Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an Hildegard Muther in Coburg v. 16.2.1849 (Dresden)


F. an Hildegard Muther in Coburg v. 16.2.1849 (Dresden)
(BlM XIX,1, Bl 9-11, Brieforiginal 1 B + 1 Bl 8° 6 S. – Der Textteil *-* stimmt wörtlich mit Darstellung in F.s Brief an Elise F. v. 14.2.1849, ed. Nohl 1931/32, hier S.476-478, überein.)

Dresden, Liliengasse, N° 19. Ebener Erde. Am 16 Febr 1849.

Meine liebe, freundliche Hildegard.

Unsere allen gern wohlwollende, liebe Luise Levin in Rends-
burg, will mir, durch Übersendung eines Briefchens an Sie, die
lang entbehrte Freude verschaffen mich nicht nur bei Ihnen
in gütiges Andenken zurück zu rufen, sondern mich auch auf
dem Raume einiger Briefseiten nach langer Zeit, wenn auch
nur schriftlich zu unterhalten, wie bin ich doch derselben dafür
so dankbar, denn fast glaube ich von Ihnen vergessen zu seyn
so viele, viele Monate mögen es her seyn, daß ich nichts we-
der von Ihnen noch von Ihrer gesammten Familie, besonders
auch nicht von Ihrem lieben Bruder hernach gehört habe. Dank-
bar und mit Vergnügen ergreife ich daher die sich mir darbie[-]
thende schöne Gelegenheit Ihnen und den lieben Ihrigen einmal wieder
einige Kunde von mir zu geben.
Daß ich seit Mitte des Mon: Oktbr verfl. Jahres hier in
Dresden für die Dauer des Winterhalbjahres gleichsam häuslich
d.h. eben wandernd, wie die östlichen und nördlichen Völkerfamilien
und Stämme, wenn auch eine einzelne Person, niedergelassen habe,
um hier mehrere Bildungscurse gleichlaufend, zur frühen Kind-
heitpflege im Allgemeinen, so wie zur Führung vom Kinder-
garten insbesondere zu geben, davon ist Ihnen wohl von Keilhau
aus die Kunde gekommen. Der Theilnehmer und Theilnehmer-
innen von dem verschiedensten Alter beider Geschlechter sind an
sämtlichen Cursus Vierzig und etliche. Der Eifer wie die Fort
schritte sind auf das Höchste Lobenswerth. Da nun aber eben
die Theilnehmenden, von welchen sich schon einige von den Schülern
zu Jüngern empor gearbeitet haben, wegen der nothwendigen
Theilung der Cursus sich niemals alle sehen; solche Gemeinsam-
keit aber ganz mächtig wirkt, so habe ich die Veranstaltung /
[9R]
getroffen, daß wir uns jeden Monat an einem Sonntage A-
bend sämtlich bei mir sehen; gewöhnlich ist dieß am ersten
Sonntag jedes Monats. Das letztere mal, war es jedoch am
2n Sonntag dieses Monats also am 11’ desselben. Wenn Ihre Güte
mir es nun gestatten will, Ihnen eine kleine Beschreibung oder
vielmehr Spiegelbild dieses unseres jüngsten, wie es aus dem
Gemüthe und der Feder einer der älteren Theilnehmenden der
Frau Musikdirectorin Em. Lecerf hier geflossen ist geben
zu dürfen, so ruft dieß vielleicht zur neuen Belebung meine
erziehende Bestrebung deren Zweck u Ziel wie deren Geist bei
Ihnen zurück. [*] Der letztverflossene Sonntag Abend war also
der die Schüler und Jünger beider Geschlechter und auch einige
Gäste um mich versammelte um in freier Geistes[-] und schaffender
Lebensthtätigkeit ihn [sc.:ein] angeregtes, theilweise schon entwickeltes
inneres Leben außer sich in mannichfacher Gestaltung im Ge-
wande unsre[r] Kinder- und Jugendspiele darzustellen; auch wohl
die Gebilde als Ganzes überschauend, welche aus geringem Stoffe
und einfacher Form der sinnigen Hand- und Fingerthtätigkeit,
nach einfach fortschreitendem Gesetze in reicher Menge gleich-
sam entsprießen, entwachsen. Unser, gleichsam aus dem Geiste
und Gemüthe geborner idealer Familienkreis, denn auch Kinder
nahmen spielend an demser [sc.: demselben] Antheil bestand wohl aus 50 u etl. Gliedern
- Wirth und Wirthin eines der ersten Gasthäuser hier (der Stadt
Wien) wo auch immer Ihr Herzog, auch kürzlich wieder, wenn er
hier ist, wohnt - dieser Wirth und Wirthin, deren Verwandte
einige nicht nur meinen Bildungscursus, sondern auch sonst noch
meine erziehenden Bestrebungen förderlich theilen; - hatten mich einge-
laden die Gesellschaft in einen ihrer schönen Saale zu versammeln
so wie zugleich sich freundlich erboten die hausfraulichen Besorgungen
für Theetisch u .s. w. zu übernehmen. Ein geschmackvoll decorirter
Saal, weiß mit Gold u. s. w. schön geschmückt mit farbigen und
duftigen Blumen, von bescheidenen Veilchenbusch, bis zur, im reinsten /
[10]
Weiß strahlenden Hyazinthenkerze u. s. w. - sich vervielfälti-
gend in kristallklaren Spiegeln - empfing die trauliche Gesellschaft.
Heut Nachmittag sandte mir nun die obengenannte, liebe
Theilnehmerin die Abspiegelung des, dem Kinderleben u Kinder-
sinne, wie Kindheitpflege gewidmeten Abends in ihrem klaren
Gemüthe, als einen - ”Nachhall des Festabends am 11 Febr 49 [”.]
Ich mache mir die Freude Ihnen dieß ”Gedenkblatt” wörtlich abzuschrei-
ben, um Sie wenigstens im Geiste als Genossin unserer Bildungs-
abends zu wissen, ja Sie im Geiste u Gemüthe mit all den Kinder-
freundlichen Genossen und Genossinnen zu einigen, damit das Band
der menschheilchen [sc.: menschheitlichen] Lebenseinigung immer ein weiteres und der rein
menschliche Lebenskreis ein immer größeres werde. Also.
"Nachklang des Festes am 11 Febr 1849.
*
Die Freud' entflieht berauschten Tagen,
bleibt aus, wo wilder Jubel lacht,
sie läßt sich nicht im Tanz erjagen,
nicht locken durch der Tafel Pracht; -
nur wo im trauten Freundeskreisen
der Unschuld Engel Wache hält,
wo sich der tiefe Ernst des Weisen
zum jugendlichen Spiel gesellt;
da steigt sie gern im heitern Glanze
hernieder in das helle Haus
und theilt von ihrem reichen Kranze
an alle Blüthen, Früchte aus.

Dieß ohngefähr fühlten wohl alle Theilnehmer, als sie das kindlich-
schöne Fest verließen, das unser Fröbel seinen Schülern u. Freun-
den am vorigen Sonntag, am 11 Febr. gab. - Ja, die reinmenschliche
Bildung muß auch die reinmenschliche Freude hervorrufen, und
wenn das jetzige Geschlecht zur Kinderwelt zurücktritt, so wird ihm /
[10R]
auch die Kinderwelt die heiteren Strahlen ihres Glückes zusenden.
Jeder Arbeiter bedarf der Erholung, bedarf eines Ruhepunktes
wo er sich gemeinsam mit den Genossen erfreut, wo er zurück blickt auf
das Erstrebte u neue Kraft, neue Heiterkeit schöpft zu fortgesetztem
Wirken, u in dieser Beziehung wird ihm der Ruhepunkt zu einem
Fortschritt. So auch bei dem Werke der Menschenbildung u bei der Vor-
bereitung zu diesem Berufe, - und hier vielleicht mehr als irgendwo
sonst, weil dieser Beruf, obgleich ein heiterer und beglückender, doch
auch ein mühevoller ist. Wie nun in diesem neuen Erziehungswege
und solcher Erziehweise in Allem ein tiefer Sinn liegt, so liegt er auch in
ihren Festen, und so war auch dieses Fest bedeutungs<voll> in allem
was es seinen Theilnehmern bot.
Für die jugendliche Welt der Schüler u Schülerinnen brachte es
Freude vielfacher Art. Zuerst die der eigenen Ausübung der reizen-
den Spiele, die sie einst den Kindern lehren werden, dann die Freude
an dem, was sie bereits gewonnen durch Darlegung verlangter Fertig-
keiten, u zu dieser Befriedigung gesellte sich bei dem Hinblick auf so
manches noch zu Erringende, der Muth u die Hoffnung auch noch dieses zu
erreichen.
Aber auch die Freude eigenthümlichen Schaltens und Hervorbringens
im Gebiete der Phantasie durfte nicht fehlen. Und das soll ja das Wesen
der wahren jugendlichen Freude seyn, daß sie selbstbereitet, selbster-
worben, nicht erkauft oder in den Schooß gefallen ist. Darin besteht
nicht nur ihre Würze, sondern auch ihr sittlich bildender Werth[.]
Für die älteren Theilnehmer u Zuschauer aber liegt eine verjüng-
ende Kraft, eine erheiternde Stärkung im Anschauen dieser Spiele
und Übungen, dieser jugendlichen Lust und kindlichen Hingebung, und
sie werden unwillkührlich von dem selben Geiste ergriffen, der hier waltet.
Und wenn sie zugleich einen Blick thun in das Gebiet der
Beschäftigungsgegenstände u. Kunstübungen, die hier getrieben
werden, wenn sie an den Sinn und Zweck des Ganzen denken, so
wird ihre Freude noch erhoben u. veredelt durch die Ahnung alles /
(11) dessen, was der Zukunft durch diese neue Schöpfung werden wird und auf
das Fest des Augenblickes senkt sich eine höhere Feyer herab. -
So waltet neben der Freude auch eine innige Frömmigkeit. Die Jugend
fühlt mit Begeisterung den schönen Beruf in dem sie für das Göttliche
wirken will und das reifere Alter, erkennt das göttliche Walten
in dem Eifer der sie beseelt. Darum herrscht auch eine so schöne Überein[-]
stimmung in allen Theilnehmenden. Es ist der Geist der glücklichen Kindheit,
der Geist reiner Menschlichkeit, der sie vereinigt, der sie in kindlicher Lust
alle durchdringt und ein solches Fest zu einer gottgeweiheten Feyer macht.
Möchte es doch allen Menschen zu Theil werden, möchten doch alle die
Empfänglichkeit und den Willen gewinnen es mitzufeyern!
Erwach aus deinem langen Träumen
der reinen Menschheit Genius,
daß wir ihn länger nicht versäumen
des neuen Tages Morgengruß.
Schon steigt er auf in hellen Schimmer,
vertrauet seinem Lichte nur,
es führt uns siegreich und auf immer
zurück zur Wahrheit und Natur.
*      E. Lecerf. [”] [*]
Hier haben Sie nun, liebe Hildegard zwar von einem ganz einfachen
Gemüthe aber klaren Geiste die Schilderung eines unserer Monats-
sonntage, deren wir nun schon 4 in immer gestiegener Ausbildung
hier in Dresden in unserm ohngefähr 30 Glieder zählenden Bildungs-
kreise gefeyert haben. Die Jungfrauen in einfachen aber festlichen Ge-
wändern, bedienen sich jederzeit <wie> abwechselnd selbst wie die Ge-
sellschaft und so hat das Ganze stets den Ausdruck eines schönen
Familiensonn- und Festtages, was ich so sehr wieder herzustellen
ersehne. Ich wollte liebe Hildegard, Sie könnten einmal mit
Ihrem empfänglichen Herzen einen solchen Abend theilen. Aber
wahrhaftig das geht auch, und nicht nur R. [in Dresden], sondern zugleich auch
[mit] alle[n] Ihre[n] lieben Freunde in und zunächst Coburg. Wir müssen /
[11R]
nur nothwendig auch in Coburg recht bald auch einen allgemei-
nen Kindergarten ausführen. Wahrlich, das so schön gelegene
Coburg mit seiner reizenden Natur sollte den übrigen Städten
Deutschlands vorangehen, wenigstens, wie wir Deutsche eben immer
nach Oben und nach Außen hin schauen - den größeren Städten
Deutschlands folgen; so z.B. hat Dresden jetzt 2 Kindergärten
und mindestens zwei neue, größere scheinen im Laufe des
Frühlings hier zu erstehen. - Hamburg hat auch schon seine zwei
Kindergärten, dem einen steht, wie Sie wissen, Allwina vor,
den zweiten Amalie Krüger, welche Sie ja wohl von Keilhau
aus kennen. Und mindestens zwei neue Kindergärten werden
im Lauf des Frühjahrs daselbst noch erstehen. -
Wahrlich solches reges Leben - (auch in Leipzig wird mit dem
kommenden Frühjahr ein Kindergarten entstehen; die für den-
selben zur Kindergärtnerin bestimmte Führerin ist jetzt meine
Schülerin) - Wahrlich ein solches reges bildendes Leben rc. sollte auch
durch einen ächten, für das Coburger Ländchen musterhaften Kin-
dergarten hervorgerufen werden. Eine entsprechende Kindergärt-
nerin sollten Sie sich aus der Zahl meiner Schülerinnen auslesen
können, und ich habe eine große Anzahl tüchtige und einige aus-
gezeichnete Schülerinnen in meinem jetzigen Bildungscursus.
Sagen Sie nun, meine geehrtes Fräulein, sollten sich denn nicht
”Die Beilagen” und der ”Nachhall” durch Abdrucke in Coburger Zeit[-]
oder Tagesblättern benutzen lassen, um die Bewohner Coburgs
in Masse auf die Beachtung dieses Gegenstandes hinzuleiten.
Besprechen Sie doch ja den Gegenstand mit Ihrem l. Bruder
Heinrich ich gebe nicht nur gern meine Erlaubniß zu solchen
verbreitenden Abdrücken, sondern ich freue mich daran, <wenn>
auch ganz und gar nichts daraus hervorgehen [würde] als eine so allge-
meine wie rege Besprechung der Sache. - Die herzlichsten Grüße
wie an Ihre hochgeehrten Eltern so an alle Ihre Lieben Geschwister
wie an alle Freunde meiner Bestrebungen, besonder[s] aber Ihnen
als Ihr bleibend Ergebener FriedrichFröbel.