Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an Elise Fröbel in Keilhau v. 14./15.2.1849 (Dresden)


F. an Elise Fröbel in Keilhau v. 14./15.2.1849 (Dresden)
(Autograph ehemals Gumperda, nicht nachweisbar, ed. Nohl 1931/32, 475-481)

Dresden, Liliengasse, No.19. Ebener Erde. Am 14. Febr. 1849.


Liebe Elise.

Theils bin ich Dir noch die Beantwortung Deines lieben Briefchens
wenigstens schriftlich schuldig, wenn ich auch bei meinem jüngsten /
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Vorüberfluge hoffentlich mündlich meinen Dank dafür ausgesprochen
habe; ebenso schuldige ich noch den Dank für Deine Christfestbeschrei-
bung welche Du durch Luisen Frankenberg dem hiesigen Bildungskreise
hast zukommen lassen. Zwar kann ich nun nicht Gleiches mit Gleichem
erwiedern, doch bitte ich Dich wenigstens den Willen für die That und
die kleine Beschreibung einer unserer monatlichen Sonntagsabende als
dankende Gegengabe von mir anzunehmen. Ich will mich Dir wörtlich
darüber mittheilen, wie ich mich darüber an Allwinen ausgesprochen
habe. Ich thue dieß gerne, damit nach und nach ein sich verstehender
Geist, die verschiedenen erziehenden Lebenskreise selbst in den verschie-
denen Punkten Deutschlands verbinde, einige, wovon schon dem Leben so
viele schöne duftigen Blumen erblüthen, welche aber auch in sich die
gesundendsten Früchte entwickelten. „Also am verflossenen Sonntag Abend
hatten wir unsere allmonatliche Sonntagsgesellschaft, wo sich all meine
Schüler und Schülerinnen, ich darf von vielen in der ernstesten Bedeutung
und Wahrheit des Wortes sagen: Jünger und Jüngerinnen, um mich ver-
sammeln, um in freier Geistes- und schaffender Lebensthätigkeit ihr
angeregtes und entwickeltes inneres Leben außer sich in mannigfach
schöner Gestaltung im Gewande unserer Kinder- und Jugen[d]spiele dar-
zustellen, auch wohl die Gebilde als Ganzes überschauend, welche aus
geringem Stoffe und einfacher Form der sinnigen Hand- und Finger-
thätigkeit nach einfach fortschreitendem Gesetze in reicher Menge gleich-
sam entsprießen, entwachsen. Außer den engeren Gliedern unseres Kreises
nehmen wohl auch einige, unsre erziehenden Bestrebungen theilende
Kinderfreunde u. Kinderfreundinnen an solchen Einigungsabenden Antheil.
Am verflossenen Sonntag bestand so unser, gleichsam aus dem Geiste, dem
Gemüth geborner idealer Familienkreis, auch Kinder nahmen spielend
an demselben Theil, aus 50 und wohl etlichen Gliedern.
Wirth und Wirthin eines der ersten Gasthäuser hier (der Stadt Wien),
von deren Verwandten einige nicht nur meinen Bildungscursus, sondern
auch sonst meine erziehenden Bestrebungen förderlich theilen - letztere,
die Wirthin Schwester einer meiner sehr eingehenden Schülerin, und
zugleich auch Schwägerin eines meiner forderlichst gesinnten Schüler -
hatten mich eingeladen die Gesellschaft in einem ihrer schönen Sääle zu
versammeln, so wie zugleich sich freundlichst erboten, die hausfraulichen
Besorgungen für Theetisch u.s.w. zu übernehmen. Ein geschmackvoll
decorirter Saal, weiß mit Gold u. s. w. schön geschmückt mit farbigen
und duftigen Blumen vom bescheidenen Veilchenbusch bis zur, im reinsten
Weiß strahlenden Hyazinthenkerze u. s. w. sich vervielfältigend in krystall-
klaren Spiegeln empfing die trauliche Genossenschaft. /
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Heut Nachmittags sandte mir nun eine der lieben Theilnehmerinnen die
Abspiegelung des, dem Kinderleben und Kindersinne wie Kindheitspflege
gewidmeten Abendes in ihrem klaren Gemüthe, einen -"Nachhall des
Festabends am 11. Febr." "Aus inniger Verehrung und Dankbarkeit."
Da Dein empfängliches Gemüth gewiß darin leicht den Geist und den Sinn
dieser unserer geselligen allmonatlichen Sonntagsabende finden wird, so
mache ich mir die Freude Dir dieß- "Gedenkblatt" wörtlich abzuschreiben
um Dich wenigstens im Geiste auch als Genossin unserer Bildungsabende
zu wissen ja dich im Geiste und Gemüth mit all den Kinder freundlichen
Genossen und Genossinnen zu einigen, damit das Band rein menschlicher
Lebenseinigung immer ein weiteres und der rein menschliche Lebens-
kreis immer ein größerer werde.
"Nachklang des Festes. am 11. Febr. 1849."
Die Freud' entflieht berauschten Tagen,
bleibt aus, wo wilder Jubel lacht,
sie läßt sich nicht im Tanz erjagen,
nicht locken durch der Tafel Pracht; -
nur wo in trauten Freundeskreisen
der Unschuld Engel Wache hält,
wo sich der tiefe Ernst des Weisen
zum jugendlichen Spiel gesellt;
da steigt sie gern im heitern Glanze
hernieder in das helle Haus
und theilt von ihrem reichen Kranze
an alle Blüthen, Früchte aus.
Dieß ohngefähr fühlten wohl alle Theilnehmer als sie das kindlich-
schöne Fest verließen, das unser Fröbel seinen Schülern und Freunden
am vorigen Sonntag, den 11. Febr. gab. - Ja, die reinmenschliche Bildung
muß auch die reinmenschliche Freude hervorrufen und wenn das jetzige
Geschlecht zur Kinderwelt zurücktritt, so wird ihm auch die Kindheit die
heitern Strahlen ihres Glückes zusenden.
Jeder Arbeiter bedarf der Erholung, bedarf eines Ruhepunktes wo er
sich gemeinsam mit den Genossen erfreut, wo er zurückblickt auf das Er-
strebte und neue Kraft, neue Heiterkeit schöpft zu fortgesetztem Wirken,
und in dieser Beziehung wird ihm der Ruhepunkt zu einem Fortschritt.
So auch bei dem Werke der Menschenbildung und bei der Vorbereitung zu
diesem Berufe, - und hier vielleicht mehr als irgendwo sonst, weil
dieser Beruf, obgleich ein heitrer u. beglückender, doch auch ein mühe-
voller ist. Wie nun in diesem neuen Erziehungswege und solcher Er-
ziehweise in a1lem ein tiefer Sinn liegt, so liegt er auch in ihren Festen
und so war auch dieses Fest bedeutungsvoll in allem, was es seinen Theil-
nehmern bot. - /
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Für die jugendliche Welt der Schüler und Schülerinnen brachte es
Freude vielfacher Art. Zuerst die der eigenen Ausübung der reizenden
Spiele, die sie einst den Kindern lehren werden, dann die Freude an dem,
was sie bereits gewonnen durch Darlegung erlangter Fertigkeiten und
und [2x] zu dieser Befriedigung gesellte sich bei der Hinblick auf so manches
noch zu Erringende, der Muth u. die Hoffnung auch dieses noch zu er-
reichen. Aber auch die Freude eigenthümlichen freien Schaltens und Her-
vorbringens im Gebiete der Phantasie durfte nicht fehlen. Und das
soll ja das Wesen der wahren jugendlichen Freude seyn, daß sie selbst-
bereitet, selbsterworben, nicht erkauft oder in den Schooß gefallen ist.
Darinn besteht nicht nur ihre Würze, sondern auch ihr sittlich bil-
dender Werth. -
Für die ältern Theilnehmer und Zuschauer aber liegt eine verjüngende
Kraft, eine erheiternde Stärkung im Anschauen dieser Spiele u. Übungen,
dieser jugendlichen Lust und kindlichen Hingebung, und sie werden un-
willkührlich von demselben Geiste ergriffen, der hier waltet. Und wenn
sie zugleich einen Blick thun in das Gebiet der Beschäftigungsgegenstände
und Kunstübungen, die hier getrieben werden, wenn sie an den Sinn und
Zweck des Ganzen denken, so wird ihre Freude noch erhoben und ver-
edelt durch die Ahnung alles dessen, was der Zukunft durch diese neue
Schöpfung werden wird und auf das Fest des Augenblicks senkt sich eine
höhere Feyer herab.
So waltet neben der Freude auch eine innige Frömmigkeit. Die Jugend
fühlt mit Begeisterung den schönen Beruf, in dem sie für das Göttliche
wirken will und das reifere Alter erkennt das göttliche Walten in dem
Eifer der sie beseelt. Darum herrscht auch eine so schöne Übereinstimmung
in allen Theilnehmenden. Es ist der Geist der glücklichen Kindheit, der
Geist reiner Menschlichkeit, der sie vereinigt, der sie in kindlicher Lust
alle durchdringt und ein solches Fest zu einer gottgeweihten Feyer macht.
Möchte es doch allen Menschen zu Theil werden, möchten doch alle die
Empfänglichkeit und den Willen gewinnen es mitzufeyern!
Erwach aus deinem langen Träumen,
der reinen Menschheit Genius,
daß wir ihn länger nicht versäumen
des neuen Tages Morgengruß.
Schon steigt er auf im hellen Schimmer,
vertrauet seinem Lichte nur,
es führt uns siegreich und auf immer
zurück zur Wahrheit und Natur.
E. Leierf." [sc.: Lecerf]
*
 *   * /
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Hier hast du nun von einem ganz einfachen Gemüthe einer schon älteren
Frau, der Frau Musikdirector Leierf [Lecerf] die Schilderung eines unserer Monats-
sonntage, welcher wir nun schon 4 in immer gestiegener Ausbildung gefeyert
haben; die ersten beiden gab ich, weil es Frankenbergs wünschten, in ihrem
Locale, je doch gab es gleich hier beim erstenmale schon Trübung welche
beim zweitenmale noch mehr hervortrat, und man sprach mir aus daß man
lieber mit meiner engeren Localität zufrieden seyn wolle, als sich zum
drittenmale einer Freuden Hemmung mindestens auszusetzen. - So war
man im dritten Monat in meinen Räumen seelenvergnügt; doch hatte man
es wohl gefühlt wie es mir leid that nicht der Gesellschaftszahl angemes-
sene Räume bieten zu können; und, wie man sich von mehreren fast
allen Seiten hier bemühet meinen Wünschen nicht nur entgegen sondern
zuvor zu kommen, so kam mir denn auch ganz unerwartet das freund-
liche Anerbieten einer ganz entsprechen[d] schönen Localität und die einer
sorgsamen alles gleich schön ordnenden Hausfraulichkeit. Die Jung-
frauen waren in ihrem einfachen festlichen Schmucke die die Gesell-
schaft u. sich selbst abwechselnd Bedienenden, so hatte das Ganze den
Ausdruck eines schönen Familiensonn- und Festtages.-
Ich wollte, du liebe Elise, könntest einmal mit deinem sinnigen Gemüthe
einen solchen Abend theilen, du würdest von der Schwesterlich- und
Brüderlichkeit, von dem rein menschlichen Geiste und Segen das im Ganzen
herrscht überrascht und gewiß ergriffen werden; alle sind liebend und
achtend, Freude spendend und Freude empfangend wie die Glieder einer
von einem Geiste und Streben alle gleich durchdrungenen Familie und
doch kennt einer oft von mancheinem den Namen nicht.
In der Skiz[z]e des Abends kannst du freilich den Geist nicht finden, doch
ist solche Dir vielleicht dennoch in etwas lieb, hier ist sie.
Zusammenkunft 7 Uhr. Abends.
1. Geselliger Verkehr bis gegen 8 Uhr - (dann erster Thee)
2. Einleitgedicht gesprochen wie gemacht von Heinr. Hoffmann aus
Hamburg, einem meiner späteren Schüler.
3. Spiel
a. Eintritt und Gruß. " Wir grüßen Euch" -"Gegengruß und
Dank"
b. Spielbeginn und Anfangslied: Seht uns hier im Vereine pp.
c. Einzugs- und Entwicklungsspiel aller Spielenden
d. Kampfspiel der Männer
e. Heimzug. /
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4. Oberleitende Worte, in gebundener Rede gesprochen von H. Hoffmann
f. Bauen in doppelter Weise
α Einzelbauen mit Gesang
β Entwicklungsbauen, wo jedes folgende aus dem Vorigen
γ Schönheitsformen 1. Geviertformen 2. Gedrittformen
Sämtliches ausgeführt von ohngefähr 21 der jüngeren Schülerinnen.
5. Besehen der Schaugegenstände.
a. Faltsachen b. Ausgeschnittenes. Hier legt ein Dresdener Lehrer
und Schüler zum 2ten male eine Reihenfolge von ohngefähr 120,
nebst sogenannten Lichtbildern vor
(Während u. nach diesen 2er Thee)
6. vierstimmiger Männergesang.
7. Spiel der Jungfrauen; mit frischen grünen Tannenzweigen
8. Gemischter Gesang vorwaltend der Frauen, mir gar besondere Über-
raschung von einer der Frauen angeordnet.
" Was sinnig die Mutter wecket und pfleget" ( Aus den Kosel. )
(3er Thee)
9. Vierstimmiger Männergesang.
10. Anordnung zur dramatischen Aufführung eines Worträthsels.
Während dem in einem 2en Saale Ausführung einer Mehrheit der
kleineren Bewegungsspiele, wie es der Geist eingab, bald von allen
bei obiger Aufführung nicht Betheiligten bald von den theilnehmen-
den noch übrigen Männern, bald nur von den noch übrigen Frauen
allein; wobei es viel Gelegenheit zum Lachen und Aufforderung
zur Freude gab.
11. Erste Abtheilg. der dramatischen Darstellg.
Ein Zigeunerlager u. Scene im Wald Wahrsagen aus der Hand;
Handspiele. Ausgezeichnet schön costümierte Gruppen.
12. Anordnung zur 2en Abtheilung oder Sylbe.
Während dem im 2en Saale freie Spiele der Übrigen wie bei 10
13. Zweite Abtheilung: Schuhmacherfamilie, Schuhmacher Werkstadt.
Schusterliche Familien- und Werkstadt Scenen.
Warmer Humor, reiner Komischer und guthmüthiger Witz such-
ten sich gegenseitig vom Platze zu drängen.
14. Anordnung zur 3. Abteilung: dem Ganzen
Im 2en Saale freyes Spiel wie oben bei 12 und 10.
15. dritte Abtheilung: das Ganze, das Kampfspiel
das Kampfspiel zu erwarten saß König Franz etc die kämpfen- /
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den Bestien waren in ganz besonders feine entsprechende Pelze
gehüllt. - Und nach den Schlußworten hieß es laut in allgemeinem
Jubel - Hand + Schuh + Handschuh.
16. Nun für durstig gewordene Kehlen noch eine Tasse Thee, dann
17. Schlußgesang - Schlußworte (Epilog) gesprochen von H. Hoffmann.
18. Scheidelied:
- Freunde laßt uns scheiden seht es naht die Nacht
Unser Tag in Freuden ist ja gut vollbracht.
Freuden wie göttlich schön
lebet wohl auf Wiedersehn, lebt wohl, lebt wohl,
lebt wohl! -
Es war 1 Uhr als die ganze Schaar mit einemmale als ein Ganzes auf-
brach und die Meisten im frohen Zuge bei leuchtenden in der Elbe sich
spiegelnden Mondschein über die schöne Elbbrücke nach der Altstadt
Dresden dem heimatlichen zogen. Jenseits der Brücke, an der catholischen
Kirche, trennte sich dreitheilig der Zug links, rechts und gerad durchs
Thor des Schlosses wie gleichsam der Stadt; die Trennung begleitete der
Wunsch: Gute Nacht. Gute Nacht. Gute Nacht.
Und so denn auch Dir, liebe Elise, für heut gute Nacht, denn es ist
Mitternacht vorbei.

Am 15en Februar. Guten Morgen. Heut beginn ich gleich mit einer
Bitte: In der Hoffnung daß es uns Mad. Gascard einmal in Keilhau vor-
tragen sollte, habe ich derselben das Frauenherz, das Melodrama von
Sophie geliehen. Es geschähe mir ein sehr großer Gefallen, wenn Du es Dir
recht bald von Frau Gascard zurück erbätest und mir es vielleicht durch
Middendorffs oder Herrn Froschs Gefälligkeit mit der Fahrpost mit Bind-
faden umbunden sendetest. Ich möchte demnächstens hier davon Gebrauch
machen.
Wir sind hier alle gesund und ich darf sagen, sehr fleißig. Gestern ist
auch die Frau Doctor Herz wie ich höre zurück gekommen, doch habe
ich sie noch nicht gesprochen.
Daß Amalie Krüger nun alles Ernstes Ostern von Hamburg wieder ab
und zu Carl Fröbel nach der Schweiz gehen wird, das habe ich Euch
wohl noch nicht ausgesprochen. - Von Anna Hesse, wie von Allwinen
und Luisen Levin habe ich kürzlich die besten Nachrichten.
Die Bekannten hier lassen Dich und alle Bekannten in K. grüßen
Emilie Stieler - Amalie Mattfeld - Henriette Breymann.
Auch ich grüße Euch alle und besonders die sich meiner freundlich
erinnern, Deine Schwestern - Deine Mutter und vor allem Deinen Vater
meinen alten Bruder. -
D. Fr. Fr.