Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an Carl Pilz in Bischofswerda v. 23.11.1848 (Dresden)


F. an Carl Pilz in Bischofswerda v. 23.11.1848 (Dresden)
(Brieforiginal 1 B 8°4 S., nicht überliefert, ed. Müller 1914, Dresdner Geschichtsblätter, Jg. 23,Nr.1, 1-3. Im Kommentar kennzeichnet Müller die Reinschrift als Brief von „vier enggeschriebenen Oktavseiten“. Seitenangaben nach der Edition Müllers.)

Dresden, Liliengasse No. 19, Ebener Erde.
Am 23. Nov. 1848.

Mein geschätzter Herr Pilz!

Sie wissen also nicht, daß ich noch in Dresden
bin und den ganzen Winter hier bleiben werde, um
den sechsmonatlichen Bildungskursus, welchen ich sonst
für künftige Erzieherinnen und Kindergärtnerinnen
jeden Winter in Keilhau gab auf den Wunsch einer
großen Anzahl von Freunden der Kinderwelt, für
diesen Winter hier in Dresden gebe? Schon ist
der erste Monat meiner Wirksamkeit hier verflossen,
ja ich habe mit Beginn dieser Woche den zweiten
begonnen. Vom ersten Anfange meiner Thätigkeit
hier wollte ich Ihnen davon Nachricht geben und
Sie einladen mich einmal zu besuchen, was ja so
leicht ist, indem Sie Morgens mit dem ersten Zuge
hereinkommen und Abends mit dem letzten Zuge /
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zurück fahren können. Thun Sie es doch einmal und
gleich nächsten Sonntag, dann wollen wir Manches
und hoffentlich Lebenswichtiges besprechen. Jetzt zu-
nächst zur Beantwortung Ihres lieben, heut emp-
fangenen Briefes. Es thut mir freilich leid, daß mir
die Anfragen Ihres Freundes nicht 5 – 6 Wochen
früher zugekommen sind, alsdann hätte dessen Tochter
sogleich an dem jetzigen Bildungskursus Antheil
nehmen können, wenn dem Vater derselben anders
meine Antwort zugesagt hätte. Sollte letzteres nun
jetzt der Fall seyn, so bleibt nichts übrig, als daß
die Tochter entweder in dem nächsten Kursus, welcher,
als zu Neujahr beginnend, in Aussicht steht, eintritt
oder ganz wartet bis im künftigen Herbste der nächste
Winterkursus wieder beginnt. Freilich kann ich jetzt
aber auch noch nicht sagen, wo ich den nächsten
Winterkursus abhalten werde, weil mehrere Orte resp.
Städte dafür in Aussicht stehen, sich bis zur Mitte
des künftigen Jahres aber erst entwickeln muß -
denn alles Leben ist ja jetzt in einem wiedergebärenden
Gähren – welche Stadt hinsichtlich des Darbietenden,
sich der Sache am förderlichsten zeigt. Also zuerst
zur Beantwortung der Fragen:
1. „Wie alt muß das Mädchen sein, die Auf-
nahme finden kann?“ – Mädchen, welche mit dem
17. Jahre schon eintreten, haben sich im 18ten Jahre
nach den vorliegenden Erfahrungen schon als mit
Erfolg wirkende Kindergärtnerinnen bewiesen. Das
mittlere Alter der Eintretenden ist gewöhnlich das
20. Jahr. Doch wo noch reger kindlicher Sinn, also
Neigung zur Beschäftigung mit den Kindern vor-
handen ist, habe ich auch Schülerinnen, welche schon
den hohen 20igern nahe sind, und auch sie wirken,
bei dem ausgesprochenen Bedingen mit Segen. -
Unter meinen jetzigen Schülerinnen ist sogar eine im
16. Jahre, welche natürlich, ehe sie später selbständig
antreten kann, erst noch längere Zeit in einer Anstalt
als Gehilfin wirksam und sich so Erfahrung und Ur-
theil sammeln muß.
2. „Was setzen Sie voraus hinsichtlich der Kennt-
nisse?“ – Die Kenntnisse, welche jetzt jede gute
Mädchenbürgerschule giebt hinsichtlich auf Sprache,
d.h. Muttersprache, einige Kenntnisse der Natur,
Rechnen gar nicht zu erwähnen, ebensowenig eine
religiössittliche Bildung wie Sittigkeit und reines
Herz, was ich schon voraussetze, weil die Wahl der
einstigen Wirksamkeit auf den Erzieherberuf fällt.
Als Fertigkeiten, aber noch einige Übung im Singen,
wenigstens Neigung und Fähigkeit zum Singen.
Diese Eigenschaft muß die Jungfrau wenigstens
haben, je mehr sie Übung und Fertigkeit im Singen,
ja Kenntniß in der Musik hat, umso erfolgreicher
wird ihre künftige Wirksamkeit seyn.
3. „Wieviel würde der Unterricht, überhaupt alles
bei Ihnen kosten?“ – Der Unterricht in der ent-
wickelnd-erziehenden Kinderführung und Beschäfti-
gungsweise; also sowohl Einführung in das Wesen
und die Weise der Kinderführung, als Mittheilung
und Einführung der Mittel und Wege, also mit
bekannten Worten ausgesprochen, der täglich 2 -
stündige
theoretische und praktische Unterricht von
mir persönlich kostet monatlich 4 Thaler. Dabei
sind jedoch noch 3 Übungsstunden, eine täglich für
das Spiel und zwei für das Singen unter meiner
Oberleitung bei meinem Gehilfen resp. Singlehrer.
Für den entwickelnd-erziehenden, allgemein begrün-
denden Unterricht im Zeichnen, welches zwar eine
besondere und getrennte, aber wesentliche Seite der
Kinderbeschäftigung macht, streng als Schule durch-
geführt in täglich einer Stunde bei mir persönlich,
monatlich 2 Thaler. Der Vortrag kann nur die
Gesetze und die begründung dieses Unterrichtszweiges,
wegen seiner selbstständigen größeren Ausführung vor-
führen. Für Wohnung, Kost, Heizung, Aufwar-
tung, Licht, höre ich, wird von meinen Schülern nach
Umständen, 9 - 11 Thaler monatlich bezahlt. Außer-
dem haben mehrere meiner Schülerinnen noch Frauen-
oder Mädchenturnen, wofür monatlich noch 20 Neu-
groschen bezahlt wird. Ein Bett mit Bettwäsche
würde mitzubringen sein. Die Lehrschriften, Spiel-
materiale zum Übungsgebrauche kann nach Umständen
5 Thaler und wenn die größere Schrift, das Sonn-
tagsblatt, gewünscht würde, gegen 8 – 9 Thaler zu
stehen kommen. Das Halbjahr würde also etwas
mehr als 100 Reichsthaler zu stehen kommen. Mit
allen und allen kleinen Nebenausgaben, Reisekosten
usw. also ohngefähr auf 115 Reichsthaler.
4. „Wie lange würde sie bei Ihnen bleiben
müssen?
“ – Der ganze Cursus ist hier auf 6 volle
Monate berechnet; dabei müssen freilich sehr fleißig
die besondern Übungsstunden benutzt werden. Wäh-
rend dieser 6 Monate muß der größte, gesammelte
und ausdauendste Fleiß auf den Gegenstand gewandt
werden; wenn die Wirkung, welche jedoch unter dieser
Bedingung leicht zu erringen ist, auch stattfinden soll.
5. „Würde sie, wenn sie sich brauchbar
zeigt, vielleicht von Ihrer Anstalt aus ver-
sorgt werden?
“ – Sie wissen lieber Pilz, daß die
Kindergärten in Deutschland fast in allen Ländern
von den Lehrerinnen als Grundlage des deutschen
Volks- und National-Unterrichts gefordert werden;
Sie wissen auch, wie im Stillen immer ein Kinder-
garten nach dem andern entsteht und daß eigentlich
wenigstens jeder namhafte Ort, selbst Dorf, einen
Kindergarten haben soll; daß man also auch Kinder-
gärtnerinnen braucht, sich in dieser Beziehung an /
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mich wenden wird, ich aber keine anderen als meine
Schülerinnen vorschlagen kann; bis jetzt auch noch
keine meiner bisherigen Schülerinnen unversorgt ge-
blieben ist; mehr kann ich nicht sagen; daß ich also
wie ein Vater sorgen werde, ist natürlich; nur müssen
die Lebensumstände, welche ich nicht in meiner Ge-
walt habe, mir möglich machen, ein guter Vater sein
zu können.
Ich möchte Ihnen und Ihrem Freunde vorschlagen,
mich je eher je lieber hier in Dresden zu besuchen,
was ja bei einem Tagesbillet wenig kostet; dann
können Sie sich alles selbst betrachten und nach Maß-
gabe Ihrer Verhältnisse entscheiden.
Mit Gruß
Ihr Fr. Fröbel