Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an Luise Levin in Rendsburg v. 27.11./28.11./29.11./1.12.1848 (Dresden)


F. an Luise Levin in Rendsburg v. 27.11./28.11./29.11./1.12.1848 (Dresden)
(BlM XXIII,20, Bl 62-71, Brieforiginal 5 B 8° 20 S. u. BlM XXIV,9, Bl 33, 1 Zettel 16° 2 S. Auszug bei Heiland 1998, 348-351. - Das Reinschriftfragment besteht aus fünf Oktavbögen in BlM XXIII und einem Zettel, der fälschlich in BlM XXIV lag. Der auf 1.12. datierte Schlußzettel gehört aufgrund inhaltlicher Bezüge in das Jahr 1848, nicht 1849 [Brief-"Masse", Ende des Jahres kurzes Treffen in Hamburg].- 33R enthält ein wohl nicht zum Brief gehörendes Motto, lt. Heerwart Motto Henriette Wilhelmine Fröbels. Der verlorene Anfang umfaßte sicher wenigstens einen weiteren Bogen. Er war schon verloren, als Luise F. das jetzt in BN 441 liegende Abschriftkonvolut anfertigte. Sie ergänzt in BN 441, Bl 55 einen Satzanfang wohl aus dem Kopf, daher nicht authentisch. Die Datierungen sind alle im Text außer "27.11."; am 28.11. [65V] spricht F. aber davon, die "gestern" begonnene Betrachtung fortzusetzen. Möglicherweise wurde der Brief auch schon vor dem 27.11. begonnen, sicher aber nach dem 14.11., dem Enddatum des vorherigen Briefs F.s an Luise Levin.)

[55]
[(BN 441, Bl 55) Dich glücklich zu wissen ist der lebendige Wunsch meines] /
[62]
(XXIII,20, 62)
Herzens, dem sich der anschließt, daß ich dazu eben nicht den unwesent-
lichsten Theil beitragen möchte und daß mir auch dieser Wunsch erfüllt
werde, dieß spricht mir ja Deine Liebe so lebenvoll, so genügend aus,
daß ich für mich keinen Wunsch mehr kenne als den: mir diese innige
Lebenseinigung zu erhalten. Von diesem Punkte und Wunsche aus gehen aber
zu dessen Erfüllung die Strebungen wieder so nach allen Seiten hin,
daß ich mich dadurch wieder mit allen Wesen innig einig fühle und wie[-]
der um in und mit diesem Gefühle allseitiger Lebenseinigung Dein zu seyn.
- Damit Du nun auch von meinen Briefen für Dich und Deinen Beruf Ge-
winn habest, erlaube mir ihn [sc.: Deinen Brief] wieder mit der Feder in der Hand zu lesen
um, was mir nöthig scheint, antwortend sogleich nieder zu schreiben.
1. Das Gefühl allen Anforderungen, die wir in unserer Stellung in Offenheit
an uns selbst thun müssen, genügt und unsern Beruf allseitig erfüllt zu
haben, ja das kann wohl freudig erregen und mehr noch, wie freut es
mich daß Deine Briefe vielfach mir es von Dir und in Dir aussprechen.-
2. Ich lese jeden Morgen die betreffende Stelle im Laienbrevier, und es
ist mir, als wenn ich geahnet, daß Du das Gleiche thuest, denn ich
habe mich, die betreffende Stelle zu lesen, oft so wie nach einem eini-
gende[n] Worte von Dir gesehnt, und sind es nun nicht Worte, welche
uns alle Tage im Geiste einen?- Wie werden mir diese Aussprüche
nun doppelt und mehrfach wichtig seyn, da ich mir sagen kann, Du lesest
sie in Anwendung auf Dich, wie Du Dir in Beziehung auf mich das
Gleiche aussprechen kannst. Siehe somit eine neue und stetig fortgehende
Gedanken[-] und somit Lebenseinigung.
3. Die Menge Deiner Briefe haben mich zwar keinesweges erschreckt, nur
wünsche ich nicht, daß sie Dir die Zeit zum stillen Selbstleben in Dir
rauben mögen, dieß ist zum wahren Fortschreiten in sich wesentlich,
Du darfst Dir also ja die Zeit dazu nicht beengen oder gar rauben; daher
bin ich zufrieden an jedem Tage nur "guten Morgen" oder "gute Nacht" /
[62R]
von Dir zu lesen. Und auch diesem entsage ich gern, sobald ich nur
ahnen kann, daß Du Dir, sey es auch nur durch Ruhe Deiner
Kräftigung lebest. Wünsche, welche wir selbst aus der innigsten
Liebe und reinsten Achtung gegen Andere an diese thun, dürfen doch
für diese Anderen nie beschränkend, nie fesselnd werden; dadurch wird
ja das Leben in der kleinsten und durch die kleinste Gabe so beglückend
daß es eine freie Gabe des freien Geistes und Willens ist.
4. Siehe, meine Geliebte, und wenn Du mir Wochen u Monate nicht
schriebest, so würde mich dieß in Beziehung auf Deine Lebenseinigung
mit mir nicht stören, so gewiß bin ich derselben; allein ein solches
Schweigen würde mich wegen Deines geistigen und leiblichen Wohlbefindens
besorgt machen, und so glaube ich ist es schön, wenn wir wenigstens
von 14 zu 14 Tagen, d.h. im Wechsel von 8 Tage[n] Briefe empfangen u. senden.
5. Deine Vergleichung des Schneckenhauskreises mit dem Kinderkreis
u.s.w. hat mir sehr gefallen. Der Stoff macht es nicht, sondern der
Geist der Behandlung.- Kirchner[s] Augusten waren die Sch. H. [sc.: Schnecken Häuser] immer Hühner.
6. Mit solchen Spielen, wie Stern u Blumen, besonders aber mit deren
Verbindung zu einem Ganzen mußt Du ja langsam gehen; damit Du
ja den Kindern nicht[s] Tod[t]es und so etwa Ballast giebst welcher sie
und ihr Leben niederdrückt; ja nichts gegeben [hast] was ihnen nicht verständ[-]
lich und dadurch auch leicht wird.
7. Die kleine Auguste lasse immer laufen, nur bringe zum Laufen, das
deutende Wort und den gemüthlich erregenden Gesang: - "Sieh Auguste
hat mich Dich gerne" pp - "Zwei Kinder kommen in gl. L. [sc.: gleichen Lauf]" - Zwei Kinder
laufen hin, das dritte läuft schnell her, wenn sie <nur s[o]rg[s]am> sind, so
läuft doch keines quer [*Zeichnung* mit Buchstaben a,
  b,c] . "Kinder regt die Glieder, laufet hin [*Zeichnung*] u
wieder, regt euch, regt euch rc. Kinder immer geschwinder geschwinder" [*Zeichnung*]
- "Kämmerchen zu vermieten" - Auch Schlängellauf zwischen den
Stühlen kannst Du ja machen [*Zeichnung*] ; zwischen Kindern haben /
[63]
denselben ja in Eichfeld und Schalkau ausgeführt. Um nach und nach das
tack[t]lose Laufen des Mädchens zu mäßigen und ordnen, kannst Du
rutschenden Zweitritt oder Schottischen Dreitritt in das Laufen bringen.
Genug Du mußt vom sinnigeren Erfassen des Laufens aus auch das Mäd[-]
chen für größere Sinnigkeit zu erwecken suchen. Ebenso mit dem
Springen - z.B. Springen und Hüpfen nach Tackt u. Lied übers Seil,
über die Diehlen; oder Wechselsprung [*Zeichnung*] "Kommt laßt uns auch nun Achtung
geben, woll'n der Mutter Leinwand weben, daß sie uns kann
schöne Sachen: Hemdchen, Schürzen, Kleidchen (Höschen rc.) machen".
Ich hoffe Dir noch ein paar Spring- und Laufliedchen beizulegen.-
8. Daß Du Deine Kinder mit unerwarteten Liedchen erfreust, ohne lange
zu fragen, dem stimme ich auch bei, ich meine auch, ein einfaches Kind muß in dem Glauben
leben, daß die {es / ihn[}] führende Liebe, stets für dasselbe das Beste wähle
ganz anders ist es jedoch wenn sich im ganzen Wesen u Leben des Kindes
ein bestimmter Wunsch zu einem Spiele, besonders einer Spielart aus[-]
spricht z.B. nach längerem Sitzen ein Bewegungsspiel.
9. Was Du von, über und an Marius geschrieben hast, dem stimme ich bei.
10. Warum Du das Buch die Erziehungskunst schwieriger verstehst, davon
ist der Grund, daß dortmals, als ich es schrieb, auch in mir zwar das
Ganze schon, aber noch unentwickelt lag. Doch kannst Du das Aus[-]
geführte besonders über Sprech- und Sprachübungen gar gut für
Deine Kinder gebrauchen; auch was über das Zählen und die Zahl
so wie was über das Schreiben- und Lesenlehren gesagt ist. Du
kannst ja Abschnitte herausheben wie Dir es eben Bedürfniß ist.-
11. Daß die größeren Ballspiele Augusten mehr erfreuen ist natürlich
denn sie nehmen mehr allseitig in Anspruch.- Sollte sich dem schwarzen
Peter nicht irgend eine gute Seite abgewinnen lassen; oder sollte man
nicht im Gegentheil dem Mädchen das Leere darinn recht fühlbar
machen können?- Eigentlich sollte man von jedem Punkte zum Rechten kommen. /
[63R]
12. Zu Deinen beiden kleinen blöden Kinderchen habe ich gutes Zutrauen.
Du scheinst sie auch recht gut aufzufassen und zu behandeln;
wenn sie wie Schecken schüchtern ihre Fühlhörner nach Deiner
Liebe und Theilnahme ausstrecken mußt Du Dich nur hüten in
voreiliger Hoffnung sie zu stark zu berühren, sonst ziehen sie die-
selben zu schnell wieder ein und wagen schwieriger sie wieder
auszustrecken; bei solchen Kindern ist die langsamere Entwicklung
die sicherere.
13. Deine Wehmuth die Natur nicht zu genießen, theile ich ganz; mir
geht es ebenso. Sonntags könnte ich wohl gehen; allein da lebe ich
dann auch wieder auf meinem Stübchen gern mir und - Dir. Aber
Deine Rosen sagen Dir im Allgemeinen ganz recht: - "wir haben bei-
de nicht Zeit unserm Vergnügen zu leben, wolln wir das Bessere u
unserer Veredlung leben.["]
14. Du bist recht zartsinnig L. L. wie Du bei Betrachtung von Keilhaus
Bild alles so lieblich deutest um mir Freude zu machen; ich danke Dir.
15. Hier kann ich die Stunden nicht versäumen, das Lehrzimmer ist
gleich an meinem Wohnzimmer und wenn alle zusammen [sind], kommt He.
Krell, welcher jetzt hier ist und bei mir wohnt - ins Zimmer mir es
zu sagen.
16. Wie lieb es mir ist von Dir zu hören, daß die Blumen frisch noch
bei Dir angekommen kann ich Dir gar nicht sagen; ich war recht in
Sorgen, daß sie verwelkt zu Dir kommen würden; Auch Dein Deuten
der Kamellie und ihres Entfaltens hat mir so innige Freude gemacht,
Du weißt alles so sinnig herauszufinden was mich glücklich macht[.]
Blumen und Gedanken weißt Du so schön zu verbinden, wer sollte nicht
gern beide Dir weihen um sie in lieblichen Straus im sinnigen Lebens-
kranz sinnig sie einzuwinden.-
17. Solche Tagesgeschichten wie vom Sonntag den 18n Nov. sind Spiegel Deines schönen
Herzens.- /
[64]
18. Mein Briefchen über Hamburg glaubte ich gegen den 9. Novbr in
Deiner Hand, wie Du auch dort wirklich ein[en] Brief von mir ersehntest.
19. Was Du mir von Laura von Medem und deren Besuch bei Dir
schreibst ist mir recht lieb ich wollte sie besuchte Dich zum Öfteren; so
frisches glückliches Leben ist Dir als Lebensspiegel recht wohlthätig.
20. Daß die Kamellie ein so schönes Bild Deiner fortschreitenden Entwicke-
lung ist erfreut mich hoch, solche Lebenskraft und Dauer hatte ich wirklich nicht
von ihr erwartet; nun, sie soll aber auch in meinem Herzen bleibend wohnen
sie verdient Dein Bild zu seyn.
21. Versuchen will ich wohl ob ich zum 14 Xbr [sc.: Dezember] Geburtstagsliedchen finde, doch
versprechen kann ich es nicht, weil ich so sehr denkend beschäftigt seyn muß.
22. Darin daß Du zwischen den Zeilen gelesen hast mich drücke ein Leid, das
ist wohl möglich, doch ist es nicht so persönlich wie Du es meinst, es sind
überhaupt Fesseln zur höheren und schöneren Entfaltung des Lebens, viel[-]
leicht ist es auch der Gedanke der trübend und störend, ganz unbewußt
einwirkt, daß es mir gar nicht gelingen will unsere, d.h. unser
aller Kräfte die wir uns wohl verstehen mögen, zu einen, Du schreibst
so zu einen, daß wirklich ein vollendetes Ganzes welches schöne Blüthen
und reife Früchte trüge, daraus hervorgienge. Wir haben eine solche
Menge geistiger Kräfte und materieller Mittel, daß sich am Ende wohl
etwas Tüchtiges und Großartiges, ja Großes, Erfassendes daraus bil-
den ließe; allein es fehlt uns die Kraft und Einigung sie zu bearbeiten[.]
Du schreibst mir z.B. v. Marius. Auch er hat sich mir wohl ähnlich wie
Dir ausgesprochen; allein er hat mir noch keine Beweise seiner hingeben[-]
den ausführenden Thatkraft gegeben. Mit dem Diener, oder Verar-
beiter, oder Verbreiter einer Idee, zumal einer Zeit- und WeltIdee
wie die ist, welche zu vertreten ich berufen bin - ist es eine ganz eigene
Sache; er scheint frei zu seyn, und doch geht er nur ganz still u leise
den Forderungen nach, welche die Idee an ihn thut; wenige haben zu solcher /
[64R]
Hingabe den selbstverläugnenden Muth und die ausdauernde
Kraft; ich habe es nun schon mit so Vielen im Leben versucht, auch
noch nicht ein Einziger, nicht ein Einziger hat die Probe bestanden;
Ihr haltet z.B. den M.- [sc.: Middendorff] (ich meine nicht den Marius) alle [für] so
mild, so sanft und eingehend, allein er ist zur Ausführung einer
großen, großartigen Idee, eines Lebensgedankens viel zu störrig,
bei aller äußerer Freundlichkeit, fehlt ihm die innere geistige und gemüth[-]
liche Beweglichkeit; darum kann man sich nicht auf ihn verlassen; dazu
kommt noch sein so häufiges Unwohlseyn; und dieser ist noch der Beste
von Allen - was läßt sich nun von den Andern erwarten[?] Man
muß sie alle als Naturproducte betrachten, man muß sie an der Stel-
le wo sie nun einmal stehen als das nehmen, was sie nun eben sind
allein als freie Menschen, welche die innerste Forderung der Men-
schheitsentwickelung, eben als Glieder der Menschheit erkennen
und ihr mit Selbstwahl und Selbstbestimmung frei aus sich nachleben,
die - nein diese finde ich nun eben nicht. Solche Menschen, ein solches Ge-
schlecht und vor allem solche Jünglinge und Männer müssen erst
von Euch Frauen und Jungfrauen erzogen werden. Der Gedanke den
Du auch aussprichst hat sich schon vielen aufgedrängt: - dieß Ge-
schlecht und vielleicht noch ein 2es müssen dahinsterben, ehe es
besser auf der Erde wird - allein das Hinsterben dieser bei-
der Geschlechter macht es nicht sondern das - während diese
Geschlechter hinsterben - das Herauferziehen der neuen Ge-
schlechter; - ob das möglich ist? - Wenn es Euch nicht gelingt Ihr
Jungfrauen - (von den Frauen darf man auch schon kaum und
nur mit großen Ausnahmen reden) - den Männern glaube ich
nicht daß es gelingt die fangen es zu materiell - zu egoistisch, zu
eigensüchtig - genug zu täppisch an; darum Ihr Jungfrauen er-
kennt und achtet Eure Stellung, lehrt sie den Mädchen kennen u.s.w. u.s.w. /

[65]
Dienstags am 28 Novbr. Vormittags. Dir zuerst einen recht herzlichen
guten Morgen.- "Gotteinigung", "innigste Lebenseinigung" war durch un[-]
sern Schäfer unser gemeinsamer Morgengedanke, wie freue ich mich
dessen. Du mußt mir nun schon erlauben dadurch wieder veranlaßt, Die,
gestern durch die theilnehmenden Worte Deines lieben Briefes: - "zwischen
den Zeilen lese ich daß Dich Etwas kümmert" - angeregte Betrachtung
noch etwas fortzusetzen, damit von unserer beiderseitigen, innigen und ich
bin überzeugt, höchst seltenen Seeleneinigung, für das Leben die, nach meiner
Überzeugung so nöthigen und doch auch wieder so höchst seltenen Blüthen
und Früchte hervorgehen.- Fühle nun, empfinde, erkenne und vernimm
es in Dir: - zu einer ächten, wahren, allseitig friedigen und freudigen blüthen-
und früchtereichen Lebenseinigung gehört das Fühlen rc des Grundes
(der Ursache) des Zieles und des Zweckes dieser Lebenseinigung. Darum
müssen Menschen die sich ein gemeinsames Lebensziel, einen gemein[-]
samen
Lebenszweck setzen, sich auch des gemeinsamen Grundes, der
gemeinsamen Ursache davon, d.h. des gemeinsamen Lebensgrundes
der gemeinsamen Lebensursache klar bewußt werden. Siehe nun, meine
mit mir innig Einige, - hier fehlt es überall wo Dir auch sogenannte
gemeinsame Lebensziele, gemeinsame Lebenszwecke entgegen treten,
deshalb, meine Theure, deshalb kommt es auch nirgends zum Ziele, und
dieß ist der tiefe Schmerz meiner Seele, das tiefe Leid meines Gei-
stes, denn auch von Leiden des Geistes darf man sprechen.- Du hast
meine tief mir Geeinte diesen Punkt selbst angeregt, nun mußt Du mir
schon erlauben ihn zu Ende durchzuführen, denn er ist der wichtigste,
ja am Ende der einzig wichtige, denn er ist ohne alle Beschränkung
der erstwichtige.- Ich bin Kindheit- und Kinderpfleger, Erzieher gestützt
in mir auf das Wesen des Kindes, gestützt auf dessen Urgrund.-
Ich erfreue mich jetzt schon eines der Zahl nach nicht unbedeutenden Kreises
von Kinderpflegern und Kindergärtnern beider Geschlechter in Deutschland /
[65R]
und bewußt und unbewußt wohl noch über Deutschlands Grenzen hin-
aus. Macht mich dieß glücklich, befriedigt mich dieß? - nicht im Minde-
sten mehr, als ein Staubhaufe[n], welchen jeden Augenblick der Sturm ver-
wehen kann, und von dessen gemeinsamen Wirken für[s] Ganze auch ganz
und gar nichts mehr übrig, als was sich, aber eben nicht als Gemeinsames
sondern als Einzelstes - in jedem Stäubchen höchstens geborgen hat. Aber
statt des vorher nur Einen ist doch nun das Viele, die Menge da, sagt
man. Gut, was ist denn mit dem Vielen, der Menge gewonnen, wenn
eben es eine Vielheit u so eine Vielerleiheit eine Menge ist? - Was ist
und wird dadurch geboren? - der Krieg! - der Unfriede! - die An-
fei[n]dung.- Zeigen es nicht die Religions- - die politischen- - die Volkskriege
vor allem die schrecklichsten der Kriege - der Bürger- ja selbst der
Familienkriege. Beweisen es solche zweitausendjährigen Kriege nicht?-
Doch ich will den Blick auf den großen Kreis - welcher eben nichts Tröst-
liches giebt ganz fallen lassen; ich will mich auf einen engen
auf einen recht engen und noch überdieß in einer gewissen Bezieh-
ung ursprünglichen, natürlichen Kreis zurücke ziehen; ist es etwa
da im Wesen nach um ein Joda besser, wenn die Coulissen des
äußerlichen Lebens auch Lebenseinigung zeigen, wie die Theatercou-
lissen bei aller Vereinzeltheit ein Scheinbild eines Natur[-] oder
Kunstganzen?- Nimm das scheinbare schöne Lebensganze: Midden[-]
dorffen
, seine Frau, Allwina, Wilhelm (Herman[n] und Arthur ge-
hören als Pfleglinge auch dazu) Marius, Dich und mich. Sieh welch
ein äußerlich schöner Kreis von 8-10 Personen; Ist es ein Kreis
innerer und inniger Lebenseinigung?- Und wie gewaltsam habe
ich diesen Kreis aus dem größeren Familienkreis schon heraus ge-
schieden und heraus geschnitten. Doch Du sagst: "Allwina, Marius
Du und ich, sind freie Menschen, wir können uns selbst bestimmen rc[."]
Ich will dieß recht gern zugeben; aber eben, eben in dieser Selbstbe-
stimmung eines Jeden /
[66]
bestimmung eines Jeden wird sich sogleich die Verschiedenheit, ja die
allertiefste, durchschneidenste Verschiedenheit der Einzelnen, ihrer
Lebensansichten, ihrer Lebensziele u Zwecke, wie der Mittel dazu,
zeigen. Wie verschieden wird selbst schon die innere Selbstbestimmung von Ma-
rius und Allwinen ausfallen und soll sich daraus ja irgend eine gei-
stige Lebenseinigung bilden, so wird duldende und schonende Ertragung von
einer oder der anderen Seite, oder vielleicht gar von beiden Seiten da ein-
treten müssen, wo eben kein selbstständiges Ergreifen eines selbstge-
setzten Lebenszieles und Lebenszweckes (ich meine im Allerinnersten
oder wenigstens in dem darauf Bezughabenden) möglich ist. Schon die[-]
ses schwächt des gemeinsamen Lebensbaumes frisches Wachsthum
welcher gern froh und frei, kräftig und mächtig aus sich hervor strebt.
Du weißt ja selbst aus Deiner Lebenserfahrung wie schwer ist es ein [*Zeichnung: Quadrat*]
von Außen zu machen wenn Du nicht alle Theile klar und sicher zur
Mitte in Beziehung setzest; aber thust Du dieß, dann ist es leicht[.]
[*Zeichnung: Mittel- und Eckpunkte
  eines Quadrats*] Siehe, liebes Leben, dieses Beziehen unser aller Leben zu Einer
Lebens Mitte, als Einer Lebensquelle und dieß klare Erkennen dieses
einen Urgrundes und unseres nothwendig ganz gleichen Verhältnisses
zu demselben, das fehlt uns im Leben; siehe das fehlt sogar unter
uns wenigen Vieren; deßhalb vermögen nicht einmal wir 4
gemeinsam ein bleibendes Werk auszuführen; nicht einmal ein
zeitweilig ächt gemeinsames, wäre es auch nur erst zeitweilig
ist ächt, so wäre es auch bleibend ächt. Nach meiner Ansicht und nach mei-
ner
K[e]nntniß von Allwinen und Marius können auch diese beide, ebenso
wenig als auch Marius und Henriette, und ebensowenig alle drei gemein-
sam, so wie sie jetzt stehen, ein ächt gemeinsames, wahrhaft bleibendes, eini[-]
ges Werk - was ja jeder bewußte Mensch soll - ausführen; die Ursachen
dieses Nichtkönnens sind für mich Trennungen, die ich in ihrem Innern sehe,
die sie vielleicht für unbedeutend [halten], die aber eben in ihrer Unbedeutendheit /
[66R]
so gefährlich sind, wie in einem Krystallglas oder Spiegel der leiseste
Sprung; er kann eigentlich nicht eher ganz unschädlich gemacht werden,
bis das Ganze von neuen wieder umgeschmolzen, umgegossen wor-
den ist. Jesus spricht dieß in Beziehung auf menschliches Leben in mensch-
licher Sprache mit den Worten aus: "Werdet wie die Kinder" rcrc.
Zwischen Dir mein liebes Leben und mir ist es nun aber eben etwas
ganz anderes. Wir sind längere Zeit, ja Jahre neben und an einan-
der vorüber gegangen, gegenseitig mit dem Gefühl und der Wahr-
nehmung des anderen als eines in sich ganz einigen, beruhigten und
befriedigten, wirklich friedig in sich ruhenden Wesens, und ohne Er-
wartungen von dem Andern, ohne Ansprüche an den Andern, wie
zwei klare Thautropfen sich auch über[ein]ander freuen unbewußt
sich in einander spiegeln mögen. Als wir uns nun im Gefühle un[-]
seres gegenseitigen Befriedigtseyns in sich, und gegenseitiger klarer
Selbstigkeit begegneten, berührten, nun so flossen wir, flossen unsere
Seelen eben wie zwei klare Wassertropfen in einander ohne das [sc.: daß]
eigentlich der Eine von dem anderen etwas wollte, nicht einmal
wünschte, und mehr noch war dieß bei Dir als [sc.: wie] bei mir, wenn wir ja
einen Unterschied setzen wollten, der Fall; dadurch erschienest Du mir
eben, erkannte ich Dich eben in der jungfräulichen Weiblichkeit welche
als ein Ideal in meiner Seele ruht und ich freute mich über Dich, wie
man sich über eine zart erschließende Rosenknospe, eine sich sanft öffnen[-]
de Lilie erfreut; allein ich erfreute mich dieser jungfräulichen Weiblichkeit
und Reinheit doppelt, weil sie vom Bewußtsein geläutert, erkannt
und festgehalten, selbst als ein Ideales in Dir lebte. Dieses nun all-
seitige einige Ein [*Zeichnung: Kreis*], welches in dieser Allseitigkeit eben als [*Zeichnung: Blume*]
rein nicht etwa blos in Dir lebt, sondern welches eben Du ganz
eigen selbstig bist, dieß einigte uns gegenseitig immer mehr, bis
wir uns in dem einen Mittelpunkte unseres Wesens, eben auch /
[67]
gegenseitig innig trauend und vertrauend, kennend und erkennend
als ein innig Einiges, mit gegenseitiger Anerkennung der Selbstheit
fanden und erkannten. Wie ich nun Deinem Gemüthe ganz vertraue
so vertraust Du meinem Geiste; wie ich nun in mir und Du in Dir
in und mit meinem Gemüth und Geiste ein innig einig Ganzes ein Jedes von uns
ist, so sind wir beide, Du mit mit Deinem überwiegenden Gemüthe
und Du überwiegend als Gemüthe und ich mit meinem überwiegenden
Geiste und ich überwiegend als Geist wieder ein einig einiges Lebens[-]
Ganzes. Wie Du Dich nun in mir vertrauend ganz findest als das
was Du wirklich in Dir bist, und was ich Dir bin; siehe so finde ich
Dich nun auch in mir als das als welches ich mich selbst erkenne, wenn
Du nun auch im ersten Augenblick und beim ersten Augenblick des
Aussprechens zagen solltest - so ist dieß jungfräulich und weiblich -
so verzagest Du doch nicht, denn Du vertraust mir, vertraust
mir in Deiner durch das Bewußtseyn geläuterten Reinheit - ganz[.]
Aber, mein Leben, wie muß, wie kann ich einzig als bewußt, als
mich meines und unseres Selbstes bewußtgewordener Mensch
uns nur einzig fühlen, empfinden, erkennen - ja nennen?
Siehe hier scheuen sich die Menschen die Wahrheit zu sagen, sie nennen
es Überhebung rc., ist es Überhebung, wenn der Apfelkern sagt: ich bin
des Apfelbaumes?!- Oder überhaupt der Baumkern: ich bin des Baumes, ich
bin vom Baume?!- Soll nun der Mensch der nun über allen Zweifel er[-]
haben den Keim und den Kern des Guten in sich trägt nicht sagen ich bin des
Guten, ich bin vom Guten?!- Woher soll er denn den Keim u Kern des
Guten [in] sich erhalten haben, als eben vom Guten an, in, durch und aus
sich, also von dem Quelle, dem Urquell alles Guten - wir nennen es als
das in sich selbst ruhende, in sich ganz abgeschlossene Gute = Gott.
Wie sich nun jeder Baum als Baumwesen, als dieses bestimmten Baumes
Wesen kund thun kann so kann auch Gott sich nur als und durch und in gött- /
[67R]
lichem Wesen kund thun; der Mensch als seinen Urgrund, seinen
Urquell nur in Gott habend kann darum seines Wesens nach nur
göttlich seyn. Was könnte, was sollte er denn auch nur anderes
seyn? denn eben alles Seyn und alles Leben ist ja nur in Gott, ist ja nur
Gottes! - Überhebst Du Dich denn, daß Du sagst, daß Du Deiner braven
Eltern Tochter bist und daß Du Deiner braven Eltern brave Tochter
seyn und immer mehr werden willst? - Nehme ich Dich falsch, wenn
ich dieß von Dir aussage? - Siehe nun - höre mich nur ganz ruhig
und klar an - ganz in derselben Weise, wie man von Jesu sagen
kann, daß er göttlichen Wesens war, - ganz in demselben Sinne u.
Geiste sage ich es und weiß es von Dir, wenn ich es von Dir nicht e-
ben in derselben Weise wie von Jesu sagen kann, so hat das Sagen
von Jesu gar keinen Sinn; der einzige Unterschied zwischen der
Göttlichkeit Jesu und Deiner Göttlichkeit liegt nur einzig darinn, daß
Jesu[s] seiner Göttlichkeit sich noch viel klarer bewußt war, als
Du, mein Leben, Du Deiner Göttlichkeit Dich jetzt schon bewußt bist
und darum war es, wegen dieses stärkeren Gefühles, wegen dieses
klareren Bewußtseyn[s] auch seine göttliche Wirksamkeit viel größer.
Dieses alles aber ist nicht im Geringsten ein Unterschied des Wesens
nach, sondern einzig nur ein Unterschied in der Entwickelung, wie es
dem Apfelwesen nach gar kein Unterschied ist zwischen einem gesund[en]
Apfelkern, der noch in meinem Saamenkästchen unentwickelt
liegt und dem schon ein- oder mehrjährigen Apfelstämmchen in
der Saatschule; oder wie es dem Wesen nach kein Unterschied ist
zwischen dem Apfelstämmchen welches noch nie blühete oder zwar
blühete aber noch nie Früchte trug. Wenn der Gärtner den Obst[-]
kern säet, siehet er nicht in ihm schon den ganzen Baum seines ganzen
Wesens nach?- Und ich sollte Dich nicht als eine, göttlichen Wesens
nur göttlichen Wesens seyende Tochter Gottes erkennen, auch wenn es /
[68]
noch ganz so unentwickelt in Dir läge, wie das Wesen des Apfel-
baumes in dem Apfelkerne, oder das Wesen der Eiche in der Eichel.
Das ist ja eben meine Wonne, daß ich dieß schon in Dir, wie über[-]
haupt in jedem Menschen und in jedem Kinde erkenne, anerkenne
und pflege, das ist ja eben meine Seeligkeit, daß Du solches reines
hingebendes Vertrauen zu mir hast, daß ich Dich als das was Du bist
nehmen, Dich so pflegen, es in Dir erstarkend machen, in Dir ent-
wickeln und aus Dir im Leben und Gestalt hervor bilden machen darf.
Dir aber macht und bringt es nicht den geringsten Nachtheil, eitel wahn-
voll kann es Dich nicht machen, denn dadurch daß Du es dem Wesen
der Anlage nach bist, bist Du es noch nicht ganz in der Erscheinung,
diese zu erreichen, dieß legt Dir Pflichten der Beachtung, Besonnenheit
Thätigkeit, des Fleißes auf; aber hierbei hebt, stärkt, kräftiget, be-
geistert, ermuthiget Dich u.s.w. das stille Bewußtseyn, daß Du
göttlichen Wesens bist, daß göttliches Wesen in Dir lebt, wie der
Apfelkern, dieß Gefühl und Bewußtseyn in Beziehung auf den
Apfelbaum haben kann, und haben kann, daß er dieß Wesen im
großen Welt- und Lebenszusammenhang und Einklang gewiß zu
seiner Zeit entwickeln werde, wie auch Du das ganz gleiche Be[-]
wußtseyn in Beziehung auf Dein Wesen und dessen Entwickelung
im großen ganzen Lebenszusammenhang und Einklang haben kannst.
Siehe nun, meine mit mir Einige, so leben wir, erfüllt und durch[-]
drungen von unserer hohen, göttlichen Menschenwürde in aller Ein-
fachheit und Bescheidenheit und entwickeln uns in innigster Gottes-,
Menschheits-, Natur- also überhaupt allseitiger Lebenseinigung und
in allseitigem Frieden, Freudigkeit u Freiheit - ja voller Seeligkeit
selbst der Schmerz und das Leid, welches Du mein Leben zwischen mei-
nen Zeilen lasest ist so geschwunden, denn ich habe dadurch nun Dich
noch einger mir verbunden, wir haben beide so, noch innig einiger /
[68R]
uns gefunden, habe ich darinn nicht Recht mein Herz, Du Meine?
Und was fehlt uns nun noch?- Wissen wir nicht warum wir
uns lieben und was wir an uns gegenseitig lieben?- Wissen
wir nun nicht warum wir überhaupt lieben, ja warum aber auch
hassen ohne, daß es uns trübt und stört; wie auch Gott u Jesus der
Haß des Bösen und Schlechten nicht trübt nicht stört. Tragen wir
nun nicht den Himmel in uns?- Wohnt Gott, Jesus und wohnen
nicht alle gute[n] Menschen und Wesen in unserer Brust[?]- Sage
meine Liebe, sage mein Leben, was ist nun nach solchem Bewußt[-]
seyn nach solcher Einigung noch Trennung, ja was selbst der Tod?-
bist Du nicht bei mir, bin ich nicht bei Dir?- sage kann ich mehr
noch seyn und als ich es jetzt bin, und wenn ich neben Dir auf dem
Soffa säße, ja wenn Du in meinen Armen ruhtest? - immer
wäre und bliebe es nur der Geist, die Seele der [sc.: die] sich mit dem Geiste,
welche[r] sich mit der Seele einte.
Sollte nun solches Gefühl inniger allseitiger Lebenseinigung nicht
als Äußerung, einigend, so Frieden- und Freude bringend und auf
unsere Umgebung wirken und so der Welt und den Menschen das
Höchste gebend was sie sosehnlich [sc.: so sehnlich] ersehnt?- Werden wir
nun dadurch nicht auch, wie wir glücklich und seelig in uns sind,
so außer uns noch <Wohlthäter / Wohlthaten> der Menschen hu zu den Menschen[?]
Darum liebe Luise lasse uns recht still, aber in aller Fülle des
Lebens wo möglich bleiben, seyn und werden, werden was wir
sind!-- Gute Nacht. Mitternacht ist vorbei ich konnte mich
nicht von Dir trennen ehe ich Dir dieß alles ausgesprochen hatte
obgleich bis gegen 10½ [Uhr] noch meine Zuhörer bei mir waren.
- Nun gehe ich aber auch recht friedig und freudig zu Bette
sehe Dich und freue mich, wie Du so sanft schläfst, und im
Schlafe wie ein Kind lächelst, welches, wie ich sagte, Engellächeln. /

[69]
Am 29. Nov. Vor Allem Dir guten Morgen, meine Liebe. Ist es nicht schön
was unser Schäfer zum Heutigen sagt?- Ist es nicht ein seltenes Glück, daß wir
beide so weit äußerlich getrennt, dadurch in Empfindung, Gedanke und
Wort so innig einig sind?- Was ist doch das Leben ein stetiges Ganze.
Nimm ein Blatt Papier aus demselben, nimm von demselben gewisse Zeichen
mit Schwarz auf Weiß und das Leben ist sogleich ein anderes; wenigstens
fehlt uns dann die äußere Brücke zur inneren Einigung. Darum laß uns
Gott recht innig danken für die Kraft und Mittel an und mit wenigen Äuße-
rem das Innere zu offenbaren, zu gestalten; sind diese Gestalten nicht die
Schöpfung unseres Geistes und dessen Offenbarung, wie die Natur u das All
die Schöpfung Gottes und dessen Offenbarung?- Darum lasse uns jedes
dieses Äußeren sorglich beachten, sinnig gebrauchen. Siehe meine G..... das Kleinste
leitet uns gleich zum Höchsten - das Einzelnste zum Einigen hin, wir können
dieß gar nicht alles als Einzelnes für das Bewußtseyn festhalten, wir können
solches allseitig einige Leben, eben nur leben, denn wir leben durch dasselbe, in
demselben und dasselbe lebt in uns, d.h. wir selbst können als göttliche Wesen
eigentlich auch nur göttliches Leben führen; das Kind lebt solches auch in allem
wir sollen es aber in Klarheit des Geistes u Bewußtseyns leben.-
Doch ich habe noch viele Einzelnheiten Deines l. Br. zu beantworten, also zu
No 23. Könnten wir das Gefängnißspiel nicht veredeln wenn wir eine ande-
re Anschauung zum Grunde legten?- Es mag solcher Anschauungen wohl meh-
rere geben, man kann sie aufsuchen und die beste wählen.- Mir fiel
sogleich folgende ein: Eine schöne oder bepelzte Raupe, wie z.B. der schwarze
Bär im Herbste (eigentlich eine schöne Raupe) oder eine andere z.B. die Seiden-
raupe, oder die grüne Raupe des nachherigen Kohlweißlings, des weißen
Schmetterlings mit schwarzen Zeichnungen kriegt [sc.: kriech[t]] umher und pup[p]t sich ein
(Puppe oder Cocon = Gefängniß). Nun kommen die Kinder und wollen
sehen was die Puppe macht, siehe da der Schmetterling ist ausgeflogen, er
umfliegt umflattert die Kinder, sie suchen ihn zu haschen und haschen, /
[69R]
fangen ihn wirklich; aber was soll nun mit dem armen Thierchen geschehen?
Die einen sagen: "anspießen wollen wir ihn und die Flügel ausbreiten,
dann an unser Fenster, untern Spiegel hin stecken, da können wir
ihn dann immer besehen"; wie das der Schmetterling hört sagt er:* laßt
mich los ich will euch was Schönes zeigen, da sagen die Kinder:**
*laßt mich fliegen laßt mich fliegen     **Flieg hinaus nach deinem Sinn,
und auf schönen Blumen wiegen;     Kehr nach Haus uns zum Gewinn.
Will euch da was Schönes zeigen     Jetzt wird jedes Kind schnell irgend eine
Euer Dank wird sich mir neigen".     Blume, diese vertheilen sich schnell
in der Stube; können sich nun auch wieder von dem Schmetterling
gleichsam suchen, also fangen und haschen lassen; wie wohl eine Blume
hin- und her schwankt und dem Schmetterling es schwer macht darauf
Ruhe zu finden. Wenn nun aber die Blume von dem Schmetterlinge
gleichsam festgehalten worden [ist], dann muß sie an derselben Stelle stehen
bleiben wo der Schmetterling sie faßte.- Während der Schmetterling die Blume fest zu halten
sucht, singt diese ihren Namen z.B. Rose, Nelke u.s.w.
und zwar so: "Was ich {Rose / Nelke / Tulpe} still erblüh, dieß zu finden gieb Dir Müh",
z.B. Rose schöne Form, Nelke süßen Duft, Tulpe bunte Farben u.s.w.
Wenn nun der Schmetterling alle Blumen besucht nemlich gehascht, ergriffen d.h. gleichsam an be-
stimmte Plätze geheftet hat, kehrt er nach
Haus zurück und singt: Als ich zu den Blumen flog, aus ihnen ich viel
Schönes {sog / zog[}]: nun sagt der Schmetterling von jeder Blume etwas aus, was
ihm an ihr gefiel, wie oben angedeutet z.B. auch die Dornen, welche die Rosen
schützen; die Knospen welche die [{]Blumen / Blüthen} umhüllen u.s.w. Der Anfang des
Spieles könnte ohngefähr seyn: Zur Raupe, welche gleichsam zum Einpup[p]en
herumgehend einen Platz sucht sagen die Kinder:- Raupe, liebe Raupe schön, möchtest
wohl gern zu Bette gehn; nun so komm in dieses Haus, [{]wachs / schlaf} zum
Schmetterling {schön / Dich} aus; kehrn wir dann zu dir zurück, freudig grüßt
dich unser Blick, statt im Niedern nun zu kriegen [sc.: kriechen], kannst du frey umher dann
fliegen. /
[70]
Jetzt gehen die haschenden Kinder ein Wenig nach dem andern Theile des Saales
während dem fliegt der Schmetterling aus.- Zurück gekehrt zu der
Stelle wo die Raupe sich einpuppen sollte, singen oder sagen sie:
- "Schaut, hier ist alles leer - Schmetterling fliegt dort umher -
"Kommt, kommt ihn zu fangen - Habe ich gar groß Verlangen.["]
- Nun suchen sie den Schmetterling zu erhaschen, während sie damit
beschäftigt sind, singen oder sagen sie wieder: -
- "Sag, was bist du ausgerissen?- Hab'n wir dich, wolln wir dich spießen
"Wollen die Flieger [sc.: Flügel] dir ausbreiten, Uns des Schauens Lust bereiten;
"Stecken dich zum Spiegel hin - Stets dich sehn ist unser Sinn.["]
Haben die Kinder ihn nun gefangen, so singt oder spricht der Schmetter-
ling oder Du in dessen Namen: - ["]Laßt mich fliegen, laßt mich fliegen
(Oder Du sagst: Laßt ihn fliegen, laßt ihn fliegen)- Und auf schönen Blumen wiegen["]
und so w. wie oben. Nun sagen oder singen die Kinder wieder wie oben
-"Flieg hinaus nach deinem Sinn, doch kehr heim uns zum Gewinn."
Nun geht das Spiel fort wie angegeben, und der Schmetterling ausge-
sagt was er an jeder Blume Gutes gefunden, gleichsam als Honig aus
ihr gesogen hat.- Zum Schluß des Ganzen singen oder sprechen die Kinder:
Schmetterling bleib unser Freund, Lieb u Dank dich uns vereint.
Du hast meine theure Luise hier wenigstens einen Gedanken wie sich
das Dir mit Recht widrige Spiel ein gefälliges werden kann;
Hast Du es gefunden, dann bitte, theile es mir mit.
24. Nun noch die Geburtstagsliedchen. Kannst Du vielleicht das Folgen[-]
de für Deine Knaben gebrauchen? Es ist von der wackern Frau Dr Herz.
"Was wir gefühlt, wir habens nie geschrieben - doch heute schreibts die Liebe ein
"Nicht weil wir Kinder sind, wolln wir Euch lieben; - Weil wir Euch lieben, wolln wir Euer seyn.
"Nicht weil ein Festtag heut - Seht ihr uns fröhlich springen,
"Weil uns der Tag ein Fest, wir Euch die Kränzchen bringen".
(:Anstatt Euch kannst Du auch sagen lassen: - Wir hier die Kränzchen bringen) /
[70R]
In ersten Fall könnten die Kinder Zwei Kränze bringen: einen dem
Vater einen der Mutter; im letzteren Fall drei Kränze, den dritten
nehmlich der kleinen Schwester.
Im Fall Du vielleicht dem kleinen Täufling einen Wunsch als Lebens
Mitgabe in einem Kränze reichen wolltest, gab mir die Fr. Dr. Herz das
zweite hier beiliegende Gedicht. Du mußt bei dessen Gebrauch wissen
wie Du mit den Eltern stehst und wie solche Äußerungen von ihnen auf[-]
genommen werden können.-
"An Luisen für Augusten von Fr. Fr. "
Sie haben mich mit der Freude beschenkt,
daß schön Auguste die Stäbchen verschränkt,
drum lassen Sie ferner mich mehr von ihr wissen,
Jetzt bitt' ich recht freundlich sie von mir zu grüßen."
---*---
Nun ein Pröbchen von Fröbels Schreib- und Leselehrweise.
"Mein ^EB^ERHARD möchte die Buchstaben nennen,
Doch mußt du erst die Töne kennen.
Sprich einmal mir deinen Namen klar aus:
Gleich kommen getrennt die zwei Wörter heraus:
Das erste heißt Eber,- daß [sc.:das] andre heißt hart;
Im ersten hörst e und e du gepaart;
Im andern der Ton a voll tönt;
Drum ^EB^ER Eber - HARD hart kräftig zu Ohren uns trönt [sc.: dröhnt].
Leg nun die Zeichen ^E ^E und A
Aus zweimal 4 Stäbchen werden die Zeichen ^E u ^E, und aus dreien Stäbchen das Zeichen A.
Und zweimal 1 Stäbchen
Lern nun laut die Töne sagen (ê) u ê und a
Dafür klar die Zeichen machen (^E und ^E u A)
Bald wolln wir dann weiter gehen
Sollst bald neue Zeichen sehen.
Hörnun wieder ^E - b - ê - r - h - a - r - d:
R r und R r drinn zweimal schnarrt.- /
[71]
Laß mich nun die Laute hören: (r,r - r,r - r,r)
Will Dich gleich die Zeichen lehren.
Gerade eins - (:    :) - dann eins noch schwach (    ) u einmalrund - R -
Macht das Zeichen R (r) dir kund.-
Sieh, ^ER und AR kannst du schreiben.
Das heißt: Du kannst mit stillen stummen Stäbchen die Zeichen machen
Daß man kann die richtigen Worte sagen;
Doch dabei darfs nicht stehen bleiben:
Denn sprechend hört man: bêr und ard
Dabei das b' (nicht be) und d' (nicht de) gewahrt
Muß darum vor ^ER das B noch stellen
Und zu dem AR das D gesellen
Dort zu dem grad (    ) das Rund 2 mal (:B:) und hier zu    gerad das einmal rund     D
Macht Dir leicht B (b') und D (d') schon kund.
B (b') (nicht be) und D d (nicht de) der Mund zwar schließt
Doch mit ^ER und AR man B^ER und ARD schon liest.
Setzt dem B^ER das ^E noch vor
Und noch dem ARD das H voran
So tönt es Eberhard im Chor
Und leicht man es auch lesen kann: ^ERERHARD [sc.: ^EBERHARD]
Und nun mein liebes, mein fleißiges Kind
Komm schreibe mir nun deinen Namen geschwind:
^ERERHARD [sc.: ^EBERHARD]
Seht her, und saget, sagt ihr mir, wie werd ich genannt
Wenn ichs auch nicht sage, wird's euch doch bekannt.
Sind auch die Zeichen ganz stumm und ganz still,
So sagen sie doch was ich so gern will.
Welch' Freude ist's doch mit dem Schreiben und Lesen
Bin in mir seit Langem so froh nicht gewesen. /
[71]
Wie schön kann ich mir doch die Zeit nun vertreiben
Bald mit dem Lesen und bald mit dem Schreiben
Hör Karl nun und höre ich Eberhard nennen
So hör ich in beiden ar lauten und tönen.
Doch in Karl durch k der Mund sich mir schließt
Wie in Karl auch wieder das l schön fließt.
Komm' hilf mir die Stäbchen regen,
Daß ich k' (nicht ka) und 'l (nicht el) kann legen:
(Die Kindergärtnerin:) Dieß ist K und dieß ist L
Komm und lege sie auch schnell (:K L legt das Kind:)
Lege nun auch ar mir her (das Kind legt AR zwischen K und L)
KARL zu lesen ist nun nicht schwer.
Sieh ich nehme KARL hier fort,
Leg mirs nun an diesen Ort.
Schau Vater (Mutter) nur die Lust mit an
Wie ich mit Stäbchen schön schreiben auch [kann].
Bald lern ichs mit dem Griffel auch, wie's in der Schule ist Gebrauch.
Weißt du Luise was nun mir wäre lieb?
Wenn ich auch schon Ka-tha-ri-na KA-THA-RI-NA schrieb
Das ist gar leicht mein liebes Kind
Lerne nur noch drei Zeichen (T,I - N) geschwind.
u.s.w. u.s.w.
Du meine liebe Luise wirst dieß hoffentlich nun leicht für Deine Kinder
benutzen. Um Dich weiter zu belehren ließ [sc.:lies] in der Erziehungskunst
Sprachübungen
S. 457. Schreiben S. 474. Lesen 487 - daß man Schreiben
und Lesen mit Personen Namen, dann mit Personenwörtern wie mein,
dein, sein beginne finde ich besonders gut. Siehe was Du von diesen An-
deutungen gebrauchen kannst. Verstehst Du mich, so werden Deine
Kinder bald Fortschritte machen. Nächstens schreibe ich in dieser Schrift
ein paar Worte an Eberhard. Auf dieser Seite lebe wohl-. d. 1 Dez. 1848
DFrdFrFr. /

[33]
(BlM XXIV,9, 33)
Am 1. Decbr Nachmitt[a]gs 4 Uhr. Erschrick heut nicht über die Masse[.]
Es trängte [sc.: drängte] mich Dir zu sagen, was ich sagte; denn mein
Herz ersehnt im Denken, Fühlen und Thun Einigung mit
Dir. Das nächstemal schreibe ich wohl weniger.-
- Schreibe mir ob Du wohl zwischen Weihnachten und
Neujahr 1 Tag nach Hamburg kommen könntest - Warum? -
im nächsten Brief. Dir innigst geeint D.Fr.Fr. D[as] heißt
Dir Friede, Dir Freude[.] [*aufgeklebte
  Trockenblume*] /
[33R]
Ein leichter Sinn faßt es nicht, Ein stiller Sinn der faßt es nicht
Ein lauter Sinn verspottet's nur Ein tiefer folgt allein der Spur