Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an Luise Levin in Rendsburg v. 22.3./23.3.1849 (Dresden)


F. an Luise Levin in Rendsburg v. 22.3./23.3.1849 (Dresden)
(BlM XXIII,40, Bl 158-160, Brieforiginal 1 B 8° 4 S.+ 1 Bl 16° 1 S.)

Dresden, Liliengasse No 19. Am 22 März 1849.


Meine theure Luise.

Jetzt ist es schon der 22 März spät Abends und über-
morgen erwartest Du schon den Brief von mir, wel-
chen ich jetzt erst zu schreiben beginne, da wirst Du mei-
ne Liebe nun wohl noch ein paar Tage länger warten
auch wirst Du mir es dießmal nachsehen müssen wenn
Du nur einige wenige Worte von mir erhältst; zwei
Briefe aus Hamburg wovon der eine unten folgt und
der andere von einem gewissen Dr. Detmer, Vorsteher
einer großen Bildungsanstalt daselbst ist, haben mich
in diesen Tagen sehr in Anspruch genommen, so wie
noch eine Mehrheit anderer kleinen Störungen, welche
gerad jetzt von Außen auf mich eindrangen, haben mich
gehindert in den letzteren Tagen an Dich zu schreiben und
hindern mich jetzt noch ausführlich es zu thun, Du mußt
also diesmal schon mit wenigem vorlieb nehmen. Doch
habe ich heut den Entwurf zu einer Bekanntmachung an
Allwina gesandt indem sich mir eben dazu Gelegenheit
bot; diese habe ich drum gebeten Dir wenn es möglich [ist] das
Ganze zu[r] Einsicht zu überschicken, damit Du nur von
einer anderen Seiten her Gedachtes von mir erhältst[.]
Heut ist der Hauptzweck dieses Briefes, die Mittheilung
eines [Briefes], welchen ich in diesen Tagen von einer gewissen Frau
[aus] Hamburg in Ihrem [sc.: ihrem] Namen und im Namen mehrerer Frauen /
[158R]
und Jungfrauen von einer gewissen Frau Johanna Gold-
schmidt
geb. Schwab aus Hamburg erhielt und dessen ich
schon vorhin gedachte. Der Brief selbst ist dieser.
"Verehrter Herr.
Ein kleiner Kreis hiesiger Frauen hat den lebhaftesten
Wunsch Ihr tiefes System zur Weckung u. Belebung
des kindlichen Geistes in Hamburg zur allgemeinen Gel-
tung zu bringen, und ersucht Sie verehrter Herr dabei
um Rath und Unterstützung. Erlauben Sie zugleich der
Unterzeichneten Ihnen ihre innige Freude auszudrücken,
daß es ihr durch das Vertrauen ihrer Freunde vergönnt
ist, Ihnen persönlich die hohe Verehrung an den Tag zu legen,
die wir alle für Sie empfinden. Wir glauben ein hohes
Ziel zu verfolgen wenn wir darauf hinwirken, daß
die Jungfrauen lerne[n] mit Kindern [zu] spielen im Fröbelschen
Geist, mit Fröbelschem Herzen.- Wir sind es über-
zeugt Sie werden diesen Gedanken mit verwirklichen
helfen und uns unterstützen, damit wir die ersten Schrit-
te muthig wagen können. So bitten wir Sie denn den
Kostenpunkt genau anzugeben wenn Sie als würdig-
ster Träger Ihrer Ideen, einen Cursus hier hielten, und
wenn Sie uns zugleich einige Mittel angeben wollten,
wie die Damen, welche vorher schon auf einen solchen Cursus
unterschrieben, auch dann gleich praktisch wirken könnten,
so würde dadurch die Sache wesentlich gefördert. Wir
beabsichtigen die Verbreitung der Kindergärten so-
wie die Kenntniß Ihres Systems überhaupt zum Zwecke /
[159]
einer Thätigkeit zu machen die der Frauenverein zur soci-
alen Annäherung der Christinnen und Jüdinnen zunächst
verfolgen will. Der Verein welcher seit einem Jahr be-
steht ist zwar nicht sehr zahlreich, seine Kräfte sind aber
frisch und so darf man das Beste von denen hoffen, die nur
Gutes wollen. Ich habe wohl kaum hinzuzufügen, daß wir
Ihre beiden Schülerinnen Frl. Middendorff u. Krüger kennen
und mit großem Interesse wirken sehen. Ihrer Antwort
hoffen wir baldigst entgegen sehen zu dürfen, und ersuche
ich Sie zugleich mir beiläufig zu bemerken ob wohl eine
Ihrer Schülerinnen geneigt und passend wäre an einer
außerhalb der Stadt zu errichtenden Warteschule die erste
Einrichtung und den Unterricht zu übernehmen. Ich muß zu-
gleich aber bemerken, daß der Zuschnitt der ganzen Schule
ein sehr kleiner ist, und deshalb die pecuniären Verhältnisse
bis jetzt sich höchst unbedeutend herausstellen. Sollte also
eine Kindergärtnerin mit concurriren so möchte ich gern
angeben können, wie hoch sich deren Ansprüche belaufen wer-
den. Entschuldigen Sie die vielen Anfragen verehrter Mann;
doch einigt uns ja dasselbe Streben, so werden Sie auch die
Unbequemlichkeit nicht scheuen die ich Ihnen leider verur-
sachen muß. Über die Zeit welche Sie für Ihr etwaiges
Herkommen am geeignetsten halten, sagen Sie mir wohl
auch etwas Näheres, so wie über Druckschriften die außer
denen von Middendorff und dem trefflichen Aufsatze Lecerfs
über Ihr System erschienen sind. Mit der innigsten Hochachtung
zeichne ich Johanna Goldschmidt geb. Schwab im Namen
mehrerer Frauen u. Jungfrauen Hamburgs. Hamburg 12/III. 49.["] /
[159R]
- Möge Dir dieser Brief Freude machen, deshalb habe ich
ihn blos für Dich hier abgeschrieben. Macht es Dir Ver-
gnügen so kannst Du ihn auch Deiner Fr: Kammerherrin
mittheilen. Der Brief von He. Dr. Detmer ist dem [sc.: im]
Wesentlichen desselben Inhaltes. Solche Mittheilungen
sind wenigstens im Stande angeregtes Interesse zu nähren
- Frl. Rosalie Reinhard wird Dir in 3-4 Tagen selbst
schreiben und Dir Ihren [sc.: ihren] Dank aussprechen. Was deren
Sprechen des Französischen betrifft, so habe ich mich bei
stimmberechtigten Männern, selbst Lehrern erkundigt
und da ist mir mit Bestimmtheit ausgesprochen worden
daß Frl. Reinhard nicht nur das Grammatikalische
des Französischen kenne sondern selbst eine bessere Aus-
sprache als manche schweizerische Gouvernante [besitze]. Ihr
seht ich baue nicht auf mein Urtheil.
Für das viele Liebe, Freundliche und Gute was sonst Dein
jüngster Brief enthält und mir ausspricht meinen
Herz innigen Dank. Du bist aber auch in jeder Beziehung
meines Lebens Freude und Wonne.- Wenn Dir Deine
liebe Mutter auf Deine vertrauenden Mittheilungen
antwortet oder antworten läßt, dann bist Du wohl so
gut mir diese Antwort wörtlich mitzutheilen.
Hier geht alles vortrefflich. Künftigen Sonntag werden
wir unsere monatliche allgemeine Abendzusammenkunft
haben, in einen mir freundlich eingeräumten Saale eines
der ersten Hotels hier - in der Stadt Wien. Lebe recht wohl
mit Kuß und Gruß. Grüße auch Deine Kleinen DFrd.Fr.Fr.
Ich zähle schon wieder die Tage welche mir Deinen Brief bringen[.] - /

[160]
Am 23 März. Sagen muß ich Dir doch noch mein
Herz, daß ich Dich heut Morgen sehr klar und schön
im Traum gesehen habe; Du saßest mit Allwina
in einen großen vertieftem Bogenfenster, wie ich
vor Euch stand saßest Du zur rechten und Allwina
zur linken Hand: Du warest durch einen weißen Schleier
verschleiert und schienst wie im kindlichen Frohsin[n] Ver[-]
steckspiel zu spielen, d.h. sehen zu wollen, ob ich Dich leicht
fände; doch warst Du auch wie ein liebes ungeduldiges
Kind, es dauerte Dir zu lang ehe ich es ausgesprochen, daß ich
Dich schon ganz und freudig durch den leichten Schleyer gefunden
und erkannt hatte, und so riefst Du sehnend ungeduldig ob
ich Dich denn nicht [{]fände / gefunden[}] u [{]kennte / erkannt[}] habe; was ich Dir nun
bethätigte [sc.: bestätigte]. Über eure beider Arme und so zwischen Euch
beide hindurch sahe ich aus dem Fenster auf einen klar
vorüber fließenden Bach welcher aus einem großen
hellen See kam. Noch steht Dein Bild wie ich es sah klar
vor mir.- Was Du mich wegen eines Sonnabends
geistiger Nähe bei Dir fragest mag ich wohl mit Ja beant-
worten können, denn gerad in diesen Stunden bin ich jetzt mir
ganz gegeben. Und - gehör ich ganz mir - lebe ich auch gern in Dir
D.Fr.Fr.