Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an Luise Levin in Rendsburg v. 12.2./13.2.1849 (Dresden)


F. an Luise Levin in Rendsburg v. 12.2./13.2.1849 (Dresden)
(BlM XXIII,35, Bl 135-137, Brieforiginal 1 B 8° 4 S. + 1 Bl 8° 1 ½ S. - Der Brief wurde zusammen mit dem Reinschriftfragment v. 8.2. an Levin verschickt, das nicht unterschrieben worden war. F. beginnt am 12.2.1849 diesen Brief, beschreibt zunächst einen Bogen [35, Bl 135-136] und setzt ihn dann auf einem Blatt [35, Bl 137] noch am 12.2. und dann am 13.2. fort, das zuvor bereits den Schluß des Briefs v. 8.2. enthielt. Damit erklärt sich auch der Auftakt des Briefs vom 12.2./13.2.1849. Wenn F. auf das zuletzt Geschriebene verweist, meint er vor allem den Schluß des Briefs vom 8.2., in dem er die Erwartung eines Briefs Levins ausdrückt; am 12.2. ist bei F. ein Levin-Brief eingegangen.)

Dresden, Liliengasse, ebener Erde. Am 12. Februar 1849.


Meine Liebe und mein Leben.

Heut mußt Du schon das von mir zuletzt Geschriebene zuerst lesen;
denn das Erscheinen Deines lieben Briefes heut hat mir große Freu[-]
de gemacht, innige Freude. Fast sollte ich mich nach der Ansicht der
Menschen und Männer schämen es auszusprechen; allein Lebenswahr-
heit bleibt es doch, ob ich es nun auch ausspreche und Dir, meine th.
Luise ausspreche oder nicht: - ich habe mich in den letzteren Tagen
wie Dir auch die beiliegenden Blätter sagen, wirklich recht sehnlich nach
Dir mindestens nach einem Briefe von Dir gesehnt. Besonders gestern
wo es mir wirklich einen Augenblick ganz unheimlich u ich sorglich
wurde; allein ich sagte mir alsbald, daß ich mich, wenn ich Deinen
Brief erhielte und ich fänd, daß ganz natürliche Ursachen Deinen
Brief verspätet hätten, ich mich dann wegen meiner Ungeduld schämen
würde - von diesem Momente [an] hatte ich auch all meine Ruhe und stilles
friediges Erwarten wieder.
Heut Morgen nun, wie alles mein Wünschen und Begehren eines
Briefchens von Dir, ganz in der Ruhe meines Herzens zurück getreten
war - siehe da, da empfing ich nun wirklich ganz unerwartet
Deine lieben lieben Zeilen, wenn ich sie nun auch nicht gleich lesen
konnte, es war eben Vormittags Stunde von 9-10 Uhr (Deine
lieben Briefe sind mir regelmäßig "Morgengrüße") so freute
ich mich doch gar sehr, daß ich den kostbaren Schatz in der Hand hatte.
- Was ist es denn nur aber eigentlich gewesen, warum ich mich
so sehr, wie noch nie, nach einigen Zeilen von Dir gesehnet habe? -
J denn die Zeitdauer Deines Schweigens war ja nicht viel länger
als die von uns bestimmte Zeit eines halben Monats?- Ich sage nur
deßhalb: - In der früheren Zeit hatte ich alle Tage immer etwas für
Dich niedergeschrieben und so hatte ich denn jeden Tag in einer geistigen
Wirklichkeit mit Dir gelebt und so war mir denn in dem stetigen Zusam[-]
menseyn mit Dir schnell die Zeit von einem Brief-Empfang zum Andern
ohne wirkliches Briefempfangen verflossen. Seit einigen Wochen
konnte ich aber gar nicht zum täglichen Niederschreiben einiger Zeilen an /
[135R]
Dich gelangen und so wurde mir das Entbehren einiger Nachricht
von Dir, doppelt, 3[-] und mehrfach so lang als gewöhnlich.- Ich freue
mich nun aber auch eines Doppel[-] 3[-] und Mehrfachen: einmal, daß
ich mich in den letztern Tagen und so namentlich gestern Abend beson-
ders wegen Deines Schweigens beruhigt hatte, dann daß mir heut
der Eingang Deines l. Briefes - in denselben Stunden heut gar nicht er-
wartet hatte, also auch doppelt- 3[-] und mehrfache Freude brachte;
weiter, daß der Inhalt in jeder Hinsicht so lieblich, selbst darin
daß wir beide von der gleichen Sehnsucht gegenseitig nach Brie-
fen durchdrungen gewesen sind; - solltest Du einmal wieder
im Leben sehnend nach einen Brief von mir verlangen, so kannst
Du Dir nun sagen, daß auch ich weiß und Tage empfunden habe,
was solche Sehnsucht heißt.
Weiter aber freue aber auch ich mich, daß ich mich nicht habe von
Sehnsucht verleiten lassen, Dir, wie ich erst wollte, die beiliegen-
den Blätter früher zuzusenden; jetzt hättest oder bekämest Du doch
blos eine ha[lb]e Antwort in die Hand, während Du nun reiner
Klar[h]eit Dich erfreuen wirst.-
Ich beginne sogleich mit uns und mir, denn, warum soll ich
es leugnen, dieß ist jetzt der Hauptgegenstand, welcher mich
beschäftigt es ist der Ziel[-] und Anfangspunkt meiner nächsten
Wirksamkeit. In dieser Beziehung bin ich nun so klar als fest und
sicher (erlaube mir es Dir hier nochmals auszusprechen): in mir
entschlossen mit dem 1en Tage des Monats Mai d. J. für die wenigen
Tage oder Jahre meines Lebens mir einen festen Platz meiner
Wirksamkeit in Deutschland zu suchen, und in und an diesem
Platze oder in diesem Orte den Ausgangs- wie den Zielpunkt mei-
ner Wirksamkeit zunächst die Kindheitpflege in ihrem ganzen
Umfange und in allen ihren nothwendigen Forderungen und
Richtungen hier, seyn zu lassen. Ich bin so fest von der Unver[-]
meitlichen Erfüllung, dieses von der nicht umgehbaren Nothwendig[-]
keit dieser Unternehmung überzeugt, daß - wenn ich auch wahr[-]
haft ganz allein der Förderung dieser Unternehmen leben müßte und /
[136]
würde, ich dennoch das Ziel erreichen werde. Darum bin ich
so seelen ruhig und herzensfreudig wie geistesklar darüber
ob Jemand und wer von meinen innig Geliebten daran An-
theil nehmen wird; kein vorgreifendes Verlangen von meiner
Seite, soll einem derselben in seinem Handeln bestimmen; jeder soll
nach seiner freien Selbstwahl das ihm besti beste be erkühren. Das
Werk welches ich ersehne, soll als das Werk der Gemeinsam-
keit das Werk freier Menschen werden deren Geist u Leben
sich als ein in sich einiges im Denken, Fühlen und Handeln erkennt.
Welchen unter allen jetzt noch lebenden Menschen ich das Ganze zu
aller erst in voller Klarheit zur Prüfung und Theilnahme vorlege,
wer könnte dieß anders seyn als Du und Allwina. Wollt ihr
dann im Geiste und wirklichen Leben innig einig unter uns geeint
mein Leben, dessen Zweck u Ziel mit mir theilen, gesegnet sey der
Tag wo ihr diesen Entschluß ausführt: - die Idee der entwickelnd-
erziehenden Menschenbildung reicht und zeigt uns Mittel und Wege ge[-]
nug unser Bestehen edel als freie Menschen zu führen, wenn wir
nur in der uns gezeigten Thätigkeit, sey es auch Anfangs mit großen
Opfern und Entbehrungen - arbeiten u thätig seyn wollen und uns
jedes Geschäfte [abverlangen], was im Bereiche und in den Richtungen unseres Le-
benszweckes liegt, somit zur Förderung des Ganzen gleich achtungs[-]
werth und lieb ist. Möge denn der Geist unserer verklärten
Wilhelmine in unserm Leben wie über denselben [sc.: demselben] walten,
und wird uns, wie ich es in meinem vorigen Brief Dir u Allwina
andeutete, die Pflege des Industriellen, des Darstellenden und
Verschleißenden - die klare berechnende Übersicht - wie die Kinder-
pflege im Einzelnen: durch einen Kindergarten - aber im Allgemeinen:
in der Bildungsanstalt für J[un]gfrauen u J[ün]glinge - oder das schriftstel-
lerische Literarische u Liberarische ganz Gleich seyn, so werden
wir gewiß zum Ziele kommen - Die Menschheit und namentlich
die deutsche Menschheit kann ganz bestimmt förder nicht ferner

bestehen ohne eine Wirksamkeit wie die ist, welche wir anstreben
wenn wir nur, um sie in ihrem Werthe, ihrer hohen Würde u Bedeu- /
[136R]
tung zu zeigen, zu bezeugen, wenn wir nur um ihretwillen
auch einige Noth und Entbehrung ertragen können, Sorgen und
Mühen, sonst meinen die Leute es habe mit der Sache nichts auf
sich sie braucht sich also auch nicht, weder um ihret[-] oder um der An-
deren willen - sey es auch nur wenig aus ihrer Bequemlichkeit bringen
zu lassen.
Weiter ist es mir nun auch recht wunderbar, wie ich auch im
Geiste prüfend in Deutschland auf und ab wandle wo ich bekannt
bin, um einen Ort meines und unseres Wirkens zu suchen, ich
immer und immer in der Nähe des Inselberges und zwar an der
südwestlichen Abdachung - also in der Nähe Liebensteins festgehalten
auch von andern Punkten aus immer dahin als einer schönen, ja
reizend und Gesundung gebenden Gegend gewiesen werde, ich
spreche Dir, dieß nochmals aus ob es Dir, mein Herz, schon ganz
mein voriger Brief sagte, damit Du siehest, daß in mir gar
kein Wandel und Zweifel sondern nur Festigkeit ist.
Aber auch außer uns kommen uns die Verhältnisse entgegen,
daß, dann Rosalie Reinhard (noch habe ich zwar nicht wieder
seit Eingang Deines Briefes und über denselben mit ihr gesprochen)
daß diese in Deine Stelle treten könnte, darüber dünkt mich würden
sich selbst v. Cossels freuen, denn sie Frl. Reinhard
kann ihnen all das reichen was sie für ihre Kinder jetzt
wünschen und diese würden dann ganz in Deinem Geiste fort-
entwickelt, nicht[s] von dem, was von Dir angebaut wäre
ging verloren, Du würdest durch sie noch mit den Kindern
und Eltern selbst in lebenvoller Verbindung bleiben.
Wenn das Verhältniß sich ordnete würde Frl. Reinhardt, da[-]
durch nicht in Verlegenheit gesetzt werden, wenn sich auch die Ent-
wickelung des Ganzen noch einen Monat oder etwas hinaus
schübe; ich müßte eigentlich freylich wünschen, daß wir drei
Du, Allwina u ich gleich mit vereinter Kraft beginnen, wenn
unser aller Herz und Geist Ja! und Amen! zum Ganzen
sagte; doch dieß liegt auch alles in des Schicksals Schoos, doch wollen
NB Fortsetzung auf den [sc.: dem] 3n Blatte /
[137, ab Blattmitte]
NB Fortsetzung vom 1sten Blatte Vom 12' Febr 49.
doch wollen wir gleich den 12 klugen Jungfrauen, unsere Lampen
stets mit Öl gefüllt halten.

Am 13 Febr. So eben habe ich mit Frl. Rosalie Reinhard gespro[-]
chen, sie geht in Deine und meine Vorschläge ein und wird die
Rendsburger Entwickelung ruhig abwarten. Aber was Du nun
heut als Äußerung äußerer Eurer Haushälterin schreibst ist
wieder ganz für meinen Vorschlag: In Frl. R. R. würde die Fr.
Kammerherrin zur Zeit der Noth nicht nur eine E erfahrene und
gewandte mit der Anordnung eines feinen Tisches bekannte Gehülfin
- sondern auch eine hierfür eingehende freundliche Gehülfin find[en.]
In all diesen Beziehungen besonders hinsichtlich der sprachlichen und /
[137R]
eigentlich unterrichtenden Seiten würden sich wohl v. C.
gern zu einem Jahrgehalte von Rth 100 verstehen
wenn diese Summe auch nicht ganz von Cossel[s], sondern
zum Theil mit von theilnehmenden Schülern getragen
würde. Übrigens [ist] auch das sehr viel für die Kinder
und die gesammte Familie werth, daß Nichts von dem
was Du angebahnt hast verlohren ginge sondern alles
zu seinem schönen Ziele in gleichem Geiste fortgeführt
würde.- Genug die Verhältnisse zeigen sich nach jeder
Seite hin einzig günstig.- Doch wie Du sprichst ruhige
stille Anbahnung[.] Du kennst das erste Ziel -

der 1e Mai.
Auch Allwina schreibt von von [2x] ihrer Seite aus ganz
einstimmend, heut empfing ich den Brief. Allwina
wird so bald sie meine[n] letzten Brief in dieser An-
gelegenheit erhält an ihren Vater schreiben und dessen
Ansicht hören. Nach Eingang dieses Briefes wird sie
handeln; stimmt der Vater bei, so wird sie dann
mit den [sc.: dem] Brief des Vaters und den meinen in der Hand
Fr: Doris Lütkens ihren Entschluß aussprechen.
Auch für Allwina habe ich eine Stellvertreterin im
Vorschlage. Siehe mein Herz, so scheint die Höchste Le-
bensEinheit es allseitig zu begünstigen daß wir ein
Einiges Leben darstellen.
Auch für Osterode habe ich nun Frau u junge Wittwe
Frau Herold in Vorschlag, schreibe dieß nach Osterode
sie sollen nur still vorarbeiten. Im nächsten Brief
mehr darüber.- Ebenso sollte Coburg, wenn nun aus
Hildegards Spielworten endlich eine Festheit käme
auch seine künftige Kindergärtnerin erhalten; denn Dich
sollen sie nun auch nicht haben, da sie früher, so spröde
waren. Für heut Gott befohlen[.] Bald mehr.
D.Fr.Fr.

NB!!! Vergiß nicht den 24en den mir Freude bringenden.