Preis für dieß Jahr bestimmt ist. So viel ist
gewiß: Hofmann u Meyer werden Deinen Wünschen, da sie sich
auf Hollstein beziehen, so gern als möglich erfüllen [sc.:entsprechen / Deine Wünsche ... erfüllen].
23. Du bist gütig daß Du dem kleinen Kränzchen solche Aufmerk-
samkeit schenkst, danke Dir dafür.
24. Zschetzsche ist so krank, daß ich ihn noch nicht gesehen habe, er
muß jede Aufregung meidet [sc.: meiden]; einer seiner Lungenflügel soll
verletzt seyn.-
25. Meine Schülerinnen welche Du kennst sind: 1) Amalie K[rüger] 2) Amalie
M[attfeld]
- 3. Emilie Stieler 4) Henriette Br[eymann] 5. Herr Lose [sc.: Lohse] 6. Johanna Küstner
7. Luise Frankenberg. 8.-9 Hr u Frau Frankenberg 10. Herr Krell[.] /
[56]
Alles Andere dünkt mich hätte ich Dir schon geschrieben[.]
26. Für alle die mir zur Bestellung zugesandten Briefe danke
ich Dir, ich habe sie alle mit großer Theilnahme gelesen und dann
wie von Dir bestimmt sie besorgt. Fahre ja, wenn es auch Dir zusagt
so fort, für mich ist es sehr belehrend. Für das Packet habe ich
2 Sgr. weniger bezahlt als für meinen jüngsten Brief welchen
ich Dir unmittelbar von hier sandte. Unbegreiflich aber ist
es mir, daß es er von Hamburg hierher nur 1 Tag gegangen seyn
sollte; als Abgang sagt das Hamburger Postzeichen den 8. Nobr
und als Ankunft bezeichnet das hiesige Postzeichen auch den 8. Nbr.
27. Ich freue mich Deiner Verzichtleistung mit welcher Du am 26. 8br
meinen Brief einschlossest und erst Deine Kinder beachtetest,
ehe Du ihn lasest. Du bist aber auch dafür meine treue KinderGärt[nerin].
28. In den Zügen Deiner Handschrift lese ich zum Öfteren, daß Du mir,
indem Du schreibst, durch die Klarheit derselben Freude machen
willst, ich möchte Dir die Stellen bezeichnen; habe ich Recht? -
Und was Du wünschtest ha[s]t Du auch erreicht[.]
29. Meine Zeitbestimmung hinsichtlich des Briefwechsels soll Dich nicht fesseln.
Gehe ruhig dem was das Leben gestattet, nach.
30. Der Grund warum Du am 1 Nbr keinen Brief bekamest war, weil
ich fürchtete, er möchte Dir zu schnell auf den vorigen kommen; den[-]
noch konnte ich nicht bis zum 16[.] warten und so wirst Du ein paar
grüßende Zeilen von Allwinen erhalten haben[.]
31. Daß Deine Umgebungen so anerkennend für Deine wirkliche Hingabe
sind, macht mir sie lieb u achtungswerth und ich gönne Dich ihnen.
32. Leider ist mir nun die Zeit zu kurz für heut ist in all das einzu[-]
gehen was Du mir über Deine lieben Kinder und Deine Führung
derselben schreibst. Wiederholen muß ich Dir, daß ich nach dem
Inhalte Deines Briefes nur mit Dir zufrieden seyn kann. /
[56R]
33. Was Du mir von der Fr. v. C. hinsichts des Liedchen[s] im Mutter-
oder Familienbuches schreibst, ist mir gar sehr lieb, ich danke Dir.
34. Meine Wohnung ist - "Liliengasse No 19 ebener Erde"; allein
ich halte die Abgabe der Briefe bei Frankenbergs für besser;
weil ich doch in manchen Stunden z.B. Mittags nicht zu Hause bin;
doch will ich mich deßhalb noch erkundigen; vielleicht kommt der
Briefträger gerad in den Stunden wo ich zu Hause seyn muß -
und dann ist mir meine Hausnummer die liebere.
35. Deine Lichtmanschetten machen mir große Freude, sie sind gar
zu schön. Dank, schönsten Dank.
36. Kannst Du, so sende doch den Herrn Kettelsen von welchem
der Aufsatz im Rendsburger Wochenblatt 1 Exp [sc.: Exemplar] des Kinder-
gartens, damit die Idee dort auch mehr bekannt wird.
Vielleicht nimmt auch die Exped. des Wochenblattes eine
von mir Dir gesandte Anzeige auf.
37. Danke Deinen Kleinen auch für ihr Blümchen suchen, besonders
danke der lieben Auguste für ihr schönes Kästchen[.]
38. Ich schrieb Dir daß ich eine blühende Calla habe. Vorgestern
roch sie, duftete sie noch nicht; heut gestern als ich sie mit Deinem
schönen Kränzchen beg bekränzte duftete sie mir süßen Duft ent-
gegen. Könnte ich Dir doch auch eine blühende Calla schicken.
39. Was ich Dir früher aussprach, daß ich Dich rein um Deiner selbst wil[-]
len ohne Rücksicht auf irgend Etwas außer Dir liebe, bleibt e-
wig wahr. Die Wahl Deines Berufes hat in mir darauf gar keinen
Einfluß, wenn Du mir dadurch auch wohl persönlich näher gekommen
bist, deßhalb wird, die eingehendste Schülerin (die Du übrigens durch
Deinen Sinn u Dein Streben wie durch Deine Leistungen nicht im Mindesten
zu scheuen hast) - Dir den Besitz meiner Liebe nicht im Mindesten schmälern.
Was Du mir von Henriettens zärtlicher Umarmung schreibst, weiß ich nicht mehr.
Vergieß nicht, daß sie meine kranke, leidende, wie achtenswerthe Cusine ist.- /
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Keine meiner Schülerinnen kann mir je werden, was Du mir bist.
Dieß dünkt mich sagt Dir auch klar und bestimmt Dein Selbstbewußt[-]
seyn und wenn Du Dich meine bräutliche Freundinn, erinnerst
was ich Dir in ganz hingegebenem Vertrauen auf unserm kleinen
Soffa aussprach, daß ich Dich liebe von allem und jeden Zufälligen
frei, so kann eigentlich ein solcher Gedanke gar nicht in Dir auf[-]
steigen noch weniger Wurzel fassen. Frag und sag, wie kann
mich mit Jemand noch solches Vertrauen einen wie mit Dir?-
Dieser Gedanke muß Dir ganz undenkbar bleiben, so lange
Du, Du bist, und Du wärest ja gar nicht das Du was Du wirklich
bist, dieß reine, klare wenn Du es nicht auch ewig bleiben würdest[.]
Dieses ewige Bleiben Deines einfachen ganz einfachen aber
reinen, klaren hingebend vertrauenden Wesens, macht ja
eben Dein Wesen aus.
Doch ich kann mir die Wendung recht gut erklären, denn ich habe
ganz Gleiches in Beziehung auf Dich empfunden: Du erlaubst
mir in Deinem Briefe an Henrietten zu lesen: "Niemand
kenne Dich so gut wie sie"[.] Verdenkst Du wohl meinem liebenden
Gemüthe daß es sich ein Wenig kräuselte bei dem Gedanken:
"Solltest Du Deine Luise nicht so gut kennen wie irgend Jemand,
"Sollte sie sich Dir, selbst in ihren kleinen Schwächen, nicht so offen
"zeigen wie irgend Jemanden. Die Nachsicht mit Schwächen, das
weißt Du ja nur gar zu gut, auch in Beziehung auf mich, ist
eben ein wunderbar zartes Band der innigen Liebe.["]
Wovon und wofür ist nun Dein und mein Gefühl ein unumstöß[-]
licher sicherer Beweis?- daß wir uns beide gegenseitig
innig, rein und treu lieben. Damit laß mich denn auch
heute schließen. Gute Nacht. Mögen schöne liebliche Träume
Dich umspielen meine Traute, einzig Eine. Der Deine.- /
[57R]
[leer] /

[58]
Dienstag am 14 Novbr Nachmittags 4 Uhr
Ich muß eiligst schließen soll das Ganze noch zur Post
denn von 5-7 erwartet mich und von 8-10 wieder
Unterricht. Zur Erklärung der Sendung nur 2 Worte. Deinem
Wunsche gemäß wollte ich Dir Dein Kästchen zurück senden.
Aber Arbeiten hat[te] ich nicht, leer senden mochte ich es nicht so
wählte ich Blumen. Als ich solche aber in Dein Kästchen legen will
ist dasselbe zu niedrig - was ist zu thun , also anstatt des
goldnen muß ich das Bleigraue wählen (:Du kennst seine Bedeutung
aus dem Kaufm. v Venedig:) Wirst Du mir zürnen? - Dein
goldnes soll Dir verwahrt bleiben.- Damit Du aber auch in
Einigung mit Deinen Kindern und somit mit der Familie Dich der
Blumen, wenn etwas frisch davon zu Dir kommt freuen
kannst so mache von ei[n]igen Myrthenzweigen Deinen Kleinen
für die Freude die sie Dir u somit auch mir machen jedem ein
Kränzchen u gieb es ihm [sc.: ihnen] mit Gruß v. mir.- Sollte ein einziger
Myrthenzweig nur zu Dir kommen, so gieb demselben gute Erde,
setze ein Glas darüber vielleicht schlägt er Wurzel. Dein freund-
licher Diener wird Dir dabei helfend zur Seite stehen.
Damit Du aber auch mich in Dresden besuchen kannst lege ich
einen Plan bei: - Suche die Wilstörffer Vorstadt auf dann
X 9 die Annakirche, dann die Annagasse, dann die Plauische
Gasse hier zwischen beiden ist die Liliengasse an der Ecke gegen
die Straße am See ich wohne. Ich wohne gerad an der Ecke
wo der Bu[ch]stabe G. steht, ebener Erde.
Dein doppeltes Bild die Weiße Rose sende ich Dir, damit Du
auch im Bilde siehst wie Du in mir lebst. Bei festlich gestimmtem
Gemüth erscheint selbst die sich immer gleiche u gleich zarte Rose fest[-]
licher u so schmücke Dich die[se] mit den lieblichen Knospen an Festen u Sonntag[en].
D.FrFrFr. /
[58R]
[leer]