Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an Auguste Herz in Frankfurt/M. v. 30.1.1849 (Dresden)


F. an Auguste Herz in Frankfurt/M. v. 30.1.1849 (Dresden)
(GSA 96/4239, Brieforiginal 1 B 8° 3 S., ed. Riedel 1941, 10f.)

Dresden, Liliengasse No 19. Ebener Erde. Am 30 Jan 1849. Mittags <12½ / 13½>


Liebe Frau Doctor Herz.

Gestern Abends 8½ Uhr bin ich wohlbehalten wieder in meiner
stillen Wohnung in Dresden angelangt. Nachdem ich meine Reisegefähr-
tin und künftige Schülerin, Ihnen auch schon namentlich bekannt - Frau
Herold
aus Gotha ebenso in die ihrige geleitet hatte suchte ich sogleich
das liebe Haus und die liebe Wohnung auf dem Dippoldiswalder Platze
und dort natürlich Ihren lieben Mann auf um demselben den mir von
Ihrer Güte anvertrauten Brief zu übergeben und noch mündlich meine
Bitte um freundlichst baldige Beantwortung desselben hinzufügend. Was
ich mir aber als natürliche Folge der Gesammtverhältniß voraus sagte
fand wirklich Statt; ich traf denselben nicht zu Hause, hörte auch, was
ja ganz auch in seiner jetzigen Stellung und in der Sachlage der Verhältnisse
gegeben ist - daß derselbe erst spät nach Haus käme. Heut hatte ich noch
nicht Zeit ihn aufzusuchen, würde denselben auch schwerlich getroffen haben,
indem derselbe nur bis 10 Uhr zu sprechen ist, ich aber bis 11 Uhr Stunden
habe. Doch das Wesentlichste ist, was ich Ihnen zu sagen habe, und was
ich schon in Leipzig aus sichern Munden hörte: - vor itzt bleibt alles
in seiner bisherigen Ordnung; die Minister werden nicht abtreten, und
so fand ich denn auch hier alles in der bekannten Ruhe. Wie sich diese
Ruhe nun befestigen, was aus ihr hervorgehen wird, das liegt frey[-]
lich noch in der Hand des Schicksals; soviel aber bleibt für uns als
daraus so klar, als mit größter Bestimmtheit hervorgehend gewiß: -
wir, wir als Erzieher des Menschengeschlechtes und unseres Volkes,
besonders der hervorkeimenden herauf wachsenden neuen Theiles des[-]
selben wir müssen ganz vor allem diese uns vergönnte, noch kurze
Zeit benutzen um die Lösung der uns gewordenen Lebensaufgabe, Er-
zieher der Zeit zu werden, so klar als sicher d.h. zielgewiß zu er-
reichen; dazu habe ich gar nichts hinzuzufügen, als lassen Sie uns
das scheinbar Kleinste benutzen was uns eben der gegenwärtige
Augenblick zur Erfüllung unseres Berufes gleichsam wie von
Ohngefähr u. zufällig reicht. Mit diesem Wunsche u Bitte, und Sie /
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stets auf die Erfüllung derselben aufmerksam zu machen mir
in Gedanken immer erlaubend - werde ich Sie stets auf Ihrer
jetzigen Reise begleiten, Sie - die Sie wirklich zur Erfüllung des
hohen Erzieher Berufes durch ein seltenes Zusammentreffen günstiger
Verhältnisse und Umstände so hoch begünstigt werde[n]. Ich freue
mich recht, daß Sie, wenn ich mir erlauben darf Sie liebe Schülerin
zu nennen schon in dieser Beziehung mir auf den Schultern stehen. Ja
doppelt und mehrfach, denn Gott gab Ihnen nicht blos ein geistig
weit reichendes inneres, sondern was ich für den, der es recht beachtet
und zu seinem Wohl wie zum Wohl und Seegen des Ganzen anwendet
gleich hoch achte auch ein so scharfes als weitgehendes und klares
äußeres Auge; wie Sie so einen weiten Gesichtskreis klar bis
an seine äußersten Enden überschauen, so durchschauen Sie auch
dessen Einzelnheit bis in ihr Innerstes klar durch; sammeln Sie
so nun wie eine fleißige Imme (Biene) recht viel ein und
theilen Sie mir als theure, liebe erziehende Berufsgenossen davon
in Ihrem stets das Beste fördernden Sinne recht viel mit wenn Sie
zurück komm[en], ich freue mich schon im Voraus darauf dann im aus[-]
gleichenden Leben Ihr aufmerksamer Zuhörer ja Schüler zu seyn.
Doch soll jetzt nicht freundlich zusammengeplaudert werden -
Ich finde zum Glück eben in meinem Taschenbuch das Blättchen
was unser treusinniger, lieber Hoffmann für Sie als Reiseno-
tizzen nieder geschrieben hat; ich sende es Ihnen, es wird Ihnen
von Nutzen seyn.- In Gotha hoffe ich nicht nur, sondern ich bin ge-
wiß, daß Sie daselbst sehr freundliche Aufnahme finden werden.
Grüßen Sie mir alle Lieben dort. Ein Brief, welchen mir Frau
Herold
von Frl. Erdmann mitgebracht hat, versichert mich dessen
von Neuem.
In Darmstadt werden Sie wenigstens wieder Briefe von
mir vorfinden. Ich halte es am besten wenn Sie zuerst gleich von
Frankfurt a/m dahin und dort wieder zuerst zu Frl. Ida Seele
gehen; von Darmstadt gehen Sie nach Frankfurt a/m zurück, suchen
dort - ganz wie aus sich kommend als ganz unbekannte Reisende
den Kindergarten von Carl Schneider auf der großen Eschenheimer
 /
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gasse, kommen Sie von der Zeil oder dem Paradeplatz herab, an
der linken Seite, ohnweit des Thores. Es ist zur rechten Seite
eines großen Thorweges ein Schild angeschlagen welches den Eingang
meldet. Die Anstalt ist im Hofe. Sehen Sie rich[t]ig an was und
wie man es treibt, hören Sie prüfend an alles was man sagt
und besonders führen Sie das Gespräch auf Fr.Fr. und hören sie [sc.: Sie]
was man über diesen wunderlichen Kauz sagt. Man lernt
auf diese Weise viel und gründlich und, das Gründlichste besonders
aber sich und seine Freunde aber hört man, wenn man zu hören
versteht von seinen eigenen wie von seiner Freunde sogenannten
Feinden, deßhalb gebe ich Ihnen mit so großer Sorglos[ig]keit die
Adressen ich will eben nicht sagen, wenigstens nicht bei allen, meiner
Feinde - doch meinen oft heftigen Gegner[n].
Eine Anstalt in Frankfurt, zwar nicht in Frankfurt selbst
sondern in Sachsenhausen, jenseits der Brücke hatte ich bald ver[-]
gessen Ihnen zu nennen. Es ist die dasige Kinderbewahranstalt,
- dann hat glaub' ich eine gewisse Frl. Hofmann dort eine
Anstalt; vor Allem aber suchen Sie den Oberlehrer Jäkel
(Jäkel) kennen zu lernen. Führen Sie sich selbst hier überall
als durchreisende Fremde selbst ein und hören Sie, gleichsam nur
wie zufällig erwähnend was man über den eigensinnigen Fr.
Fr. über den Unpraktischen sagt.
Auch DHom Homburg vor der Höhe vergessen Sie ja, und
dort die Hofräthin Müller nicht grüßen Sie solche achtungsvoll
von mir, sie ist in gewisser Hinsicht, aber darum hochachtbar
meine Gegnerin, doch eine Frau von der seltensten Wirksam-
keit. Es giebt Omnibus wo man zu bestimmten Stunden billig
nach Homburg u zurück fahren kann.
Alle hier Ihnen Bekannte grüßen Sie mit unserm Lebens[-]
gruß: Es begleite Sie stets auf Ihrer Reise - Freiheit
des Geiste[s] - Frieden des Herzens und Freudigkeit des Lebens[.]
A[l]so: -
I.Frd.Fr.Fr.