Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an Johanna Goldschmidt in Hamburg v. 17.3.1849 (Dresden)


F. an Johanna Goldschmidt in Hamburg v. 17.3.1849 (Dresden)
(SUB Hamburg: Literatur-Archiv, Fröbel, Friedrich, 1967 / G 59, Brieforiginal 2 Bl + 5 B 8° 24 S., 2 Sätze [aus 2V] zit. in KG 23 (1882) 51. - Sekundäre Bearbeitungen von anderer Hand [Einfügungen, Unterstreichungen] sind nicht berücksichtigt.)

Dresden, Liliengasse, No 19. Ebener Erde. Am 17 März 1849.


Hochgeehrte Frau.

Viel Freundliches und Liebes hat mir das Leben schon
geboten und es steht fest gewurzelt im Geiste, wie es
lebenvoll grünt und blühet im Gemüthe; allein es
waren die Gaben vereinzelt stehender edler Wesen,
welche zwar die Nothwendigkeit durchgreifender Mittel
zur Erhebung des Menschen im Einzelnen und im Ganze[n]
erkannten, die Einigung der vielen, so großen als tief-
greifenden Trennungen im Leben zum Wohle des Beson-
deren
wie des Allgemeinen in ihrer ganzen Unerläß-
lichkeit
einsahen, und in einer allgemein genügenden men-
schenwürdigen Erziehung nur den einzigen unfehlbaren
Weg zum Heil jedes Ganzen wie des Menschheitsganzen
zuerst, und deren Glieder fanden; allein die Zeit und
die Entwickelung des Menschengeschlechtes war noch nicht
hinlänglich genug vorgerückt, daß der Einzelne er-
folgreich auf und für die Entwickelung des Ganzen,
u. durch dieses wieder auf den Einzelnen hätte zurü[ck]
wirken, und so dem fernstehenden Einzelnen hätte Seegen
bringen können; es fehlten dazu theils die Vereine
ganz und gar, oder wenn sie auch wirklich, ja viel da /
[1R]
waren, so mangelte ihnen doch noch die allgemeine und durch[-]
greifende Einsicht in ihr hohes, edles Wesen, in ihr reines
Ziel; die Erkenntniß der rechten Wege und der richtig[e]
Gebrauch selbst der schon in der Zeit dazu vorliegenden
entsprechenden Mittel; da, durfte es auch dem Vertrete[r]
einer zeitgemäßen entwickelnd-erziehenden Menschenbil[-]
dung persönlich Freude machen die freundlichen Beweise
der Anerkennung dieser Vertretung zu empfangen, ja
sich anzueignen; - doch eine viel höhere Zeit, die Zeit der
Vereine, namentlich der Frauen- und Jungfrauenver-
eine, und in diesen vor Allem eine höhere, ja die höchste
Einsicht in das Wesen, in den Zweck und das Ziel, wie in
die wahren Mittel und richtigen Wege zu diesem Ziele
sollte geboren werden, ehe die Ahnungen jener ver-
einzelt stehenden Edlen (Ihres Geschlechtes besonders)
erfüllt werden konnten; und sie ist nun geboren, diese
schöne, herrliche, längst verheißene, längst erwartete
gehoffte und ersehnte Zeit, Sie, darum hochgeehrte
Frau, sprechen mir es in Ihrem Namen und im Na-
men aller der mit Ihnen ver- und geeinten, mit
Ihnen und unter sich in einen wahren Lebensbund
und Liebe[s]bund zusammengetretenen Freundinnen
aus (d.h. und zwar) nicht mit verhallendem Worte <aus>, sondern
sogleich durch lebenvolle That aus: - durch Ihren,
deßhalb so schönen Verein und in demselben ist sie /
[2]
nicht nur geboren und erkannt jene erhabene, herrliche
Zeit, sondern, was noch viel wichtiger ist, sie soll auch durch
denselben und in demselben gepflegt, erzogen, zu einer be-
glückenden, fried- und freudvollen Wirklichkeit heraufgebil-
det und als solche verbreitet werden. Einigung und Er-
ziehung, Einigung des Getrennten, wie und wo es uns im
Leben noch so viel begegnet, Erziehung des in sich in irgend
einer Beziehung noch einigen Menschen, so vor allem des Kin-
des, der Kinder, der Kindheit: solche Einigung und solche
Erziehung in und durch Frauengemüth und Frauenleben,
das ist es was wir vor Allem bedürfen, was die Mensch[-]
heit jetzt dringend fordert[.] Solches Wirken in dem eigenen
Herzen - in der Familie - in der Gesellschaft - in der
Gemeinde, in der Genossenschaft - im Volke - im Men-
schengeschlechte, in der Menschheit - in dem Leben der Gei[-]
ster und des Geistes an und für sich - das ist es, was
uns Allen, jedem Einzelnen, wie jedem Ganzen so
Noth thut.
Sehen Sie nun, hochgeehrte Frau, wie erfreulich Ihr ver[-]
trauender Brief von mir, als ich ihn gelesen hatte, (von
mir) begrüßt und wie herzlich er von mir willkommen
geheißen werden mußte!- Jetzt werden Sie gewiß ein[-]
sehen, warum mir eine so lange Einleitung nöthig war,
ehe ich Ihnen dieß aussprechen konnte; ich wollte Ihnen
nicht nur meine tief und weit gehende Freude über /
[2R]
Ihren lieben Brief und das Streben Ihres schönen Ver-
eines: Einigung und Erziehung; Einigung durch Er-
ziehung und Erziehung durch Einigung
aussprechen;
sondern ich will es Ihnen auch gleich, wie ich in Allem
die Wahrheit und Offenheit liebe, aufrichtig gesteh-
en, ich wollte mir zugleich auch noch den Boden u. Grund
etwas tiefer lockern, damit der Kern einer deutschen
Eiche, oder gar der Saame zur Erwachsung eines
jungen deutschen Eichenhaines, welchen Sie mir da-
rein einzustreuen erlauben wollen, darin um so
tiefere Wurzel schlagen und den drohenden Stür-
men des Lebens um so muthiger und kräftiger,
frischer und freudiger entgegen wachsen könne.-
Ja Sie, und alle mit Ihnen lebenvoll Geeinten haben
ganz Recht: - der Einzelne und Vereinzelte und sey
es der Beste und Edelste, sey es der reichste an innern
und äußern Mitteln zum Schaffen des menschenwür[-]
digsten Werkes vermag jetzt - so ist des Schicksals mäch[-]
tiger Spruch und die Forderung des Geistes der neuen
Zeit: - er vermag wenig, sehr wenig zum Wohle und
Heil des Ganzes, eines Ganzen, und sey und werde dieß
auch in noch so enge Grenzen zusammen gezogen; - nur
geeint und einig - so lautet jetzt der hohe und bedeutungs[-]
volle Ruf zum Handeln, - kann der Zweck desselben
errungen, dessen Ziel erreicht werden - /
[3]
welche Sie sämtlich demselben gesteckt haben abhalten denselben
in seiner ganzen Größe anzuschauen, und in seiner Wich[-]
tigkeit nach Grund und Folge zu ergreifen.
Soll, hochgeehrte Frau, Einigung der Menschheit, dem
Menschengeschlechte, den Völkern, den Glaubens- und
Lebensgenossen, ja selbst den Familien, wie in die Gemein[-]
den kommen, so muß begonnen werden die langen
U uralten Trennungen und Risse auszufüllen und dieß
kann einzig und allein vom Frauengemüth und Leben
aus, und durch das Kind und die Erziehung hindurch gesche-
hen. Darum bitte ich, wenden Sie und Ihr hochachtbarer
Verein auf diese Ansicht Ihre ganze Aufmerksamkeit,
und glauben Sie, so einfach sich der Zweck, das Ziel von
dessen Streben ausspricht: sociale Annäherung u. Eini-
gung jüdischer und christlicher Frauen im Interesse
spielender Kinder, so tief er- und umfaßt er die Sache
der Menschheit: Vernichtung und Aufhebung der uralten
Trennungen im Frauengemüthe und im Frauenleben wie in Beziehung auf das
Frauengemüthe und Frauenleben durch
die Kindheit und Kinderwelt; - allein es muß dieß
auch im Fortgang einer Entwickelungsreihe wie mit
klarem Geiste erkannt so mit bestimmten Willen u.
kräftigem Handeln festgehalten werden. Und Sie
alle, Sie thun dieß gewiß; denn da der Gedanke der
Einigung der Frauenwelt ein wahrer Welt- und Mensch- /
[3R]
heitsgedanke ist, der um Wirklichkeit zu werden
aus der Frauenwelt und dem Frauengemüthe selbst-
und freithätig hervorgehen mußte, so werden Sie <aus> [sc.: ihm]
aus Freude, Treue und Dank, daß er Ihnen in Ihrem
Kreise gekommen ist, auch gewiß gern die ausdau-
erndste (wie sorgsamer) und kräftigste Pflege ange-
deihen lassen.
Und Sie und die mit Ihnen geeinten hochachtbaren
Freundinnen thun dieß wieder so genügend, Sie er-
greifen nicht nur das rechte Mittel dieser Pflege, sondern
Sie erfassen dasselbe auch wieder so tief: - Liebe zu
den Kindern, Kinderliebe, Kindheits- und somit Mensch-
heits
pflege ist eigentlich die Grundempfindung, wie
das Einigungsgefühl des weiblichen Wesens,
schon in dem kleinsten Mädchen zeigt es sich in sei[-]
ner siegenden Gewalt; und durch das Nähren jener
Empfindung, durch die Pflege dieses Gefühles in
Mädchen, Jungfrauen und Frauen, wollen Sie
die Frauen- und Jungfrauenwelt, selbst die durch
Gewohnheit, Herkommen, Vorurtheil u.s.w. getrenn[-]
ten, wieder einigen, wollen so zwischen und unter
ihnen eine Trennung von Jahrtausenden ausfüllen,
aufheben!- Wahrlich! nur der Genius der
Menschheit konnte Ihre Gesammtheit leiten, den
Gedanken Ihres Vereines nach Zweck und Ziel, /
[4]
Mittel, Weg und Weise so tief, so in seinem unerschüt-
terlichen Grunde zu erfassen.- Werden Sie alle
so hingebend ausdauernd, ja selbst aufopfernd treu
seyn, so wird Ihnen der Zweck nicht unerreicht
bleiben, das Ziel wird Ihnen nicht entgehen: Gottes
Segen wird auf Ihrem gemeinsamen Werke
ruhen, - denn Sie treiben dann und führen, wie
der Menschheit, so Gottes Sache; die Menschengeschlech-
ter sehnen sich seit Jahrtausenden nach Einigung bei
allem Kriege, allem Kampfe und aller Trennung;
sie sehnen sich nach Frieden, nach Freude und nach
Freyheit; (und es giebt nur eine Freyheit und daß [sc.: das]
ist die wahre Freyheit); nach Frieden Freude und
Freyheit) wie in sich so außer und um sich, nach Frie-
den, Freude und Freyheit in und mit Natur, Mensch-
heit
und Gott; und Gott? - Gott will, daß allen
Menschen geholfen werde und sie zur Erkenntniß
der Wahrheit kommen sollen! Darum nochmals
freuen Sie sich: Sie haben als Gemeinsamheit und
Verein ein Streben, ein Ziel mit Natur, Mensch-
heit und Gott und das beseeligende dieses Strebens ist:
daß Mittel und Weg, Zweck und Ziel, Kinderpflege
und Erziehung, Lebens- und Menschheitseinigung in
der Menschenbildung, in Eines zusammenfallen;
wie Frauengemüth, Kindheit- und Menschenpflege /
[4R]
in sich eigentlich ein unzertrennliches Einiges sind.
"Kommt, laßt uns den Kindern leben!["]
einigt darum alles in sich was die jetzige Stufe der
Menschheitsentwickelung in ihrem äußersten Punk-
te fordert, und geseegnet ist der Ort und Tag, wo
ein Kreis, eine Wahrheit diesen Entschluß als den ihri-
gen ausspricht und Frauen und Mütter, Jungfrau-
en und Mädchen ihn zu erfüllen sich und Andere
erziehen wollen. Somit nochmals geseegnet Ihr Entschluß.
Nun zur Beantwortung des Einzelnen Ihres Briefes.
Zuförderst soll ich Ihnen den Kostenbetrag genau
angeben wenn ich in Hamburg einen Cursus gäbe.
Ehe ich zur Beantwortung dieses Punktes schreite
lassen Sie mich Ihnen einen anderen Punkt zuerst
auszusprechen, welcher vielleicht gleich von vorn
herein die Sache ganz erledigt, und dieß ist die
Zeit welche ein Cursus erfordert.
Will man eine kleinere oder größere Notiz,
Einsicht in die Sache und Übersicht derselben, nun so
kann man diese in jede beliebige Zeit abgrenzen,
will man aber einen wirklichen Bildungscur-
sus, so daß man nicht blos eine vollständige
Einsicht in den Gegenstand und klare Übersicht
desselben, sondern auch eine solche lebendige
Aneignung der Erziehungs- und Beschäftigungs- /
[5]
mittel will, daß man nicht nur Andern eine klare
Ansicht von der Sache geben, sondern sie auch sogleich
bei Kindern, ja nach Beendigung jedes Abschnittes
auch wohl noch vor derselben, während des Cursus
anwenden kann. Ein solcher Cursus, welcher
eine vollständige Ausbildung gewährt, wie ich
deren in Dresden zwei gebe, fordert volle sechs
Monate und während fünf Wochentagen (Sonn-
abends frei) täglich zwei Stunden, welche nach Um-
ständen wieder zwei- oder dreitheilig zu Vortrag,
oder praktische Vorführungen und Ausübungen
verwandt werden. In diesem Cursus und Vortra-
ge wird nun zwar auch eine Übersicht von dem
entwickelnd-erziehenden Zeichnen gegeben, allein die-
se kann wegen des Umfanges des Gegenstandes
hier nur ganz kurz seyn, und auf die persönliche
Er- und Auffassung so wie Übung wesentlicher
Theile desselben kann hier nicht Rücksicht genommen
werden; jedoch ist dieß unerläßlich nöthig bei de-
nen, welche früher oder später bei Kindern selbst
davon Gebrauch machen wollen; diese, also solche
vorzüglich welche entweder als Erzieherinnen und
Führerinnen von Kindern in Familien oder als
Kindergärtnerinnen wirken wollen, diese be-
dürfen täglich noch eine volle Stunde, außer den /
[5R]
schon oben genannten beiden Stunden. Für diejenigen
aber, welche sich, wie ich so eben aussprach ausschließ-
lich und als Beruf zu Kinderführerinnen oder
Kindergärtnerinnen ausbilden, vielleicht theil-
weise, wenn es anders die Umstände gestatten
jetzt schon als solche übungsweise wirken
wollen sind dann noch täglich zwei Stunden zu
Singübungen nöthig.- Meine Großnichte
Allwina Middendorff wie Frl. Amalie Kr[ü]ger
können Ihnen, wenn Sie es wünschen die Nothwen-
digkeit dieser Zeitverwendung selbst noch mehr
auseinander setzen. Sie hat sich auch hier in Dres-
den in der Unerläßlichkeit ihrer Forderung her-
ausgestellt.
Die sich Unterzeichnenden zur Theilnahme an
einem solchen Bildungscursus würden also
wohl in zwey vielleicht gar in drei Theile
zerfallen
erstlich in solche, welche den Bildungscursus
im engeren Sinne, das h. die täglich zweistün-
digen und wöchentlich fünfmaligen Vorträ-
ge und Mittheilungen u.s.w. theilen
zweitens in solche welche täglich 1 Stunde
entwickelndes Zeichnen und 2 Stunden täglich
Singübungen hätten und drittens in solche /
[6]
welche täglich nur noch eine Stunde Zeichnen ohne
die beiden Stunden Singübungen hätten.
Diejenigen aber alle, welche sich entweder zu
Kinderführerinnen u. Kindergärtnerinnen aus-
bilden, vielleicht sogleich schon während des Cur-
sus, was wohl möglich ist, als solche wirken
wollen und nicht entschiedenes Singtalent und
Singfertigkeit haben, müssen aber wohl, zu
Erreichung ihres Zweckes zu No 2 eintreten.
Auch diese Zeichen- und Singstunden sind wöchent-
lich nur 5 mal, nemlich Sonnabend abgerechnet.
Ehe ich Ihnen wie Sie wünschen genau den Kosten-
betrag berechne, erlauben Sie mir Ihnen erst zu
sagen was ich bedarf
1. für mich ein Wohn- und Schlafzimmer;
    wo möglich dann in demselben Hause und
    noch besser in demselben Stock
2. ein entsprechend großes Zimmer, am
    besten aber einen kleinen Saal, welcher
    nicht nur die Zuhörerschaft faßt, sondern
    auch Raum zu den zu übenden Bewegungs-
    spielen giebt.
3. eine Stube wenigstens mittlerer Größe
    zur Aufbewahrung und Aufstellung der
    Beschäftigungs- und Spielmittel, theils in /
[6R]
ausgeführten Darstellungen zur leichtern über-
sichtlichen Auffassung, theils als Übungsmit-
tel für die Theilnehmenden.
4. Ein zu verschließendes Entrée als Garderobbe
    für die Theilnehmenden.
5. Eine Schlafkammer für meinen Gehülfen
    Alles dieß zwar ganz einfach aber doch rein-
    lich und entsprechend möblirt.
Am entsprechendsten ist es, wenn man es
so haben kann wie mir dieß hier in Dresden
gelungen ist, nemlich in einer Etage und we-
gen der Bewegungsspiele, womöglich ebener
Erde.
Außerdem bedarf ich noch eines Fortepianos
zu den Singübungen.
Sie sehen nun leicht ein hochgeehrte Frau, daß
vor Allem zuerst mir alle diese Unkosten, nebst
Tisch rc. Aufwartung, nach Umständen, wenn
ein solcher Cursus, wie hier in Dresden während
des Winters gegeben werden sollte, auch Licht
und Heizung gedeckt werden müßten, ja
wie das sogar hier in Dresden ist, bedeutende
städtische Miethsabgabe u.s.w.
Hier in Dresden kam ich zur Einrichtung mei-
ner Häuslichkeit durch manche Umstände billig /
[7]
indem zu meinem Wohnen und zum Versammlungsort
meiner Zuhörer und Schüler ein wenig gesuchter Theil der
Stadt am zweckmäßigsten gefunden wurde. In Ham-
burg, höre ich nun soll alles fast doppelt so theuer als
hier in Dresden seyn, dennoch kann ich die Forderung
nicht anders stellen als ich sie auch hier zur Förderung
des Ganzen stellen mußte, nemlich nach Abzug aller
Unkosten für Wohnung, Kost, Aufwartung, Wäsche
Heizung, Licht und was sonst noch hierher gehören
mag, monatlich, wie [ich] schon aussprach, zur Förderung
des Ganzen einen reinen baar Überschuß von
mindestens Hundert Thalern.
Hier in Dresden wurden die Kosten durch eine
Zuhörerschaft und Schülergemeinsamkeit von
Vierzig und etlichen Theilnehmenden gedeckt; frey-
lich mußte ich, da sich für Alle gemeinsam täg-
lich keine zwei Freistunden finden ließen, - täg-
lich 2 mal zwei Stunden Vortrag halten; jedoch
thue ich dieß nicht wieder, da es für mich zu an-
greifend und Kräfte aufreibend war; denn
außerdem hatte ich auch noch täglich eine Stunde
Unterricht im entwickelnd erziehenden Zeichnen,
dessen Ziel das Abzeichnen nach der Natur ist, zu geben
so wie ich auch sonst noch vielseitig für meinen Kreis
thätig war; denn ohne wahre Hingabe kann mann [sc.: man] /
[7R]
in der dazu bestimmten Zeit von 6 Monaten zu
keinem dem Gegenstande entsprechendes Ergeb-
niß kommen; denn derselbe führt eben in das
ganze Leben ein, wie er das ganze Leben um-
und erfaßt. Wenn auch nun von einem solchen
Zuhörer- und Schülerkreise nicht alle, ja viel-
leicht nur der kleinere Theil desselben durch Vor-
bildung und Geistesanlagen bedingt das Ganze
vollständig und klar als sein Eigenthum
an der Hand der Vorträge aus sich entwickelt,
so müssen doch Alle zu einer lebenvollen Über-
sicht über das Ganze und mindestens zu einer
bestimmten Ahnung von dem so schönen und ein-
fachen Zusammenhange des Lebens gelangen,
um es in solcher Einheit in dem Kinde zu pflegen
und in solcher Einfachheit aus dem Kinde und Men-
schen sich entwickeln zu machen.-
- Weiter wünschen Sie, daß ich Mittel angeben
solle wie die Damen, welche vorher schon auf ei-
nen solchen Cursus unterschrieben haben auch
dann gleich praktisch wirken könnten.
Irre ich nicht so habe ich oben schon ausgeprochen,
daß dieß, wenn man es wünscht, gleich nach
den ersten zwei Stunden geschehen kann, jedoch
ist vor eigener praktischer Anwendung eine /
[8]
Selbstbearbeitung und Selbstverarbeitung des
Gegenstandes während entsprechender Zeit gar
sehr zu empfehlen. Was nun aber die prakti-
sche Wirksamkeit und Anwendung selbst be-
trifft, so kann diese entweder unter Freundin-
nen zur eigenen Fortbildung - oder in der
eigenen Familie von Mutter, Tochter oder Ver-
wandten geschehen - oder in einem entweder
sogleich zu begründenden oder schon bestehenden
Kindergarten - oder in kleinen, aus wenigen
Kindern der nächsten Verwandtschaft, Freundes
Kreisen oder Nachbarschaft bestehenden Fa-
milienkreisen, gleichsam Freundes- oder Familien-
kindergärten, oder in schon bestehenden Bewahr-
anstalten, oder auch an und in Schulen, und Er-
ziehungsanstalten bey den Kindern der unter-
sten Klasse. Wo wahrer, ernstlicher Wunsch zu
solcher praktischer unmittelbarer Anwendung
da ist, da findet sich auch im Leben genug Gelegen-
heit ja Anforderung ihn zu erfüllen, und ich
würde unter den angedeuteten Umständen
gern alle Anleitung geben wie man unter ge-
gebenen Umständen von seiner praktischen Thä-
tigkeit des möglichst schönsten Erfolges sich er-
freuen könne. Freuen soll es mich wenn diese /
[8R]
meine ausgeführte Antwort Ihrer Anfrage Ihnen auch
ganz entspricht.
Hier in Dresden wo mein Cursus jetzt im sechsten
und letzten Monat steht hat gestern eine der theil-
nehmenden Frauen und Mütter mit 24 Kindern
aus dem gesammten Bürgerstande (30 sind schon
angemeldet) einen Bürgerkindergarten aus freiem
Antriebe und pecuniär von einem einfachen aber
hochachtbaren wohlhabenden Bürger unterstützt, er-
öffnet; früher schon leitete sie dazu ein indem sie, in
kleinen Handbietungen von mir unterstützt 12-16
größere Kinder in ihrer Wohnung entwickelnd beschäftigte,
dieses ist die Frau Dr. Herz.- Ein Frl. von Schliebenmieder [sc.: Schmieder]
welche eine Art von Sitz- oder Strickschule für kleine
Kinder, ich glaube deren 30 hat, wendet, was sie heut
bei mir als geeignet für ihren kleinen Kreis erkennt
morgen sogleich zur Freude der Kinder und zur Zufrie-
denheit der Eltern in demselben an.- Herr Dr. Mar-
quardt
ein wissenschaftlich durchgebildeter Mann, Leh-
rer an Anstalten hat einen kleinen Kreis von Kindern
Verwandter und Freunde um sich, in welchem mit Hülfe
eines helfenden Freundes und Lehrer[s] der jene unterrichtet
und erzogen werden. Beide nun, der He. Dr. M. wie dessen
helfender Freund, He. Wilke, gehören mit zu meinen prüfend-
sten Zuhörern, und diese wenden sogleich im genannten /
[9]
Familienkinderkreise das an, was sie in den Vorträgen
und Übungen für denselben entsprechend erkannten.-
Merkwürdig ist dabei wie zwei ganz kleine und sehr
zarte dreijährige Zwillingsmädchen, welche sich noch ganz
selbst überlassen wegen ihrer großen Zartheit, selbst be-
schäftigen, sich unbeachtet so wohl Spielchen als Lieder
ihrer größern Genossen ganz freithätig aneignen, und
eben so freithätig, ja selbst mich den ihnen genan[n]ten Geber
dieser Spiele, in das frei aus ihnen hervorblühende Spiel
und eigentste Leben verweben. Sich hier anknüpfende
veredelnde Wirkungen in diesen kleinen Wesen sind wahr-
haft rührend zu hören.- Ebenso sind durch die obenge-
nannten 12-16 größern, durch Fr. Dr. Herz wöchentlich
zweimal beschäftigte[n] Kinder, kleine entwickelnde u.
bildende Handfertigkeiten, wie ein seegnendes Wasser
sogleich in die Volksschulen gekommen, so daß Kinder der-
selben ihre Lehrer gebeten haben, sie möchten ihnen doch
dasselbe auch lehren.- Zwei Volksschullehrer Herr Ritz
und Perthen haben Spiele mit Kindern ihrer Vorschule
versucht.- Fräulein Frankenberg einer früheren Schülerin v. mir, Kindergärtnerin
im Frauenschutz (einer, von einem großen Frauen-
vereine gestifteten Anstalt zum Seegen für die Mädchen
und Jungfrauen) welche mit mehreren jüngern Gliedern
ihres Kreises, besonders mit Frl. Georginen Fuchs meine
Vorträge besucht, wendet gleichfals das für ihren Kreis /
[9R]
Entsprechende, zur Freude der Kinder, in demselben an.
Eine der ersten Vorsteherin und Leiterin dieser Anstalt
Frl. Marschner kam jüngst zu mir, mir den herzlich-
sten Dank wegen der seegensreichen Folgen auszuspre-
chen welchen die Vorträge, der Geist pp derselben auf
die Sinnesänderung einer ihrer Pflegebefohlenen
auch meine Schülerin in einer der Bildungscurse
gehabt haben, das Mädchen sey ein ganz anderes, gei-
stig wie körperlich gesundes nun im Leben freudiges
geworden.- Ein anderes Mädchen zwischen 16-17
Jahren auch meine Schülerin, Tochter in einer sittlich
etwas gestörten Familie kam ganz aus innersten
Herzenstrieb und mit Thränen in den Augen mir
dankend ausgesprochen, wie die Vorträge bessernd
auf sie eingewirkt hätten. Doch Sie fragen
eigentlich nach der unmittelbaren Anwendung
des von mir Vorgeführten und Dargelegten; da
kann Ihnen denn der Kindergarten des He. Adolf
Frankenberg
einen recht schlagenden Beweis geben.
Sowohl er selbst, als seine Gattin, wie eine, zwei,
drei seiner Gehülfinnen besuchen zugleich meine Cur-
sus; da wird mir denn immer mit großer Freude
erzählt wie zu großer Befriedigung der Kleinen, das
eben Erkannte sogleich bei deren entwickelnden Beschäfti-
gung angewandt werde. Doppelt, drei- und vierfach /
[10]
so viel als ich schon gethan habe könnte ich Ihnen noch von
dem unmittelbaren Fortwirken des jetzt Erkannten und
sogleich Angewandten mittheilen, wenn es mir noch noth-
wendig erschien; doch hob ich das Erwähnte gern mit
Bezeichnung der Verhältnisse und Nennung der Personen
hervor, weil sich oft ganz zufällig Gelegenheit bietet,
sich dadurch selbst von der Wahrheit der Sache zu überzeugen.
- In manchem Betrachte aber wohl noch wichtiger als
das eben Mitgetheilte ist mir hinsichtlich der Fort-
wirkung und Fortentwickelung, ganz besonders aber
in Beziehung auf die allgemeinere Verbreitung und
Ausführung der Kindergärten das, was ich so eben
in einem, mir von einem Freunde gebrachten Blatte,
- in No 4 der sächsischen Schulzeitung v. d.J. 1849
lese unter der Überschrift "die Berathung der Seminar-
lehrer Sachsens
". Hier heißt es unter Abschnitt III
"Allgemeine Grundsätze der Lehrerbildungsanstalten
"Sachsens. §. 6. Ein Seminar des Landes ist außer mit
"einem Kindergarten und einer Elementar (Bürger-)
"schule, auch mit einem Gymnasium oder einer Real-
"schule in Verbindung zu setzen! §. 12. Zur praktisch pä-
"dagogischen Ausbildung der Zöglinge dienen die mit
"den Seminarien verbundenen "Kindergärten" und
"Elementarschulen, in der Weise, daß die Zöglinge des
"Seminars im ersten Jahre des Cursus die Kindergärten [besuchen] /
[10R]
"im 2en und 3en Jahr in der Elementarschule wöchent-
"lich ohngefähr 12 Stunden zugegen sind. §. 17.
"Auch die Lehrer des Seminars haben die Pflicht der
"Kinderführung und Beschäftigung in dem Kindergar-
"ten von Zeit zu Zeit beizuwohnen."-
In gleicher Wichtigkeit wie diese Beschlüsse der Semi-
narlehrer sind die Verfügungen sowohl der sächsischen
zweiten Kammer als auch die der Regierung,
daß von jeder ein Ausschuß ich glaube von 7 und
9 Gliedern gewählt wurde, welcher demnächstens
bei Regierung und Kammer über die Kinder[-]
gärten in jeder ihrer Beziehungen referiren soll;
so daß also dieser Gegenstand hier in Dresden
selbst von den Kammern besprochen werden wird.
- Warum ich mir erlaube Ihnen dieß so ausge-
führt zu schreiben? fragen Sie vielleicht, indem es
nicht so streng zur Beantwortung Ihres vertrau-
enden Briefes gehört; der Grund davon ist Ihnen
und Ihrem hochachtbaren Vereine zu zeigen, welche
Wichtigkeit die Kindergärten und deren Beach-
tung, sondern [sc.: sowie] deren Einführung und Benutzung
zur Begründung von Volkswohl und Bürgerglück - in einem
bedeutenden Staate und bei
Besprechung seiner wichtigsten Angelegenheiten
schon erhalten haben; dann aber auch um meinen /
[11]
Ausspruch zu begründen und zu rechtfertigen, daß
die Kindergärten wurzelnd in dem reinen
Familienleben, die Grundlage und der Aus-
gangspunkt ächter und seegensreicher Erzieh-
ungs- Unterrichts- und Schulerneuung sind -
Ich höre von einer Verjüngung des Erziehungs- und
gesammten Schulwesens Hamburg[s,] möchte[n] die
dabei Bestimmenden dieß in reifliche Erwägung
ziehen. Ihr hochgeachteter Verein, welcher nach
Ihrer gütigen Mittheilung die Verbreitung
der Kindergärten beabsichtiget wird dazu,
darauf kann ich Ihnen mein deutsches Mannes-
wort geben, wenn er diesen Vorsatz fest hält
nicht allein für Hamburg, sondern durch dessen
vorleuchtendes Beispiel für ganz Deutschland
und weiter, wesentlich beitragen.-
Es ist indem ich dieß jetzt niederschreibe spät A-
bends, und ich komme so eben aus einer öffent-
lichen Vorlesung welche der He. Hofrath Reichen-
bach
im hiesigen "Erziehungs- und Fortbildungs-
vereine["] gehalten hat; sie hatte zum Gegenstand
- "die Natur und der Mensch; besonders in Be-
ziehung auf dessen Entwickelung, Erziehung
und Bildung." Ich hätte wohl gewünscht
daß Ihr gesammter hochzuachtender Verein /
[11R]
wäre, so wie es sämmtlich meine jetzigen Schüler
und Schülerinnen waren, Mitzuhörer dieses
vielseitig tiefgreifenden Vortrages gewesen, der-
selbe würde Ihnen, derselbe würde Ihnen die sichere
Begründung Ihrer Erwartungen von den Kinder-
gärten im so großen, als klaren Spiegel der Na-
tur, zu welcher ja die Kindergärten die Kinder
zurück führen, in eben so klarem G Bilde haben
sehen lassen.
Zur Einrichtung und Führung Ihrer War-
teschule - (also später wohl auch ein Kindergar-
ten? -) - würde sich wohl unter meinen Schü-
lerinnen eine finden, und ich erwarte deshalb
später Ihre weiteren Mittheilungen.
Sie fragen nach dem Jahrgehalt: ganz freie
Station und jährlich 80 Rth. dieß ist die mit-
lere Summe. In Städten wo der Aufwand ge-
ringer steigt er wohl auf 60 Rth. herab.
Eine andere meiner Schülerinnen, welche Kinder-
führerin an einer großen Anstalt in Darm-
stadt ist, hat bei gleichfalls ganz freier Station
jährlich gegen 120 Rth.- Auch das Reisegeld
will ich gleich erwähnen, welches jetzt im
Mittel auch wohl Rth. 10 beträgt.
Außerdem wünschen Sie noch manche Notizen, /
[12]
ich werde mir erlauben Einiges was ich vor-
habe beizulegen.
Noch wünschen Sie von mir etwas Näheres
über die Zeit, welches ich für mein etwaeiges [sc.: etwaiges]
Kommen nach Hamburg am geeignetsten halte.
Zuvorderst fragt es sich wohl, ob sich, nach den
von mir mit Nothwendigkeit gestellten Be-
dingungen, ein Cursus in Hamburg wird
ausführen lassen. Dieß nun aber angenommen
so höre ich daß die Hamburger im Sommer we-
nig in der Stadt leben; hiernach würde es wohl
keine Wahl geben; der Winter würde sich durch
die Umstände selbst als die passendste Zeit für
einen in Frage stehenden Bildungscursus am
zweckmäßigsten herausstellen.
Darf ich bitten so sagen Sie sämtlichen Gliedern
Ihres so zeitgemäßen, trefflichen Vereines
meine achtungsvo[lle]n Grüße, besonders empfan-
gen Sie persönlich die Versicherung wahrer
Hochachtung und herzlichen Gruß von
Ihrem
aufrichtig Ergebenen
FriedrichFröbel