Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an Ida Seele in Darmstadt v. 14.12.1848 (Dresden)


F. an Ida Seele in Darmstadt v. 14.12.1848 (Dresden)
(BN 651, Bl 43-44, Brieforiginal 1 B 8° 4 S., ed. König 1990, 174-175.)
(Verhältnis Originalzeile : Transkriptionszeile nicht 1:1)

Dresden, Liliengasse No 19 ebener Erde. Am 14 Decbr. 1848

Werthgeschätzte, liebe Ida.

Sie haben mich durch Herrn Doctor Lohse freundlich grüßen lassen, ich sage Ihnen dafür meinen recht herzlichen Dank.
Ich kann Ihnen gar nicht aussprechen, wie lieb mir ein Gruß von jeder meiner früheren Schülerinnen, ich möchte lieber sagen Geistes- und Herzenstöchter, und so ganz namentlich von Ihnen meine liebe, geschätzte Ida, ist; nicht etwa um meinetwillen, daß ich dadurch einen Beweis empfange, persönlich bei denselben und so bei Ihnen in der Erinnerung fortzuleben, keineswegs; denn so lieb mir auch wohl sonst Ihrer aller und ganz namentlich und persönlich Ihr freundliches Andenken an mich ist und seyn mag, so ist mir dieß dennoch nur erfreuliche Zugabe zu dem Schlusse und der Überzeugung die ich aus den Beweisen Ihres und aller gütigen Andenken ziehe: - daß der Gedanke der Erziehung, wie er von uns gefaßt, daß die Idee der Erziehung wie solche von uns erkannt und in unserer Kinderpflege- und Bildungsweise durchgeführt worden ist, noch in Ihnen allen, wenn auch gleich auf sehr verschiedene Weise der Einsicht, Aneignung und Anwendung, dennoch aber in warmer schaffender Regsamkeit zugleich als schöne und wahre Darstellung im Leben fortlebt; dies Bewußtseyn, diese Überzeugung ist es, was mir Ihrer aller Grüße so lieb und theuer macht und - ohne diese Überzeugung würden diese Grüße, warum soll ich es nicht klar und bestimmt aussprechen, einen kaum nennbaren Werth für mich haben; denn das Leben und die Erscheinungen des Lebens gelten jetzt nicht der Person; sondern sind, durch den Einzelnen zwar hindurch gehend, allein dem Ganzen, der Menschheit einzig geltend. Wie freue ich mich nun, daß, wie ich in diesem Geiste Ihre Grüße empfange, sie mir aus den gleichen Gesinnungen bei allen Schülerinnen hervorgehen, und, wenn auch in verschiedener Art und Weise /
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doch aus gleichem Grund und Wesen. Ich bin dadurch wirklich hochbeglückt; allein ich möchte auch, daß sich dieses Glück über alle und über einen Jeden von uns, eine Jede unter uns verbreite; darum geht mein Streben dahin, daß das schwesterliche Gefühl unter allen meinen lieben, töchterlichen Schülerinnen ein recht warmes, reges und recht innig einiges werde. Und so ist es denn auch fast unter den Meisten, sie bilden, besonders auch durch Allwina vermittelt, indem sie wie mit dieser, so unter sich im erziehlichen, das heißt sich gegenseitig fördernden und erhebenden Briefwechsel stehen, einen lieblichen frischen u. duftigen Freundschaftskranz, namentlich zwischen Allwinen M[id]de[ndor]ff, Luisen Levin (jetzt in Rendsburg im Holsteinschen in der Familie eines gewissen Cammerherrn v. Cossel bei drei lieben Kindern, als Erzieherin) Anna Hesse in Annaburg, Henriette Breymann (aus dem Braunschweigschen, einer nahen Verwandtin v. mir, jetzt meine sehr sinnig eingehende Schülerinn); ebenso Amalie Krüger, (deren Name Ihnen schon zum Ostern genannt würde [sc.: wurde], aus Halle, welche zu ihrer gründlichen Ausbildung aus den jetzigen Bildungscursus hier in Dresden wieder theilt); Augusten Steiner in Marienberg, Christiane Erdmann in Gotha, Auguste Michaelis jetzt in Erfurth Kindergärtnerin, Marie Christ (in Lünen in der Graftschaft Mark, in Westphalen, Königreich Preußen). Sie sehen es ist ein schöner Kreis und Kranz, kindlicher kindererziehender Jungfrauen; auch unsere liebe, sich wahrhaft weiblich erziehend ausgebildete Luise Frankenberg, deren Sie sich gewiß erinnern und die jetzt hier in einer sich ziemlich weit ausbreitenden Mädchen- und Jungfrauen-Erziehungsanstalt - im sogenannten Frauenschutz - als sehr wackere Kindergärtnerin wirkt, nimmt in diesem Kranze einen namhaften Platz, durch die Art und durch die Früchte ihrer Thätigkeit ein; wie leid thut es mir, daß Sie, liebe Ida, nicht mehrere dieses Kreises kennen; doch Sie sollten einen so ächt erziehenden, als /
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innig warmen Briefwechsel zunächst mit Allwinen M[idden]d[o]rff wie hier mit Luisen Frankenberg (im Frauenschutz, Antonstadt Glacisstraße No 2b) anknüpfen, und zwar mit letzterer ganz auf mein Wort. An Allwina gelangen briefe [sc.: Briefe] unter der Anschrift: An A.M. Adresse H.S. Lütkens, St. Georgen. neben dem Strohhause No 64 in Hamburg.
Ist es mir einigermaßen möglich, so denke ich nächsten Sommer wieder einen Erzieher-Congreß, vielleicht in Arnstadt, oder doch sonst nahe dem Thüringer Walde, zu veranstalten und dazu, d.h. zugleich zu einem großen Kinderspielfest, alle Kindergärtnerinnen einzuladen. Sie müssen, meine liebe Ida, frühe Ihre Verhältnisse dazu ordnen, daß Sie an dieser Versammlung Antheil nehmen können. In Rudolstadt waren gegen 10 Kindergärtnerin[nen] anwesend; zur nächsten Zusammenkunft möchten sich wohl noch mehr zusammenfinden; denn jetzt hier in Dresden hat sich jetzt wieder mehr als eine Zahl von zwei Duzzend Jungfrauen verschiedenen Alters, von 16 Jahren, bis zum Alter v. Luisen Fr[an]k[en]b[erg] als Schülerin[n]en und einstigen Kindergärtnerinnen in den verschieden[en] Lebenskreisen, um mich versammelt. Allein auch Jünglinge, als erziehende Lehrer, Mütter und Väter haben sich diesem Kreise angeschlossen, so, daß derselbe wohl aus vierzig und etlichen Personen bestehen mag, welche, wegen ihrer großen Anzahl täglich in dreimal 2 Stunden, von 8-10 Morgens, von 5-7 Nachmittags und von 8-10 Uhr Abends (dieß jedoch nur 3 mal wöchentlich jene zweimal 2 Stunden aber täglich) bei mir, theils bloß theoretischen Unterricht, theils praktische Übung haben. Außerdem haben die Schülerinnen im engeren Sinne noch täglich Zeichen- wie Gesangsstunden. Sie sehen, liebe Ida, es giebt da viel, sehr viel zu thun, so, daß ich fast nie Vormitternacht zu Bett komme. Allein die ganze Thätigkeit hier macht mir große Freude; denn ich habe im Ganzen Schüler und Schülerinnen welche innig u. mit großer Freude und Aufmerksamkeit, ja mit Begeisterung, ge- /
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nug mit Herz und Sinn, Gemüth und Geist in die Sache eingehen; dazu kommt, daß es vorgebildete junge Männer und Jungfrauen, durch Nachdenken und Lebenserfahrung einsichtige Männer u. Frauen, Väter und Mütter sind. Da ist es denn wohl eine Lust in einem solchen Kreise und mit solchen Gliedern desselben das Höchste des Lebens zu besprechen. Aber Sie sollten auch diese Vorträge theilen, mit welcher ruhigen Klarheit mit welcher innern Nothwendigkeit, frei von jeder Willkühr, wie von jedem Zweifel stellt sich da alles heraus, mit welcher Reinheit und Lebensfülle, wie Lebenseinheit schließt sich da alles in sich ab. Durch das sicher deutende Wort, wie wird da alles so lebensvoll, und durch die so einfach als bestimmt zur Seite gehende Anschauung, wie wird alles so einsichtig. Allein es ist auch wahr, ein wirklicher Jubel begleitet zum Öfteren die Mittheilungen. Denken Sie sich wenn um 10 Uhr die Stunden geschlossen sind, so drängt bei mehreren der Geist und das erregte innere Leben, noch ein Viertel- ja wohl gar noch ein Halbststündchen zusammen zu bleiben. Wie oft, wie so oft denke ich da Ihrer und wünsche Sie in unsern Kreis; welch einen Schatz thatsächlicher Erfahrungen würden Sie mitbringen, und so das vom Geiste Erkannte in der Wirklichkeit als sich bestätigend aussprechen. Aber auch Sie, durch die allseitige Klarheit, welche Sicherheit, Bestimmtheit, welche Einfachheit und welches in sich selbst lebenvoll abgeschlossenes und doch wieder nothwendig in sich gegliedertes Ganze würden Sie dadurch erhalten. Ja, alles dieß ist überraschend, man erwartet es gar nicht; nein! man kann es gar nicht erwarten so neu, und ich muß es nochmals aussprechen, so einfach ist das Ganze. Das macht aber der innere Zusammenhang mit welchem alles erfaßt, die Stetigkeit mit welcher alles durch geführt wird. Jesu Leben u. Lehre erscheint in einer Notwendigkeit in einer Klarheit und Bestimmtheit, welche nichts zu wünschen übrig läßt. Gesegnete [König: Sehr gute] Christtage, fried- und freudvolles Neujahr.- Sie sollten an Henriette Breymann schreiben, daß sie Ihnen von unsern Mittheilungen Kunde gäbe. Im neuen wie im alten Jahre I. Frd. Fr. Fr.