Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an Elise Fröbel in Keilhau v. 21.12.1848 (Dresden)


F. an Elise Fröbel in Keilhau v. 21.12.1848 (Dresden)
(Brieforiginal Gumperda nicht nachweisbar, ed. Nohl 1931/32, 473-475)

Dresden, Liliengasse No. 19. Ebener Erde. Am 21. XII. 48.

Liebe Elise.

Seit mehreren Wochen liegt ein angefangener längerer Brief für Dich
in meiner Schreibmappe. Umstände, die ich vielleicht einmal erwähne, /
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bestimmten mich denselben nicht abgehen zu lassen. Überhaupt bin ich
von der ersten Woche meines Hierseyns so angestrengt durch die Erfüllung
meiner für Dresden und selbst auch nach Auswärts hin übernommenen
Verpflichtungen und Thätigkeiten so in Anspruch genommen, daß ich
wirklich keine ruhige Zeit zu ein paar in stiller Sammlung an Dich zu
schreibenden Zeilen finden konnte; denn die innere Vorbereitung zu den
so schnell auf sich folgenden Vorträgen, wo eigentlich jeder wenn auch
nicht im Wesen, doch in der Form anders gedacht seyn und ausgeführt
werden wollte, forderte eben die Benutzung jeder stillen gesammelten
Zeit, sodaß ich mit den Gedanken an die Lösung meiner Aufgabe Abends
zu Bette ging wie frühe damit aufstand; jedoch habe ich nun auch die
Befriedigung, daß ich im Ganzen ein für die Sache wahrhaft begeistertes
Ganzes um mich versammelt habe. –
Ob es nun gleich schon wieder 12 Uhr Mitternacht geschlagen hat -
denn Vormitternacht konne [sc.: komme] ich nie zu Bett - so soll mir doch das Jahr
nicht verschwinden ohne Dir nochmals meinen Dank für Deine mir in
dem nun bald verflossenen Jahre bewiesene Liebe zu sagen, und Dir
meinen aufrichtigen Gruß wie meinen herzlichsten Seegenswunsch zum
Austritt aus dem alten und zum Eintritt in das neue Jahr zu sagen -
zumal da mir Henriette aussprach, daß sie morgen eine kleine Sendung
an Dich abgehen läßt. Den gleichen Gruß und Wunsch wie Dank,
welchen ich Dir sagte, sprich auch Deinen lieben Eltern, sprich Deinem
hochachtbaren Vater, meinem mir stets theuren Bruder aus. Sage ihm,
daß Alles erfüllt werden würde was er im Herzen, still es pflegend ge-
tragen und noch sinnig pflegend in sich bewege; Einzelheiten thuen
nichts zur Sache, wie er deren auch nicht bedürfe. Gleichen Gruß und
Wunsch allen übrigen aufrichtig Theilnehmenden - Nun wirst Du
wohl auch ein paar Worte über mein hiesiges Wirken hören wollen.
Es sind nun schon so viele Briefe von hier nach Keilhau abgegangen,
daß ich wirklich in Verlegenheit bin, was ich Dir schreiben soll um nicht
zu wiederholen, was Du schon anders wo her weißt. Also auf gut Glück.
Meiner Zuhörer oder wenn Du lieber willst Schüler und Schülerinnen
mögen gegen Vierzig oder Vierzig und Etliche seyn. Zwanzig und Etliche
davon sind Jungfrauen vom 16. Jahre bis zum Alter von Luisen Franken-
berg
; Sechs sind Frauen und Mütter; die Uebrigen sind junge Lehrer,
erfahrene Erzieher und einsichtige wie sorgsame und strebende Familien-
väter. Da aber die Zahl der Theilnehmenden so groß und ihre bürgerliche
Stellung so verschieden ist, so war es schwer sie in einer Zeit zu ver-
einigen; es mußten daher drei Abtheilungen gemacht werden. Morgens
von 8-10 Uhr die erste Abtheilung. Fast nur Jungfrauen, wo die /
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ältesten Johanne Küstner und Am. Krüger. Alle die im engeren Sinne
meine Schülerinnen sind, nehmen an diesem Vortrage Antheil, also die
Am. Mattfeld, die Emilie Stieler, die Henriette Breymann, die Emma
Habicht
aus Schmalkalden, Du erinnerst Dich wohl des kleinen Mannes
des Kircheninspectors; die Namen der übrigen haben wohl kein besonderes
Interesse. Diese Genannten nebst noch einigen Anderen sind noch meine
Zeichenschüler und Schüler bei den Gesanglehrern, Herrn Kroll [sc.: Krell] und einem
Dresdener Singmeister Namens Leierf [sc.. Lecerf]. Middendorff erinnert sich dessen
vielleicht. Von dem Unterricht dieses hoffe ich sehr viel Gutes für meine
Schülerinnen, wie auch für Herrn Kroll [Krell], ja noch für mich selbst wenn
auch nur als stiller Schüler. An dieser ersten Stunde nimmt auch, was mir
um der Jungfrauen willen so sehr lieb ist, eine sehr sinnige, erfahrene
und doch selbst noch junge Mutter Antheil. Unsere Henriette hat sich
ihr besonders befreundet. Morgen beschafft diese Frau ein sehr reiches
Christfest für 22 arme Stadtkinder. Mir wurde es möglich dazu gegen
50 Hoffmann-[sc.: Hofmann-] Meyersche Christbäume beyzutragen, wogegen ich das Recht
erhielt zur morgenden Christbescherung vier arme Kinder vorzuschlagen.
Zwei meiner Zuhörer aus der Stunde von 5-7 Uhr Abends, die ich
sogleich erwähnen werde, sind aber Lehrer an Armenschulen; diese habe
ich gebeten, mir jeder aus seiner Schule 2 wackere, musterhafte Kinder
zu nennen, was auch geschehen ist; siehe liebe Elise so wirkt Gutes still
fort. - Henriette Br., Am. Kr. und Am. Mattfeld haben heute dieser
Frau einen Christbaum putzen helfen, welcher in dem hohen Dresdener
Zimmer vom Boden bis zur Decke reicht. - Also die Zweite Abtheilung
ist von 5-7 Abends. Frankenbergs Hausgenossen, wie er und seine Frau
nehmen daran Antheil. Die Dritte Abtheilung ist von 8-10 Uhr Abends
die fröhlichste, sodaß noch bis nach 10 und gegen 11 Uhr hin oft mit
einigen zusammen geblieben wird. - Alle, alle meine Zuhörer nun ohne
Unterschied, wenn auch nach Alter, Vorbildung, Auffassung und künf-
tigem Lebenszweck in verschiedener Weise, machen mir wirklich große
Freude, ja, zeigen sich wahrhaft begeistert für den Gegenstand. – Raum
und Zeit zwingt mich abzubrechen. Gott führ uns aus dem alten ins neue
und im neuen Jahre.
D. FrdFrFr.