Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an Henriette Breymann in Mahlum v. 8.5.1849 (Bad Liebenstein)


F. an Henriette Breymann in Mahlum v. 8.5.1849 (Bad Liebenstein)
(BN 395, Bl 3-4, Brieforiginal 1 B 8° 4 S., ed. Vereinszeitung PFH 45/1898,4-7 mit zahlreichen Änderungen.)

Bad Liebenstein im Meiningschen, am 8 Mai 1849


Meine liebe Henriette.

Da siehst Du mich schon wieder bei Dir einkehren; der Grund
daran ist ein mehrfacher: erstlich finde ich unter meinen
Papieren einen Brief welchen ich Dir das vorige mal zusen-
den vergessen habe, ebenso die mir von Krell für Dich über-
gebene Rechnung, drittens habe ich im vorigen Briefe nicht
erwähnt, daß wenn Deine zwei jungen Mädchen mit Dir
kommen sollten sie auch ihre Betten mit den nöthigen Bettbezügen
wie Tischbesteck und einige Tellertücher mitzubringen
hätten; viertens, glaube ich ist es gut, Euch den Spediteur
in Eisenach zu nennen an welchen Ihr diejenigen Eurer
Effecten adressi[e]ren könnt, damit er sie weiter hierher
besorge, denn ohne Zweifel übergebt Ihr dann Eure Sachen
zu diesem Zwecke doch einem Kaufmann in Bökenen oder
Hildesheim. Mein Spediteur in Eisenach ist also
"Hrich Pabst, Spediteur in Eisenach"
es ist ein altes solides Handelshaus.
Nun noch einige Worte des innigsten reinsten Vertrauens zu Dir,
meine theure Henriette ganz insbesondere. Du schreibst in Deinem
jüngsten l[ieben] Briefe - "o, wenn ich anders könnte, als rein der Idee
leben, es würde mir recht schwer werden, mich wieder loszureißen
von den Geliebten" - ähnlich schreibt unsere Luise: sie denkt mit tiefen
Schmerz ihrer bald nöthigen Trennung von den ihr so innig lieb gewordenen
Kindern, wie sie mit Freude des Wiedersehns gedenkt, sie gedenkt der
Zukunft mit großem Bangen wie mit erhebender Hoffnung und so hingege[-]
ben dem Zuge und Drange folgend ihr Leben und Wirken der Menschheit
durch die Kindheit zu widmen; und meinest Du es gehe Allwinen an[-]
ders? oder mir?- Wer wagt es mit mir den schmalen Weg zum Menschen[-]
wohl und durch das enge Thor zum Menschheit[s] Heil zu wandeln?- Merk[-]
würdig aus dem Geschlecht der Helden kenne ich keinen Jüngling, kei- /
[3R]
nen Mann der es wagte; wie ich schon als Jüngling allein stand
stehe ich wieder als Mann allein; ja bis zum Punkte irgend
einer geforderten Selbstverläugnung, bis zur Erfüllung der Forde-
rung eines unbedingten Gottvertrauens, ja bis zu der höchsten
Anerkennung Jesu in irgend einer Beziehung gehen sie wohl mit,
wenn sie aber in irgend einem andern Punkte seinem Wesen und
Fordern unbedingt nachleben sollen, da geht es allen, wie bei der
Einladung zum großen Abendmale. Wie ein Frühlingshauch, wie
ein erweckendes Frühlingswehen geht ein Ruf durch die Welt
wie jedes Wesen nun diesem Rufe folgen muß oder untergeht,
so sollen wir Menschen des Schicksals Ruf folgen sonst gehen
wir - und selbst in der Behaglichkeit und durch die Bequemlich[-]
keit dennoch gewiß als geistige Wesen zu Grunde. Wir
folgen diesen Ruf gleich dem Frühlingsruf auch durch die noch
frostigen Frühlingsnächte und stürmischen Frühlingstage hindurch
und wohl uns - wohl Euch die Ihr wie ich Euch erkenne gleich
sam Eine Person bildet Du - Luise - und Allwina. Nach
meiner Überzeugung seid Ihr gemeinsam wieder ein Ganzes
wie jede von Euch in sich ein solches ist aus Leben Lieben u Denken
aus Licht, Liebe und Leben, wo jedes alles Dreyes nur immer
die Eine mit Übergewicht von einem. So als in Euch einiges
Ganzes seid Ihr mir vom Geschick zur Hülfe und gleichsam als
zweite Hälfte gegeben, damit wir wenigstens gemeinsam
das Werk der Menschheit Erziehung durch achte [sc.: ächte = echte] Kindheitpflege be[-]
gründen, wenn früher oder später die eine oder die andere
oder alle drei zu einer selbsteigenen Wirksamkeit ruft.-
Ich habe das Vorstehende niedergeschrieben, damit Du darinn
Wege und Mittel findest Deine Lieben Eltern über Deine Stellung
in meinem Kreise zu belehren, vielleicht zu beruhigen.
Du wirst nach Maaßgabe und nach den Forderungen Deines
Wesens immer eine mehr lehrende, wie das mannichfach Ge-
lehrte wieder in einen Brennpunkt zusammenfassende Stellung
in meinem Kreise einnehmen, wenigstens wenn derselbe /
[4]
geschlossen ist, darum und dadurch ist zugleich die Fortbildung für Dich
gesichert und vermittelt welche Du erstrebst; Anfänglich und
besonders jetzt ehe noch das Ganze lebenvoll sich geordnet hat,
wird Deine Einsicht freilich helfen wo Du eben kannst u. es nöthig
ist. Ob und wie dadurch Dein äußeres Bestehen gesichert sey,
wird man Dich ohne Zweifel fragen. Hierauf antworte ich zuerst
ganz im Allgemeinen durch meine feste Ueberzeugung: wie bis-
her der Staat dem Menschen und den Familien das leibliche Bestehen
sicherte so thut es in Zukunft die Idee welche ganz an die Stelle des
Staates auch in dieser Hinsicht tritt, der Staat hat rein banque-
rott gemacht, wenn uns die Idee nicht rettet, das Vertrauen
das im Gemüth und Geiste gesicherte Vertrauen, so sind wir
alle verloren, nur durch die Idee, durch die Erfüllung ihrer Forderung
werden wir gerettet können wir die Unsern gegen ihr eigenes
Einsehen u.s.w. retten. Zuforderst wird also Dir und uns allen
die Idee, d.h. ein derselben ganz getreues Wirken, Handeln,
Schaffen, Bilden und Lehren - uns Wohnung, Kost und anständiges
geselliges Auftreten gewähren und Jesus sagt ja schon: "Wenn
wir Nahrung und Kleider haben so lasset uns genügen"- Sollten
wir denn nicht Anfangen wenigstens in dieser ganz einfachen
Forderung - einmal ganze Christen, ächte Jünger Jesu zu seyn?
- Sind Dir und den Übrigen außerdem Summen zur freyen Verfü-
gung als freien Menschen wünschenswerth, so werden solche Euch
gewiß nach Maaßgabe eures Bedürfnisses und Eurer helfenden
Wirksamkeit und so von allem Dir werden die Du zuerst so
innig geistig geeint auch äußerlich als Glied in meinen Kreis
als lebenvolles Glied in unsern Kreis trittst.
Wird einst Deine engere weibliche Bestimmung Dich aus unserm
Kreise rufen, so wird es von der Art des Lebensbundes welchen
Du dann schließest und von der Entwickelung unseres ganzen
Kreises abhängen wie Du Deine fernere Lebensthätigkeit zu
demselben stellen willst; doch auch durch die Ferne wird Geist einigen. /
[4R]
Ich hielt es für Pflicht gegen Dich Dir das Vorstehende aus zu-
sprechen; ich hoffe daß ich es zum Verständniß zwischen uns
beiden in klarer Weise gethan habe, doch aber auch so, daß
Du in Deiner Weise und nach Maaßgabe der in dieser Be-
ziehung wohl an Dich ergehen werdenden Forderungen, ge[-]
nügenden Gebrauch wirst davon machen können.
Also nochmals ich muß Dich als ein wesentliches Glied unseres
Kreises erkennen und als solches Dich recht bald in unserer
Mitte willkommen zu heißen, wird mich freuen.
Damit Du Deinem lieben Vater auch eine kleine Andeutung
von unserer anderweitigen Thätigkeit als unserer Kinder[-]
gärtnerei und Bildnerei von Kindergärtnerinnen geben
kannst so will ich Dir hier den Titel der Zeitschrift hersetzen
welche ich durch die wesentliche Mitwirkung unserer Dresdener
Freunde und namentlich unter Redaction von Dr Markquard [sc.: Marquart]
vielleicht, wenn es anders die Umstände gestatten, schon vom
1 Jul. heraus zu geben gedenke.
Frage Deinen lieben Vater ob er uns erlauben will ihm
durch Dich eine Einladung zum Mitarbeiten zuzusenden; er
würde uns als denkender und erfahrener Familienvater
- wie pflichttreuer Pfarrer uns viel förderliche Beiträge
liefern können.
Hier ist es nun besonders auch wo ich als Betheiligter bei dem
Erscheinen des Blattes von Dir wesentlich mitwirkende
Unterstützung hoffe.-
Du gedenkst wohl in diesen Tagen mit mir viel unseres
armen Dresdens und unserer Geliebten daselbst, ihrer
Schrecken und gewiß auch Noth. Gott gebe ihnen allen
Muth, Kraft, Ausdauer.-
Schon ist wieder Mitternacht. Schlafe, Lebe wohl
auf baldiges Wiedersehen. Deinen Lieben die besten Grüße
D.Fr.Fr.