Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an Luise Levin in Rendsburg v. 8.2.1849 (Dresden)


F. an Luise Levin in Rendsburg v. 8.2.1849 (Dresden)
(BlM XXIII,33, Bl 129-130 u. XXIII,35, Bl 137, Brieforiginal/Fragment 1 B 8° 4 S. + 1 Bl 8° ½ S. - Der Brief bleibt fragmentarisch. Er ist nicht unterschrieben und wurde zusammen mit dem v. 12.2./13.2. [neuer Briefansatz!] an Levin verschickt. F. schreibt am 8.2.1849 einen ersten Brief, beschreibt zunächst einen Bogen [33, Bl 129-130] und setzt ihn dann auf einem Blatt [35, Bl 137] fort. Dabei gerät die Numerierung durcheinander [Nr. 14 ist doppelt besetzt]. Während der Abfassung verschiebt sich die Situation: F. stellt fest, daß der letzte von Luise Levin erhaltene Brief jünger ist als er zunächst meinte; daher erklärt sich auch der Auftakt des nächsten Briefs, in dem auf den Schluß des zuletzt Geschriebenen (= Bl 137) Bezug genommen wird. Der Rest des Blatts 35, Bl 137 wird am 12.2./13.2. auch für den Schluß des Folgebriefs verwendet.)

[XXIII 33, 129]
Dresden, Liliengasse No 19. Ebener Erde. Am 8. Febr. 1849.
Zum erstenmale seit ich die Freude habe Dir Briefe zu schreiben
sitze ich und sinne, wie ich diesen der Wahrheit der Lebensthatsache
entsprechend beginne.- Heut ist es gerad 3 Wochen, seit Du
meinen letzten Brief empfingest - am 18en Januar muß es
nach meiner Rechnung gewesen seyn und noch auch nicht das klein[-]
ste Wörtchen Antwort von Dir meine Luise! Ist denn eine
so furchtbare nicht zu entwirrende Irrung in unsern Brief-
wechsel-Calender gekommen, oder was ist der Grund Deines
so langen, langen Schweigens?- Mich dünkt wenn Du auch mit
meinem Briefwechsel-Calender unzufrieden gewesen wärest, Du
selbst hättest es, Dein Gemüth, Deine Liebe, Deine wahre Lebenseinigung
hätte[n] es gar nicht ertragen können, mich so lange ohne Nachricht
von Dir zu lassen; denke Dir nur 18 lange, lange Tage sind schon
verflossen, seit Du Deinen letzteren Brief an mich abgesandt hast
er war vom 21en Jan: überschrieben.
Und nun sieh, ich glaubte mich mit meinem Briefschreiben so recht
in guter Ordnung, ich habe es Dir in dem Briefe geschrieben welchen
Du ohne Zweifel nun übermorgen den 10en d. M. erhalten wirst.
Du schriebst mir, bald nach Deiner Rückkehr nach Rendsburg,
Diesen Brief als den ersten im neuen Jahre und von Dir zuerst
geschrieben rechnete ich auf den 1n Januar. Also[:]
Am 1en jeden Monats Dein Briefschreibe-Tag.- Am 8en der Meine;
Am 16en wieder Dein Briefschreibe-Tag.- Am 24en der Meine[.]
Am 1en Februar wäre also wieder Dein Briefschreibtag gewesen
Und heut ist der 8e schon und ich habe noch kein Wörtchen von Dir!!!
Ich will mich keiner Vermuthung nach der Ursache Deines Schweigens
Deines so langen Schweigens m. th. G. hingeben, denn jede die ich
mir als möglich denke ist für mich gleich unerfreulich; also wozu
diese traurigen und nur Trauer und Schmerz in mir erregenden
Vermuthungen noch aussprechen. Ich weiß nichts besseres zu thun
als Deinen jüngsten lieben, lieben Brief vornehmen, ihn Zeile /
[128R]
nach Zeile zu beantworten, diese Antwort schleunigst abzusen-
den und - wenn Du irgend mit mir zürntest (wozu ich aber
wirklich keine Ursache in mir finde; auch hätte ich gedacht Du,
Du könntest gar nicht und nie mir irgend zürnen, selbst wenn
ich Dir scheinbar dazu Gelegenheit gäbe, denn nur scheinbar könnte
dieß seyn[)] - Dich wieder mit mir auszusöhnen und Dich mir wie[-]
der wie liebend, so freundlich zu einigen. Also gleich zur Sache[:]
1. "Du fragst zu erst wie es mir ergeht", Deine Liebe und Lebensthei-
lung fragt mich: Ich antworte Dir, was Dir schon mein jüngster Brief
sagt; der nun bald in Deine Hände kommt: - gut, doch immer
gleich angestrengt thätig; denn seit dem 1. d. Monats habe ich mit
dem neu begonnenen Cursus auch wieder von 8-10 Uhr Abends
Vortrag. Die Meisten des früheren Cursus dieser Stunden haben
sich mit dem von 5-7 Uhr vereiniget, so daß ich den neuen
Cursus wie ich Dir geschrieben habe, beginnen konnte.
2. Deine Bemerkung nach Vorlesung der Tolandschen Predigt war ent-
sprechend; allein man soll uns nicht nur die wahre Freiheit
wie sie sich äußere und worin sie bestehe zeigen und schildern
sondern auch Wege, Mittel und Weisen darlegen, wie sie zu
erreichen und besonders als Allgemeingut festzuhalten sey.-
3. Deinen Wunsch etwas über die Zeitverhältnisse aufgeklärt zu
werden hoffe ich, hat da wenigstens in einigen Punkten so hoffe
ich das übersandte Buch - "Deutschlands Wiedergeburt" - erfüllt.
Freuen soll es mich wenn meine Hoffnung sich rechtfertigt.- Allwi-
ne
schreibt mir sie habe es für sich mit vielem Gewinn gelesen.
4. Unser Dr. Otto in Rudolstadt soll ein recht hübsches Buch über
Naturgeschichte sowohl der Pflanzen als auch der Thiere, als ein
erstes Schulbuch geschrieben haben. In Keilhau sahe ich die ersten
Hefte und Zeichnungen, welche mir recht wohl gefielen. Aber
auch die Naturgeschichte von Dr Lenz in Schnepfenthal soll recht
gut und besonders praktisch seyn, gesehen habe ich solche noch
nicht, doch dünkt mich Du würdest selbige in Rendsburg leicht
bekommen können.- /
[130]
5. Mit den Kindern habe ich früher zu ihrer Freude wie zu ihrem
Gewinn mehrere der Schriftchen von Christoph Schmid gelesen[:]
das Lämmchen - das hölzerne Kreuz - das Blumenkörbchen [-]
den Canarienvogel - Und viele, viele andere die ihnen der Buch[-]
händler alle nennen wird.- Die Schriftchen von <Nieritz> kennen
die Buchhändler gleichfalls; sie müssen wie all solche Schriften
den Verhältnissen angemessen mit Auswahl gelesen werden[.]
Jetzt werden ganz besonders die Kinderschriften der Frl. [sc.: des] Thekla
von Gumpert
und ganz namentlich für die Kinder sogenannt höh[-]
erer Stände sehr gerühmt. Leider habe ich sie noch nicht einmal zu
Gesicht bekommen noch weniger gelesen. Aber in Altona und in
Hamburg sind sie gewiß zu erhalten.-
6. Am 15en sagst Du in Deinem l. B. - "Heut schreibst Du wohl für
mich ein Briefchen, ich habe sehr auf den 16' gehofft." - Nun geteuscht
hast Du Dich da - so viel ich mich in ersterer Beziehung [äußerte -] wohl nicht, und
in der letzteren Beziehung wirst Du meinen Brief zwar nicht am
16en doch wie ich schon aussprach - hoffentlich am 18 Jan. erhalten haben;
Hiernach aber hätte ich nun Deine Antwort mindestens gegen den
26' Jan erhalten müssen; allein ich habe bis heut am 8 Febr noch keine
empfangen; warum? - weiß ich nicht.
7. Ich bin zwar ebenfalls ebensowenig ein Räthsellöser, wie
ein Räthsel Geber; allein dennoch halte ich sie zur Erringung von
Geistesgewandtheit sehr gut; auch selbst für Kinder[.]
8. Nicht nur am 15 Jan. Nein! fast jeden Tag im neu begonnenen Jahr
sagt uns Schefer Lebenswichtiges so mir z.B. auch heut wieder.
9. Du hast Recht: Ich hatte Anfangs für mich den 1en u 16, und für Dich
den 8' und 24' jedes Monats bestimmt, weil ich aber am ersten auf
der Reise war und ich gleich in den ersten Tagen des Jan: von Deiner
Liebe ein Brief[ch]en erhielt, so wechselte ich, den 1 u 16 für Dich den 8 u
24 für mich. Also auch nach Deiner Rechnung hätte ich seit Deinem
letztern l. Brief schon wieder einen zu empfangen die Hoffnung gehabt,
welche mir aber unerfüllt blieb.
10. Von nun an bin ich nicht mehr so angestrengt, meine Schüler /
[130R]
sämtlich haben mir heut den Sonnabend jeder Woche ganz frei ge[-]
geben in schöner Weise, wie Du später einmal lesen sollst.
11. Das Führen eines Notizbuches über die Kinder ist gewiß für diese
wie für Dich und für die Eltern, für Euch alle 3 gleich wichtig.
12. Du klagest: - "noch nie habest Du so allein gestanden" - so muß
ich mit Dir jeden Tag immer mehr klagen; so lieb alle meine
Zuhörer und wirklich z. Theil hingebend sie auch sind, so stehe ich doch
was die wirkliche Ausführung der Sache, was in ihrer innersten
Tiefe meine Lebensansicht betrifft - ganz allein; allein ich
benütze dieß um immer tiefer in mich und in die Erfassung des
Lebens in seiner Tiefe einzudringen, und in diesem Streben wird
es wirklich allseitig heller.-
13. Was den beginnenden Unterricht mit Augusten betrifft, so ist
der Mittel-, Ausgangs- und Begründungspunkt - die Außenwelt
Betrachtung
- dann die Betrachtung des Sprachgebietes - pp
für alles dieß giebt die Menschenerziehung so klare als aus-
führliche Anleitung; so würde auch ich an Deiner Stelle beginne[n]
und ebenso auch mit der Zahl[.]
14. Doch Du schreibst: - "Die Anforderungen von heut Morgen
"haben mich verstimmt, ich möchte den Vorschlag machen, daß
"sie hier früher ehe mein Jahr zu Ende ist eine Erzieherinn neh-
men, welche den wissenschaftlichen Unterricht erteilen kann[."]
- Dazu sage ich wie ich schon im vorigen Brief aussprach: Ja!
und Amen! und schlage in allem Ernste Frl. Rosalie Rein[-]
hard
zu Deiner Nachfolgerin vor. Freilich fordert diese 100 [Rth]
allein sie spricht auch Französisch, Englisch, spielt etwas Clavier
und kann weiter den gewünschten Unterricht ertheilen, wie
sie als meine 6monatl Schülerin alles von Dir Angebahnte
benutzen und darauf fortbauen kann.- Wir Du und ich
vielleicht mit Allwine und Wilhelm beginnen dann unser
Werk in schöner deutscher Bergnatur ohne Zweifel des thür[in]ger
Waldes mit dem Beginne des Monates Mai. Bitte darum
schreibe mir in dieser Beziehung ja recht bald Deine Meinung.- /
[XXIII, 35, 137, obere Hälfte]
14. [sc.: 15.] "Bitte, schreibst Du, wenn Du kannst theile mir bald Deine
Meinung über Alles mit. Hier ahnet Niemand, daß ich die Sache so
wichtig nehme."- Ich hoffe im bisherigen schon diesen Wunsch Dir er[-]
füllt zu haben. Deine Ansicht, daß der Körper des zarten Mäd-
chens jetzt der besonders Pflege bedürfe stimme ich ganz bei. Das
Beispiel unserer Henriette Br. spricht dafür.
15. [sc.: 16.] Was nun Lehrbücher betrifft so will ich Dir solche, außer den
schon erwähnten besonders auch über Sprache u Geographie noch
die nöthigen demnächstens nennen.
16. [sc.: 17.] Daß Auguste das Gelesene nicht erzählt kannst Du nicht nur
verlangen sondern es wird zu ihrem Nutzen vielfach seyn[.]
17. [sc.: 18.] Zu meiner Freude sehe ich jetzt, daß es noch nicht so lange her
ist seit ich Deinen jüngsten lieben Brief empfangen habe;
und mein Klagen ist ganz ungegründet; allein ich weiß
auch gar nicht warum mir die Zeit seit Ankunft Deines letzten
l. Briefs bis heut so schrecklich lang gedauert hat, ich kann es
kaum glauben wenn ich die Tage an welchen Du schriebst und
den Brief abgesandt hast [zähle]. Es müssen kaum 14 Tage seyn, daß ich
Deinen letzten l. Brief empfing und schon dünkt es mich eine E[w]igkeit[.] [Text bricht ab]