Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an Luise Levin in Rendsburg v. 12.12./18.12.1848 (Dresden)


F. an Luise Levin in Rendsburg v. 12.12./18.12.1848 (Dresden)
(BlM XXIII,24, Bl 80-81, Brieforiginal 1 B 8° 4 S. - In BlM liegt dem Brief ein Zettel (Bl 82) bei, der wohl an Allwina Middendorff gerichtet ist und zu dem auf 81R erwähnten Brief an dieselbe gehört, daher wohl zw. 12.12. u. 18.12.1848 zu datieren ist.)

Dresden, Liliengasse am 12ten Decbr 1848 Abends 10½ Uhr

Meine theure Seelenfreundin.

Es ist recht merkwürdig d.h. hoch zu beachten, wie wenig es eigentlich be-
darf damit der Mensch sich durch und durch glücklich, ja in sich seelig fühle.
Siehe da hast Du mir m[eine] G[eliebte] die roth und weißen Lichtblumen gesandt.
Ob Du mir nun gleich den Wunsch aussprachest ich möchte Gebrauch
davon machen, so besorgte ich doch ich möchte dadurch der lieben Gaben
zu bald beraubt werden und so schloß ich sie in meinen Schreib-
tisch ein, mich jedoch zum Öfteren ihres Anschauens erfreuend. Gestern
Abend nun nahm ich zum erstenmal meine eigenen Leuchter in
Gebrauch; um mir es nun recht häuslich zu machen holte ich auch
zwei Deiner lieben Lichtrosen, wie Du mir schriebst eine weiße und
eine rothe heraus und schmückte damit Licht und Leuchter und -
welch ein seeliges Gefühl wurde dadurch in meinem ganzen Wesen
geweckt, ich konnte gar nicht anders, ich fühlte Deine volle Geistes-
nähe, und welch ein Friede in dem Gefühle Dich mir nahe zu wissen, sich
über mein ganzes Leben verbreitete, dieß kann ich Dir gar nicht
aussprechen. Ich wollte es Dir gleich gestern Abend sagen; allein
ich fühlte mich so müde; als ich es aber aus innerm Drange bewogen
doch thun wollte, löschte ich zufällig das Licht aus, und - da es so schon
spät war, legte ich mich, Dir für dieß hohe Lebensgeschenk innig dan-
kend zu Bett, mit dem Vorsatze Dir heute meinen recht innigen Her-
zens Dank für solches Gefühl, für solches klare Bewußtwerden inniger
Lebenseinigung zu sagen; denn Dir m. G. verdanke ich es ja nur
einzig. Welch ein edles, so leicht hochzubeglückendes Wesen ist da-
rum der Mensch. Nun Du kennst mich, kennst meine Jahre, weißt daß
ich eben nicht empfindsamer Natur bin, und doch fühle ich mich durch die-
se kleinen Beweise Deiner Liebe, wo in jedem Formentheilchen Deine
Thätigkeit und somit Deine Seele sich ausspricht, so ganz durch und durch
glücklich, wie mich auch um mich ein Geist, und der Geist ächten Friedens
umschwebt.- Ich habe gesonnen ob ich Dir wohl auch etwas von
meiner Hand überschicken könnte, was in Dir und um Dich solche Wir-
kung hervorbringen könnte und - ich habe Nichts gefunden. Solche Arbeiten /
[80R]
mit solchem Geiste und solchen Wirkungen können aber auch nur
aus einem Frauen Herzen einem Frauengemüthe, können für mich
nur aus Deinem Herzen, Gemüthe und Sinn hervorgehen. Möchte
es doch möglich seyn, daß wir uns solche reine Seelen[-] und Geistes-
Einigung für unser ganzes Leben bewahrten, welchen hohen, edlen
Menschendaseyns könnten wir uns dann immer erfreuen.-
- Wie oft, wie oft muß ich jetzt bei meinen Vorträgen Deiner
Deiner m. G. gedenken, wie rundet - (in sich selbst ruhend) -
schließt sich alles in sich ab. Ja, mein Herz, Du kannst es recht klar
mit mir empfinden und Dir es aussprechen, so wie ein klarer
Frucht- ein Eichenkern z.B. der nun, das ganze Wesen des Baumes
in sich zusammengefaßt habend, als reife Frucht von dem Bau-
me ab- und in die Erde fällt und gekeimt und sich entwickelnd
den ganzen Baum wieder in schöner Jugendgestalt aus sich hervor-
wächst; so ist es mir zu Muthe, wirklich zu Muthe, ich möchte die
Menschheit in ihrer ganzen Reinheit, wie sie sich mir täglich immer
mehr in Sprache, Wort und That, Geschehenen und Geschehenden, Ge-
fühl und Gedanken zeigt - und zwar zunächst im reinsten und
ganzen Vertrauen mit Dir darleben; Fänden sich noch Menschen,
welche Dir und mir gleich vertrauten, unsere Seelen- und Lebens-
einigung nicht nur ehrten und anerkennten, sondern in ihr auch
einen Anfangspunkt reinen, ächten Menschheitslebens erblickten -
wie z.B. unsere H[enriette] Br[eymann] oder Allw[ine] M[iddendorff] und M[ar]ius Bzn [sc.: Bendsen], und wollten
sie sich mit uns zur Darstellung reinen MenschheitsLebens einigen,
so sollen sie uns freundlichst, ja innigst willkommen seyn. Meinst
Du nicht auch m. G.? - Fühle und denke einmal das Ganze in Dir
durch, es ist dieß ein Gedanke der mich jetzt gar sehr beschäftigt;
Hast Du Zeit und Lust, so theile diesen Gedanken auch Deinen und
unsern genannten Freunden mit und besprich denselben recht oft
mit Ihnen [sc.: ihnen], damit, im Fall sich uns zur Ausführung desselben Gelegenheit
zeigen sollte, wir gleich den 12 klugen Jungfrauen bereit sind das Werk
zu beginnen.- So viel ist mir gewiß: ich bin erwartungsvoll wann
und wo sich mir und so uns Gelegenheit dazu zeigen wird.- Gute Nacht m. G. /

[81]
Montags den 18. Decbr. Nachmittags 3-4 Uhr. Um 2 Uhr em[-]
pfing ich durch die 3. Hand, d.h. von Dir an Allwinen, und von
dieser an Henrietten gesandt Dein herziges Briefchen welches Du
am 8. dieses Monats also schon vor 10 Tagen geschrieben und an
mich abgesandt hast. Wie glücklich bin ich, daß 4 bis höchstens 5 Tage
darauf auch schon wieder ein Brief von mir in Deiner Hand und
so mein Gruß in Deinem Herzen gewesen ist.- Dieser Brief wird
Dir sagen, was es heißen soll: - "ich habe nicht Zeit an Dich zu denken"
nämlich während des Tages nimmt mich mein Unterricht bei dem ich
mit voller Seele seyn muß so in Anspruch daß ich nur an den näch[-]
sten Gegenstand zu denken Zeit habe; ist aber die Zeit wieder ganz
mein, so ist sie, wie Alles was ich in meinem Empfinden u Denken
Wollen und Handeln mein nenne auch auch ganz Deine und jeden
guten Gedanken jeden Fortschritt in mir bringe ich sogleich in Beziehung
auf Dich; Siehe mein Herz m. G. so war es gemeint wenn ich
schrieb: - "Bedenke ich es recht so habe ich kaum Zeit an Dich ver-
einzelt von meinem Leben und Thun zu denken, aber mit denselben
zugleich denke ich Deiner ohne daß ich es mir in jedem einzelnen
Fall besonders heraushebe oder gar sage, weil ich all mein
Leb Denken auf mein Leben als ein Ganzes zurück beziehe und
- Du ja eben nicht etwa zu meinem Leben von Außen nur
gehörst, sondern mit demselben ein innig Einiges, mein Einiges
das heißt mich, mich selbst als Ganzes fühlen machst.-
Doch die Zeit eilt. Ich muß zum nächst Nöthigen, meine Reise
nach Bergedorf kommen; denn Bergedorf (Dich u Allwinen
daselbst zu finden hoffend) ist das eigentliche und von meinem
Willen u Hoffen aus nur das einzige Ziel meiner Reise;
nicht Hamburg. Doch ist es nach Allwinens Brief u Wunsch
wohl möglich, daß ich auf einen Tag nach Hamburg gehe;
dieß werde jedoch nicht ich, sondern Hmbrg wird es bestimmen[.] /
[81R]
Sonnabend den 23n denke ich nun von hier nach Berlin zu
gehen und Montag den 24' nach Bergedorf. Du wirst nun
(ich habe das ganz Gleiche an Allwinen geschrieben) mit dieser
bestimmen wann Du nach Be[r]gedorf kommen kannst. In Berlin[sc.: Bergedorf]
gedenke ich nun (einen Tag in Hbg freylich eingeschlossen)
wenn Du und Allwina noch am Silvester Abend in Bergedorf
bleiben könnt, bis zum Neujahrstag früh bleiben, dann aber
mit dem ersten Bahnenzug über Berlin zurück gehen, um
Dienstag Mittwochs früh sogleich meine Stunden wieder
anfangen zu können.- Also die Dauer meines Aufenthaltes
wird sich in Bergedorf entscheiden.- Sieh doch ob Du mir von
dem in Frage stehenden jungen Schulmanne, welche[r] den bekannten
Aufsatz lieferte eine Nachricht mit nach Bgdorf bringen
kannst.
Verzeih meine Seelenfreundin daß mein Brief heut etwas
kurz u leer ist, es gab hier so viel zu schlichten, daß mir
zu längeren schriftlichen Mittheilungen keine Zeit übrig blieb.
Ich bekomme doch vor meiner Abreise also bis zum 23en noch
einen Brief von Dir? - ich denke Du hast mir am 16ten
von Deinem schönen Familienfeste Kunde gesandt. Ich werde
sehen ob ich Recht habe.- Gesund war ich G.s.D. immer
daß Du unwohl warest thut mir Leid; doch solche vor[-]
übergehenden Übel treffen uns alle.- Ich grüße Deine
lieben Kinder. Daß Amalie Krüger Hoffnung hat als Kin-
dergärtnerin nach Hamburg zu kommen und zwar auf
2 verschiedene Vorschläge weißt Du vielleicht schon.
In der reinsten Seeleneinigung, und mit der schönsten
Hoffnung baldigen Wiedersehens DFrFr /