Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an Luise Levin in Rendsburg v. 2.2./3.2./5.2./6.2.1849 (Dresden)


F. an Luise Levin in Rendsburg v. 2.2./3.2./5.2./6.2.1849 (Dresden)
(BlM XXIII,32, Bl 123-128, Brieforiginal 3 B 8° 12 S.)

Dresden, Liliengasse No 19. Ebener Erde. Am 2n Februar 1849.
Weißt, und fühlst Du denn meine th. G. daß ich mich gar sehr
nach einem Briefe von Dir sehne?- Du wirst wohl sagen: "habe
ich Dir nicht zuletzt geschrieben und habe ich darum nun nicht zuerst
wieder eine Antwort und einen Brief von Dir zu erwarten?"-
O, ich weiß dieß m. G. nur zu gut und schon gar oft hat es mich
getrieben Dir zu schreiben und Deinen Brief zu beantworten; allein
ein Zweifaches hat mich immer davon abgehalten einmal wünschte
ich daß unser Briefwechsel wieder in Ordnung käme; dann fürchtete
ich unsere Briefe möchten sich durchkreuzen. Siehe gel[iebte] L[uise]! führest
Du so fort wie Du begonnen hast so wäre der Briefwechsel ganz in
Ordnung: am 1' Jan. oder 2n begannst Du; am 8n empfingst Du Ant-
wort von mir; am 16 empfing ist [sc.: ich] Briefe von Dir und gegen den 21n
empfingst Du wieder Briefe von mir - (wohl auch ich in dieser Zeit
wieder einen Brief von Dir; dieser ändert jedoch die Ordnung nicht)[.]
Am 1en Februar, also gestern erwarte ich daß Du einen Brief an
mich abgesandt hast und ich hoffe ihn übermorgen oder spätestens
Montag zu erhalten. Diesen Brief wünschte ich so absenden zu können
daß Du ihn gerad am 16 8. d. M. empfingest. Für Dich waren
nun die festen Absendungstage der 1e und 16e jedes Monats
für mich dagegen der 8e und 24e und so wäre alles wieder in
schöner Ordnung. Ich habe Dir m. L. so viel, viel zu sagen und
zu schreiben, daß ich mit großer Sehnsucht Deine l. Briefe erwar-
te, daß um dann sogleich diesen meinen absenden zu können.
Das Erste und Wichtigste nun ist daß sich alles mit Nothwendig-
keit dahin drängt, mit dem Frühjahre für einen bleibenden und
festen Sitz zur reinen Dar- und Auslebung der klaren und voll-
ständigen Idee eines Kindergartens thätig zu seyn.
Recht erwünscht kam mir daher in Deinem jüngsten Briefe
der, zwar von Dir nur ganz flüchtig hingeworfene, vielleicht
von Dir kaum beachtete u. wohl gar nicht festgehaltene Gedanke:
- mit Ostern Deine Wirksamkeit bei v. Cossel's niederzulegen
und sie zu veranlassen dann schon an Deiner Stelle eine Erzieh-
erin und besonders Lehrerin für ihre Kinder zu nehmen. /
[123R]
Ich wünsche nun gar sehr, daß dieser Gedanke in Dir und
Euch allen die Ihr dabei betheiliget seyd Festigkeit erhielt und
zwar aus zwiefachem Grunde: einmal weil ich gar sehr
ersehne sogleich in innig einigem Leben mit Dir den neuen
Lebensbaum zu pflanzen u. zu pflegen zum gesunden Wachsthum,
zum duftigen Blühen und zum reifen Fruchten; dann, weil ich
gerad unter meinen jetzigen Schülerinnen eine - (die Dir schon
im vorigen Briefe bekannte Rosalie Reinhard) - habe, von
welcher ich glaube, daß sie ebensowohl den Forderungen der
Eltern und den gesammten Verhältnissen, wie den Bedürfnissen
der Kinder entsprechen würde, indem sie nicht nicht nur auf
den von Dir gelegten Grunde vorbauen [sc.: bauen], sondern diesen Bau auch
ganz in Deiner Weise nach und mit den von Dir gebrauchten
Mitteln fortführen und beendigen würde; es wäre dieß zum
Heile der Kinder wie zum Wohle aller. Ich möchte darum in dieser
Hinsicht recht bald und wenn auch zunächst nur vorläufiger Weise
Deine Meinung hören. Also bitte! bitte! recht bald diese.
Was nun die Sache von meiner Seite betrifft, so trage
ich folgenden Plan zur thatsächlichen Ausführung in mir.
Von allen Seiten und in allen Weisen drängt es zur endlichen
vollständigen und vollkommenen Darstellung des Ganzen.
Dieß kann aber nur geschehen, wenn ich in, wenn auch in noch
so einfachen aber ruhig gesicherten, dem Gegenstande ganz
hingegebenen Verhältnisse[n] an einem der Sache in allen Be-
ziehungen ganz entsprechenden Orte frey und freythätig in
wie außer mir, also in größter Unabhängigkeit von jedem
Andern als meiner Idee, ihrer Darstellung und deren Forderungen
leben kann. Die Natur und alle Lebensverhältnisse müssen,
wenn auch in noch so spärlichem Maaße die Letzteren, - zur Aus-
führung günstig seyn; allein die Natur in möglichst reichstem
Maaße. Vor meiner Seele schwebt daher ein Ort am
südwestlichen, also jenseitigen Abhange des Thüringer Waldes
gegen Franken zu, in der nächsten Nähe von Bad Lieben-
stein mir vor, selbst die Nähe dieses würde mir, besonders als
Kaltwasserbad - willkommen seyn. /

[124]
Am 3. Febr. Abends. Guten Abend, mein treues Herz, wie hast Du heut
den Tag verlebt?- Wie hast Du in der vorigen Nacht geschlafen?-
Heut freue ich mich, heut komme ich eine Stunde früher zu Dir als ge-
wöhnlich; es ist erst 10 Uhr, weil mir meine Zuhörerschaft von 8-10
die letztere Stunde geschenkt hat; ehe ich aber mein kleines Hauswesen
um mich zur stillen Einkehr in mich und zur friedigen und freudigen
Heimkehr zu Dir ordnete ist doch, da ich vorher auch noch einer sorgenden
Mutter Rath, hinsichtlich ihrer heranwachsenden Tochter, ertheilen sollte, fast
eine Stunde verstrichen, so daß es eben schon 10 Uhr schlägt. Doch nun eile
ich auch zur Fortsetzung des gestern Abgebrochenen. Ich trage nun folgen-
den Plan in mir: Wie es einem Saamenkorn möglich ist das ganze Leben
eines Gewächses, ja der ganzen Gattung, des ganzen Geschlechtes in sich
aufzunehmen z.B. einer Eichel, eines Eichkernes das ganze Leben nicht
nur eines durch Jahrtausende hindurch bestehenden Eichbaumes, sondern
dessen ganzen Geschlechtes; oder eines Apfelkernes, das Leben nicht nur
des Apfelbaumes von welchem er eben die Frucht ist, sondern das, des
ganzen Geschlechtes der Apfelbäume mit all den Anlagen zur Fort-
entwickelung, welche uns die Obstcultur täglich zeigt und bringt;
so trage und pflege, entwickele ich ununterbrochen das Streben in mir:
das gesammte Leben der Menschheit, in so weit solches schon geschichtlich vor
uns liegt nicht nur, auch nach den Bedingungen und Forderungen der Fort-
entwickelung dem Ziele der Vollendung entgegen in mir [sc.: mich] aufzunehmen wie
aus mir zu entwickeln und auch so gleichsam zu einer reifen Frucht am Baum der Menschheit,
zu einem reifen Saamenkerne derselben zu machen. Daß mir dieß
Streben nun in einem hohen Grade gelungen ist, dafür treten fest nur
einzig aus dem Leben die Beweise entgegen. Daher ist nun mein zweites
Streben: - mir nun auch, gleich einem beflügelten oder rollenden
Saamenkorn einen der Natur desselben entsprechenden Grund und
Boden, Erdreich, was die Bedingung zum Werden reicht, aufzusuchen
um dort unter dem AllEinflusse der Natur und des Gesammtlebens
zu keimen, zu wurzeln, zu wachsen, zu blühen und zu fruchten, wie
die Frucht zu reifen. Dieß nun, mein Herz, mein Leben, dieß ist mein
ganz einfacher Plan. Er bezieht sich ganz abgeschlossen auf mich auf
als Ganzmenschen allein; aber Du weißt ja eben aus Dir und
durch Dich selbst m: G., daß ja eben G[atten] Einen Ganzmenschen schaffen /
[124R]
wie ich ja eben auch mit voller Seele in reinster höchster Wahr[-]
heit sagte was Du mir bist: - mein Herz! - mein Leben! -
Also in innig geistiger und persönlicher Lebenseinigung mit Dir
als Einer Person und als Ein Wesen, wie Herz und Kopf,
Fühlen und Denken, Gemüth und Geist, im Leben und durch das
Leben innig sich gegenseitig ergänzend, erhebend, bildend, kräfti-
gend, so wünsche ich mit Dir, das was mein Herz, Gemüth und
Geist im Wollen, Handeln, Leben, Thun längst ersehnte, in möglichst
idealer Vollkommenheit also in Gesundheit wie in Klarheit darzu[-]
leben.- Zu dem Orte dieses Beginnens nun habe ich, durch eine
Mehrheit von Einwirkungen, und Thatsachen wie durch ein wunder-
bares gleichsam unmittelbar aus sich - ohne Rücksicht auf Ein-
wirkungen und Thatsachen - bestimmendes Gefühl, den oben schon
genannten Ort: - Bad Liebenstein, oder dessen Nähe gewählt.
- Die Bestimmungsgründe dazu sind folgende: 1) erstlich, meine zu
beginnende Wirksamkeit muß sich an eine entsprechende, förder-
same, also schöne zugleich aber auch milde Natur anknüpfen;
dieß geben nur die Gebirgsgegenden. 2) zweitens muß aber auch
meine Wirksamkeit möglichst in der Mitte Deutschlands und 3)
drittens möglichst nahe eines leichten und allgemeinen Lebensver-
kehres, also möglichst nahe an Verbindungsstraßen durch Eisen-
bahnen liegen; wenn nun das letztere jetzt wohl beinahe alle
Gebirgsländer, wie auch der Harz und das Fichtelgebirge reichen,
so liegen doch beide Gegenden zu weit aus der Mitte von Deutsch-
land. Daß ich nun 4' viertens den südwestlichen, also nach
Franken und somit nach Süddeutschland zugekehrten Teil des
nordwestlichen Ende des Thüringerwaldes wähle, dieß hat
wieder mehrfache Gründe a) wollen wir die Süddeutschen mehr uns
Norddeutschen vereinen so müssen wir uns mehr zu ihnen wen-
den; in Nord- und Ostdeutschland ist die Sache der Kindergärten nun
durch Hamburg, Dresden und die Mittelorte, selbst Keilhau,
Rudolstadt, Gotha Erfurth hinlänglich angeregt. Süddeutschland
hat eigentlich keinen Kindergarten im ächten Sinne. b. der nord-
westliche Theil des Thüringer Waldes also der Punkt um die Wartburg Luther, die Minnesänger
Altenberge (Bonifazius) ist seit Jahrhunderten eine /
[125]
Stät[t]e geistiger Entwickelung; und der Dichter singt ja: "die Stätte die
ein guter Mensch betrat pp". Die Wahl Gegend des südwestlichen Abhanges
wird aber außer dem oben, von Süddeutschland abgeleiteten
Grunde, noch deßhalb z von mir gewählt, weil an dem nord-
westlichen Abhange Eisenach, Schnepfenthal und in dem nur wenig
entfernten Gotha schon allgemeine Erziehungsanstalten u. besonders
Kindergärten sind. Ich wählte und wähle aber Liebenstein 5.)
fünftens deßhalb, weil es einmal ein Bad überdieß ein Kalt-
wasserbad ist, welches darum mehr der Gesundung als des Ver-
gnügens halber, überhaupt aber eben nur mäßig besucht und
doch auch wieder so besucht ist, daß [sich] die Kunde von den Kinder-
gärten und ihrem Wirken von da aus nach allen Richtungen des
Lebensverkehres hin verbreiten kann; dann wähle ich Liebenstein
weil ich dort - eben wegen des mäßigen Besuches des Bades - für
uns und unsere Schüler und Schülerinnen leicht und billiges
und doch auch wieder anständiges und wie geräumiges Unterkommen
in Hinsicht auf Kost, Wohnung, Wäsche und die übrigen Lebensbe-
dürfnisse zu finden hoffe, wovon ich mich freilich erst durch einen
vorhergehenden Besuch in Liebenstein, welchen ich in den Osterferien
dort zu machen gedenke - überzeugen u belehren muß. Endlich
wähle und wählte ich Liebenstein deßhalb, weil es im Meiningschen
liegt und daselbst, wie Du weißt die Kindergärten, wenigstens die
Idee, der Gedanke derselben vielfacher Pflege sich erfreut, gar viele
besonders der jüngeren Lehrer ihrer Ausführung hold sind und sie
wünschen, ja wie ich höre neuerdings von Seiten der obersten
Schulbehörde ein Erlaß erschienen seyn soll, worinn ganz besonders
zur Aus- und Einführung der Kindergärten durch die betreffenden
Unterbehörden, Gemeinden u Volkslehrer aufgefordert worden
seyn soll. Auch ist es nun überhaupt schon über 20 Jahre her, seit von
Meiningen aus meinen Bestrebungen wirklich pflegende Auf-
merksamkeit, wenn auch oft in großen Unterbrechungen geschenkt
worden ist. Genug, in der angedeuteten Weise liegt es meinem
Geiste vor; wie es dagegen in der Wirklichkeit alles ist wird der Augen-
schein und die Erfahrung lehren. Durch den Augenschein werde ich
mich, wie ich sagte in den Osterferien bestimmen lassen - die Belehrung /
[125R]
durch die Erfahrung wird mehr Zeit erfordern; ich denke da-
rüber so: Ich werde bald nach Beendigung des jetzigen hiesigen
Wintercursus einen Sommercursus, und wie diesen hier in
Dresden in einer Stadt, so jenen in Liebenstein auf dem Lande
beginnen. In der oben schon genannten Osterreise gedenke ich alles
dort vorzubereiten. In den Gebäuden und Wohnungen für die
Badegäste, die eben jetzt gegen früher sehr mäßig der Anzahl
nach sind, hoffe ich Kost u Wohnung für uns und unsere Schüler
und Schülerinnen zu erhalten.- Von hier wird sogleich eine
Schülerin nach der jetzigen Bestimmung- Frau Herold mitgehen;
eine zweite, welche hier zu Beginn durch den die Todt Krankheit ihrer
Mutter abgehalten wurde - Frl. Bothmann wird dann dort auch
eintreten von mehreren anderen Punkten aus wird ein Gleiches
beabsichtigt. Der Cursus anstatt 2 und 4 rth wird in seiner
Vollständigkeit Zeichnen u Gesang eingeschlossen monatlich 6 rth [kosten.]
Haben wir wenigstens 5 Schülerinnen also monatlich 30 rth,
und so täglich einen Thaler, so glaube ich können wir in Liebenstein
wo noch überdieß Guldengeld ist bestehen.- Daß der ganze 6monatl[iche]
Cursus jedem der ihn besucht ohngefähr 100 rth. koste, darauf
rechnet auch schon jedes, welches ihn zu besuchen gedenkt und zwar
um so williger als sich - wie es scheint - denselbend steigend die Hoffnung einer
baldigen und entsprechenden Anstellung zeigt. Ich hoffe darum daß
sich bei einer allgemeinen Bekanntmachung der Sache mehr als 5
Theilnehmer finden sollen.- Doch unser Bestehen soll keines
weges von dem Cursus und dessen Ertrage abhängen, sondern
vielmehr durch unsere anderweitige Thätigkeit gesichert werden
und zwar durch die Anfertigung und Verschleiß [sc.: Verkauf] der Spiel- und Be-
schäftigungsmittel und deren Anweisungen zum Gebrauch durch
Wort und Zeichnungen, so wie durch die so dringend geforderte Her-
ausgabe der Spiele mit Beschreib[un]g, Liedern u Musik.- Durch
das sich immermehr verallgemeinernde Interesse an der Sache wird auch
nothwendig der Verschleiß aller Spiel- Be-
schäftigungs- und Lehrmittel gefördert. Bei Versendung u Rech-
nungsführung stehst Du mir treu zur Seite u. zur nächsten Micha-
elisMesse hoffe ich eine Sendung nach Leipzig wie nach Frankfurt zu spe-
dieren.- /

[126]
Am 5en Febr. Abends 10½. Ach schon wieder der 5e d. Mon. Gestern obgleich
Sonntag, der so schöne Tag, welcher sonst Dir m. th. G. gewidmet war, wenig-
stens zum Theil, gestern wollte sich gar kein Räumchen von Morgens
früh bis spät Nachts finden, um Dir schriftlich ein freundliches Wort zu sagen
so war ich bis 12 Uhr von Menschen umgeben, so drängt sich das Leben,
freilich von Menschen, die mir und uns lieb, sehr lieb sind, mit welchen
aber eben das Leben in der, im Vorstehenden angedeuteten Weise be-
sprochen wurde mit Henr. Brm. mit Hrn. Hoffmann und Hrn. Krell,
allein das war es eben, was mich so ganz geistesmüde machte, daß
ich gar nicht über mich gewinnen konnte Dir noch ein schriftliches Wörtchen
zu sagen. Ich will nun versuchen Dir nach diesen Mittheilungen zu zeigen
wie das Ganze jetzt steht. Am verflossenen Mittwoch, glaub ich war
es, da habe ich, durch die Lebensentwickelungen aufgefordert, den
so eben genannten Dreien den, Dir im Obigen dargelegten Plan, mitge[-]
theilt indem sie immer an der Ausführung meines Lebensplanes den
regsten und förderlichsten Antheil zeigten, und sie dann aufgefordert
mir bis zum Gestrigen ihre Ansicht darüber zu sagen. Vorher
sprach ich Herrn Hoffmann noch aus, daß unmittelbar und in innig[-]
ster Lebensverbindung wie besonders Du (worüber er sich besonders
zu freuen schien) so auch Allwina, wie Henriette Br. ohne Zweifel aber
auch für die erstere Zeit wenigstens, wie Allwinens Bruder, so
ein anderer junger Mann, ich dachte natürl[ich] an M [sc.: Marius Bendsen] - im Allgemeinen
gehöre, ja daß auch He. Krell Neigung nicht nur, sondern in sich fest
bestimmt sey sich dem Ganzen, dem zu bildenden Lebenskreise und
Lebensganzen anzuschließen. Ich forderte nun Hrn. Hoffmann auf
daß er sich ganz aus sich, ohne Beziehung auf das schon von mir Dargelegte,
aussprechen möchte, wie er sich einen solchen Kreis in sich und dessen
Forderungen, eben als einen so musterhaft als allseitig befriedigen-
den, nach Außen hin dachte. Er entwickelt nun nach u nach
1. daß der Kreis, wenn auch überwiegend mehr aus Seelen- u Geistes-
Verwandten als aus Blutsverwandten bestehe, er doch das
ideale in sich einige, reine Familienleben ausführen und darstellen
müsse; daß der Kreis zu seinem allseitig fördersamen Besteh[-]
en aus sich a) eine Industrie-anstalt zur Hervorbringung der
Kinderbeschäftigungsanstaltmittel entwickeln u darstellen müsse[.] /
[126R]
Daran müsse sich b) zur Ausführung der Vorlegblätter u Gebrauchs-
Anleitungen eine artistische Anstalt [an]schließen (wie sich ja alles
dieß freilich nur in seinen ersten Keimen in Blankenburg durch Löhn
durch August Straubel u Hrn. Unger rc findet). Ebenso c) eine literarische
Anstalt welche sich nach drei Seiten hin verzweigen müsse a) die Her-
ausgabe eines Alle verbindenden u belehrenden Tageblattes
gleichsam als Fortsetzung des Sonntagsblattes dann b) die Heraus-
gabe von Lehrschriften und endlich c) die von Kinderschriften.
Aus der Industrieanstalt und aus der literarischen entwickeln
sich aber zwei neue Wirksamkeiten: die merkantilische, die
den Verschleiß der Spiel- und Beschäftigungsmittel besorgende
merkantilische, die Kaufmännische Seite, und die liberarische
die Buchhändler[-]Wirksamkeit, die den Verkauf der Schriften
besorgende.- Doch allem diesen Voraus und sich unmittelbar
aus der Familie entwickelnd stehe zuerst 2) die Bildungsanstalt
für Kindheitpflege und die Heranbildung zu tüchtigen Kindergärt-
nerinnen, wie denn diese zur praktischen Ausführung und Dar-
lebung wie Übung einen Kindergarten fordern. Und die voll-
endete Ausführung dieser - und deren die [sc.: der] allgemeineren Einführung
der Kindergärten in das Leben sey fordere dann die oben weiter
entwickelten anderen Anstalten.
Nachdem Herr Hoffmann so das Ganze mit Nothwendigkeit und
Folgerichtigkeit aus sich entwickelt hatte, sprach ich ihm aus
daß dieß ganz auch mein Lebensplan sey, und nun käme
es darauf an wie Er diesen Plan auszuführen gedächte. Ich
würde ihn, von nächstem Frühjahre an, mit der Bildungsanstalt
für Kindheitpflegerinnen oder Kindergärtnerinnen, oder mit
der Fortsetzung meiner Bildungscursus beginnend jedenfalls mit nächstem
Frühjahre beginnend zu verwirklichen suchen. He. Hoffmann
erklärte nun, so sehr er von der Nothwendigkeit der Ausführung
des dargelegten Planes überzeugt sey, so wenig traue er sich die
Erfordernisse zur Ausführung zu, doch wünsche er mit Allem was
er seyn nenne an der Ausführung des Planes mit völliger Hingabe
Antheil [zu] nehmen, und er wünsche nur sehnlichst diesen Plan in Ge-
meinsamkeit mit mir auszuführen, wie er denn überzeugt sey,
 /
[127]
daß seine Frau mit ihm ganz die gleichen Lebensansichten theile.
Heut nun fragt[e] ich ihn: ob und in wie weit er zur Ausführung
des gestern dargelegten Planes über dazu nöthige Geldmittel
frei verfügen könne? - worauf er erklärte, jetzt unmittelbar
nicht, sondern dieß müsse erst durch seinen Vater und dessen
Bestimmung hindurch gehen.- Nun gut, sagte ich er möchte nun
nach seinem besten Ermessen über den Gegenstand sich mit Va-
ter u. Frau verständigen; ich für meine Person würde für
die Ausführung meines Planes wirken, sage ihm dann das von
mir Erreichte u. Ausgeführte zu, so stände es ihm dann frey, die
Bedingungen erfüllend die nothwendig das Ganze fordern, in den
Kreis einzutreten. So steht die Sache mit Hrn. Hoffmann. Im Fall
seines von ihm ernstlich beabsichtigten Eintrittes würde seine Frau
die Wirthschafterin und Hausmutter des Ganzen werden; welche
Stelle er im Ganzen einnehmen würde, kann ich wirklich jetzt noch
nicht bestimmen, so viel ist gewiß, daß in der oben angegebenen
Gliederung desselben, des Ganzen wie der verschiedenen Wirksam-
keiten sich mehrere Stellen zeigen würden, wo eine ruhige, treue
fleißige, hingebende Thätigkeit eben für das Ganze sehr ersprieslich
sein würde, nur kommt es dann darauf an ob eine der mögli[chen]
Thätigkeiten auch wirklich seiner Persönlichkeit ganz zusagt. Nun
dieß bliebe dann alles noch zu prüfen offen.- He. Krell
obgleich jünger scheint freier zu stehen. Er bekommt - als einziger
Sohn und somit als einziger Erbe seiner verstorbenen Mutter in
der Mitte dieses Jahres, wo er großjährig wird, in den Besitz
der Hinterlassenschaft seiner Mutter, welche glaub ich, in ein[i]gen
oder vielmehr mehreren Tausenden von Gulden bestehen soll (so
wie er sagt) von welchen bisher sein Vater den Nutzgebrauch hatte;
Mit diesem seinen Vermögen denkt dann Krell auch in den
Kreis, besonders für erziehende Musikpflege, einzutreten,
und so die Zielerreichung des Ganzen zu fördern. Krell ist
man kann sagen von Morgen[s] früh bis spät Nachts für die
Ausführung seines Lebensgedankens: mit mir geeint für die
Pflege der Kinderwelt, durch die Verallgemeinerung der Kin-
dergärten zu wirken - thätig; besonders auch um seinen /
[127R]
Vater für die Ausführung seines Planes zu gewinnen.
Allwina schreibt in ihrem letzteren Briefe: - "ich gehöre ja
"ganz Dir, im inneren, wie im äußeren Leben; alles ist Dir,
"aber es bedarf aber noch immer Deiner Leitung, und die willst
"Du mir ja so gerne geben."-
Nun siehe, mein Herz! - mein Leben! - m. th. G. - Ich habe Dir nun
mein ganzes Leben zur Prüfung abermals vorgelegt.- Prüfe
hiernach nun auch die Forderungen Deines Herzens, Deines Lebens
und siehe wie durch mein Leben, solche Dir gereicht, Dir erfüllt wer-
den können.- Willst Du hören wie ich in Ganzen lese: - so wäre
es zur klaren Darstellung des Ganzen sehr erwünscht, wenn Du
gleich mit dem Beginne des neuen Lebens also ohngefähr in den
ersten Tagen des Monates Mai in dasselbe eintreten könntest.
Du und ich sollten eigentlich die ersten Begründer dieses rein und
ächt menschlichen Lebens seyn und werden. Vielleicht daß es
den Gesammtverhältnissen zusagte daß Rosalie Reinhard
als Erzieherin und Lehrerin zugleich in Deine Stelle einträte, sie
könnte auf den von Dir gelegten Grund weiter fortbauen,
indem sie ja wie Du den gleichen Cursus durch[ge]arbeitet hat. Siehe
also wie Du das Ganze einzuleiten ha[s]t. Jedenfalles würdest Du
spätestens Michaelis eintreten; woran ich freilich in [sc.: im] Gefühl viel-
seitiger Entbehrung denke. Nun, was wir für uns wünschen
wird ja auch wohl für die anderen gut seyn.- Aber freylich RR. [sc.: Rosalie Reinhart]
fordert als erziehende Lehrerin und lehrende Erzieherin jährlich
100 rth Gehalt.- Dieß dünkt mich wird man überall u. ganz
besonders auch in Hollstein für eine solche bezahlen müssen.- Ge-
nug, besprich Dich schriftlich oder mündlich auch mit Allwinen.
Ih vielleicht [sc.: Vielleicht] könntet Ihr eine Zusammenkunft in Altona haben
oder Dich Allwina einen Sonntag in Rendsburg oder Du sie in
Hamburg besuchen. Jedoch liegen noch viele Blüthenknospen und
schon fruchtende Blüthen [um] mich welche sich besonders, durch steigende
allgemeine Theilnahme an meinen Bestrebungen und an meinen
Bildungscursen - auf die erhöhte Sicherung meiner und somit
unserer zunächst beiderseitigen Subsistenz, auf die Sicherung
unseres wirth[schaft]lichen Bestehens beziehen. Von diesen bald, bald mehr.- /
[128]
Wenn ich mich nun beeile, diesen durch die Vielseitigkeit meiner Thä-
tigkeit etwas wie verspäteten, so langweiligen und weitschwei-
figen Brief an Dich abzusenden ohne irgend eine Frage in Deinem
jüngsten Briefe an mich zu berühren und zu beantworten, so
mußt, so darfst Du es dießmal nicht übeldeuten. Siehe m.
L. es ist mir unmöglich es anders zu können und der Gegen-
stand dieses Briefes ist für mich zu hoch- u Lebenswichtig, als
daß ich ihm etwas anderes hätte vorhersetzen können.-
Offen will ich Dir gestehen, daß ich nach der Dir Eingangs dieses
Briefes dargelegten Schreibordnung - heut am 5en, als am
1en in Rendsburg abgegangen, einen Brief von Dir erwartet
mit Sicherheit erwartet habe. Mein Brief wäre dann heut am
5en abgegangen, so daß Du ihn spätestens am 9en in Rendsburg er-
halten hättest, so wäre alles in die bekannte schöne Ordnung ein-
getreten, so nun werden sich unsere Briefe abermals kreuzen.
Amalie Krüger ist endlich in eine bestimmte Wirksamkeit
in Hamburg eingetreten, doch schreibt sie mir, daß sie nur bis
Ostern bleiben und dann zu Carl Fröbel nach Zürich - welcher
sich hier die Johanne Küstner zur Frau geholt hat - gehen wird[.]
- He. Hoffmann wird in den nächsten Tagen seine Frau von Ham-
burg kommen lassen auf einige Tage nemlich um sie hier etwas
in das Kindergartenleben einzuführen.-
- Von Wilhelm Middendorff habe ich noch gar nichts wieder gehört.
- Am Sonntag vor 8 Tagen war ich auf ein paar Stunden in Keilhau
wie ich auf 3 Tage hierzu von Dresden (Sonnabend, Sonntag, Montag)
abwesend war. Dort hörte ich daß He. Otto, welcher noch immer
in Weimar sitzt - nach Keilhau geschrieben habe, seine Schwester
werde ihn besuchen, dann Marius mit dieser dahin kommen; hast Du
etwas davon wie überhaupt von Marius gehört?-
Henriette Br. wird ohne Zweifel nach Beendigung des Cursus
noch einen [sc.: eine] oder einige Wochen hier bleiben um hier eine größere
Anstalt einen Volks- oder Bürgerkindergarten, welchen eine
gewisse Frau Dr. Herz hier ausführen wird, mit zu begründen.
- Zu meiner nächsten Monatsgesellschaft künftigen Sonntag wird
mir in einem der ersten Hotels hier, frei, ein Saal pp eingeräumt werden[.] /

[128R]
Am 6 Febr Mittags. Guten Tag mein[e] liebe Luise. Seit langem kann
ich Dir am schönen, hellen, klaren, sonnigen Mittag auch einen
guten, guten Tag schriftlich zu senden, wie mit voller Seele Dir
wünschen, wie beglückt dieß mich. Sieh ich will nicht lange war-
ten, sondern, damit ja keine Zeit verloren gehe, eilen diesen
Brief an Dich abzusenden, bekomme ich dann wie ich hoffe morgen
freundlich, liebevolle Zeilen von Dir, dann setze ich mich und beant-
worte Dir dann den vorigen und den jetzigen Brief, wie bisher
sogleich und Zeile nach Zeile. Heut sage ich Dir nur noch: - Wenn
Du im Vorigen eine Dar- und gleichsam Auseinanderlegung ver-
schiedener Anstalten z. B. Industrielle, literarische, rc. findest
so lege daran nicht den Maaßstab großer u vollendeter Aus-
gebildetheit an, sondern sage und denke Dir, wie dieß alles jetzt
in [*im folgenden beide Orte mit Klammer verbunden:*] Keilhau und Blankenburg alles im Kleinen und in der Anlage
da; allein wegen Mangel an einer Mehrheit getheilter und doch
einiger Kräfte noch nicht ausgeführt war. Nun meine ich aber
wir d, d.h. Du, Allwina und ich zunächst, dann auch vielleicht?
Allwinens Bruder und den gemeinsamen Freund M[arius] B[endsen] mit
eingeschlossen, wir könnten uns alle gar schön in die Geschäfte theilen
und sie in ihrer Geordnetheit, wenn auch erst Kleinheit, in Klar-
heit ausführen, sehet so würdet Ihr lieben Frauen, Jungfrauen, wir
Ihr würdet dann auch im äußeren Leben frey u freythätig [seyn]. So be-
gönnen wir beide, als ein Ey als ein Ganzes, das Ganze, wor-
aus sich dann das Weitere entwickeln und woran die Anderen und das Andere vertrauend sich
anschließen könnte. Die Haupt-
sache ist und bleibt zunächst für uns beide:
"Wann bist Du Deiner jetzigen Verpflichtung ledig?" -
und
"findest Du in meinem Dir dargelegten Leben[s]plane
auch die stillen verborgenen Wünsche Deines Herzens
befriedigt?" -
Dieß müßte seyn und darüber schreibe mir ganz offen -
wie ich klar u einig friedig u freudig, kräftig u muthig, ge-
sund
in mir bin, so wünsche ich auch daß unser geeintes
und einiges Leben es sey,
D.FrFr.

Dieß zweyes beantworte mir bald, recht bald.