Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an Luise Levin in Rendsburg v. 25.4.1849 (Dresden)


F. an Luise Levin in Rendsburg v. 25.4.1849 (Dresden)
(BlM XXIII,47, Bl 183-184, Brieforiginal 1 B 8° 4 S.)

Dresden, Liliengasse No 19. Am 25n Apr 49.


Meine theure, einzige Luise.

Wie hoch hast Du mich zu meinem Lebensfeste
mit Deinem lieben Briefe, mit Deinen sin-
nigen ihn begleitenden Gaben besonders durch
die, welche Dich mir persönlich nahe bringt, er-
freut. Er trat in diesem lieblichen Gefolge
gleichsam zur Krönung und schönen Schluß[-]
stein des Festes am Tage nach demselben, früh
am Sonntage bei mir ein; er brachte mir ja
auch ein hohes inniges Fest, das Fest der Le-
bens[-] und Seelen[-], der Geistes-, Gemüths- und
Herzens-, der wahren WesensEinigung mit
Dir m. G. Eine so völlige Seyenseinigung wie
ich mit Dir fühle, habe ich nie geahnet; ich freue
mich und danke Dir recht seelenvoll, daß mir
auch von Dir und Deinem Seyn, Wesen, und ü-
berhaupt Lebensäußerungen auch nicht die
allerleiseste Trübung solch reines Lebenseins[-]
seyns entgegen tritt.
Wie gern gäbe ich Dir nun als kleine Gegen[-]
gabe für ein reiches Geschenk mindestens
einen kleinen Abriß der Feyer meines /
[183R]
jetzigen Geburtsfestes durch meine hiesigen Schüler
und Freunde meiner erziehenden Unternehmung
hier. Ich wollte Dir Anfangs wenigstens die Dichtungen
die es ich darf sagen, wirklich verherrlichten abschrift[-]
lich mittheilen; allein ich würde dazu mindestens
die Ganze Nacht dazu gebrauchen und so würde ich
zu den Geschäften die mich morgen bedürfen ganz
zerbrochen kommen, was ich nicht wagen darf, weil
[für] mich morgen und die nächst kommenden [Tage] die für
mich schwierigen [Stunden] des Einpackens kommen.
Also vom Feste und deren [sc.:dessen] Feyer nur so viel, sie
war großartig, tiefsinnig und so geistreich wie
gemüthvoll Dichtkunst, Tonkunst wie plastische
Kunst durch Darstellung von lebendigen Bildern
(die huldigenden 3 Genien mit ächtem Palmzweig;
Lilienstengel und Lorbe[e]rkranz, dann die eigent-
lichen Bilder: - die Römerin, die Mutter der Grachen
mit ihren zwey Söhnen, als Darstellung der Kindes[-]
würde im hohen Alterthume -; die heilige Elisabeth
von Thüringen, als Darstellung der Kindesbeachtung
im Mittelalter, - die spielend sich beschäftigen-
den Kinder im Kindergarten als Darstellung des
Ausdruckes der jetzigen Kinderbeachtung, Pflege
Erziehung und Bildung; - Ulrich von Hutten als
Darstellung des Wagnisses einer zu betretenden
neuen Bahn der Menschenbildung. Die lebenden
Bilder wurden stets durch eine gesprochene poetische
Erläuterung das vorletzte durch eine gesungen
werdende erklärt. /
[184]
Nun gieng es zum Festmahl in den mit Gewinden
und Kränzen geschmückten Festsaal und an die
mit Blumen und entsprechenden Speisen besetzte
Festtafel an welche etliche 50, wie in sich geistig u.
gemüthlich so auch räumlich einig sich einigten.
Toaste der verschiedensten Art: ernste, launig-
scherzende, neckende würzten das Mahl, vom
welchen ein Toast in der angegebenen Weise und
Pianospielen den poetischen Übergang vom Speisen
zum Tanzen folgte, denn schnell waren die Tische
mit allem was noch auf ihnen stand in die nächsten
Nebenzimmer verschwunden und erst die vierte
Morgenstunde fand uns auf dem Heimwege, aus
der am jenseitigen Ufer der Elbe liegenden Neu[-]
stadt Dresden über die lange und schöne Elbbrücke
herüber in die Altstadt. Denn das Hotel in welchem
das Fest gefeyert wurde war die ["]Stadt Wien["] in
der Neustadt, ein großes Gasthaus mit vielen
und schönen Räumen, welches ja, wie mir so eben ent-
gegen tritt dem Schwager und einer der Schwestern
unserer Rosalie Reinhard gehört, welche Dir somit
alles recht ausführlich und lebenvoll erzählen
kann; doch hoffe ich Dir auch noch vorher all die ge-
haltreichen Dichtungen zusenden zu können.
Deinen lieben Pflegebefohlenen und I ihrer so hoch zu
ehrenden Mutter sage auch meinen herzlichen Dank
für ihre Theilnahme und deren Beweise ersteren
sage daß 3 liebe Kinder als Genien gekleidet wovon
besonders das Mädchen Toni, gleichaltrig mit Auguste, /
[184R]
mich mir die schon oben genannten 3 Gaben über-
reicht hätten, wobei ich dann auch ihrer gedacht
habe, als Festgaben waren besonders aufgestellt
als Transparent oder durchscheinendes Bild vom
Bisquit-Porcellain Correggios Gemälde, die
Christnacht wo vom ebengebornen Jesus Kinde
aus das Licht ausstra[h]lend alles Umgebende
erleuchtet; dann eine Prunktasse mit Dresden
zur freundlichen Erinnerung an dasselbe.-
Jetzt muß ich aber m. G. schnell schließen, es
ist schon wieder weit über Mitternacht, damit ich
ich [2x] mir zum morgenden nun einpackenden Tag, die
nöthige Kraft durch den Schlaf erhalte [sc.: verschaffe].
Dieß möchte nun wohl der letzt[e] Brief von hier
seyn den nächsten wirst Du gegen den 10' Mai
aus Liebenstein erhalten. Am 7' Mai gedenke
ich dort den neuen Cursus wo möglich schon zu be-
ginnen. Frau Herold aus Gotha, Emilie Stieler
werden zunächst dort meine ersten Schülerinnen
und Wilhelm Middendorff mein erster Schüler seyn.
Henriette Breymann, welche am 23n von hier nach
Hause gereiset ist wird zu mir kommen sobald ich es
wünsche. Wie es den Anschein hat so wird ihre Schwe-
ster, Marie, uns von ihr als erste Schülerin für die
Schule zugeführt werden. Ich möchte daß Allwina
mir Dir käme, was soll sie noch in Hamburg, mich
dünkt sie hat dort ihre Sendung vollendet und wir -
die wir der schaffenden Darstellung leben wollen, was
alle Welt fordert, wir habe[n] alle genug, genug zu thun
D.Frd.Fr.Fr.

Von Dir erwarte ich recht bald zur freundlichen Begrüßung einen Brief nach - "Bad Liebenstein" im Meiningschen.