Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an Ferdinand Breymann in Mahlum v. 3.3.1849 (Dresden)


F. an Ferdinand Breymann in Mahlum v. 3.3.1849 (Dresden)
(BN 395, Bl 38-41, Brieforiginal 2 B 8° 8 S. - Der Brief wurde offenbar zusammen mit einem Brief Henriette Breymanns an ihre Eltern verschickt.)
(Verhältnis Originalzeile : Transkriptionszeile nicht 1:1)

Dresden. Liliengasse No 19 Ebener Erde. Am 3en März 1849.


Mein lieber theurer Vetter.

Es ist nun schon lange her, daß ich einen lieben, freundlichen Brief von Dir empfing und Dir noch bis jetzt die Antwort darauf schulde; allein ich muß Dich dennoch bitten, mir deshalb zu verzeihen, mindestens gütige Nachsicht mit mir zu haben, denn es sind nicht etwa leere Entschuldigungsworte und Formeln, sondern es ist für mich eine nur zu fühlbare Thatsache, daß der sich nach und nach, ohne daß man deren Vergrößerung, wie die, eines sich hoch am Forste des Daches lösenden Schneebischens, kaum merkte - auf meine Schultern wälzenden Anforderungen so viele und so große sind, daß ich all meine Kraft in einem Punkte sammeln und von diesem aus stetig und ungestört ruhig allseitig wirken lassen muß um von der sich nun ebenso stetig und unaufhaltsam sich vermehrenden Last nicht erdrückt zu werden.
Doch sind auch meine, selbst in größeren Formen, d.h. äußerlich durch ganze Erdstrecken getrennten, dennoch aber im Geiste um mich versammelten Freunde, welche mein Wirken und Streben theils anerkennend, theils aber auch zugleich förderlich und hingegeben theilen, so gütig nachsichtig mit mir, daß sie das, was ich dem Einzelnen für sein förderliches Wollen und Thun schulde, gern in dem finden und sich daraus aneignen was ich für das Ganze und durch das Ganze wirke und schaffe, mindestens zu wirken und zu schaffen suche. Ja, viele dieser Freunde sind so kräftig und ausdauernd treu,- wovon ich in mir fest überzeugt bin - daß wenn ich selbst unter und von dieser Last der Lebensforderungn zu Staub zerdrückt werden sollte, sie aus diesem Staube mein Wollen und Streben neu und verjüngt und so erhöht und verschönt erstehen lassen würden.
Siehe mein theurer, geliebter Freund, so lasse ich denn zu dem /
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Drucke und der Last der Arbeit nicht noch den Kummer und die Sorge kommen als müßte ich, oder gar mein Wirken u. Streben, Wollen und Thun das entgelten, was ich meinen Freunden, den blos anerkennenden, wie den förderlich theilnehmenden oder gar den thätig mitwirkenden, selbst- und freithätig mitschaffenden schuldige, denn wenn ich auch nicht Augen genug habe zu sehen was jeder wahrhaft in sich bedarf und nicht Hände genug jedem zu geben was ihm wahrhaft nützt und heilsam ist, so bemühe ich mich doch einen möglichst großen und möglichst weit reichenden Schatz gesunder und Gesundung gebender, wirklich wahrer, annähernd schöner anstrebend guter und in ihrer vertrauensvollen Anwendung dem Einzelnen heilsamen, dem Ganzen heilbringender Erzeugnisse zu Tage zu fördern aber auch einen Jeden zu der Selbsterkenntniß, Selbsteinsicht zu verhelfen was nun eben ihm und zwar gerad in dem Augenblicke wo er es sucht und bedarf das Heilbergende ist, jedoch nicht nur zu dieser Erkenntniß und Einsicht sonder[n] auch zu der Kraft zu verhelfen es sich anzueignen, ja nicht blos zu dieser Kraft zu verhelfen, sie in ihm zu entwickeln, sonder[n] auch zu der, bei aller Pflege, Beachtung, Entwickelung u. Ausbildung des Einzelnen zu der zugleich das Ganze und In-sich-Einige, das Wesen, die Einigung und die Einheit anerkennende und ehrende Freiheit zu erheben, sich aus dem sich immer wiederkehrend erneuernden und verjüngende Schatze und Reichthume jener ächten Lebenserzeugnisse eben das, was er gerad jetzt bedarf und als daseyend in dem Ganzen erkennt,- frei- und selbstthätig - aber im innigen Seelenbunde, und Lebenseingung mit Liebe, Treue und Dank gegen das Ganze - nehmen zu dürfen. So erfüllt denn auch mich bei aller Größe, Umfang, Macht und Gewalt der Lebensförderung dennoch einiger Friede, wahre Freude /
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und ächte Freiheit.
Mit solchem Gefühle, mit diesen Gefühlen komme ich daher auch jetzt, bei allem Bewußstseyn meiner Schuld gegen Dich und Deine l. Frau, zu Dir und Euch Allen.
Ihr treusorgendes Elternpaar habt mir ja Euer Liebstes und Bestes, Eure, wenn auch schon in und durch ihre Erziehung selbstständige und sich frei aus sich bestimmende, darum aber eben meines Erachtens um so sorgsamer allseitig zu pflegende Tochter zu wahrer Mitpflege schon seit Monaten anvertraut; Vertrauen aber fordert Dank ich aber habe dagegen Euch diesen Dank in dieser ganzen langen Zeit noch mit keinem Worte ausgesprochen, ja ich bin Dir mein theurer Vetter schon seit Wochen auf Deinen lieben Brief an mich meine Antwort schuldig. Empfange, empfangete darum in diesen Zeilen für beides meinen Dank.
Unsere liebe Henriette hat Euch mit dem äußeren Stande und Gange unseres gemeinsamen Lebens, wie auch meines besonderen Strebens, wie ich aus dem Ganzen abnehmen kann, bisher, und wie ich wohl vermuthen darf in dem beiliegenden Briefe, bis jetzt so in vollständiger Kunde erhalten, daß ich nicht glaube hierzu auch noch das Mindeste hinzufügen zu müssen. Ich gehe daher sogleich auf das Innere der Sache selbst ein.
Seit meinem nun, bis in meine frühesten Lebensjahre hinaufgehenden sich in den späteren Zeiten vielfach verz[w]eigten unter den verschiedensten Verhältnissen u.s.w. ausgeführten E erziehenden und lehrenden Wirken glaube ich nun nach Art und Weise, Mittel und Wegen, Zwecke und Ziele gefunden zu haben was erziehen, unterrichten und belehren, was lehren heißt; denn über 60 Jahre, das kann ich mit voller Einsicht sagen, bin ich mein eigener Erzieher, seit nun bald 44 Jahren war und bin ich immer /  
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noch dieß und zugleich der Erzieher und Lehrer anderer; seit nun bald 33 Jahren der Gründer pp[.] der allgemeinen deutschen, noch bis heut bestehenden Erziehungsanstalt u.s.w. u.s.w. Dieß und mein anderes so vielartiges wie vielverzweigtes erziehendes, belehrendes und bildendes Wirken wie die verschiedenartigsten Auffassungsweisen und die oft sich schnurstracks widersprechenden Urtheile über dasselbe, mußten mir nicht nur zeigen, nein, mußten mich belehren und von mir fordern endlich doch einmal das Erziehungswesen in seiner Mannigfaltigkeit, die Erziehung in ihrer Einheit, nicht nur als ein äußerlich anschaubares, sondern auch als ein selbstständig und selbstthätig innerlich mit- und darzulegendes, organisches Ganzes darzustellen; ein Erziehungs-Ganzes darzustellen welches die Erziehung allen denen, welche Augen und Sinne, Herz und Kopf, Lebensthätigkeit und Lebenserfahrung oder ein unmittelbares sicheres Lebensgefühl dazu mitbringen - als ein zwar in sich selbst ruhendes einiges Lebensganzes aber organisch allseitig herauswirkend, entwickelnd und schaffend herauswirkend anschaulich macht; anschaulich und an seinen Früchten erkennbar macht von dem ersten nur zu ahnenden Anfangs- und Ausgangspunkte an, durch alle Mittel und Wege rc hindurch bis zu dem in möglichst klarer Gestalt und Vollkommenheit errungenen Ergebniß gewonnenen Frucht.-
Ein solches von mir seit länger als 33 Jahren erstrebtes in sich vollendet geschlossenes Erziehungsunternehmen erscheint mit jetzt nicht nur ganz an der Zeit, sondern sogar das dringendste Bedürfniß zu seyn es auszuführen.
Der Deutsche spricht seine innersten Lebensansichten, Wünsche ja Forderungen in seinen Spruchwörtern aus und er sagt:

"Was das Auge sieht, das glaubt das Herz!"
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Nun gut, so gebe man ihm was das Auge sehe, damit endlich das Herz glaube, glaube, daß noch der alte Gott in alter gleicher Weise wie früher walte, erkennbar denen, welchen Sinne und Geist, Augen und Ohren, Herz und Kopf dafür entwickelt sind, also seh- und hörbar, fühl- und denkbar, also innerlich und äußerlich zugleich schau[-], ja anschaubar.
Hier, mein theurer Vetter, haben Sie gleichsam in einem Saamenkorn, in einem Fruchtkorn zusammengefaßt was ich erstrebe; wie ich es ein Erziehungsganzes nenne, so könnte ich es auch eine ErziehungsGemeinsamheit, eine Erziehende Gemeinde, einen Erziehenden oder Erziehungskreis nennen; in seiner inneren wie äußeren Vollkommenheit nenne ich es wohl auch

"Erziehungs Academie"
und ich verstehe darunter ein solches Unternehmen, eine solche Anstalt, einen solchen Verein, eine solche Gesellschaft, einen solchen Kreis wo jeder Einzelne das erst noch zu hoffende Kindchen wie das schon geborne, der Zögling wie der Erzieher, der Schüler wie der Lehrer, der Jünger wie der Meister ein Geschlecht wie das andere gegenseitig entwickelnd, fördernd und helfend zur Darlebung zur Erscheinung hoher Menschheit, edler Menschlichkeit Sinn und Trieb, Wort und That, Herz und Kopf, Denken und Handeln Gesinnung und Ausübung bietet; Jeder und Jedes aber, und ich hebe es nochmals hervor, selbst das noch ungeborne Kind demgemäß beachtet und behaltelt behandelt werde, ganz besonders und namentlich das Kind in dem Lebenskreise, als ein Kind im höheren, geistigen Sinn; das Kind in dem Kindergarten, der Zögling und der Schüler beider Geschlechter auf den verschiedenen Entwickelungsstufen, bis zu dem vollendete Selbstständigkeit in sich errungenen Jünger und dieser Jüngerin. Den Mittelpunkt des Ganzen würde eben die Bildungsanstalt für Erzieher und Erzieherinnen machen.
Nun aber werden Sie sich unter sich und wohl auch mich fragen: - wo wird sich aber zu solchem Wirken der entsprechende /
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Raum, der genügende Ort und vor Allem wo werden zu solchem Wirken die sich unter sich verstehenden einmüthigen wie einträchtig ächt sich gegenseitig erziehenden, wie in Liebe sich belehrenden in Freundschaft sich gegenseitig bildenden Menschen finden?- Denn so viel ist doch gewiß und unleugbar werden Sie sagen zu einem solchen Wirken, für einen solchen Zweck, nach einem solchen Ziele da muß nothwendig allseitig hoher Lebenseinklang, da muß Or Raum und Zeit, Ort Natur und Menschen, Ort und Verhältnisse in ächtem Lebenseinklange, wie in wahrer allseitiger Lebenseinigung zusammen [gegeben sein,] wenn Ergebnisse wie die angedeuteten gewonnen, wenn Zwecke wie die ausgesprochenen errungen, wenn Ziele wie die bezeichneten erreicht werden sollen. Doch indem ich das Vorstehende aussprach setzte ich ja, wie ich ja oben schon bestimmt (aussprach) hervorhob voraus, daß Ihnen darüber von unserer Henriette schon die wesentlichsten Mittheilungen gemacht seyen;- Ja, meine geliebten Beiden, Vetter u Muhme, das ist eben das wirklich Hohe, ächt Begeisternde, wahrhaft Wunderbare und doch allen klar offen und baar Vorliegende, ja wozu selbst so Viele unmittelbar und ganz frei und selbstständig, wie selbstthätig mitwirken, - daß sich jetzt Alles mit Einemmale so zusammenfindet als sey dieß alles schon seit Langem von einem, der Menschheit wie dem Gegenstande, den Kindern wie der Erziehung an sich, den Erziehenden wie den zu Erziehenden, dem ganzen Menschengeschlechte wie einem einzelnen - unserm Volke - gleich Wohlwollenden im Stillen vorbereitet worden: frische, kräftige, gesunde und gesundende Natur schöne miterziehende Gegend, entsprechende Wohnungen eingehende, freundliche wie einsichtige Menschen durch Denken und Erfahrung, Wissenschaft und ausübendes Leben, bedürfende wie darbiethende Menschen, günstige Zeit /
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Natur- und Menschheits-, Gemüths- und Geistesfrühling, JugendMuth und Jugendkraft wie Greises Klarheit und Geistes Macht, sehnendes und hoffendes Jünglings- und Jungfrauenleben wie sich gefundenes und beruhigtes, schon gestaltetes und so gestaltendes Leben werden - so scheint es zwar jetzt nur noch - sich zur Verwirklichung des angedeuteten Lebensganzen innig einigen; - allein in Gottesgestaltungs- und Naturwelt kommt der Schein der Sonne auch ihrem Daseyn vorher, warum sollte es in der Geistes- und Menschenwelt anders seyn und der endlich klaraufgehenden, lichten Lebenssonne nicht auch der Schein der Morgendämmerung voraus gehen?- Ich, mein geliebter Vetter, finde von diesem Schein des heraufdämmernden M neuen großen Menschheitstages, des nun bald, wie auch der Naturfrühling, - erscheinenden Menschheitsfrühlings schon mein ganzes Gemüthe, wie mein ganzes Leben er- und durchhellt[.]
Dieß muß mir heut genügen Euch meine Theuern über mein nächsten Wollen und Wirken auszusprechen, welches jetzt noch gleich dem keimenden Saamenkorne in dem dunkeln Schooße der Erde, so keimend und nach Entfaltung und an das Tageslicht strebend in dem dunklen nächtlichen Schooße der Zukunft ruht; doch Dunkelheit und Nacht sind ja eben die Empfängerinnen wie die Pflegerinnen alles dessen was ans Licht, zu Tage geboren werden soll.
Zur etwanigen Ergänzung lege ich noch einige Bemerkungen bei, welche als Anfügung zu dem Aufsatze der Fr E Lecerf, bestimmt sind, welchen ich zu diesem Zwecke werde nochmals abdrucken lassen und zwar mit meinen Bemerkungen zugleich in vier Sprachen, deutsch, französisch, englisch und italianisch. Denn es wird mich ja eine von diesen vier Nationen doch verstehen wenn es nun eben auch die mütterliche nicht seyn sollte, woran ich jedoch wirklich nicht zweifle; und verließe mich am Ende auch die alternde Jungfrau Europa, nun, so sind mir ja diese vier Sprachen, wozu sich mir auch noch die spanische gesellt, /
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Schiff - Brücke - und Schlüssel nach und zu der Neuenwelt: Amerika.
- Sie wünschen noch, so sagt mir unsere Henriette einige[n] Nachweis oder vielmehr gar meine Ansicht über die Familie Herz, besonders über die Frau Dr Herz. Mit großer Freudigkeit nun und mit meiner tiefsten Überzeugung nun kann ich Ihnen zu Ihrer vollkommensten Beruhigung aussprechen daß diese freundliche und liebe Familie wohl zu der achtbarsten wie besonders die eigenthümliche und seltene, darum wohl auch leicht zu verkennende Mutter derselben zu den sittlich reinsten, wie von tiefen religiösen Sinn ganz durchdrungenen Frauen gehört. Meine Ansicht und mein Urtheil beruht jedoch keineswegs blos auf meiner Prüfung, sondern indem mir selbst aus mehrfachen Gründen, selbst hinsichtlich meines eigenen offenen Umganges mit und offenem Leben in dieser Familie viel daran gelegen war über diesen Punkt ganz klar zu seyn - (weil eben das in mir sich gebildete klare Bild getrübt werden sollte -) so suchte ich mir Urtheile von sehr verschiedenen Punkten u Personen die ich als durchaus rechtlich und achtbar erkenne[n] mußte; diese vielen [sc.: fielen] aber überall ganz gleich aus: sie die Mutter d. Fr Dr H. wie die ganze Familie sey eine durchaus rein sittliche öffentlich ganz unbescholten und rein, von ihrer frühesten Kindheit, durch das Mädchen und die Jungfrau hindurch bis in ihrem jetzigen Hausmütterlichen u Frauenstand.
Ein über diese mehrfach merkwürdige Frau auf mehr als 400 großen 8°-Seiten geschriebenes und 1843 erschienenes Buch spricht offen und unangefochten mehrfach dasselbe aus.
Aber nun muß ich abbrechen, die Stunde ruft, der Raum ist all.
Hoffentlich erfreue ich mich nun recht bald wieder einer Rückantwort von Dir l. Freund. Greifen unsere Lebensansichten und Forderungen gegenseitig entwickelnd rc ein, so werde ich Dir gern von meinem Lebensgange Weiteres mittheilen. Herzensgruß Dir und allen den lieben Deinen von Deinem treugesinnten Vetter
FrFröbel.