Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an Johanna Goldschmidt in Hamburg v. 15.5.1849 (Bad Liebenstein)


F. an Johanna Goldschmidt in Hamburg v. 15.5.1849 (Bad Liebenstein)
(StFSWH, Brieforiginal 2 B 8° 8 S. ohne Adressat. Adressatin aus Briefinhalt sicher erschließbar.)
(Verhältnis Originalzeile : Transkriptionszeile nicht 1 : 1)

Bad Liebenstein im Meiningschen, am 15 Mai 49.


Verehrte Frau.

Aufrichtig gestehe ich, daß mich Ihr freundlicher Brief, welchen ich, so eben von einer kleinen Geschäftsreise nach Meiningen zurückgekehrt in meiner Wohnung vorfinde, etwas überrascht hat; ich glaubte den Gegenstand welchen er hauptsächlich betrifft, durch meine Antwort auf Ihre frühere vertrauensvolle Zuschrift aus Dresden veranlaßt, so in den Hintergrund des Lebens getreten, daß wenigstens zunächst nicht weiter davon die Rede seyn würde, um so mehr freue ich mich aber wirklich, um der Sache willen, daß ich mich geirrt und wie mir scheint, stark geirrt habe, indem ich mich aus Ihrem lieben, vorliegenden Brief überzeugen muß, daß Sie, verehrte Frau, Ihr hochachtbarer Verein und dessen thätigen Freunde den Gegenstand nicht nur bis her sondern auch noch ferner alles Ernstes fest zu halten gedenken; ich bekenne daher offen meinen Ir[r]thum, wie ich mich auch dessen, wenn auch nicht um meinetwillen, wirklich freue.
Daß Sie diesen Brief um zwei Tage später erhalten als es der Postverbindung nach möglich gewesen wäre, dieß thut mir sehr Leid; allein /
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die Eingangs erwähnte Reise trägt die Schuld, denn der Brief ist schon am 13en Abends hier eingetroffen, wo ich aber schon abgereiset war.
Daß die früher aus Dresden, auf Ihre erste gütige Zuschrift von mir gestellten Bedingungen die Ausführung Ihrer Wünsche und Ihres verehrl[ichen] Vereins Vorhaben erschweren, dieß thut mir gar sehr Leid, denn daß ich, in Hinsicht auf den mich belebenden und ganz durchdringenden Wunsch möglichster Verbreitung und Ausführung der in Frage stehenden Erziehungsidee, gern die Bedingungen dieser Ausführung so viel als nur immer möglich erleichtern möchte, dieß liegt wohl in der Natur der Sache, allein ich stehe bis jetzt noch, hinsichtlich dieser Aus- und Einführung im Leben, so vereinzelt da, habe mit solchen Schwierigkeiten zu kämpfen welche ich nur durch Zeit, Ausdauer und sonst noch großen Kosten überwinden kann; dieß alles macht mir jene Forderungen unerläßlich; aber dennoch würde ich meinen Zweck schwerlich erreichen hätte ich für Frau und Kinder zu sorgen, und Sie sehen selbst von der Seite des Herzens und Lebens muß ich die Erreichung meines Lebenszweckes - wenn ich ihn anders noch sey es auch nur annähernd erreiche - mit den größten Entsagungen, und dennoch ruhigen, friedigen u. freudigen Herzens erkaufen.- Doch zur Sache: /
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So große Überwindung es mich auch schon kostete den Geldpunkt festzusetzen, da dieß leider meine schwächste Seite ist, so würde es mir doch noch schwerer gefallen seyn, wenn mir Dresden nicht den Beweis gegeben hätte, daß mit nicht eben großen Schwierigkeiten eine Vereinbarung in dieser Hinsicht möglich wäre. Der Unterzeichneten waren 40 mit Rth 4 für den Monat, wöchentlich 5 mal täglich 2 Stunden; den Sonnabend also frei. Die beiden Stunden Vortrag wurden nach Umständen in 2 oder in 3 ziemlich gleiche Theile getheilt, so daß der erste Theil dem Theoretischen, der zweite oder die 2 übrigen Theile aber den praktischen Mittheilungen und im letzteren Fall wieder eines Theil[s] den ruhigeren Beschäftigungen anderen Theils den bewegenden Spielen gewidmet waren. Ich kann [sc.: kam] freilich der Ausführung des Ganzen dadurch entgegen, daß ich mich willig erklärte jeden Vortrag u.s.w. täglich 2 mal zu geben, so daß sich die Theilnehmenden ohngefähr in 2 gleiche Theile jeder von beiläufig 20 Personen und zwar nach Zeit und innerem Bedürfnisse theilten. Ein ganz wesentlicher Theil dieser Kinder- und Jugendbeschäftigung ist nemlich vom zurückgelegtem fünften Jahre an und dann weiter stetig fort das Zeichnen und zuerst wie wir es um der Kürze willen nennen: - "im Netz". Außerdem nun aber, daß dieser Gegenstand für die allgemeine und allsei- /
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tigen Entwickelung des Kindes und des Menschen überhaupt wichtig ist, so ist er noch besonders wichtig wegen der sich in seiner Ausübung aussprechenden höheren Lebensgesetzen und wegen seiner dadurch vermittelten Einführung in das ganze Wesen und den Geist dieser Kindheit-entwickelnden und Menschen-bildenden Weise. Da nun innerhalb des eigentlichen Curses nur eine allgemeine Übersicht des Lehrganges dieses Erziehungsmittels gegeben werden kann, indem die Zeit zu einer größeren die wirkliche Aneignung und auch wohl Fertigkeit bezweckende Behandlung des Gegenstandes zu kurz ist, diese mehr den Gegenstand beherrschende Aneignung aber für diejenigen besonders wünschenswerth ist, welche sich wirklich persönlich und unmittelbar der Führung und Erziehung der Kinder widmen wollen, so schied sich in Dresden aus den allgemein Theilnehmenden ohngefähr eine Hälfte aus welche noch in einer besondern Stunde täglich, ebenfalls 5 mal wöchentlich den Zeichenlehrgang nebst Übung allein durcharbeiteten und für diese eine Stunde also auch noch die Hälfte des oben für 2 Stunden bestimmten Honorars bezahlten, Rth. 2. monatlich.
Dadurch theilte sich der Tag so: diese letzteren halten [sc.: hatten] am Morgen die ersten 2 Stunden von 9-11 Uhr. Sie gewannen auch hier an Zeit, weil der Zeichenunterricht nun auch in der Übersicht seine besondere Zeit hatte.
Von 2-3 bearbeitete diese Abtheilung dann noch das Zeichnen. /
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Der Cursus der zweiten Abtheilung fiel in die Stunden von 5-7 Abends. Dieser Cursus hielt mit dem am Morgen möglichst gleichen Schritt, damit, wenn irgend ein Theilnehmender ja in der einen Tageszeit Abhaltung hatte er doch in der anderen Tageszeit diese Lücke ausfüllen konnte. Ich gestehe unumwunden, daß mir diese 5 Stunden tägliche Anstrengung wohl zu Zeiten etwas angreifend wurden und daß ich, als ich meinen vorigen Brief schrieb nicht geneigt war in solcher Weise wieder einen Bildungscursus zu geben, jedoch muß ich auch bekennen daß mir die seltene Aufmerksamkeit und eingehende selbstthätige Bearbeitung welche der Gegenstand bei den meisten meiner Zuhörer, resp: Schüler fand auch öfters solche Steigerung meiner Kraft und Freudigkeit gab, daß ich mich wohl am Ende der Stunden weniger noch angegriffen fühlte als im Beginne.
Damit aber auch die Glieder beider Abtheilungen sich doch aber auch als ein Ganzes kennen und achten auch Manches, namentlich der Bewegungsspiele gemeinsam ausführen möchte[n], so wurde in jedem Monat ein Sonntag Abend bestimmt, wo wir uns gemeinsam alle zusammen fanden, auch diese Gelegenheit wohl benutzten um Freunde und gastliche Fremde in den Kreis und Geist unserer entwickelnden Kinderspiele und erziehend-lehrenden /
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Jugendbeschäftigungen einzuführen. Diese unsere Monatssonntage, wie wir sie nannten, waren besonders Begeisterung, gegenseitige Anerkennung, innige Einigung für den gleichen Zweck, wahre Liebe und Vertrauen, Muth und Ausdauer wie Selbstthätigkeit weckend. Leider kamen Sie [sc.: sie] erst nach dem Abgange unserer lieben Amalie Krüger in Zug; Jedoch kann Ihnen später Fräul. Amalie Mattfeld, wie in der Kürze eine gewisse Frl: Rosalie Reinhard, welche ebenfalls wie erstgenannte in Dresden meine Schülerin war, und in der Mitte des nächsten Monats über Hamburg als Erzieherin nach Rendsburg davon Kunde geben, wenn Sie mir erlauben ihr einen mündlichen Gruß an Sie verehrte Frau mitzugeben.
Warum ich mir nun erlaubt Ihnen so viel Äußerlichkeiten mitzutheilen?- Damit Sie wenigstens Mittel in die Hände bekommen Ihrem achtbaren Vereine vorzulegen wie man in Dresden zum Ziele kam. Deshalb aber soll weder den Tagestunden noch der Personenzahl nach Dresden für Hamburg bestimmend seyn. Daß der Nutzen für die Zuhörer resp. Schüler umso größer ist, je mehr die Kraft des Lehrenden gesammelt ist, das ist natürlich; doch läßt sich bei einer Zuhörerschaft von 25, bei entsprechender Achtsamkeit und angemessener Localität, Jeder noch nach Persönlichkeit behandeln; bei /
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bei [2x] 30 ist es kaum und darüber hinaus unmöglich; doch nochmals, auch für die ersten Zahlen muß der Zimmerraum angemessen seyn und namentlich einen hinlänglichen Tischraum zur selbstthätigen Ausführung der mannichfachen Beschäftigungen den Theilnehmenden gewähren. Nach meiner Erfahrung findet sich letzteres leicht wenn nur das Lehrzimmer entsprechend groß ist.
Daß Sie zur Durchführung des Ganzen eine Commission gewählt haben, das haben Sie sehr lobenswerth gemacht. In Dresden hat sich nach meiner Abreise von dort gleichfalls ein Comité zur Festhaltung und Durchführung der Sache gebildet. Ich erlaube mir Ihnen die Namen von ein paar Mitgliedern desselben zu nennen im Fall Jemand Ihrer Bekanntschaft Dresden besucht und in der Sache der Kindergarten dort Nachweisung wünscht[:]
He. Dr Marquart, Ostra Allee No 10, 2 Treppen.
He. Adolf Frankenberg, Vorsteher eines Kinderg:
Lilien- und Seilergassen-Ecke. Seilergasse No 2.
Frau Auguste Herz; Gattin des Dr Herz; Dippol-
diswalder-Platz No 9. 3 Treppen. Vorsteherin
des Volkskindergarten[s] in Dresden.
Freundliche Nachweisungen wird aber besonders die der Sache der Kindergärten besonders thätig förderliche Frau <Pritsch / Pietsch>, Gastgeberin in dem so sehr schön gelegenen als viel besuchten Hotel "Die Stadt Wien" in Neustadt Dresden geben, in deren Nähe auch der Kindergarten des Frauenschutzes - (Vorsteherin Frl. Frankenberg) ist. /
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Doch genug dieser Einzelheiten die Sie wohl ebenso zu lesen, wie ich zu schreiben müde seyn werden.
Daß dagegen der Herr Dr. Dettmer mich in diesen Pfingstagen besuchen wird, freut mich gar sehr, ob ich gleich mit meiner Einrichtung hier noch nicht weit vorgerückt seyn werde. Nein, man glaubt es gar nicht noch weniger ahnet man es mit welchen kleinlichen Dingen, die dennoch wie Bleistücke vor den Füßen liegen daß man sie nicht aus dem Wege räumen kann, man hinsichtlich der Ausführung von Kindergärten unter neuen Verhältnissen zu kämpfen hat. Ihr lieber Brief kam mir daher recht als ein Gruß der Ermuthigung und allseitigen Lebenskräftigung. Wenn man doch nur sieht und hört daß der Gegenstand an und in einem Punkte der Erde festgehalten wird, dann stärkt sich das Leben geistig und somit auch körperlich wieder mehrseitig.- Wie sehr, wie innig freue ich mich darauf solchen Herzen und solchem Sinn, wie er mir durch Ihren lieben Brief aus Ihrem gesammten Vereine entgegen leuchtet Saamen zur Prüfung und zur pflegenden Entwickelung zu übergeben, welcher auch noch im beschränktesten hemmendsten Raum erzogen sehen, Blüthen reinster Lebensfreuden und Früchte wahren Seelenfriedens, wie Arbeitsamkeit, Thätigkeit, Mäßigung als Seegnungen des Himmels und menschlich einträchtiges Zusammenwirken schon als Himmelsleben erkennen macht. Mit reinster Hochachtung
Friedrich Fröbel.