Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an Elise Fröbel in Keilhau v. 23.11.1848 (Dresden)


F. an Elise Fröbel in Keilhau v. 23.11.1848 (Dresden)
(BN 623, Bl 2-3, Brieforiginalfragment 1 B 8° 4 S., Schluß fehlt.)

 [Schmuckbild mit Text:
  "A.H. Payne sc. - Wasserfall. Bei
  Langhennersdorf."]
Dresden, Liliengasse No
19 ebener Erde
Am 23n Novbr 1848.
Liebe Elise.

Wie ich hoffe wirst Du
durch Middendorff gehört
haben, daß ich mir schon
längst vorgesetzt habe Dir
einen recht ausführlichen
Brief zu schreiben; allein
ich bin von der regen und
wirklich förderlichen Theil[-]
nahme, welche die Sache der
frühen naturgesetzigen,
entwickelnd-erziehenden
Kindheitpflege hier gefunden
hat, so außerordentlich,
wie Du Dich nach weiteren
Mittheilungen selbst über-
zeugen wirst, so in Anspruch genommen, daß wenn ich nachher die we-
nige Zeit, welche mir zur Erholung gegönnt ist, dagegen nicht ganz ruhig
ohne alle Störung verleben und in derselben mir ganz selbst leben könnte, ich die[-]
se Anforderungen an meine Thätigkeit und Kraft nicht würde aus-
halten können. Höre, und urtheile selbst. Ich will Dich zuerst mit
meiner Zuhörer- ja ich darf in Beziehung auf alle sagen, Schülerschaft
bekannt machen. Es sind der Theilnehmenden vierzig und etliche. Da
sich an die Namen Vorstellungen knüpfen, so will ich Dir deren Namen
nennen und zwar mit den Jungfrauen und zwar mit der jüngsten, die wie
ich glaube im 16n Jahre steht, beginnen und so im Alter, wie es mir
so ohngefähr entgegen tritt aufsteigend fortsteigen. Das Ende wird
in dieser Reihe wohl Luise Frankenberg oder Fräulein Marschner seyn.
Das mittlere Alter in dieselben mag das 20e Jahr seyn. Und so hast /
[2R]
Du ein Bild meines Erziehungskreises. Also erstlich der Jungfrauen
Kreis.- Arminia Busch - Amalia Schwarz - Agnes Schöne - Sidonie
Angelstein
- Ida Voland - Bertha Glöckner - Geo[r]gine Fuchs - Jettchen
Schädel
- Emilie Stieler - Henriette Breymann - Klärchen Wagner -
Aurora Busch,- Auguste Reinhard,- Amalie Krüger - Emma Habicht [-]
Henriette Dahlenkamp - Johanna Küstner - Thekla von Gumpert [-]
Amalie Mattfeld - Auguste Schmidt - Agnes Richter - Frl. Krämer [-]
Frl. <S.> von Scheibner - Frl. Marschner - Frl. Frankenberg. = 26.
Zweitens der Frauenkreis: Frau Director Frankenberg - Frau Dr
Herz
- Frau Erxleben - Fr: Schaller - Frau Eckardt,- Frau Dr Budich -
Frau Kellner = 7. - Jünglings Kreis: - Herr Krell - He. Ritz [-]
Herr Perthen, - Herr Engelmann - Herr Wilke - Herr Lehmann = 6
Sämtlich Erzieher und Lehrer; außer Herrn Krell, schon angestellt.
Der Männerkreis[:] He. Hihle - Herr Nitze - Herr Frankenberg - He.
Dr Marquardt - Herr Motschmann (aus Meiningen) = 5. Lehrer und
Familienväter. Somit besteht der ganze Kreis aus 44 mit mir
45. Unter den Jungfrauen Kreis sind auch Mehrere welche schon
als Lehrerinnen und Erzieherinnen hier wirken. Außer diesen
werden die Vorträge auch von Zeit [zu Zeit] von Gästen besucht, welche durch
Mittheilungen angezogen werden; dieß gilt namentlich von einem
jungen Arzte.
Da es schwer ist für eine solche Menge während längerer Zeit die
ganz gleichen Freistunden täglich heraus zufinden, so hat sich die
ganze Gesellschaft in drei Abtheilungen getheilt. Die erste Abthei[-]
lung hat ihre Stunden täglich von 8-10 Vormittags. Diese Abtheilung
besteht fast nur aus den jüngeren Jungfrauen Fräul. Krüger und
Mattfeld mögen die ältesten seyn, nur eine Frau, Fr: Dr Herz eine der
eingehendsten Frauen die ich je gefunden habe nimmt daran Anteil[.]
- Die Zweite Abtheilung ist Abends von 5 - 7 täglich. Hier sind es größten[-]
theils schon ausübend wirkende Lehrer und Erzieherinnen z.B. der Franken-
bergsche Kreis. Die dritte Abtheilung der sogenannte halbe Cursus ist
3 mal wöchentlich Abends von 8-10. Den hieran Antheil Nehmenden
kostet es fast durchweg viel Mühe auch nur hierzu die Zeit zu gewinnen.
Und sind wohl 3-4 in diesem Kreise welche jederzeit nahe 3/4 Stunden /
[3]
jederzeit her und zurück zu gehen haben, um die Vorträge zu theilen,
Du kannst Dir also das Interesse dieser an den Vorträgen denken,
denn diese haben meines Wissen[s] nicht nur noch nie gefehlt, sondern
sind noch überdieß fast immer die ersteren der Kommenden. Unsere
treue Luise Frankenberg gehört zu diesen. Was diese für eine
Freudigkeit, eine Sicherheit und Leben in der Führung des Ganzen ge[-]
wonnen hat, das kannst Du kaum glauben. Abends in diesen Stunden
ist sie bei unseren Übungen immer die Vorsängerin und ihre sich kräftig
und voll entwickelt habende Stimme ist ein trefflicher Anhaltepunkt
beim Gesang. Du solltest einmal unsere Spielliedchen so im vollen Chore
hören, Männer- Frauen- Jünglings- und Jungfrauenstimmen großentheils
gebildet, welch einen herrlichen oft ergreifenden Eindruck sie machen
wie z.B. jüngst beim Kirchfenster. Es herrscht aber auch eine Freudigkeit
Begeisterung und Kindlichkeit in dem Kreis, eine wahre Kinderlust ob
es gleich einige erwachsene Männer und im Alter schon vorgeschrittene Frauen
sind die daran Antheil nehmen. Schwer wird daher oft die Trennung wenn
die Glocke 10 Uhr schlägt und die städtische Hausordnung besonders die so
fernwohnenden zum Aufbruche ruft. Ja die Männer, die sich so recht in
ihrem neugewonnen[en] Vaterglück wohl fühlen, die bleiben gewöhnlich
noch ¼ Stündchen ja noch länger.
Außer diesen Stunden haben nun meine engeren Schülerinnen, die
gleichsam den Keilhauer Bildungscursus durchgehen noch ihre Übungs[-]
stunden von 10¼ bis 11. Für die Spiele von 11-12 bei Herrn Krell
Singen der Koselieder - von 2-3 bei mir Zeichenunterricht, und
von 3-4 bei Herrn Krell Singen der Ball[-] und anderen Lieder.
Damit wir uns aber auch von Zeit zu Zeit einmal Alle zusammen
finden, wozu auch wohl noch hie und da ein Gast kommt, so findet jeden
ersten Sonntag in jedem Monat von Abends 7 Uhr an bei mir
Zusammenkunft und Abendunterhaltung statt, welche erst mit ruhigem
Einzelgespräche und Mittheilung beginnt, dann werden welche von un-
sern Kinderspielen im Großen ausgeführt, dann gewöhnliche Gesell-
schaftsspiele die oft viel zum Lachen geben, so wurde z.B[.] das letztere
mal Keilhau dargestellt und ein ganzer Wald der jungen Mädchen
als Eichen umgesägt u.s.w. was sich sinnig ausgeführt sogar sehr schön machte /
(3R) aber auch viel zum Lachen gab als bei der Sylbe hau: Haust Du
meinen Juden, so haue ich Deinen aufgeführt wurde. Daß wo
so viele junge Mädchen sind - wo ein Pianoforte im Saale steht -
wo es so viele es Spielende giebt - es nun nicht ohne Tanz bleiben
kann wirst Du natürlich finden und wurde gleich beim Beginn
der Abendunterhaltungen darauf angetragen, daß dieser
wesentlich mit zu denselben gehören möge. Also auch dieser fand
Statt. Doch den Schluß des Ganzen machten schöne, einzeln, oder
in Gesammtheit mit Pianobegleitung vorgetragene Gesänge.
Hier zeichnete sich besonders die oben gedachte Frau Dr Herz, eine
reichbegabte Frau, glückliche Mutter und beglückte Gattin aus,
welche uns unter andern ein Liedchen vorsang - die Zupffleckchen
was sie augenblicklich dichtete und sogleich in Gesang und Musik[-]
begleitung vortrug, und was das Merkwürdigste war, dieses
Liedchen dessen Idee und Gedanke ihr eben aus dem Ganzen unserer
Kinderspiele und Beschäftigungen hervorgegangen war, sprach
auch ganz den Geist und das Streben aus, wie das Ganze, hier
durch das Zupfen erst zertheilt und dann durch das Spinnen, Weben
wieder zu einem nutzbarerern Ganzen zusammen gefügt wurde.
Daraus siehst Du, welch ein gleicher und einiger Geist das Ganze durch[-]
weg belebte, der Geist ächter Erziehung. Die anderen Spiele waren
Spiele der Aufmerksamkeit, des Witzes u.s.w. In ruhig beachtendes
Gespräche, gleichsam ein Endergebniß aus dem Ganzen ziehend, löste
sich die Mittheilung und Unterhaltung auf als der Kreis es mochte
gegen 11 Uhr seyn ganz aus einander gieng.
Hier hast Du also so ziemlich ein Bild des innern Zusammenlebens, wel-
ches besonders durch einige sinnig eingehende kindliche Männer und
Familienväter so sehr gehoben wird. Nun etwas vom Äußern.
Unser häusliches Zusammenwohnen kannst Du Dir an Keilhau klar machen[.]
Ich wohne wie bei Breternitz aber ebener Erde, der Eingang vom Dorf aus.
Henriette Breymann wie bei Euch, aber in der 3' Etage, d. i[.] auch im Dache[.]
Frankenbergs, wohnen wie Wächters und bei ihnen die Krüger, Mattfeld, Habicht
Emilie Stieler - Henriette Dahlenkamp u[n]d Aurora Busch. Diese alle nebst mir
und Herrn Krell essen nun auch bei Frankenbergs zu Mittag und Abend. [Text bricht ab]