Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an Luise Levin in Rendsburg v. 7.5.1849 (Bad Liebenstein)


F. an Luise Levin in Rendsburg v. 7.5.1849 (Bad Liebenstein)
(BlM XXIII,51, Bl 192-195, Brieforiginal 2 B 8° 8 S.)

Bad Liebenstein am 7 Mai 1849.


Meine einzige, theure Luise.

Es ist Dir gelungen die erste zu seyn welche
mich hier willkommen hieß. Vorgestern, Sonn-
abends Abends kam ich in Gesellschaft von Wil-
helm Middendorff
, der Emilie Stieler und einer
anderen meiner Schülerin[nen], der Frau Herold hier
an; ich stieg im Curhause ab und das erste was
mir unsere liebe, theilnehmende Frau Wirthin
entgegen brachte waren drei Briefe, unter
welchen mir die Aufschrift des Deinen sogleich
entgegen leuchtete, Du kannst Dir meine stille
Freude, ja die Wonne meines Herzens denken;
so begannen wir denn das Werk hier recht innig
gemeinsam; möge es in solcher friedigen und
freudigen, in solcher beglückenden Einigung zu
seinem Ziele geführt werden!- Der zweite Brief
war von unserer Henriette, er enthielt zwei
Anfragen: eine, wann sie kommen solle, die 2e
wegen den Eintritt zweier jungen Mädchen als
Schülerinnen;- der dritte Brief war von einer
Frl. Emma Bothmann in Fulda, welche mir ihren /
[192R]
Eintritt als Schülerin zu dem nächsten Cursus und
ihre Ankunft anzeigte; Du siehest also meine Liebe,
es waren alles dreies Briefe freundlichen Inhaltes.
Nun bedarf es wohl nicht mehr Dir meinen be-
sondern herzinnigen Dank für Deinen begrüßen[-]
den Brief auszusprechen, die Seelenfreude welche
er mir gebracht ist Dir ja schon Dank.
Du fragst in Deinem l. Briefe: "ob es wohl möglich
ist, daß Deine Handschrift auch einen angeneh[-]
men Eindruck auf mich mache?["] - Die Antwort
auf diese Frage liegt in dem schon Gesagten und ich
könnte Dir darauf ganz mit Deinen Worten ant[-]
worten: - "mich beglückt jedes einzelne Wort
"was ich von Deiner Hand sehe, ich kann Dir die
"Seeligkeit nicht beschreiben die mein ganzes
"Wesen beim Anblick Deiner Briefe erfüllt".
- Siehe m. G. darum verstehen wir uns, darum
sind wir innig geeint weil weil [2x] wir gleich emp[-]
finden und gleich denken und Seelen- und Geistes[-]
einklang es ist welcher uns wirklich zu Einem
geistigen und Seelenwesen macht, wie eine Blume
mit ihren Staubfäden und Staubwegen ein innig
einiges Ganzes ist, was darum fähig das ganze
Wesen, des ganzen großen durch Jahrhunderte /
[193]
ja Jahrtausende hindurch bestehenden Baumes;
wie z.B. bei der Eiche in sich in Vollendung aufzu-
nehmen um es in Vollkommenheit wieder dar-
zuleben, so sollen und wollen auch wir m. G.
das ganze Wesen der Menschheit in seiner Einheit
und Allseitigkeit in uns aufnehmen um es [sc.: ihm] nun
wenigstens die Möglichkeit zu zeigen, es auch
wieder in Vollendung darzuleben. In diesem
unseren hohen Beruf unserem allgemeingültigen
Lebensziele und Lebenszwecke hat die belebende Er-
regung ihren Grund welches auch jedes Deiner
geschriebenen Worte in meinem innersten Leben
bewirkt.- Deine Vorsätze und Entschließungen
als einstige mütterliche Kinderpflegerin wel-
che mir Dein l. Brief ausspricht, beglücken mich
so wie das Gebet daß Gott alles zum schönen Ziele
lenken möge.
Dein Sonnabend als Freudebringer bestätigt
sich Dir; es ist eigen mit solchen Bemerkungen und
ist gar nicht zu leugnen, daß sie - ob sie nun
einen innern oder äußeren Grund, ob Wahrheit
oder nur Schein für sich haben - genug daß sie zum
Öfteren im ruhig und sinnig beachteten Leben
wiederkehren; wir können uns ihrer darum als /
[193R]
liebliche Blümchen im Kranze des Lebens wohl er-
freuen; allein wir sollen sie nicht immer er-
warten noch weniger fordern, sonst machen
wir uns dadurch, wenn sie ausbleiben, selbst[-]
thätig Seelenschmerz und Lebensqual: die Sonne
geht regelmäßig jeden Tag auf allein die Natur
der Erde, Zufälligkeiten können es verhindern
daß wir sie tage- und wochenlang nicht sehen.
Bei der Beachtung solcher Lebenserscheinungen
dürfen wir ja besonders mit ihren Folgerungen
daraus nicht auf der Oberfläche des Lebens ruh[-]
en bleiben, sonst bringen wir uns selbst Leid pp.
- Dresden ist auch Dir bedeutungsvoll geworden
allein es ist es auch noch für unser Leben; Dres-
den ist noch bis jetzt der Wurzelgrund für
mein und unser Leben, Wirken und Wollen.
Dresden muß so sorgsam von uns gepflegt werden
ob ich gleich nicht mehr daselbst bin, wie Dein
Rendsburg auch wenn Du persönlich nicht mehr
dort weilst und wirkst. Dresden wie Rends-
burg sind Gottesgaben, die wir als solche beach-
ten, und das was von uns dort geschehen soll,
zum Ziele führen müssen. Darum freut es mich
daß Ros[alie] Reinh[ard] an Deine Stelle tritt, durch sie /
[914]
kann manches vermittelt werden. Daß sie eine
treue strebende Schülerin von mir ist kann Euch da-
raus hervorgehen, daß sie ihre Reise von Dres-
den nach Hamburg und so nach Rendsburg über
Liebenstein, Cassel, Hannover rc zu machen
gedenkt um noch ein paar Tage mit uns hier zu leben.
- Du bist gespannt auf meinen ersten Brief von
hier, Du möchtest so gern von allem hier wissen.
Aber ich kann Dir dagegen nur sehr wenig aber
als Hauptsache schreiben, daß mir die Lage unse[-]
res neuen Wohn- und Wirkeortes gar sehr ge-
fällt nicht nur, nein! daß ich das Ganze unserm
Zwecke ganz entsprechend finde. In das Einzelne
einzugehen habe ich heut nicht Zeit. Die Zimmer sind
wohnlich, zunächst werden wir uns etwas eng
zusammen fügen müssen, schöner Garten, freundliche
Aussichten, angenehme Spaziergänge selbst ein
großer Spielplatz alles ist in der Nähe unserer
Wohnung, da es die Gebäude auf einer großen
Ökonomie sind, so können wir alle ersten Lebens[-]
bedürfnisse: - Brod, Milch, Butter, Kartoffeln pp
alles unmittelbar im Hause bei dem sehr freund-
lichen jungen Ehepaare, dem Bewirthschafter des
Gutes haben.- Ob ich nun gleich willig in Dir /
[194R]
in die Erfüllung Deines gerechten Wunsches ein[-]
gehe, daß Du bis zum 1n Juli in Deinem jetzigen
Wirkungskreise bleibest, so wirst Du es doch
einsehen, daß mir die Erfüllung, ich will nicht
sagen Wunsches, sondern von Deiner Seite
Pflicht mir ein fühlbares Opfer ist, allein ich
bringe es Dir und dem gesammten Verhältnißen
besonders der von mir, durch Dich so hochgeachte-
ten Cosselschen Familie sehr gern; ja ich freue
mich, daß ich ihr als ein kleines Zeichen meiner
hohen aufrichtigen Hochachtung dieses Opfer
bringen kann.
Wie es kommt, daß mich Emilie Stieler auf
einige Zeit ohne Zweifel auf zwei Monate
hierher begleitet?- Das Ganze machte sich
unerwartet schnell: Die Verhältnisse in
Rudolstadt hatten durch die Halbheit nament[-]
lich der Hauthal rc eine solche Wendung ge-
nommen, daß Emilie die Lust verloren hatte
wenigstens zunächst nach Rudolstadt zu gehen.
Ich bedarf einer Kindergärtnerin wenigstens
zum Beginne, wie Henriette B. bei und mit
den Kindern ist, davon habe ich noch keine Be-
weise, daher machte ich ihr den Antrag mich noch /
[195]
auf einen oder zwei Monate, also bis Du ein-
trittst als Schülerin hierher zu begleiten, wor[-]
auf sie auch gern einging.- Henriette B.
denke ich als Lehrerin bei den Beschäftigungs[-]
Mitteln anzustellen, damit ich nicht vom Mor-
gen bis zum Abend wie in Keilhau und Dres[-]
den im Joche bin und für die Anerkennung und
Verbreitung der Sache auch nach Außen hin
wirken kann.- Jedes von Euch kann sich, wie
das Ganze vor mir liegt eine Wirksamkeit
freithätig wählen, welche der Eigenthümlichkeit
den Wünschen und Gaben eines Jeden ganz
entspricht mit voller Freiheit und Selbstbestimmung
wählen mit Dir aber m. G. möchte ich als inni-
ges Lebensein der Mittel- und Haltpunkt,
die Seele und der Geist, das Leben des Ganzen seyn;
Leid thut es mir, daß ich noch nicht weiß ob und
wann? unsere Allwina eintreten wird.
Nun was das liebend leitende Schicksal giebt
muß wohl das Beste seyn; sehen wir es auch
nicht gleich ein, so wollen wir uns wenigstens
Mühe geben es aufzufinden; Allein lieb wäre
es mir wenn Du einmal von ihr, ihre desfallsige
Meinung hörtest und mir selbige mittheiltest.- /
[195R]
- Der wichtigste Punkt Deines Briefes ist jedoch
wohl der wo Du mich aufforderst gemeinsam
zu überlegen wie wir die Reise und sonst alles
einrichten.- Das Nächste und Wesentlichste
ist wohl Dein Reisegeld und die Anweisung
des Betrages welchen Du sonst noch zu Deiner
persönlichen Einrichtung bedarfst. Die dazu
nöthige Summe werde ich Dir nun in Ham-
burg zum Empfang anweisen, durch All-
wine wird sie Dir nun entweder ganz in
Hamburg ausgezahlt oder auch wenn Du es
wünschest und bedarfst ein Theil nach Rends-
burg gesandt werden. Auch was Du zur Her-
stellung Deiner Garderobbe bedarfst schreibe
mir möglichst bald, damit ich meine Einrich-
tung darnach treffe, daß Dir nichts mangle.
Denn hier möchte Dir dieß herzustellen Anfangs
schwierig seyn. Schreibe mir dagegen auch ob ir-
gend Etwas und Was? zur Forderung unseres
dann einigen Hauswesens zu Deiner Verfügung
stehe oder nicht.- Auch ich gehe hoffend und zagend der
Zukunft entgegen u so soll es seyn, darum laß uns Hand
in Hand gehen. Die Beilage fand ich in unserm neuen Garten
sie sagt mir Ein Band der Liebe, der Reinheit u Hoffnung nun uns
Allen im v. C. Hause die treuesten Grüße. DFrFr.-