Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an Luise Levin in Rendsburg v. 8.12./9.12.1848 (Dresden)


F. an Luise Levin in Rendsburg v. 8.12./9.12.1848 (Dresden)
(BlM XXIII,22, Bl 74-75, Brieforiginal 1 B 8° 4 S. – Schema auf 74V: Im Original ist der Text der zweiten Spalte horizontal geschrieben.)

[Links oben am
  Bogenanfang:Zeichnung: Buch mit Lyra, beides von Efeu und Band
  umwunden]
Dresden am 8en des Christmonats 1848.
Anstatt Dir meine theure Luise einen Brief in
kalter, trockner Prosa zu schreiben möchte ich
lieber in einem Gedicht die Harmonie, den
Einklang Deines ganzen Wesens in schöner
Gestalt ausprägen. Was ich möchte laß
Dir dieß Bildchen zur Seite sagen; sprich,
zeigt es nicht Dein liebes, liebes Bild?-
Zeigt es nicht die Lilien Reinheit Deines Herzens
wie ein aufgeschlagenes klares Buch?- Zeigt es nicht den Einklang Dei-
nes Wesens, Deiner Eigenschaften wie Deines lieben Namens, was Du
ja eben selbst bist als Bild eines schönen harmonischen Ganzen, eines harmo-
nisch besaiteten Instrumentes? - Schlingst Du nicht gleich Epheu Dich
an dem deutschen Eichenmanne gern und innig mit ihm verwachsen
Dich zum Lichte der Wahrheit, zur Sonne des Lebens empor?- Zieht
sich nicht Dein kraftvoller, liebewarmer, gleich Gold gediegener
deutscher Sinn durch Dein ganzes Jungfrauenleben hin?- Schaue
mir nochmals das Bildchen mit Deinen seelenvollen Augen an und
sprich: - Liegt nicht Dein ganzes Wesen darinn ausgeprägt?-
Siehe ich mußte es Dir schicken um Dir zu zeigen wie ich Dich in Rein[-]
heit und doch in Kraft in mir trage; doch unvollständig zeigt
das Buch nur was es sagen sollte.
L ilienreinheit des Herzens zeigt
U lmenbaumes-Tiefe des Gemüthes zuder ächt
I mmergrünes Schönheit blühend das Leben in Blaueinem harmonischendeutschen
S ilberblüthen Duft des klaren, einigen GeistesGanzen verbundenJungfrau
E pheu's, die Eiche in Frische, Gesundheit u. Dauerbeglückende
        umschlingende Kraft. Eigenschaft.
Und sage: zeigt meine Luise nicht der d[eutschen] Jungfr[au] g[an]z[e] Würde und Wesen?-
- Warum ich Dir aber heut schon schreibe? fragst Du vielleicht -
Ich möchte Dir auch durch das unerwartete Erscheinen dieses Briefes
eine Freude machen, wie Du mir durch Deinen jüngsten Brief gesandt. /
[74R]
Ja, meine gute Luise, Du hast mich durch
Deinen jüngsten l. Brief recht freudig ü-
berrascht; ich hatte eben überzählt, daß
ich noch gar manchen Tag warten müßte,
ehe mein Wunsch Worte der Liebe und
Treue von Dir zu lesen, erfüllt werden
würde, als auch schon Henriette zu mir
kam und mir Deinen lieben Brief u. noch über[-]
dieß in so freundlichem Gewandte, zu
meiner mehrfachen freudigen Überraschung übergab.-
Doch ich will es und muß es Dir auch gestehen, mein so unerwar-
tetes Kommen hat auch noch einen andern Grund: Heut Morgen
kam eine meiner Schülerinnen und brachte mir von einer ihrer
Freundin[nen], auch liebende Kinderpflegerin, aber blinder Kinder,
welche ich gestern kennen lernte und mit deren Kinder ich gespielt
gleichsam zur Dankbarkeit und zum Zeichen auch wohl inneren
Seelen- und Berufsverständniß ein kleines Liedchen. Als
ich es las fiel mir ein daß Euer aller kleiner Liebling, welcher,
wie Du mir schreibst am 14 Dzbr getauft werden soll, wohl
auch nach Deinen Mittheilungen blaue Augen haben müsse. Und
nun verknüpften sich meine Gedanken, Lebensansichten und Bestre-
bungen auch so schnell in mir, daß auch alsbald der Wunsch hervor[-]
trat das Liedchen Dir zu überschicken im Fall Du vielleicht als
des Tages Gruß oder Schluß davon Gebrauch machen könntest
und wolltest. Und am Tauftage das Göttliche im Kinde zu
erschauen und im Auge und Blick desselben zu lesen und festzu[-]
halten, dieß scheint mir für Mutter und Kind gleich wichtig.-
Nun Du wirst es nun machen wie Du es für angemessen
findest, wenigstens wird das Liedchen für Dich selbst Werth haben.
- Du fragst wann ich Deinen vorletzten Brief erhalten habe?-
Montags den 27n D Novbr früh. Die Briefe von und nach Rends[-]
burg (nicht Rensburg wie Du schreibst) scheinen sehr langsam zu gehen.- /
[75]
Außer durch sein Unerwartetes Erscheinen hat mir Dein lieber Brief
auch noch durch seinen Inhalt große Freude gemacht. Zuforderst
danke ich Dir für die liebe Ansicht Deiner Wohnung, ach es ist nun
etwas ganz anders wenn ich Deiner gedenke, nun weiß ich doch
wo ich Dich zu suchen habe. Willst Du so gütig seyn und mir gelegen[t]-
lich das Bildchen nochmals und auf der Rückseite unbeschrieben
schicken, so soll es mich freuen, weil ich ihm dann einen Rahmen
werde geben lassen.
Doch nun noch eine Hauptfrage; durch Allwina welche sich ich
darf wohl sagen im unbeschränkten Vertrauen zu mir ge-
wandt hat, hat sich nun ein ebensolches Vertrauen von Henr.
Breimann
zu mir entwickelt, so, daß sie mir Briefe von All[-]
winen mitgetheilt hat, welche deren innerstes Leben und Verhält[-]
niß betreffen; ebenso habe ich ihr in der jüngsten Zeit ebenfalls
auch meine Briefe an Allwinen lesen lassen. Weil Du mir
nun Deinen jüngsten lieben Brief durch Henrietten zugesandt hast, da
auch Du dem Marius Dich über unser beiderseitiges Stehen ausge[-]
sprochen hast, so ist mir der Gedanke gekommen, ob ich wohl auch
Henrietten Deine Briefe an mich mittheilen sollte?- Ich wollte
es aber nicht thun ohne mit Dir das Ganze zu überlegen; solche
Schritte sind leicht vorwärts; allein schwierig rückwärts gethan,
wenigstens nicht ohne Schmerzen. Lasse uns also die Sache vor[-]
her klar durch denken; Dein "m. G." meine G. kann immer im Brie-
fe bleiben; allein keinesweges würde es mir möglich seyn meine
Briefe an Dich Henrietten, in der Regel zu lesen zu geben. Über-
dieß hat mir Henriette, auf eine ganz besondere Veranlassung
nur diesen einzigen Brief an Sie [sc.:sie], auch noch nicht einmal die Deinen
zu lesen gegeben, doch glaube ich, nicht aus dem geringsten Rückhalt,
es hat sich nun einmal so gemacht, und ich glaube sie würde mir
selbige sogleich geben als ich sie darum bäte. Nun überlege ja ehe
Du Dich dafür bestimmst, denn beschränkt [werden] dürften unsere Lebensmitthei[-]
lungen auch nicht durch einen Hauch. /
[75R]
Was sagt mir Dein nächster Brief von einer Ferienreise in den
Festtagen zwischen Weihnachten und Neujahr nach Bergedorf?-
denn das meine ich eigentlich; Bergedorf ist aber wohl durch die
Eisenbahn wohl so ziemlich an Hamburg [her]angerückt.

Am 9en XII Mittags 2 Uhr. Soll dieser Briefe heut an Dich, mein
Herz gelangen, so darf und kann ich kein Wort mehr hinzufügen
denn bis Abends 10 Uhr gehört keine Minute mehr mein, der
Brief muß also statt Abends 7 Uhr jetzt zur Post, morgen
früh 6 Uhr geht er von hier ab
, sieh nun wenn Du ihn erhältst.
Die beiliegenden niedlichen Sachen sind mir von Marie Christ
in Lünen zugeschickt, Niemand hier kein fremdes Auge, nur das
meine hat sie gesehen; ich wollte Du, Du solltest als mein zweites
klares, reines liebes Selbst nun auch einzig die zweite seyn welche
es nächst mir zum erstenmale sähe; Du solltest Dich derselben
freuen, wie man sich über eine eben erst aufgebrochene Knospe
freut welche noch keines Menschen Auge gesehen hat. Gelegent[-]
lich bekomme ich wohl die Formen von Deiner lieben oder Augustens
Deiner Schülerin Hand ausgeführt zum Gebrauch für mich zurück.
Herzliches Lebe wohl
D.Fr.Fr.