Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an Alwine Middendorff in Hamburg v. 15.4.1849 (Dresden)


F. an Alwine Middendorff in Hamburg v. 15.4.1849 (Dresden)
(BN 530, Bl 1-4, Brieforiginal 2 B 8° 8 S., ed. Vereinszeitung PFH Berlin 65/1903, 3-5. Bei der Reinschr. fehlt die Schlussfloskel. Die Edition streicht die Seiten 2RMitte bis 4VMitte.)

Dresden, Liliengasse No 19. Ebene Erde. Am 15 Ap 49.


Meine liebe Allwine, theure Pathe.

In dieser Osterfestfreizeit war ich in Meiningen u
Liebenstein um wegen meiner Übersiedelung das
weiter Mögliche zu besorgen. Ob nun gleich meine
Hoffnung bei meiner Rückkehr nach Dresden einen
Brief von Dir vorzufinden, nicht erfüllt worden
ist, so beeile ich mich doch Dir mitzutheilen so weit
das Ganze sich bis jetzt entwickelt hat.
Meine Übersiedelung nach d. Meiningenschen und
zwar zunächst nach Liebenstein ist nun fast ent-
schieden. Nach einer Äußerung von Luisen, daß
es gut sey wenn der Kindergarten und die Bildungs-
anstalt für Kinderführerinnen und Kindergärtne-
rinnen wenigstens Anfangs möglichst nahe bei einander
seyn möchten und durch andere
dazu kommende bestimmende Gründe veranlaßt,
wird mein und unser nächster Wohn- und Wir-
kungsort in Liebenstein selbst seyn und zwar
der Kindergarten in der Mitte des Dorfes und
unsere Wohnung in den Gebäuden des, wenige
Minuten davon entfernten Domänen[-]Gutes
Die zunächst zur Ausführung meines Erziehungsun-
ternehmens nöthigen Zimmer sind zum Theil schon
fertig, theils werden sie es vor meiner Übersiedelung./
[1R]
Zuforderst hat sich nun Henriette Breymann ganz
entschieden zu meiner Mitarbeiterin erklärt;
sie wird sobald der Cursus hier vollendet ist, und
also morgen in 8 Tagen, den 23en d. von hier ab und
nach Hause reisen, ein paar Tage zu Hause bleiben
und gegen den 3en Mai, wo ich nach Liebenstein zu
kommen gedenke auch dort eintreffen. Luise Levin
wird wie ich nicht anders weiß bestimmt Ende
des Monats Juni aus ihrer jetzigen Stelle austreten
und so hoffe ich sie im ersten Viertel des Monat Juli
bestimmt als Mitarbeiterin in Liebenstein begrü-
ßen zu können. Ob und wann Du nun, liebe All-
wine als ein wesentliches Glied in unsern erziehen-
den Kreis und als wesentliche Mitarbeiterinn an
unsern Bildungsunternehmen eintreten willst,
dieß wird nun noch von Deiner und respective von
Deiner Eltern Beistimmung abhängen. Wie ich nun
das Ganze sehe, durch- und überschaue, so wird jede
von Euch dreien eine eigene Euern Wünschen rc.
angemessene somit jede befriedigende Wirk-
samkeit im Kreise finden. So weißt Du z. B.
daß ich eine kleine Familienerziehungsanstalt,
einen Familien[-]Kindergarten für verwaisete
Kinder vermöglicher Eltern, mit dem Ganzen zu
verbinden gedenke, für diese Kinder soll nun
unsre Luise treu sorgende Mutter werden. /
[2]
An Dir - wenn Du anders es Deinem Lebenszwecke
noch angemessen hältst - hoffe ich eine treue Ge-
hülfin in dem Unterrichte und den Übungen
meiner, dann unserer Schülerinnen zu finden.
Henriette Breymann wird ohne Zweifel ganz
besonders bei Ausführung des Schriftstellerischen
und so als Geheimschreiber thätig seyn. Jedoch
sind dieß nur im Allgemeinen hingeworfene
Gliederungen, denn wie Alle als Ein Mann,
so werden wieder Jeder da, wo es eben nöthig ist,
zur Förderung des Ganzen helfend eintreten.
Herr Krell, ein junger, im Seminar zu Hildburghausen
gebildeter Schulamtscandidat wird zunächst noch
als Leiter der Singübungen in dem Kreise bleiben,
besonders aber auch bei Herausgabe unserer
Spiellieder jeder Art wesentlich thätig seyn.
Für den Dorfkindergarten - unser Übungs- und
Musterkindergarten, werde ich eine unserer
Schülerinnen zur besonderen Kindergärtnerinn
machen. Die Kinder unseres Familienkinder-
gartens, gleichsam unsere eigenen Kinder,
werden gleich den Dorfkindern (deren Zahl ich
bestimmen werde), an dem grossen Kindergar-
ten Antheil nehmen, während welcher Zeit unsere
Luise unsere Hausmutter. In den Familienkin-
dergarten sind mir schon 2 Kinder angetragen /
[2R]
Als Schülerinnen für die weibliche Bildungsanstalt
ist zunächst von ohngefähr sechsen die Rede; wer
davon aber abgeht und ob? und wer? dazu kommt,
das liegt noch in des Schicksals Schooß, ich habe
noch nicht Gelegenheit und Zeit gehabt dafür
wirksam zu seyn. - Auch zur Ausführung
der eigentlichen Schule haben sich schon 3 Kinder
in Liebenstein selbst gemeldet, und ich denke deß-
halb auch mit einem jungen Lehrer in Verbin-
dung zu treten. Alles aber ist erst im Gähren u.
Werden, wird sich aber sobald ich selbst nach
Liebenstein komme bald ordnen und gliedern.
Ich wollte aber Dir und Luisen welcher ich diesen
Brief recht bald mitzutheilen bitte, wenigstens
vorläufig eine ganz allgemeine Übersicht vom
Ganzen geben. Für die Besorgung der Küche
und des Hauswesens habe ich zunächst gesorgt
bis Luise nach bestem Ermessen das Ganze
ordnen wird.
Dein Bruder Wilhelm schreibt mir nun über
seine Theilnahme an dem Ganzen Folgendes in einem
Briefe vom 11en dieses Monats (also vor 4 Tagen)
-“Wenn es nun auch nicht wahrscheinlich ist, daß
“ich dieses Halbjahr arbeiten kann, so habe ich doch
“die Hoffnung nicht ganz aufgegeben, eine Zeitlang
“bei Dir hören zu können. Ich soll mit der Mutter /
[3]
“für’s Erste eine Reise nach Westphalen machen;
“vielleicht wird mir diese helfen, und dann kann
“ich wohl gleich zu Dir kommen, wenn nicht, so
“muß ich in irgend ein Bad.
“Wenn Du daher Zeit hast mir und dem Vater in
“der nächsten Zeit zu schreiben, so bitte ich Dich, uns
“den Anfang und den Ort des neuen Cursus festzu-
“stellen, ich werde dann wenigstens auf alle Fälle
bereit seyn.“
Hierauf habe ich dann in demselben Augenblick
geantwortet und den Brief wenige Stunden nach
Empfang zur Post gegeben. Meine Antwort ent-
hielt die volle Beistimmung zu seinem Entschlusse
so wie meine Überzeugung, daß er bei dessen Aus-
führung an Leib und Seele, Körper und Geist ge-
sunden werde; denn auf der zweiten Seite seines
vertrauenden Briefes schreibt er, also früher als
das schon Angeführte: -„Meine Lage ist in der That
“eine sehr traurige. Was soll ich machen? – Ich
“kann und darf mich zu nichts Festem entschließen
“weil ich überall die Wahrscheinlichkeit voraus
“sehe, unverrichteter Sache von meinen Vorsätzen
“und Plänen abstehen zu müssen. Diese Ungewiß-
“heit in Allem drückt mich sehr, sie wirkt lähmend
“auf mein ganzes Wesen, auf Alles was ich thue.“-
Darauf habe ich Ihm nun weiter gesagt, daß ich /
[3R]
ich [2x] in mir fest überzeugt wäre, daß ich ihm zwar,
zu so allseitiger wie durchgreifender Gesundung
Wege, Mittel und Verhältnisse (wie schon ausge-
sprochen [)] bieten, aber außerdem außer allen Stand
wäre, die geringsten materiellen Opfer zu bringen;
diese müssen seine und Eure Eltern beschaffen und sie
können es. Es liegt nun in ihrer Hand ob dem Wilh:
gründlich geholfen werden soll oder nicht. Was sei-
ne weiteren Anfragen wegen Zeit und Ort betrifft,
so habe ich ihm eine Anzeige übersandt, wie Du eine
hier beigelegt findest, und noch besonders ausgespro-
chen, dass ich gegen den 3 Mai schon in Liebenstein zu
beginnen gedenke; dass ich seine Reise nach Westpha-
len weder für gut noch für nöthig erachte, er soll viel
in der Natur und mit derselben, so wie mit und in
seinem Inneren leben und sich selbst recht klar zu werden
suchen, dieß ist für ihn jetzt das Wichtigste.
Wenn Du es nun für gut erachtest, so kannst Du ihm
oder Euern Eltern auch Deine Ansicht und Überzeugung
vom Ganzen aussprechen. Erwähnen will ich nur
noch, dass ich ausgesprochen habe: - er müsse ohne
irgend eine Begleitung aus Keilhau, wer es auch
sey zu mir kommen. – Die große und schwere
Aufgabe welche ich in Liebenstein zu lösen übernom
men habe, fordert unerbittlich von mir jene Be-
dingung machen zu müssen, und – wenn ihnen allen /
[4]
die gewisse Gesundung Wilhelms lieb ist, so müssen
sie solche treu erfüllen. Auch habe ich ausgesprochen,
das[s] Wilhelm mindestens bis Michaelis bei mir
bleiben müsse; ob dann – zwar nach meiner Über-
zeugung – noch ein Halbjahr, das möge er dann zu
Michaelis mit Euern Eltern bestimmen. -
Ich schreibe Dir dieß, l. Allwina alles so aus-
führlich indem ich Dein und Deines Bruders Leben
und Wirken, in einer gewissen Beziehung, als ein
innig einiges Ganzes betrachte. -
Was nun das lebendige Interesse Hamburgs an
meinem Wirken und Bestreben betrifft und dessen
natürlich sorgsame Pflege, so ist mir folgender Ge-
danke gekommen: Da vielleicht eine der Frauen oder
Familien, welche dem Gegenstande ihre Aufmerk-
samkeit schenken, diesen Sommer eine Badereise zu
machen gedenkt, die Wahl des Bades als solchem
aber gleichgültig ist, besonders die schöne Gegend
und das erquickliche Leben in Anschlag kommt, so
könntest Du den Gedanken in Umlauf bringen dazu
"Liebenstein" zu wählen. Könnte man den Gedan-
ken Raum geben und sich zu dessen Ausführung ent-
schließen eine oder einige geeignete Jungfrauen
zur Theilnahme an dem nächsten Bildungscursus
nach Liebenstein (Lieb[en]stein u. Marienth[aI] ist gleichbedeutend)
zu senden, so könnte dieß für die spätere erfolgreiche /
[4R]
Ausführung der Sache in Hamburg nur vom größ-
ten Nutzen seyn. Nun ich sprach Dir diese Gedan-
ken nur aus, daß Du weißt ich habe sie gedacht u.
Du dann wenn Dir denselben Entsprechendes entgegen-
tritt, Du dann mit Sicherheit handeln kannst.
Noch gebe ich Dir einen zweiten Gedanken zu beach-
ten; ich lege in mir Werth auf die Ausführung eines
Familienkindergartens oder was gleich ist auf die Er-
ziehungsanstalt für verwaisete Kinder vermöglicher
Eltern ich habe dabei zunächst eine Anzahl von 2 -
6 Kindern im Auge; ich meine unsere gemüthvolle
sinnig beachtende, sich stets so selbst erziehende Luise
müßte eine treffliche Mutter derselben seyn. -
Sollten Dir nun vielleicht durch Deine Bekanntinnen
derartige Verhältnisse und Wünsche bekannt wer-
den, so hoffe ich Dich dadurch in den Stand gesetzt [zu haben] sie
zu beachten.
Um die Aufmerksamkeit auf Liebenstein zu lenken
lege ich Dir, zugleich aber auch damit Du schon von
Hamburg aus einen Blick in die schöne Gegend und
Umgebungen Liebensteins thun kannst, ein Bild des-
selben bei, wie auch eine Beschreibung ; letztere
kannst Du gel.[egentlich] auch Luisen mittheilen, das Bild wird sie
hoffentlich zu ihrem Geburtstage erhalten haben.
Denkst Du noch und wann? Denkst Du zu mir zu
uns zu kommen, ich wünschte bald. Die Wohnung wird schon
in Bereitschaft gesetzt, zum 6 Mai, mir ein Jubelfest, wünsche ich dort zu seyn[.]