Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an Luise Levin in Rendsburg v. 3.1./4.1.1849 (Dresden)


F. an Luise Levin in Rendsburg v. 3.1./4.1.1849 (Dresden)
(BlM XXIII,27, Bl 95-98, Brieforiginal 2 B 8° 8 S.)

Dresden, Liliengasse No. 19. Ebener Erde 3/I 49.
Frieden und Freude, Heil und Seegen, Dir
meine theure Luise zum Neujahr und in dem
ganzen angetretenen neuen Jahre; suche das
Wesen was jedes dieser Worte bezeichnet ganz
zu durchfühlen, suche denkend die Bedeutung
von jedem ganz zu erfassen und Du hast
m. G. das Innige und Hohe der Wünsche, welche
für das begonnene neue Jahr und für alle künf[-]
tigen für Dich in meiner Seele leben erkannt
und dann werden, merkwürdigerweise Dir
alle diese Wünsche durch Dich selbst erfüllt
werden, Du selbst wirst mich so hoch beglücken,
daß ich zur Erfüllung dieser Deiner Wünsche
beitragen kann, dadurch, daß Du mir erlaubst
Dein Leben als ein Einiges mit dem meinen
zu wissen indem auch Du Dich in vollem Ver-
trauen als ein Einiges mit mir fühlst u. weißt.
Solche Lebenseinigung trägt nun aber auch alles
in sich, aus ihr wächst, blühet und fruchtet Alles
hervor, was das reine Herz ersehnt, und
so möge und wird dann auch Dir im neuen
Jahre Alles das erfüllt werden, was in leiser
Vorahnung schon jetzt als stiller Wunsch in Deiner Seele lebt. /
[95R]
Wohlbehalten, wenn auch mehrfach recht durchfroren bin ich
gestern, Dienstags Abends nach 8 Uhr, wie ich es ver-
sprochen hatte in Dresden angekommen, und, wie ich gestern
Abend noch Frankenbergs und meine Schülerinnen bei den-
selben, wie auch Henrietten B[reymann] aufsuchte, so habe ich auch heu-
te meine Vorträge wieder begonnen und zwar alle drei.
- Am Sylvester (Sonntags) Nachmittags 5½ Uhr bin ich nem-
lich von Bergedorf abgereist, nachdem mir am Vormittage
die ganze Familie des Pastor Holm aus Neu[en]gamm[e] die Freude
machte sie in Bergedorf zu sehen. Der Pastor sowohl als
seine Frau u. Kinder haben mir gar sehr gefallen, wie mir
denn auch am Vormittage die Predigt des ersteren gar sehr
zu gesagt hat. Von ihnen daher, wie auch nachher vom Vetter
Ritter
und seiner Familie bin ich in wahrer und warmer
Lebenseinigung geschieden und ich freue mich gar sehr darauf
sie alle - wie es den Anschein hat, im Laufe dieses Jahres noch
wieder zu sehen.-
Aber eben fällt mir ja ein, daß Du noch gar nichts von den
Ergebnissen meines Aufenthaltes in Hamburg weißt. Mit
Beit hat sich, wenn ich anders seinen Angaben ganz trauen
kann - er hat noch vor meiner Abreise die Wohnung nebst
Garten fest gemiethet, welche ich vorher mit ihm eingesehen habe,
sie ist sehr zweckmäßig, in einer guten Straße gelegen und
hat, wie die Zimmer (in der ersten Etage) sich schön aneinander[-]
reihen, so ganz besonders einen ausgezeichneten Garten so
wohl der Größe als der Gesammtlage, wie der innern Einrich-
tung nach; auch Beit gefällt mir eben nicht übel, wenn ich bei
dem Maaßstabe welchen ich an ihn anlege bedenke, daß er ein
Jude ist, bei deren Unternehmen immer eine gute Parthie
Äußerlichkeiten müssen mit eingemischt seyn. Doch hoffe ich /
[96]
Amalie wird sich mit ihm und seiner Frau betragen. Ama-
lie K[rüger]
hat sich nehmlich entschieden, und mir diese Entscheidung
nach Hamburg geschrieben, die Stelle bei Beit anzunehmen;
sie wird nun den 20en dieses Monats von hier abgehen und ohne
Zweifel am 1en Febr: dort ihre Wirksamkeit beginnen.-
Der äußeren Erscheinung nach liegt nun Alles in Amaliens
Hand d.h. Sinn und Gemüthe; doch diesem kann ich eben nach
deren vielfachen Lebensäußerungen nicht fest vertrauen; möge
der Himmel seinen Seegen dazu geben; denn so viel ist wohl
gewiß das [sc.: , daß] Amalie leicht zum Entgegengesetzten ihrer jetzigen
Denk- und Handlungsweise überspringen kann; wie man da-
her in der einen Stunde einen Beförderer und Träger einer
Idee in ihr zu finden glauben, ja sich überzeugt halten kann, so
kann sie gewiß leicht in der nächsten Stunde als eine kalte
Gegnerin derselben auftreten und Glück will ich mir wün-
schen, wenn die Erfahrungen, welche ich in dieser Beziehung ohne
Zweifel mit ihr durchzumachen habe, für mich nach gewissen
Seiten hin nicht zu vernichtend sind, von schmerzlich will ich
gar nicht reden; so viel aber ist gewiß, und Du siehst es aus
diesen Mittheilungen, ich bin darauf vorbereitet. Denn noch
nie ist mir eine Person vorgekommen, - was sich jetzt in den
Tagen der Entscheidung täglich steigernd zeigt - welche so durch
das Leben und dessen Einwirkungen so in sich rein zerfallen ist,
und allen Glauben an sich, an Andere, ich möchte sagen an
Menschheit und selbst an Gott verloren hat, wie diese A. K.
Ihre Leben und ihre Lebensäußerungen zeigen daher auch all
diese Erscheinungen, welche in einem solchen inneren Lebenszu-
stande gegründet sind. Du kannst m. G. diesen Brief an All-
winen
mittheilen, indem es gut ist, wenn sie auf diesen in sich
zerbrochenen Charakter - wie ich ihn wirklich selbst erst nach
meiner Rückkehr von Hamburg ganz habe kennen lernen - /
[96R]
aufmerksam gemacht wird - um ihn [sc.: ihm] in seinen Erscheinungen
wenn er hervortreten sollte, gleich von Vorne herein wohl
milde und schonend - als einer harten und gefährlichen Krank[en]
aber auch mit Entschiedenheit und Festigkeit entgegenzutreten,
was ich glaube daß es ihr sehr gesund ist. Doch mag sie im Leben
hart gemißhandelt und geteuscht worden zu seyn, was diesen
Zustand in ihrem Innern und die davon abhängenden Lebensäuße-
rungen bewirkt haben mag.- Aber nun genug von dieser
traurigen und wirklich niederschlagenden Lebenserscheinung;
würde ich dagegen zu einer allseitigen Lebenserneuung und
Gesundung beitragen, ja sie bewirken können, so würde ich
mich sehr glücklich preißen.
Nun zu einer entgegengesetzten Lebenserscheinung zu Herrn
Hoffmann
. Dieser kam am 2en Tage früh 8 Uhr zu Frau Lütkens.
Er sprach sich sogleich im vollsten allseitigen Vertrauen aus;
was sich in Wort u That steigernd fort bewies. Gestützt auf
dieses Vertrauen hat er es in ernste Berathung genommen
noch in diesem Monat hierher nach Dresden zu kommen und we-
nigstens den nächsten Vierteljahrcursus noch hier mitzumachen.
Herr H. zeigt sich ganz als einen starken Träger u. aufrich-
tigen Beförderer der Idee entwickelnd-erziehender Menschen-
bildung indem er ausspricht daß er gern zur Förderung und Her-
vor- und Ausbildung der Idee alles das willig zu opfern
bereit ist, was er an fördernden Mitteln sein nennt.- In
diesen Gesinnungen nun wird er sich über das Äußere, Zeit, u
Ort und Art seiner Wirksamkeit erst dann entscheiden,
wenn er sich hier erst mehr Einsicht in das Wesen des Ganzen
wie in dessen Ausführungsweise verschafft hat. Frau Lüt-
kens hält den Plan fest und sucht dazu vorzuarbeiten, daß
ich künftigen Winter in Hamburg Vorträge halte, wie jetzt
hier in Dresden; ich kann dieß gern geschehen lassen, denn die Ent[-]
scheidung ruht in H[öherer] Hand. /

[97]
Donnerstags am 4en J. Einen freundlichen u. guten Tag Dir; noch immer ist
bei uns das Wetter heiter u. klar und so möge denn auch der heutige Tag Dir
ein klarer u. heiterer seyn. Wie sehr ersehne ich doch zu wissen, ob meine Wünsche,
welche für Dich so tief und in dem Innersten meiner Seele wurzeln, auch in Erfül-
lung gehen!- Doch warum sollten sie es nicht da sie so rein so lebenseinig sind.-
- Also am Silvesstertage Abends ½6 Uhr ging ich im Geiste begleitet von der
Liebe aller Zurückgebliebenen von Bergedorf nach Wittenberge a d Elbe;
(Du sagtest mir, daß Du das Städtchen kennst). Hier kam ich gegen 11 Uhr
an und feierte ganz still in mir allein, doch im Geiste geeint mit allen
Lieben und besonders mit Dir m[eine] th[eure] G[eliebte] den Übergang aus dem alten in
das neue Jahr. Ich fand sogleich (wie auch am folgenden Tage in Wittenberg) beim
Absteigen ein warmes Stübchen, was ich mir noch behaglicher erwärmen ließ,
so wie ich mich durch eine Tasse warmen Thees auch noch körperlich erquickte.
Zuerst nahm ich mir Deinen u meinen lieben Schäfer zur Hand, welcher mich
zu Dir führte, dann las ich Deinen lieben lieben Brief welchen Du mir selbst nach
Bergedorf mitgebracht hattest und las ihn wieder und wieder, so hoch er-
freute er mich; denn ich hatte bis dahin noch nicht Zeit gehabt ihn nur an-
zusehen.- Was bist Du doch, meine Luise so lieb und gut und wie klar spiegelt
sich Deine reine schöne Seele in allem aus was Du aussprichst. Wie ich nun
so den Übergang aus dem [alten] in das neue Jahr in inniger Lebens- und Seeleneinigung
mit Dir begann, so einigte ich auch wieder unser beiderseitiges Leben mit
dem Leben aller lieben Abwesenden und aller Lieben, zu einem freieren
geistigeren Wirken Vorangegangenen und ganz besonders mit diesen Letzte-
ren und zwar eben zur richtigen Erfassung und sorgsamen Beachtung
der Gegenwart.- Ja meine Theure eben die rechte Deutung und Behand-
lung der Gegenwart, das schnelle Erfassen des Augenblickes, der Zeit in
ihren Forderungen und deren Erfüllung das, eben dieß ist es was mei-
ne ganze Seele erfüllt, zu dieser klaren Er- und Durchschauung aller
Lebensverhältnisse und deren höchsten und letzten Zweck und Ziele, da-
zu möchte ich mir den Beistand aller früher vorange[gange]nen gleich redlich
Strebenden und nun gewiß klarer Alles Er- und Durchschauenden er-
bitten. So lebe ich meine G. in der Gegenwart und Vergangenheit zur allsei-
tigen Erfassung der Gegenwart, wie zur vollständigen Erfüllung ihrer
und der Zukunft Forderung, denn nur in der ganz vollendeten Erfüllung
der Pflichten des Augenblickes liegt der Keim zur Entwicklung einer /
[97R]
gesunden Zukunft und der gesunden Entwicklung der Zukunft, welches bei-
des wir ja Alle mit unsern heißen und besten Wünschen ersehnen, weß-
halb ich auch jedes festzuhalten und zu benutzen strebe, was mich zur
Erfüllung derselben führen kann. Und so war denn auch jetzt in diesem
Durchgangspunkt vom Alten zum Neuen ein Schriftchen der Gegenstand
was ich, ich möchte sagen gerad in dem rechten Lebensaugenblick in
Bergedorf bekannt [sc.: bekam] und was mir selbst vom lieben Vetter Ritter
ich möchte sagen, als Werkzeug der höchsten Schicksals Leitung - (die
Menschen sagen durch einen unscheinbaren Zufall) - zu einem höchst
zeit- und ortsgemäßen Reisebegleiter bei meiner jetzigen Wande-
rung mitgegeben wurde. Der Titel dieses Schriftchens heißt:
- "Deutschlands Wiedergeburt" - "Was thut uns Noth, damit wir
Ein Volk werden
?" - Von Franz Adolf Marbach - Leipzig durch
Verlag von L.G. Teubner 1848 - im gewöhnlichen Schillerformat
160 Seiten - Geschrieben Leipzig im März 1848.-
Der Titel des Schriftchens sagt Dir sogleich wie mich dessen Inhalt
anziehen mußte; denn auch das kleinste und scheinbar einzelnstehende
Wollen und Wirken muß im großen Gesammtzusammenhange erkannt
und beachtet werden wie vielmehr das unsrige.- Die Einleitung
des Schriftchens beantwortet von dem geschichtlichen Standpunkte
aus die Frage: - "Was thut uns Noth damit wir Ein Volk werden?"
kurz mit den Worten: - "Verbannung des Welschthums, Entwickelung
des Deutschthums
." Nun wird unter A das Französische und unter B
das Italienische Welschthum beleuchtet; dann unter C das ächt
volksthümliche Deutschthum und zwar unter der Überschrift: -
"Der Naturwuchs der Völker und sein Freiwerden im deutschen Volke.["]
Du kannst Dir aus diesen Andeutungen leicht sagen wie mich, dessen
Streben ja eben die Aus- und Einführung einer naturwüchsigen
Kindheit- und Menschenbildung zum Zweck und Ziele hat, das Schrift-
chen anziehen und fesseln mußte. Ich las es in der innigsten
Lebenseinigung mit Euch 3 Schwestern und ganz besonders mit Dir
m. G. denn ich hätte gewünscht daß jedes Wort welches ich las und
die Beziehung und Deutung welche ich demselben in Beziehung auf
unser Leben demselben gab und geben mußte in Euer aller Herz
und Geist wieder[ge]hallt wäre, besonders in dem Deinen, als das meine; /
[98]
denn siehe m[eine] th[eure] Fr[eun]din, die weibliche, die Jungfrauen[-] und Frauen-
welt muß im Einzelnen wie im Ganzen ihr Leben und Wirken,
die Bedeutung und Wichtigkeit desselben, auch im großen Lebens-
zusammenhange nicht nur erkennen, sondern auch beachten und
pflegen, ganz vor Allem aber müßt Ihr drei Schwestern es gemein-
sam, wie jede einzelne von Euch es allein und für sich wieder thun.
Ihr drei Schwestern die Ihr eine so wichtige Lebens- und Zeitidee, wie
die naturwüchsige, die entwickelnd-erziehende Bildung des Kindes, des
Menschen und somit der Völker und vor allem unseres deutschen Vol-
kes ist, Euch zu der Eurigen gemacht habt; Ihr müßt wo sich Euch An-
forderung und Gelegenheit dazu bietet Euer Leben, Wirken und
Streben auch im Zeitenspiegel, im großen Spiegel des Volkes, der
Völker und des Menschheitslebens sehen, dieß benimmt [sc.: nimmt] der häuslichen
sinnigen und sittigen Stille Eures weiblichen und fraulichen Wir-
kens auch nicht ein Joda, wie das Veilchen selbst in seiner Zurückgezo-
genheit wirklich noch mehr hervorgezogen wird als selbst Rose und
Lilie.- Dieß was ich hier andeute, ist aber eben das, was dem
so vielfach mißverstandenen Frauen- und Zeitstreben nach
ächter Frauenemanzipazion [sc.: Frauenemanzipation] zum sichern Grunde liegt.- Wie könn-
tet denn sonst Ihr Frauen und Jungfrauen das Leben und Wirken
des Mannes wahrhaft theilen, wie könnte er beides mit Euch thei[-]
len, was doch nothwendig als gleichberechtigte Glieder des Volkes
und der Menschheit seyn soll; nur waltet in Eurer allseitigen
Lebenseinigung mehr die Wärme, das Gemüth, das Gefühl vor, mann
kann sogar sagen der Mensch, beim Manne mehr das Licht, der Verstand
der Geist, die Macht und die Kraft; in inniger Wechseldurchdringung
wird das Leben zu dem schönen, ja himmlisch schönen Ganzen, welches
es zu werden, schon auf Erden berufen ist.
Von Wittenberge gieng ich früh 6 Uhr nach Wittenberg ab,
wo ich Nachmittags gegen 5 Uhr ankam. Sogleich bat ich Alberti-
nens Bruder, den Wilhelm M[iddendorff] zu mir zu kommen. Ich fand
ihn größer. Er meinte zwar er sey nicht gewachsen; vielleicht
war es der Ausdruck gewonnener männlicher Bestimmtheit verbunden
überhaupt mit kräftigerer Entwickelung seines ganzen Körpers
was ihm den Ausdruck größeren Ernstes und so auch von Zuwachs /
[98R]
an Größe gab.
Im Ganzen hat mir Wilhelm sehr gefallen. Du weißt, er
hat den Wunsch und Entschluß, nachdem er nächste Ostern
das Gymnasium zu Wittenberg verlassen haben wird, ehe
er dann die Universität zu beziehen gedenkt ein Jahr bei
und mit mir die Idee naturwüchsiger oder wie ich bisher
sagte entwickelnd-erziehender Menschen- Völker- und so
Menschheitsbildung zu lehren. Der Vater ist ganz mit dem
Sohne einverstanden, es wird nun alles darauf ankommen,
wie sich das Leben im nächsten Frühlinge entwickelt. Henriet-
te hat mir in dieser Beziehung sehr erfreuliche Mittheilungen
von ihren Eltern gemacht. Demnächstens darüber mehr
ich muß abbrechen, da ich will, daß der Brief noch
heut zur Post komme und Du Nachricht von mir erhaltest.
Nochmals meine besten Seegenswünsche zum n[euen] Jahr.
- Ich darf doch spätestens zum 16. einen Brief von Dir
erwarten; die Zeit bis dahin wird mir jedoch lang werden.
Doch Dein Herz wohnet ja in dem meinen und Dein Leben
ist ja eins mit dem meinen, darum kein Sehnen, sondern
nur friedig, freudiges Leben, fröhliches Wirken und Schaffen.
Dein Friedrich Fröbel