Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an Dr. Ludwig Storch in Gotha v. 16.11.1848 (Dresden)


F. an Dr. Ludwig Storch in Gotha v. 16.11.1848 (Dresden)
(BN Anh. 44, Bl 37-40, dat. Abschr.2 B 8° 8 S. von fremder Hand, Auszüge von ca. 1½ S./39R/40V bei König II/1985, 58-60 mit falschem Datum S.58: „26.November 1848“.)

Dresden, am 16 Nov. 48
Geehrter Herr und Freund.

Große Freude hat es mir gemacht, veranlaßt
durch eine Freundinn Ihres geschätzten Hauses,
einen Freundes Gruß von Ihnen zu erhalten;
Ihnen einen herzlichen Dank dafür. Seit unserm
leider letzten wie ersten Zusammenseyn habe ich
sehr oft der dort angeknüpften Mittheilungen
gedacht, und ich gestehe Ihnen auch, daß ich seit
demselben wieder einige Male in Gotha ge-
wesen; allein mein eigenes Geschick hat mich so
vom persönlichen Wirken zum persönlichen
Darsteller fortgerissen, daß mir kaum zum
gelegentlichen Sprechen darüber, noch weniger
zu schriftlichen Mittheilungen die Zeit gestattet
war und noch ist. Wie viel hat sich seit der Zeit
als der Gegenstand unseres Gespräches die Grün-
dung wahrer deutscher Volksbildung durch
Kindergärten war, in dieser Sache geändert;
wie steht jetzt in dieser Angelegenheit alles
ganz anders! Welch’ eine Theilnahme hat sich
seit jener Zeit allenthalben für den Ge-
genstand entwickelt, wenn auch in dem
Augenblick mehr noch um sich mit demselben /
[37R]
dessen Geist und Ergebnisse bekannt zu machen,
als ihn ins Leben selbst einzuführen. – Nein! -
dieß darf ich wirklich, nach der Wahrheit der vor-
liegenden einzelnen Thatsachen, nicht sagen, sondern
gerad das Gegentheil; denn die wahre Sehnsucht
sich mit dem Gegenstand bekannt zu machen, hat
mich mit meiner Wirksamkeit für diesen Win-
ter nach Dresden gerufen; eine Anzahl von mehr
als 40 Schülern und Schülerinnen, haben sich um
mich geschaart theils Jungfrauen und Frauen, Er-
zieherinnen, Lehrerinnen u. Mütter, Jünglinge und
Männer, Erzieher, Lehrer und Väter; und – unmit-
telbar wieder auszuüben und anzuwenden,
was sie als wahr erkannten, finde ich bei den
meisten als Thatsache. Daß von dem Stande der
eigentlichen Volksschullehrer an, welche ganz
besonders von der Wahrheit des Gegenstandes
ergriffen, und für dessen Ausführung begeistert
sind, es wohl keinen wesentlichen Punkt
bis zu den höchsten Behörden des Staates hinauf
es giebt dem die Sache nicht nahe gebracht
sey, dieß mögen Sie geehrtester Herr und
Freund gütigst aus den Anlagen ersehen.
Eines ist für die Verbreitung und allgemeinere
Anwendung und Ausführung der Sache noch /
[38]
ein großes Hemmniß, es ist dieß, daß die Tagesliteratur
das Volksschriftenthum und ganz besonders die Tages-
blätter des Volkes noch so ganz einzig und allein, und
nur von einer gewissen Richtung her, von der
Politik überfluthet werden; da doch in ächten und
durchgreifenden politischen Berathungen, vor allem
die begründende und die Begründung ächter Volks-
bildung auch wohl nicht nur ein verlorenes Plätz-
chen, sondern um der Sache und deren Erfolg
willen, einen Platz verdiene. Sollte sich Ihnen
geehrtester Herr und Freund nur irgend Gelegen-
heit zeigen, die deutsche Presse auf diesen Man-
gel und dieß Versäumniß aufmerksam zu machen
so bitte ich, es ja zu thun. Ich darf mit dem
mir Theuersten als Bürge eintreten, Sie wer-
den sich dadurch den gediegensten Dank derer
verdienen die ächte Volksfreunde sind. –
Ich bitte Sie hochgeschätzter Herr und Freund finden
Sie das vorstehend ausgesprochene in dem Be-
dürfnisse des Volkes gegründet, sonst müßten
Sie es unstatthaft erkennen jetzt erst den
Zweck dieses Briefes zu erfüllen Ihnen Ihre
vertrauende Anfrage hinsichtlich der geehrten
Freundin Ihres Hauses zu beantworten.
   Von solchen warmen Freundschaftsgesinnungen /
[38R]
erinnere ich mich kaum, daß noch eine meiner
künftigen oder vielmehr nachherigen Schü-
lerinnen bei mir eingeführt worden sey,
wie die geehrte Freundin Ihres Hauses von
Ihnen, und ich gestehe Ihnen offen, daß man
sich hüten muß nicht etwas davon bestochen
zu werden; so viel ist aber jedenfalls
bei mir gewiß, es thut mir wahrhaft
leid, daß mir der Wunsch Ihrer in Frage
stehenden Freundin nicht vier Wochen früher
ausgesprochen worden ist, so würde sie sogleich
hier in Dresden in den Bildungscursus habe
eintreten können, welcher durch eine Mehr-
heit glücklich zusammentreffender Umstände
günstiger glücklicher Verhältnisse gewiß
zu einem der erfolgreichsten gehören wird,
welche noch von mir werden gegeben wer-
den, indem sich eine solche Menge durch Wissen-
schaft und Erfahrung vorgebildeter, durch Be-
geisterung eingeführter und der Aneignung
wie Anwendung mit gleichem Fleiße und
Treue hingegebener Schüler und Schülerinnen
sich schwerlich irgendwo wieder zusammen-
finden werden; die Mitgenossen und Mit-
schülerschaft aber ganz außerordentlich und /
[39]
wesentlich zur Zielerreichung jedes Cursus bei-
trägt. Doch jetzt bleibt uns nur noch
übrig, die Thatsachen zu beachten wie
sie vorliegen. – Wo ich meinen nächsten
großen halbjährigen Bildungscursus aus-
führen werde weiß ich jetzt noch nicht,
mehrere Orte sind dazu inVorschlag; allein wer
kann in diesem Augenblicke weithin Lebens-
pläne machen. Der jetzige Bildungscursus
wird gegen Ende des Monats April hier geschlossen
werden. – Eine Anzahl meiner hiesigen Schüler-
innen können nun durch die Umstände be-
stimmt nur einen sogenannten Halbencur-
sus machen, dieser geht im Januar zu Ende.
Nun haben sich zu einem neuen sogenannten halben Cursus, wie
ich höre, wieder Einige für die gedachte Zeit bis Ende
April gemeldet. Ob aber eine solche Anzahl zusammen-
kommt, daß wirklich die Kosten eines solchen Cursus
gedeckt werden, kann ich in diesem Augenblick
noch nicht sagen. Wie also die Sache vor mir liegt,
so weiß ich Ihrer Freundin, so leid es mir in gar
mancher Beziehung thut, doch keinen andern Rath
zu geben, als ihre Ausbildung bis zum nächsten
größeren Cursus, welcher ohne Zweifel künfti-
gen Herbst wieder beginnen wird, zu verschie- /
[39R]
ben, im Fall dieselbe nicht vorziehen sollte noch
möglichst bald in den jetzigen Cursus einzu-
treten, wo jedoch wegen der wenn auch ab-
gekürzten Mittheilung des Verflossenen, auch das
Honorar für die verflossene Zeit getragen wer-
den müßte. Das monatliche Honorar für den
6 monatlichen Cursus täglich 2 Stunden Vortrag
und praktische Vor- und Ausführung beträgt
4 Thl. wobei jedoch erlaubt ist, als Wiederholung
auch an dem zweiten täglich an 2 stündigen
Cursus von 5-7 Uhr Abends wenn es für nütz-
lich geachtet wird – (und einige thun es) – Antheil
zu nehmen, der Vortrag und unterricht für
den engeren Schülerkreis ist Morgens früh
von 8-10 Uhr. Von 10-12 Uhr ist Übung für den
engern Schülerkreis – wozu natürlich Ihre Freun-
din gehören würde; hier werden besonders
auch in der einen Stunde die bei den Spielen
und Beschäftigungen mit den Kindern zu singen-
den Liedchen geübt, obgleich bei einem besonderen
Lehrer, so wird doch das Honorar nicht erhöht. -
Von 2-3 Nachmittags ist begründenter [sc.: begründender] Zeichen-
unterricht, oder vielmehr Unterricht im entwickelnd-
erziehenden, somit allgemeinen begründenden
Zeichnen, von dem Vortrage nur in seinem Wesen /
[40]
erwähnt, hier aber zur Aneignung und wieder An-
wendung ausgeführt. Das besondere Honorar be-
trägt hierfür monatlich 2 Thl. Als Zugabe unent-
geldlich ist fortgesetze Einübung der Kinder- und
Spielleidchen von 3-4, weil Singen, Sicherheit und
Reinheit im Singen ein Haupterforderniß dieser
entwickelnd erziehender Kinderführungsweise
ist. Jeden ersten Sonntag in jedem Monate
ist bei mir von 7 Uhr Abends an gesellschaftliche
Zusammenkunft der sämmtlichen Glieder unseres
Bildungskreises. – Die Ausführung und Anwend-
ung der Spiele mit den Kindern können in
den Stunden von 11-12 oder 4-5 in dem Franken-
bergenschen Kindergarten statt finden, welcher dicht
bei meiner Wohnung ist, wie denn mein Bil-
dungscursus mit dem Frankenbergschen Kinder-
garten in innigem Verbunde steht.
Zur Theilnahme an dem hiesigen Cursus sind
mir hierher gefolgt: Frl. Emilie Stieler aus
Rudolstadt (für Rudolstadt bestimmt), Amalie Mattfeld aus
Hamburg (für Hamburg bestimmt) Henriette Dahlenkamp
aus Hagen in Westph. (für Leizig bestimmt) Frl.
Henriette Breymann aus dem Braunschweigi-
schen für ihren Heimathort nächst <Bekennem>
bestimmt. Amalie Krüger aus Halle. Bestimmung /
[40R]
unentschieden. Von diesen höre ich zahlt durchschnitt-
lich jede monatlich für Kost, Licht, Heizung, Möbeln mit Bett-
stelle und Strohsack 10-11 Thl monatlich. Das Bett nebst
Bett- und Handwäsche haben sie mitgebracht. Sonst wird
für das Bett noch 20 Sgr. bezahlt. Wie es mit der Wäsche
steht weiß ich nicht, doch soll diese höre ich billig sein.
Auch haben meine Schülerinnen nochFrauenturnen
wöchtentl. 2 Stunden, woran selbst die Fr. Director Franken-
berg
Antheil nimmt, wofür wöchentlich 5 Sgr bezahlt
wird. Was nun Ihre erste Frage Anfrage betrifft:
“Ob Ihre geehrte Freundin unter den von Ihnen selbst
ausgesprochenen Voraussetzungen, auf meine Empfehl-
ung als Kindergärtnerin rechnen könne?“ – darauf
antworte ich mit vollster Beistimmung ja. Auch haben
alle meine sämmtlichen bisherigen Schülerinnen
sämmtlich Anstellungen, oder Wirksamkeiten zu ihrer
Zufriedenheit, und auch von meinen jetzigen engeren
Schülerinnen haben nur 2 wie angeführt noch keine
feste Bestimmung. Daß Ihre Freundin sich für eine größere
Stadt bestimmt ist mir erfreulich. Denkt sie nicht an
ihre Vaterstadt Koburg? – Sollte nun mein letzter
Vorschlag Ihnen genehm sein, so müßte ich auch
wegen einer Wohnung um baldigste Antwort
bitten. Mit Hochachtung und Freundschaft.
Friedrich Fröbel