Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an Bertha Müller in Gotha v. 5.5.1849 (Gotha)


F. an Bertha Müller in Gotha v. 5.5.1849 (Gotha)
(BN Anh. 37, fotogr. Brieforiginal 1 B 8° 4 S., Faksimiledruck KG 1860,73-76, ed. Hoffmann 1952, 220-222. Dem Brief lag lt. Umschlag in BN Anh. 37 eine Bibel bei. - Verbleibort des Originals ist unsicher: lt. Umschlag in BN-Anh. 37 im Besitz von Frau Pfarrer Bayer in Gotha; lt. Hoffmann 1952, 246 zu Nr. 91 in FMMO, dort nicht vorh. - Das Faksimile 1860 ist retuschiert: es läßt die drei Sterne am Anfang weg und korrigiert den Text auf 1V, Zeile 4. [=Zusatz in eckiger Klammer].). - Zu diesem Brief gibt es ein undat. Entwurfsfragment im BN 395, Bl 19-20, 2 Zettel 8° 4 S., das die Briefliste nicht nennt und von Wollkopf fälschlich dem Briefwechsel F.s mit Henriette Breymann zugeordnet wurde.)

     *
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Meine liebe Großnichte Bertha.

Da mich ein günstiges Geschick gerad in den Tagen Deiner
Confirmation - Deiner Weihe zum selbstprüfenden Ein-
treten - zu Euch und zu Dir komme[n läßt], so möchte ich Dir zum blei-
benden Gedenken an diesen Tag und an die von Dir an
demselben gefaßten guten Vorsätze und Entschlüsse, so wie
meiner Seegenswünsche für Dich auch gern das Beste
geben was ich kenne; wo gäbe es aber etwas Besseres
als das Buch, welches ich Dich bitte zu dem genannten
Zwecke von mir zum Zeichen meiner herzinnigen Theilnah-
me an der Gesammtheit Deines Lebens und dessen fried-
und freudvoller Entwickelung anzunehmen, welches
Buch ich, als das Beste fürs Leben "das wahre Buch des Lebens"
nenne!-
Lasse Dich nicht, meine liebe Großnichte Bertha irren noch
bethören, wenn Dich die Masse der Menschen eines Anderen
belehren will; vertraue - bis Du selbst ein sicheres und <festes>
Urtheil darüber durch sinnige und allseitige Beachtung
Deines inneren und innersten wie äußeren Lebens
errungen hast, - Deinem, nun bald 70jährigen Großoheim,
welcher gerad in dieser Zeit seit 44 Jahren ausübender
Erzieher und erziehender Lehrer, wie, seit seinem sich be-
wußten Selbstdenken, sein Selbsterzieher ist; glaube ihm
- dieß Buch - welches ihm weiter das Buch der inneren
und verborgensten Geschichte des Herzens wie der einzel-
nen Menschen, so das des Menschengeschlechtes ist,- /
[1R]
dieß Buch ist wahres "Lebensbuch". Damit ist nun aber
gar nicht gesagt, daß es auch für den denkenden überall
nach Grund und Folge, Ursache und Wirkung, innern
Zusammenhang wie nach Wechselbeziehungen und gegen-
seitigen Bedingungen fragende[n] Geiste, ja selbst
dem einfachen kindlichen unerfahrenen Herzen
und Gemüthe so leicht verständlich sey; - wie ja schon
für den denkenden Menschen - und welcher Mensch
sollte nicht ein denkender seyn? - schon das eigene
Leben, welches er doch selbst lebt, sehr schwer verständ-
lich ist und von den allermeisten Menschen gar nicht
verstanden wird, wie sollte nun ein von anderen Men-
schen unter ganz anderen Umständen und Verhältnissen
als die sind in welchen wir jetzt leben - gelebtes Leben
[ein] von anderen Geistern, durch ganz andere Bildungs[-]
wege erzogene Menschen geschriebenes von fernen
ja den fernsten Zeiten und Völkern handelndes Buch
uns leichter verständlich seyn als unser eigenes Leben?-
- Allein wie uns unser eigenes Leben nur durch
strenge Selbstbeachtung, durch Beachtung der Natur wie
in ihren äußeren Erscheinungen so nach deren innersten
Bedingungen und durch Beachtung des uns umgebenden
Lebens und der Aufsuchung der letzten Gründe von den
Erscheinungen desselben klar und verständlich wird,
und uns Früchte des Heils und Seegens, des Friedens
und der Freude bringt, - so auch mit diesem Buche
des Lebens - suche das was es lehrt und zeigt zunächst
in Deinem eigenen Leben Gemüth, Herzen und Geiste zu
finden und zu lesen und sey es gleichsam im Schatten vom /
[2]
vom Schatten zu finden zu lesen, - denn Du bist
Mensch und entwickelst Dich als Mensch und zum
Menschen und das Buch handelt vom Menschen
und dessen Entwickelung;- Du bist Glied eines
Volkes eines Ur- und urkräftigen Volkes und
dieß Buch handelt von der Entwickelung, vom Steigen
und Fallen von ur- und urkräftigen Völkern,
wie sollte und könnte nun in diesem Buche etwas
stehen was Dir nicht wichtig wäre; da überdieß
in diesem Buche alles auf eine in sich einige, lieben-
de, gütige und gute Einheit alles Lebens auf
den einigen, das Leben in sich selbst tragenden, das
Leben und die Quelle alles Lebens seyenden Gott
bezogen wird; suche vor Allem aber auch in dem
Buche der Natur, welche uns [als] ein Spiegel für unser
eigenes, wie für alles Leben der Gegenwart, Ver-
gangenheit und Zukunft von Gott gegeben ist zu
lesen.
Wirst Du nun, liebe Bertha, so allseitig beachtend
und vergleichend und den Geist wie das Leben
der Worte erforschend dieß Buch lesen, so wird
dasselbe auch Dir nicht nur ein wahres Buch des Lebens,
ein Brunnen und Quell des Lebens, sondern ein
Buch des Trostes und der Hülfe, der Lehre und der
Stärkung des Heiles und des Seegens werden, welches
alles mir nicht nur mein Oheim, also Dein Urgroßoheim vor
54 Jahren am Tage und in den Tagen meiner Confirma-
tion bezeugte, welches ich auch in früheren Jahren schon
meinen, vor ein und einem ViertelJahrhundert ge- /
[2R]
bornen Vater, also Deinen Urgroßvater als innere
und äußere Lebenserfahrung seinen Confirmanten
bezeugen hörte.
Dieß nun was seit mehr als einem Jahrhunderte
sich vom Urgroßvater und von früheren Zeiten noch
herab bewährte und bestätigte, wie als eine
seltene Himmelsgabe so von Eltern auf Kind
stets forterbte, dieß als das Schönste und Beste
was der Mensch seinen Lieben wünschen und geben
kann wünsche und gebe ich Dir in diesem Buche
und durch dasselbe
als Dein treugesinnter
Großoheim

       Friedrich Fröbel
Gotha, an dem ihm wichtigen 5 Mai 1849.

b) Entwurf

[19V]
auch ist nun aber gar nicht gesagt
daß es auch so leicht verständlich
sey; wie für den denkende Menschen
schon das eigene Leben, welches er
doch selbst lebt sehr schwer verständl[ich]
ist und von den allermeisten Menschen
gar nicht verstanden wird, wie
sollte nun ein von Fremden einen ande[-]
ren Geistern geschriebe[nes] Buch und von
uns fremden Zeiten u Wirken geschriebenes
handelndes uns leichter verständlich seyn?-
Allein wie uns unser eigenes Leben
uns d[urc]h strenge Selbstbeachtung, dann
Beachtung der Natur und des uns um[-]
gebenden Lebens klar u verständlich /
[19R]
welches ich deßhalb als das Beste fürs
Leben das wahre Buch des Lebens nenne.
Laß Dich nicht irren wenn noch bethören
wenn Dich die Masse der Menschen eines
Andern belehren will, vertraue bis
Du selbst ein sicheres u festes Urtheil da-
rüber errungen hast Deinem nun bald
70jährigen Großoheim welcher gerad in
dieser Zeit seit 44 Jahren ausübender und
seit seinem Bewußtseyn sich bewußten
Selbstdenken sein Selbsterzieher ist
glaube ihm – dieß Buch – welches ein ihm
weiter das Buch der innern Geschichte
des Herzens jedes einzelnen Menschen
wie das der eines großen Theils des
Menschengeschlechtes ist – dieß Buch
ist ein wahres Buch des Lebens; denn /
[20]
und für uns zu leben heilsam
wird so auch mit diesem Buche
des Lebens – suche das was es <?>
zunächst in Deinem eig[nen] Leben, Gemüth
Herzen u Geist zu lehren, vor
allem aber im Buch der Natur
welche uns ein Spiegel für unser
eigenes wie für alles Leben der
Gegenwart Vergangenheit u Zukunft von
Gott gegeben ist, wirst Du so
allseitig vergleichend u den Geist
und das Leben der <Worte> erforschen
die Dich lehren, so wird dasselbe
Dir nicht ein wahres Buch des /
[20R]
Lebens ein Brunn u Quell des
Lebens sondern [vor allem] ein Buch des
Geistes Heiles u des Seegens
werden welchen ich Dir an
dieser <Deiner> lebenslang friedigen
Zeit wünsche als Dein aus
aus Erfahrung zu Dir sprechen[der]
in diesen Tagen selbst sein[en] 54[ten]
Confirmationstag gefeiert
habenden
treusinnig[er] Großoheim
FriedrichFröbel