Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an Luise Levin in Rendsburg v. 4.3.1849 (Dresden)


F. an Luise Levin in Rendsburg v. 4.3.1849 (Dresden)
(BlM XXIII,38, Bl 145-148, Brieforiginal 2 B fol. 8 S. u. BlM XIX,1, Bl 19-22, Briefbeilage 2 B 8° S. - Zum Brief gehört der 146V als Abschrift bezeichnete Brief F.s an F. Breymann v. 3.3.1849, zum Großteil von anderer Hand).

Dresden, Liliengasse No 19. Ebener Erde. Am 4 März 1849.


Meine hochgeachtete, liebe Luise.

Vor vielleicht 2 Stunden erhielt ich Deinen seelenvollen Brief, geschlos-
sen am 1en d. Mon. und ohne Zweifel an demselben Tage auch zur
Post gegeben, das Postzeichen ist nemlich undeutlich. Ob nun gleich auch
mehrere früher erhaltene Briefe, zum Theil, wegen wirklichen Man-
gel an Zeit * - ** denn das Leben will zur Einsicht und Aneignung der
inneren Einigung die es gewiß erstrebt, wie zur Erfassung und
Darstellung, äußerer Gestaltung dieser seiner Einheit in sich, mit
der größten Ruhe, der größten Besonnenheit in rastloser Thätigkeit
beachtet und behandelt, ja, bearbeitet seyn in unserm Innern, wie
außer und um uns * - ungelesen vor mir liegen - **; so halte ich es
doch für die höchste Verpflichtung für das Leben und dessen endliche reine
Gestaltung daß ich Deinen mehrfach so lebenswichtigen Brief zuerst u.
zwar sogleich beantworte; denn der wahrhaft und ächt strebende, für
Ausübung und Darstellung thätige Mensch soll vor Allem suchen in sich
und in dem kleinsten Kreise der mit ihm für gleichen Zweck und glei-
ches Ziel innig Geeinten recht klar, sicher und fest zu werden; hier,
hier im kleinsten Raum, im Innersten des Denkens, Fühlens und Lebens
den ächten, gesunden von der Einsicht, (dem Erkennen) der Erkenntniß
der Erfahrung genug vom Geiste befruchteten und befruchtenden Grund-
und Boden[-], wie Lebensquell findend und gefunden habend, entwickelt
sich auch der gepflanzte LebensBaum in allseitiger Gesundheit und
für allseitige und allgemeine Gesundung, was wir ja eben alle
nur wollen.
Hierdurch spricht sich wieder aus, was hoffentlich aus allem meinen
Wollen und Thun hervorgeht: alles mit der Natur, nichts wider die
die [2x] Natur; alles auf dem entwickelnden Wege, nur diesen aber in
seinem Erscheinen, seinen Ursachen und Wirkungen, Zweck und Ziele stets
klar und fest im Auge. Das Neue, Folgende soll nicht aus und durch ge-
waltsame Zerstörung des Alten, Früheren hervorgehen, sondern aus
dem innersten Verständnisse, der friedlichsten Aufnahme der sicheren
Fortführung und Entfaltung.- So würde es mir, dieß bitte ich als
ein ernstes Wort zu bedenken, auch der von mir hochgeachteten Fr v C[ossel]
auszusprechen - es würde mir stets ein strafender Schmerz seyn
wenn ich nur das Gefühl, geschweige denn gar das die bestimmte Über[-]
zeugung haben müßte, daß durch Deinen Austritt aus dem so ehren-
werthen Kreise der v. Cosselschen Familie, namentlich in Beziehung
auf die Entfaltung und Erziehung, hinsichtlich der bezweckten Bildung all
Deiner Lieben etwas ab-gebrochen, oder gar zer-brochen würde.
Zuforderst gehe ich nun mit wahrer Freudigkeit in die Erhaltung des /
[145R]
des [2x] Wunsches der Fr. v. C. ein, daß Du in Deiner jetzigen Wirksam-
keit zunächst bis Johannis bleibest. Nun, und länger als bis Michae-
lis d. J. in Deiner jetzigen Stellung zu bleiben, dieß dünkt mich war
vom ersten Beginne an weder Dein Wunsch noch Plan im Gegentheil er-
innere ich mich daß selbst von der Fr: Lütkens Deine Thätigkeit im
v. Cosselschen Hause und als Erzieherin der Kinder nur auf dieß
eine und erste Jahr in Anspruch nahm. Solltest Du dann, um Dein
Wort, das gegebene, selbst vollständig zu lösen, gar bis Michaelis
bleiben müssen, nun was erträgt und entbehrt man nicht aus der
Lösung und Erfüllung seines gegebenes Wortes und des dadurch zu
erringenden innern Friedens, ächter Freudigkeit und wahrer Geistes-
freiheit willen. Du siehst - ich an Entsagung und Entbehrung gewöhnt
mache mich auf alles gefaßt - ja ich muß es um mir den Frieden, die
Freude und Freudigkeit Freyheit im Geiste und so Kraft, Muth und Ausdauer im
Leben zu wahren, von welchem <Gesuchst> einzig die Erreichung meines
Lebenspreises abhängt. Und so alles Weitere Gott befohlen. Deine
Stelle und Wirksamkeit in meinem Leben und Unternehmen bleibt
Dir stets als ein wahres Heiligthum für immer bewahrt bis Du mit
allseitiger Freudigkeit und Freyheit mit schönem Frieden im Herzens
als ein Friedensengel, als der Friedensengel welcher Du mir von dem
ersten Augenblick Deines aufkeimenden Vertrauens warest - in meinen
Lebenskreis eintreten kannst.
Ehe ich nun aber zu andern Einzelheiten Deines theuern Briefes
übergehe zu etwas Anderem, wie es mir scheint, wie das Vorstehende,
Dir mit Recht gleich lebenswichtig. Du sprichst so schön über über [2x] Dein kind[-]
liches Gefühl zu Deiner Mutter und schließest mit den Worten: -
"Wie kann ich von der kindlichen Liebe spreche[n], wenn ich sie nicht übe?"-
Nun, so laße uns denn sehen, wie Du sie, und ob Du sie auch im
Kreise Deiner späteren Wirksamkeit üben kannst, doch um diese
Frage aus dieser zu beantworten, da müßte Dein Vertrauen, Deine
Offenheit und Wahrheitsliebe mir erst folgende Fragen wirklich eine
nach der anderen in Deinem nächsten Briefe beantworten[:]
1. Wie alt ist Deine liebe Mutter?-
2. Ist sie noch gesund, lebenskräftig, lebensmuthig u. ausdauernd?
3. Heegt sie, und trägt sie noch Wünsche für ihr nächstes u. weiteres
    Leben dessen Gestaltung und Rückwirkung auf sich in sich?-
4. Ist sie sorgsame, gute, verständige Hausfrau; aber jedoch nicht blos
    in dem gewöhnlichen, sich in dieser Hinsicht nur zu leicht begnügenden
    gewöhnlichen Sinne des Wortes, sondern in etwas höherem[?]
5. Wie steht es mit der Führung der Küche, Du hast darüber Erfah-
    rungen in K[eilhau] gemacht, kann sie einfache, gesunde gute durchkochte
    Speisen auch in angemessener Weise auf den Tisch bringen[?]
6. Versteht sie ohne Zanken mit Liebe und Ernst das, besonders weibl[iche] /
[146]
Gesinde in Ordnung [zu] erhalten?-
7. Ist ihr selbst ein strenger Ordnungs- und Reinlichkeitssinn eigen?-
8., Liebt sie namentlich auch klare Wäsche?-
Du, meine theure Luise wirst mir keine einzige dieser Fragen, so
wie sie in ihrer Gesammtheit gewiß nicht übel deuten. Keine der[-]
selben setzt etwa einen Zweifel voraus, so wie es aber auch umge[-]
kehrt meine wahre Achtung für Deine l. Mutter nicht im Geringsten
trübt oder verringert, wenn etwa irgend eine dieser Fragen nicht das
unbedingte Ja! als Antwort erhält. Nach verflossenen Jahrzehenten
sind natürlich auch die Anforderungen an das Leben verschieden. Du
wirst einsehen, daß ich jetzt das Leben nach allen Seiten und Zeiten hin
ins Auge fassen muß.
Da es mir ganz vor Allem daran liegt, daß Du all mein Wollen
und Handeln nach Quelle und Ausgang bis in die feinsten inneren und
äußeren Verzweigungen hin kennst, was ich jedoch auch womöglich
und in wie weit es möglich zunächst für Allwina und auch Henriette
im Auge habe, - so lege ich Dir hier abschriftlich einen Brief bei, welchen
ich gestern an Henriettens Vater geschrieben und heut abgesandt habe.
Die, wie ich hoffe darauf bald eingehende Antwort, muß nun das Ver-
hältniß, welches Henriettens Mutter in dem Dir abschriftlich mitge-
theilten Briefe andeutet, klar auseinandersetzen. Sobald nun diese
Antwort eingeht, werde ich solche Dir auch sogleich mittheilen.
Weiter liegt diesem Briefe auch noch eine Bemerkung bei, welche ich dem
Lecerfschen Aufsatze; - den ich in mehreren Sprachen nebeneinander jetzt
drucken gleichsam als eine Art "Anleitung" in mein kommendes Wirken
drucken lasse - und als "Einladung" zur Theilnahme hier an demselben, beifü-
gen werde. Diese Bemerkungen werden zwar auch etwas verändert
besonders erweitert werden, allein ich wollte Dir doch solche auch
schon im ersten Entwurfe mittheilen, damit Du siehest, wie ich mich dem
Publikum über mein Vorhaben auszusprechen gedenke.
Nun zur Beantwortung der Einzelheiten Deines l. Briefes.
1. Auf die Proclamationen von Republiken müssen wir uns auch bei un[-]
serem Wirken und dessen Begründung gefaßt machen; das Wichtigste
dabei bleibt immer, daß man über die Sache in sich klar, wie einig u. fest sey.
2. Deine Freude über das sich Aufschwingen Deiner Kleinen, besonders der
kleinen Katharina, theile ich ganz mit Dir, so wie aber noch mehr
3[.] Deine Freude über die steigende Klarheit in Deinem eig[n]en Innern.
Siehest Du nun wie ich Recht hatte als ich Dir in K[eilhau] sanft Muth einsprach.
Gehe nur ruhig und stetig fort, die Kraft wird sich auch steigend erhöhen.
4. Durch Deine Freude am Sonntagsblatte machst Du mich wahrhaft
glücklich ich werde dasselbe nun mit dem größten Eifer fortsetzen. Aber
5. Auch Deine Freude über "Deutschlands wiedergeburt" ist mir lieb, durch
ein Drittes findet man sich oft am leichtesten. Nachher hierüber noch etwas. /
[146R]
6. Aber, liebes Leben, laß die nichtigen Äußerung: als wärest Du meiner
nicht werth (:NB darf nicht wie Du schreibst "währt" geschrieben werden;
dieß Wort so geschrieben kommt von währen, andauern:)[.] Wären wir
einander nicht werth, so würden wir nicht so hohes Vertrauen zu einan[-]
der haben. Wenn ich mich auf einen anderen Standpunkt stelle, könnte
auch ich sagen und müßte es sagen: - "ich bin Deiner nicht werth". Aber
nochmals: freuen wir uns, wir sind beide einander werth. Was
giebst Du mir nicht durch Dein überall durchleuchtendes Gottvertrauen!
7. Ja meine Liebe ächte innere Seeleneinigung, Lebenseinigung ist bei
aller äußeren Körpertrennung eine HimmelsErscheinung auf der Erde.
8. Wie kommst Du zu der Meinung, daß meistens Deine mir von Dir mitgetheilten Ge-
danken mir unwichtig wären. Gerad das Gegentheil: ich wollte nur
ich hätte noch mehr Zeit sie stetig durchzudenken und im Leben weiter an-
zuwenden oder in dasselbe einzuführen.
9. Für die liebliche Mittheilung Deiner töchterlichen Gefühle danke ich nochmals[.]
10. Ja, liebe Luise, Henriette hier, wie auch ich bemerke es, der kommende
Naturfrühling bringt auch neuen Menschenfrühling. Natur- u. Menschen-
frühling ist in diesem Jahre ganz besonders im Einklange; dieß müssen wir
aber auch sorgsam beachten, damit mit [sc.: wie] der Naturfrühling vielartige
Früchte entwickelt, so soll es auch unser, der Menschenfrühling.-
11. Sicherheit und Selbstgefühl, gegründetes, sind köstliche Gaben fürs
Leben unentbehrlich zu bleibend seegensreichem Handeln.
12. Aber wie lieblich kannst Du die Erscheinungen der Naturerhöhen [sc.: Natur erhöhen]. Ein
jedes Deiner Hoffnungsblättchen einigt Licht und Leben, Klarheit im Handeln
bringt mir so Dein Bild liebe Luise.
13. Spaziergang, Naturbeachtung, Spiel in freyer Natur und Rückführung
Deiner lieben Pflegebefohlenen zu den Eltern, zu ächter Familieneintracht;
Wie bist Du doch l. L. eine so treffliche Kinderpflegerin, ächte Kindergär[t-]
nerin.
14. Augustens Lust zum Laufen u. wie Du ganz richtig bemerkt zum
Nachholen des früher Versäumten kann ich mir recht gut so erklären.
15. Du treibst l. L. Außenweltsbetrachtung, wenn auch nicht so wie es
im Buche steht, doch nützlich fürs Kind; Du mußt nur den Gegenstand
Dir so zueigen gemacht haben, ihn so beherrschen, damit Du überall im
Leben verknüpfen kannst um immer höhere Vereinigungspunkte des
erst noch Getrenntgeschauten zu erschauen, oder auch das erst noch
Massig zu schauende organisch zu gliedern.
16. Wenn der Boden Deines Wirkens in Deinem Hause immer tragbarer
das Dir geschenkte Vertrauen immer inniger u fester wird, nun gut,
so wirke in demselben so lange es Dir Pflicht gebietet. Verletzte u ver[-]
säumte Pflicht, das sind zwei böse Hausgenossen im eignen Herzen.
17. Du wünschest bald Antwort und ich gebe sie Dir so innig gern, darum
empfängst Du sie denn auch schon.- /
[147]
18. Du schreibst Allwinens am 27. v. Mon. erhaltenen Brief habe Dich tief
betrübt u.s.w. auch bei mir ist dieß nach den mir von ihr gemachten
Mittheilungen der Fall gewesen; doch ohne Zweifel in etwas andern Be-
ziehungen als bei Dir; - nicht sowohl in Beziehung auf Allwina, denn
diese scheint mir in sich fest zu stehen und diese Hemmniß nur nochmehr zur Erringung
innerer Einigung und Einheit, Klarheit u. Festigkeit, Kraft
Muth und Ausdauer zu benutzen - mit so geeinten, geklärten und ge-
steigerten Mächten wird sie bald das Versäumte nachholen. Noch weniger
aber hat es mich um meinetwillen betrübt und tief betrübt und zwar in
und um der so eben ausgesprochenen Rücksicht zuerst willen, denn ich freue
mich, ja ich könnte beinahe sagen ich juble in mir bei jedem neu sich zeigen[-]
den Hemmniß, eben weil es nur ein Hemmniß, nur ein Hinderniß
eine Störung, eine Trübung ist in und welches sich eben die Einheit, Reinheit
Kraft und Macht, ich möchte sagen das Siegende der Idee erst recht zeigt;
Alles von mir im Allgemeinen und gleichsam, wie man zu sagen pflegt,
blos theoretisch, d.h. nur als Verstandes- und Vernunftwahrheit ausge-
sprochen soll ich auch im Leben und oft bis ins Kleinste hin als Sach- und
That-, als Lebenswahrheit durch Ausübung und Anwendung zeigen;
und dabei stehe ich hier als Person, ganz, ganz allein und vereinsamt,
wenn Du will[st] unbestimmt, hülflos; Du weißt aber wovon die Hülflo-
sigkeit, die Unbestimmtheit in seinen Thun u.s.w. ich als Zeichen ansehe,
als Zeichen der hohen Menschenwürde sich innerhalb seines Lebensganzen
selbst zu helfen, sich aus dem und durch das große Lebensganze, selbstän[-]
dig und selbstthätig aus sich zu bestimmen. Wie könnte ich also einen
größeren Beweis der Vatergüte und Huld des in sich einigen Guten, Gottes
erhalten, als daß er mir eine Menge der äußeren Stützen wegnimmt
und dennoch das Werk herrlich zu seinem Ziele führen hilft, was ja durch
das Kleinste was bis jetzt geschahe, bewiesen und gezeigt wird. Aber
die schreckensvolle Unbestimmtheit und [der] Wankelmuth der Mensche[n] be-
trübt mich tief; - noch ganz kürzlich, als ich ein paar Stunden in Keilhau
war sprach mir Middendorff persönlich und mündlich, wie früher schrift-
lich in Briefen: wie sehr er sich freue daß Allwina wie Wilhelm sich
vertrauend zu mir wendeten, und jetzt macht er ihr es zum Vorwurf
daß sie es auch, wie früher eben im Allgemeinen, nun auch in einem be-
sonderen Fall gethan habe; welchen Werth haben aber eben allgemeine
Wahrheiten, wenn sie sich nicht im besondern Falle ausprägen, aus[-]
prägen können und dürfen?-
Siehe, meine l. Luise, ich will ganz unterschreiben, was ich Du mir
aussprichst, daß ich Allwinen, als eine der Brauchbarsten, welche mir
helfend zur Seite stehen könnten, wie ja auch Dich, sehr ungern vermisse;
aber ich scheue mich auch gar nicht auszusprechen, daß ich mich abgesehen
von mir und meiner Person und deren Bedürfniß und Hingesehen auf
die Sache, auf die Idee, recht innig freue, daß es dem also ist, nun /
[147R]
können die Menschen doch nicht sagen, was sie doch sonst gewiß und
mit lautem Geschrey thun würden, daß die Ausführung der Idee
und ihre klare Darlebung eben von bestimmten und ausgezeichne-
ten Menschen abhängig gewesen wäre. Nein, die Idee wird sich dar-
leben in schöner Gestaltung wie sie es auch hier in Dresden wieder thut
wo nur vertrauende Menschen dem Vertrauen welches zu ihnen kommt,
entgegen kommen und dieß scheint bis jetzt in Liebenstein, wie auch
hier der Fall zu seyn.
19. Auch ich hörte daß man mir hier Anträge machen wollte, doch hat
ja das Ministerium wie Du vielleicht gehört hast, gewechselt nun ist
alles anders.- Das Streben nach möglichst reiner und vollkommener
Darlebung der Idee muß mir bei meinem Handeln Richtschnur seyn[.]
20. Du fürchtest, mein Herz, für die Ausführung meines schönen Planes. Du
hast vollkommen Recht und hast ganz Unrecht. Vollkommen Recht hast Du
wenn Du die Ausführung des Planes ganz in derselben Weise meinst, wie
ich ihn vielleicht skizirt irgend angedeutet habe, so mag es wohl seyn
daß er nicht ausgeführt werde z.B. Eben daß Deine Liebe und Treue und
Allwinens beglückendes Vertrauen die ersten Mitbegründerinnen des
Ganzen seyen u.s.w. u.s.w. u.s.w. Allein darin hast Du gewiß ganz Un-
recht daß der schöne Plan nun ganz unausgeführt bleibe. Nein, so lange
ich lebe, führe ich denselben aus wo ich gehe und stehe und wo ich nur mit neuen
Menschen zusammen komme; doch dieß meine ich nicht: ich meine, daß der
schöne Plan gewiß von einer Mehrheit von Geeinten und sich verstehenden
Menschen, wenn auch von anderen als ich Anfangs dachte und unter ande-
ren Umständen ausgeführt werden wird. Es ist natürlich und gewiß
wahr, wenn ihr beide Du und Allwina nicht gleich Anfangs eintreten, die
Last und Schwierigkeit der Ausführung, für mich um so größer werden wird; allein die Natur
zeigt vielseitig, daß mit der Last und den Schwierigkeiten auch die Kraft und
Macht sie zu überwinden steigt; warum sollte ich nun auf ein Mittel
auf Umstände zürnen, welche meine Kraft erhöhen, meine Macht vergrö-
ßern. Aber wir wirken dann getrennt, vereinzelt meinst Du viel[-]
leicht; wer gebietet uns daß es so bleibe, wer kann [{]dem / das[}] Lichte, [{]dem / das[}] Feuer
verhindern daß es anders werde?- Hast Du noch nie gesehen wie
in einer Lampe von 2 Ende[n] das Docht angebrannt die Flammen sich suchen
bis sie eine und ein großes Licht werden, so werden unsere Bestre-
bungen unsere Leben und Wirksamkeiten sich suchen und so wird
statt eines kleinen Lichtes im einsamen Thal ein großes Licht der
Lebensverjüngung von der Mitte bis zu den nördlichsten Grenzen Deutsch-
lands leuchten; fahre vor allem Du nur fort eine so innig treue kind-
heitpflegende G. zu bleiben als Du bisher immer warest. Lasse es
uns fühlen, lasse es uns wissen und sagen, daß wir hier Opfer
bringen aber lasse uns auch freuen, daß wir dessen gewürdigt werden.
- Aber entbehre ich Dich denn und Deine Liebe, Dein Wesen, Dein eigentliches Ich?
oder vielmehr Dein eigentliches Du? /
[148]
was fühlst Du nicht, was sprichst Du mir nicht aus?- Du möchtest mir
als die Vertreterin Deines ganzen Geschlechtes meine Lebenstage er[-]
heitern!- Weißt Du, daß Du Du [2x] dadurch mich Dir für Ewigkeiten
abermals und wiederkehrend, wie schon durch Dein Vertrauen, Deine
Liebe, verbindest?- Was ist denn dagegen das leibliche persön-
liche Getrenntseyn einiger Monate?-
21. Nun sprichst Du aber ferner aus: - "wenn ich sehe, wie schwer es
wird uns nur erst einmal alle zusammen zu (bringen) haben, dann tritt
mir auch dieselbe Sorge für das Ganze entgegen.["] Siehe m. th. G. -
wenn es, wie ganz natürlich nöthig ist, daß Menschen zur Ausführung
des Ganzen zusammentreten, es uns aber unmöglich wird, so werden
Menschen vom Himmel oder aus der Erde dazu emporsteigen, wenn
sie nicht schon auf der Erde wandelten.- Es ist wahr, m. th. G. -
es lebt ein unermeßliches, unbegrenztes Vertrauen in mir; früher
war ich furchtsam und scheu vor Teuschung und Nichterfüllung es aus-
zusprechen, jetzt spreche ich es besonders Dir, allein auch noch ander[-]
weit aus zur Prüfung der Vorgänge in meinem Geiste, meinem
Gemüthe und zur Erlangung höherer Kenntniß der Geistes- und
Gemüths Thätigkeiten und ihres inneren Zusammenhanges. Für
alles dieß was ich ausspreche habe ich als Bürgschaft nichts als ein
Zweifaches: die ruhige Beachtung der Natur, die mir in ihren Erscheinungen
entgegentritt und ein ganz unbegrenztes, zugleich frohes beglückendes
inneres Gefühl der Wahrheit, der Gewißheit. Ich will nun aber
einmal: (und was habe ich denn zu fürchten) den äußeren Anschauungen
der Natur, was und wie sie mir es sagen - selbst auf die Gefahr hin
daß sie mich irre führten - ganz vertrauen. Was ist es denn nun auch
wenn sie mich Einzelnen irre führen und führten und ich zu Grunde gehe,
ich will nun einmal das Verhältniß der Natur und gleichsam ihrer
Aussprüche und Offenbarungen zu dem menschlichen Geiste und dessen
Aussprüchen und Offenbarungen kennen; es ist besser, daß in und
um dieser Prüfungen willen Einer, ein Einziger zu Grunde gehe, ganz
zu Grunde gehe als um der immer doch von Neuen wiederkehrenden
unvollendeten halben Prüfungen willen, zahllose halb vernichtet
werden, wie der tägliche Augenschein lehrt.- Zweitens will ich mich
ganz und unbeschränkt dem beglückenden Gefühle, dem erhebenden
der innern Wahrheit, der innern Gewißheit, selbst auf die Gefahr
der größten und vollständigsten Teuschung, hingeben: ich will mich
unendlich viel lieber ganz verliehren, als einer ewigen Erbärmlichkeit
eines halben Besitzes meiner selbst anheimgegeben [zu] seyn. Nur der
ganze Besitz seiner selbst kann wahrhaft beseeligen und Andere zur
Seeligkeit zur beseeligung in sich erheben; wie Du ganz recht und wahr
von und zu Dir sagst: - "wie kann ich von der kindlichen Liebe spreche[n],
wenn ich sie nicht besitze, nicht habe"?- /
[148R]
22., Der Umfang der Ausführung meines Unternehmens in und bei sei-
nem Beginn hängt auch nicht von mir ab: wie ich Zutrauen nicht
machen und nicht wo und wie, oder wann ich will wecken kann, so
darf ich es auch nicht zurücke weisen, wann und wo es sich findet,
sondern ich muß es dann pflegend aufnehmen, wie es sich z.B.
mir selbst in dem Briefe von Henriettens Mutter so unerwartet
wie wahrhaft wunderbar ausspricht.- Allein fühlst Du denn
auch dieß Wunderbare nicht was sich durch das Ganze hindurch-
zieht?- Man muß [sich] entweder ihm und seinem Zuge hingeben
oder man wird von ihm gequält und halb vernichtend [sc.: vernichtet]. Wie Du
ja auch selbst diesen lebenweckenden Zug in und an Dir selbst
fühlest (auch Henriette sprach ihn, ich erwähnte es glaub ich schon, aus
indem sie sagte der Naturfrühling schien auch den Menschenfrühling zu
wecken) - nur Dich darüber anders aussprichst, indem Du sagst:
"ich weiß nicht ob ich mehr aufthaue, nun der Frühling heran kommt,
ich fühle mich in meiner Rede u Bewegung leichter und freier pp pp[."]
Siehe meine G. das ist die Wirkung des neuerscheinenden Menschheits[-]
frühling, diese Erscheinungen stehen nicht vereinzelt da; die Wenigsten
aber haben Sinn es zu bemerken - die Zeit l. L. in der wir Leben
ist für die Menschheit wichtig!-
23. Zu Deinem sechsten Pflänzchen wünsche ich Dir Glück und Gottes Seegen.
24., Daß Du auch mit den älteren spielst freut mich. Du bist eine tr[eue] Seele.
25. Von Henrietten als Gegengruß ihr Urtheil über Ros[alie] Reinh[ard] ich hoffe
es wird Fr. v. C. ganz befriedigen und sie wird es mit dem meinen
übereinstimmend finden, so wäre ja dieser Punkt auch gelöset. Ich
erwarte nun die feste Bestimmung des Eintritts Termines von Dir
ob zu Johannis oder Michaelis.- Ich halte vorläufig den erstern fest.
So wüßte ich nun auch gar nichts was mir in Deinem lieben Briefe
noch zu beantworten übrig bliebe. Fr: v. C. meinen achtenden Gruß.
----------
Das beifolgende Buch nimm gütig auf, ich meine was besonders
entwickelnd, mindestens klärend oder befestigend in mein Leben
eingreife das meine ich müßtest Du auch besitzen; damit keine
höheren Vorgänge in mir Dir fremd bleiben.-
Die Verzierungen sind nicht ohne Bedeutung gewählt. [*Zeichnung*]     In
den drei Blumen oben sehe ich die Morgen-, Mittags[-] u Abendsonne und ist
mir dieß ein Bild jedes Tages, selbst des Jahres. [*Zeichnung*]     In den
9 Punkten der sich durchkreuzenden Bänder lese ich F r i e d r i c h
der Zug [*Zeichnung*]     heißt mir S. und sagt mir Seiner; die 5 Punkte [*Zeichnung*]     sagen mir
Luise; die drei Punkte [*Zeichnung*]     lese ich treu. Und so heißt mir das
Ganze: Wie auch der Stand der Sonne d.h. der Verhältnisse des Lebens
Friedrich seiner Luise drei [sc.: treu].- Gute Nacht und lebe wohl.

Beilage:
Abschriftfragment des F.-Briefs an F. Breymann in Mahlum v. 3.3.1849 (Dresden)
(BlM XIX,1, Bl 19-22. Außer Adressatennamen und -ort und Wort "Abschrift" ist alles von anderer Hand geschrieben.)

[XIX,1, 19]
Dresden. Liliengasse N 19 Ebener Erde. Am 3. März 1849.
Herrn Pastor Breymann in Mahlum.       Abschrift.
Mein lieber, theurer Vetter!

Es ist nun schon lange her, daß ich einen lieben
freundlichen Brief von Dir empfing und Dir bis
jetzt die Antwort darauf schulde; allein ich muß
Dich dennoch bitten, mir deshalb zu verzeihen,
mindestens gütige Nachsicht mit mir zu haben,
denn es sind nicht etwa leere Entschuldigungs-
worte u. Formeln, sondern es ist für mich eine
nur zu fühlbare Thatsache, daß der sich nach und
nach, ohne daß man deren Vergrößerung, wie
die, eines sich hoch am Forste des Daches lösenden
Schneebischens, kaum merkte - auf meine
Schultern wälzenden Anforderungen so viele und
so große sind, daß ich all meine Kraft in einem
Punkte sammeln und von diesen aus stetig u. ungestört
ruhig allseitig wirken lassen muß, um von der
sich nun ebenso stetig u. unaufhaltsam sich ver-
mehrenden Last nicht erdrückt zu werden. Doch
sind auch meine, selbst in größeren Formen
d.h. äußerlich durch ganze Erdstrecken getrennten,
dennoch aber im Geiste um mich versammelten Freunde,
welche mein Wirken u. Streben theils anerkennend,
theils aber auch zugleich förderlich hingegeben thei-
len, so gütig nachsichtig mit mir, daß sie das, was
ich dem Einzelnen für sein förderliches Wollen
u. Thun schulde, gern in dem finden u. sich daraus
aneignen, was ich für das Ganze u. durch das Ganze
wirke u. schaffe, mindestens zu wirken u. zu
schaffen suche. Ja viele dieser Freunde sind so kräf-
tig u. ausdauernd treu - wovon ich in mir fest
überzeugt bin - daß, wenn ich selbst unter u. von die-
ser Last der Lebensforderungn zu Staub zerdrückt
werden sollte, sie aus diesem Staube mein Wollen
u. Streben neu u. verjüngt u. so erhöht u. ver- < ? >
schönt erstehen lassen würden. Siehe mein theurer,
geliebter Freund, so lasse ich denn zu dem Drucke /
[19R]
und der Last der Arbeit nicht noch den Kummer und die
Sorge kommen, als müßte ich oder gar mein Wir-
ken u. Streben, Wollen u. Thun das entgelten,
was ich meinen Freunden den bloß anerkennen-
den, wie den förderlich theilnehmenden oder gar
den thätig mitwirkenden, selbst- u. freithätig mit-
schaffenden schuldige, denn wenn ich auch nicht Augen
genug habe, zu sehen, was jeder wahrhaft in sich
bedarf u. nicht Hände genug, jedem zu geben, was
ihm wahrhaft nützt u. heilsam ist, so bemühe ich mich
doch einen großen u. möglichst weit reichenden
Schatz gesunder u. Gesundung gebender, wirk-
lich wahrer annähernd schöner, anstrebend guter
u. in ihrer vertrauungsvollen Anwendung dem
Einzelnen heilsamer, dem Ganzen heilbringender
Erzeugnisse zu Tage fördern, aber auch einen
Jeden zu der Selbsterkenntniß, Selbsteinsicht
zu verhelfen was nun eben ihm u. zwar ge-
rade in dem Augenblicke, wo er es sucht u.
bedarf, das Heilbringende ist, jedoch nicht nur
zu dieser Einsicht u. Erkenntniß sondern auch
zu der Kraft zu verhelfen es sich anzueignen, ja
nicht bloß zu dieser Kraft zu verhelfen,
sie in ihm zu entwickeln, sondern auch zu der,
bei aller Pflege, Beachtung u. Entwickelung u. Aus-
bildung des Einzelnen zu der zugleich das Ganze
und In-sich-Einige, das Wesen, die Einigung und
die Einheit anerkennende u. ehrende Freiheit
zu erheben, sich aus dem sich immer wiederkehrend
erneuernden u. verjüngende Schatze u. Reichthume
jener ächten Lebenserzeugnisse eben das, was er
gerade jetzt bedarf u. als daseiend in dem Ganzen
erkennt,- frei- u. selbstthätig - aber im innigen
Seelenbunde u. Lebenseingung mitLiebe , Treueu.
Dankgegen das Ganze - nehmen zu dürfen. So
erfüllt denn auch mich bei aller Größe, Umfang,
Macht u. Gewalt der Lebensförderung dennoch inniger
Friede, wahre Freude u. ächte Freiheit.
Mit solchem Gefühle, mit diesen Gefühlen komme
ich daher auch jetzt, bei allem Bewußstseyn meiner
Schuld gegen Dich und Deine l. Frau, zu Dir u. Euch /
[20]
Allen.
Ihr treusorgendes Elternpaar habt mir ja Euer
Liebstes und Bestes, Eure, wenn auch schon
in und durch ihre Erziehung selbstständige u.
sich frei aus sich bestimmende, darum aber mei-
nes Erachtens um so sorgsamer allseitig zu
pflegende Tochter zu wahrer Mitpflege schon seit
Monaten anvertraut; Vertrauen aber fordert
Dank, ich aber habe dagegen Euch diesen Dank
in dieser ganzen langen Zeit noch mit keinem
Worte ausgesprochen, ja ich bin Dir, mein theurer
Vetter schon seit Wochen auf Deinen lieben
Brief an mich meine Antwort schuldig. Empfange,
empfanget darum in diesen Zeilen für beides
meinen Dank.
Unsere liebe Henriette hat Euch mit dem äu-
ßeren Stande u. Gange unseres gemeinsamen
Lebens, wie auch meines besonderen Strebens,
wie ich aus dem Ganzen abnehmen kann, bisher
u. wie ich wohl vermuthen darf in dem beilie-
genden Briefe, bis jetzt so in vollständiger Kunde
erhalten, daß ich [nicht] glaube hierzu auch noch das Min-
deste hinzufügen zu müssen. Ich gehe daher sogleich
auf das Innere der Sache selbst ein.
Seit meinem nun, bis in meine frühesten Le-
bensjahre hin aufgehenden sich in den späteren
Zeiten vielfach verzweigten, unter den verschie-
densten Verhältnissen pp, ausgeführten erziehen-
den u. lehrenden Wirken glaube ich nun nach
Art u. Weise, Mittel u. Wegen, Zwecke u. Ziele
gefunden zu haben, was erziehen, unterrichten
und belehren, was lehren heißt; denn über
60 Jahre bin ich, das kann ich mit voller Ein-
sicht sagen, mein eigener Erzieher; seit
nun bald 44 Jahren war u. bin ich immer noch
dies u. zugleich der Erzieher u. der Lehrer
anderer; seit nun bald 33 Jahren der Gründer
der allgemeinen deutschen, noch bis jetzt heut
bestehenden Erziehungsanstalt pp. pp. Dies und
mein anderes so vielartiges, wie vielver-
zweigtes erziehendes, belehrendes u. bil- /
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dendes Wirken, wie die verschiedenartigsten
Auffassungsweisen u. die oft sich schnurstracks wi-
dersprechenden Urtheile über dasselbe, mußten
mir nicht nur zeigen, nein, mußten mich
belehren u. von mir fordern endlich doch einmal
das Erziehungswesen in seiner Mannichfaltig-
keit, die Erziehung in ihrer Einheit, nicht
nur als ein äußerlich anschaubares, sondern
auch als ein selbstständig u. selbstthätig innerlich mit-
und darzulegendes, organisches Ganzes dar-
zustellen; ein Erziehungs-Ganzes darzustellen
welches die Erziehung allen denen, welche Au-
gen u. Sinne, Herz u. Kopf, Lebensthätigkeit
u. Lebenserfahrungen oder ein unmittelbares
sicheres Lebensgefühl dazu mitbringen - als
ein zwar in sich selbst ruhendes einiges
Lebensganzes, aber organisch allseitig heraus
wirkend, entwickelnd u. schaffend heraus-
wirkend anschaulich macht; anschaulich u. an
seinen Früchten erkennbar macht von dem ersten
nur zu ahnenden Anfangs- u. Ausgangspunk-
te an durch alle Mittel u. Wege pp. hindurch
bis zu dem in möglichst klarer Gestalt u.
Vollkommenheit errungenen Ergebniß ge-
wonnene[n] Frucht.-
Ein solches von mir seit länger als 33 
Jahren erstrebtes in sich vollendet ge-
schlossenes Erziehungsunternehmen er-
scheint mit jetzt nicht nur ganz an der
Zeit, sondern sogar das dringendste Be-
dürfniß zu sein, es auszuführen.
Der Deutsche spricht seine innersten
Lebensansichten, Wünsche ja Forderungen
in seinen Sprichwörtern aus und
er sagt:
"Was das Auge sieht, das glaubt das Herz!" /
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 Nun gut, so gebe man ihm, was das Auge sehe, damit
endlich das Herz glaube, glaube, daß daß noch der alte
Gott in alter gleicher Weise, wie früher walte,
erkennbar denen, welchen Sinne u. Geist, Augen
u. Ohren, Herz u. Kopf dafür entwickelt sind, also seh-
u. hörbar, fühl- u. denkbar, also innerlich u. äußer-
lich zugleich schau- ja anschaubar.
Hier, mein theurer Vetter, haben Sie gleichsam
in einem Saamenkorn, in einem Fruchtkorn zu-
sammengefaßt was ich erstrebe; wie ich es ein
<Erziehungsganzes> nenne, so könnte ich es auch
eine Erziehungs-Gemeinsamheit, eine Erziehende
Gemeinde
, einen Erziehenden oder Erziehungskreis
nennen; in seiner inneren wie äußeren Voll-
kommenheit nenne ich es wohl auch

"Erziehungs-Academie"
u. ich verstehe darunter ein solches Unternehmen,
eine solche Anstalt, einen solchen Verein, eine
solche Gesellschaft, einen solchen Kreis, wo jeder
Einzelne das noch zu hoffende Kindchen wie das
schon geborne, der Zögling wie der Erzieher, der
Schüler wie der Lehrer, der Jünger wie der Meister
ein Geschlecht wie das andere gegenseitig ent-
wickelnd, fördernd u. helfend zur Darlebung,
zur Erscheinung hoher Menschheit, edler Menschlich-
keit, Sinn u. Trieb, Wort u. That, Herz u. Kopf,
Denken u. Handeln, Gesinnung u. Ausübung bietet.
Jeder u. Jedes aber, u. ich hebe es nochmals
hervor, selbst das noch ungeborne Kind demge-
mäß beachtet u. behandelt werde, ganz be-
sonders u. namentlich das Kind in dem Lebens-
kreise, als ein Kind im höheren, geistigen Sinn;
das Kind in dem Kindergarten, der Zögling
und die Schüler beider Geschlechter auf den ver-
schiedenen Entwickelungsstufen bis zu dem
vollendeten, Selbstständigkeit in sich errungenen
Jünger u. dieser Jüngerin. Den Mittelpunkt
des Ganzen würde eben die Bildungsanstalt
für Erzieher und Erzieherinnen machen.
Nun aber werden Sie sich unter sich u. wohl
auch mich fragen: - wo wird sich aber zu sol-
chem Wirken der entsprechende Raum, der ge-
nügende Ort und vor Allem, wo werden zu /
[21R]
einem solchen Wirken die sich unter sich verstehen-
den, einmüthigen wie einträchtig ächt sich ge-
genseitig erziehenden, wie in Liebe sich be-
lehrenden, in Freundschaft sich gegenseitig
bildenden Menschen finden?- Denn so viel ist
doch gewiß u. unleugbar, werden Sie sagen,
zu einem solchen Wirken, für einen solchen
Zweck, nach einem solchen Ziele da muß noth-
wendig allseitig hoher Lebenseinklang, da muß
Raum u. Zeit, Natur u. Menschen, Ort und
Verhältnisse in ächtem Lebenseinklange, wie
in wahrer allseitiger Lebenseinigung zusammen [gegeben sein],
wenn Ergebnisse wie die angedeuteten ge-
wonnen, wenn Zwecke wie die ausgesproche-
nen errungen, wenn Ziele, wie die bezeich-
neten erreicht werden sollen. Doch indem ich
das Vorstehende aussprach setzte ich ja, wie ich
ja oben schon bestimmt hervorhob voraus, daß
Ihnen darüber von unserer Henriette schon die
wesentlichsten Mittheilungen gemacht seien;-
Ja, meine geliebten Beiden, Vetter u. Muhme,
das ist eben das wirklich Hohe, ächt Begeistern-
de, wahrhaft Wunderbare und doch allen klar,
offen u. baar Vorliegende, ja wozu selbst so
Viele unmittelbar u. ganz frei u. se selbst[-]
ständig, wie selbstthätig mitwirken, - daß sich
jetzt Alles mit Einemmale so zusammenfindet,
als sei dieß alles schon seit Langem von einem,
der Menschheit wie dem Gegenstande, den Kindern
wie der Erziehung an sich, den Erziehenden
wie den zu Erziehenden, dem ganzen Men-
schengeschlechte, wie einem Einzelnen - unserm
Volke - gleich Wohlwollenden im Stillen vor-
bereitet worden: frische, kräftige, gesunde
u. gesundende Natur, schöne mit erziehende
Natur Gegend, entsprechende Wohnungen, ein-
gehende, freundliche, wie einsichtige Men-
schen durch Denken u. Erfahrung, Wissenschaft
u. ausübendes Leben, bedürfende wie dar-
bietende Menschen, günstige Zeit- Natur-
u.nd Menschheits-, Gemüths- u. Geistesfrühling, /
[22]
Jugendmuth u. Jugendkraft wie Geistes Klarheit
und Geistes Macht, sehnendes und hoffendes
Jünglings- u. Jungfrauenleben, wie sich gefun-
denes u. beruhigtes, schon gestaltetes u. so ge-
staltendes Leben werden - so scheint es zwar
jetzt nur noch, sich zur Verwirklichung des ange-
deuteten Lebensganzen innig einigen; - allein
in Gottesgestaltungs- u. Naturwelt kommt der
Schein der Sonne auch ihrem Daseyn vorher,
warum sollte es in der Geistes- u. Menschen-
welt anders seyn u. der endlich klar aufgehen-
den, lichten Lebenssonne nicht auch der Schein
der Morgendämmerung voraus gehen?- Ich, mein
geliebter Vetter, finde von diesem Schein des
heraufdämmernden neuen großen Menschheits-
tages, des nun bald - wie auch der Natur-
frühling - erscheinenden Menschheitsfrühlings
schon mein ganzes Gemüthe, wie mein gan-
zes Leben er- und durchhellt.-
Dies muß mir heute genügen, Euch
meine Theuern über mein nächsten Wollen
u. Wirken auszusprechen, welches jetzt noch
gleich dem keimenden Samenkorne in dem
dunkeln Schooße der Erde, so keimend und
nach Entfaltung u. an das Tageslicht strebend
des in dem dunkeln, nächtlichem Schooße der
Zukunft ruht; doch Dunkelheit und Nacht
sind die ja eben die Empfängerinnen, wie
die Pflegerinnen alles dessen, was ans Licht,
zu Tage geboren werden soll.
Zur etwaigen Ergänzung lege ich noch
einige Bemerkungen bei, welche als Anfüg-
ung zu dem Aufsatze der Fr. E. Lecerf bestimmt
sind, welchen ich zu diesem Zwecke werde
nochmals abdrucken lassen u. zwar mit mei-
nen Bemerkungen zugleich in 4 Sprachen,
deutsch, französisch, englisch u. italienisch.
Denn es wird mich ja eine von diesen 4 Na-
tionen doch verstehen, wenn es nun eben
auch die mütterliche nicht sein sollte, woran
ich jedoch wirklich nicht zweifle; u. verließe /
[22R]
mich am Ende auch die alternde Jungfrau, Eu-
ropa, nun so sind mir ja diese 4 Sprachen, wo-
zu sich mir auch noch die spanische gesellt,
Schiff - Brücke - u. Schlüssel nach u. zu der
Neuenwelt, Amerika. [Text bricht ab]