Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an Leonhard Woepcke in Annaburg v. 19.11.1848 (Dresden)


F. an Leonhard Woepcke in Annaburg v. 19.11.1848 (Dresden)
(Autograph nicht überliefert, ed. Jänicke 1880, 240-241. - Jänicke bemerkt S. 240, Anm. 1, daß der Brief auf einem Bogen geschrieben ist, der im Kopf eine Lithographie der Trümmer des Schlosses Tharandt trägt.)

Dresden, am 19. November 1848.
Zwar nicht aus Tharandt, aber doch aus dem ihm nahe gelegenen Dresden, wohin mich auf längere Zeit mein Schicksal geführt und in gewisser Beziehung für dieselbe heimisch gemacht hat, empfangen Sie, verehrter, theurer Freund, diese Zeilen. Sie sehen daraus, wie die Wogen der Zeitentwickelungen auch mich ergriffen und mich auf das Meer des Lebens, aber auch mit meinem ganzen Wollen und Streben und gleichsam im Dienste desselben hinausgetrieben haben. In letzter Ursache hat mich eigentlich unsere Versammlung deutscher Volksschullehrer und Erzieher zu Rudolstadt hierher gebracht. Mehrere Dresdener Erzieher und Erzieherinnen, welche bei derselben gegenwärtig waren, wünschten nun auch einen ausführlichen Cursus für die von mir angebahnte, besonders frühe Kinderführungs-, Spiel- und Beschäftigungsweise in Dresden zu hören. Und so ist es denn gekommen, daß ich auf geschehenes Gesuch meinen gewöhnlichen 6monatlichen, winterlichen Bildungscursus für diesen Winter hierher nach Dresden verlegt, und nun diesen Kursus schon seit dem letzten Viertel des vorigen Monats, also nun bald seit 4 Wochen hier begonnen habe. Da es nun in einer so großen Stadt, wie Dresden, so schwierig ist, mehrere, besonders Lehrer und Lehrerinnen während der ganzen Woche immer in fest bestimmten Stunden zusammen zu vereinen, so bin ich bei meiner Anzahl von ohngefähr 45 Theilnehmern genöthigt, solche in 3 verschiedenen Abtheilungen Morgens von 8-10 Uhr, Nachmittags von 5-7 Uhr und dreimal in der Woche, in einem sogenannten halben Kursus, von 8-10 Uhr Abends bei mir zu sehen. Unter den Theilnehmern sind 24 Jungfrauen, im Mittel 20 Jahre alt, 6 Frauen und Mütter und ohngefähr 12-15 junge Lehrer, erfahrene Männer und Väter. Die zwei Stunden sind gewöhnlich in drei oder zwei Theile getheilt, wovon der eine strengen wörtlichen Vortrag in sich faßt, der andere oder die beiden anderen Theile aber der Vor- und Ausführung der verschiedenen Spiele gewidmet sind. Außerdem aber haben die mir von außerhalb gefolgten, sich früher schon für den Kursus in Keilhau bestimmten 6-7 Schülerinnen täglich noch einige Übungsstunden theils im Zeichnen bei mir, theils im Singen bei meinem Gehülfen.- Welche eine angestrengte Thätigkeit und Kraftanwendung dies von meiner Seite erfordert, werden Sie nun, theurer Freund, leicht sagen können. Allein ich habe dagegen auch große Freude, indem unter meinen, ich darf sagen Schülern - weil es überall und oft unmittelbar schon in der nächsten Zeit die Anwendung gilt - es sehr viele durch Nachdenken und Le- /
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benserfahrung Gebildete gibt, welche zur Prüfung des Ganzen wie des Einzelnen ein sehr richtiges Urtheil mitbringen. Daß ich nun, geliebter Freund, in diesem Kreise sehr oft an Ihre eingehende und förderliche Theilnahme erinnert werde, und daß ich Sie sehr oft als Theilnehmenden an unseren Mittheilungen hier wünsche - indem der Gegenstand, seit wir uns das letztere mal darüber gegenseitig Mittheilungen machten, sich vielseitig weiter aus- und durchgebildet hat - das werden Sie ganz in der Ordnung finden. Aber dadurch ist nun auch, ich will es Ihnen nur rechtschaffen gestehen, in mir der Wunsch recht lebhaft rege geworden, wieder einmal in Ihrer gemüth- und geistvollen Nähe, in Ihrer ruhigen Wohnung ein so friedvolles geist- und gemüthstärkendes Leben zu leben, als ich schon zweimal es that. Sie, mein geehrtester Freund, sind darum gar nicht sicher, daß ich nicht, so wie mir einmal hier einige Tage Freizeit gestattet werden, dann ganz unerwartet bei Ihnen anklopfe und einspreche, im Fall Sie nicht, seit Ihrem letzteren lieben Brief an mich, etwa ein junges Weib als glückliche und beglückende Gattin in Ihre friedige Häuslichkeit eingeführt haben.
Mein Hiersein hängt auch mit einem Plan zusammen, welchen auch der Minister v. d. Pfordten begünstigt, daß in Sachsen einige Musterkindergärten als öffentliche Anstalten errichtet werden sollen. Zunächst hier und in Leipzig. Lassen Sie bald wieder etwas von sich hören
Ihrem treuen Freunde

Friedrich Fröbel.