Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an Luise Levin in Rendsburg v. 16.5.1849 (Bad Liebenstein)


F. an Luise Levin in Rendsburg v. 16.5.1849 (Bad Liebenstein)
(BlM XXIII,53, Bl 200-203, Brieforiginal 2 B 8° 7 S.)

Bad Liebenstein, im Meiningschen, am 16 Mai 49.


Meine trauernde, liebe Luise.

Das Leben der Menschen muß nothwendig in und
unter sich im geistigen Wechselverkehr stehen; seit
mehreren Tagen drängte es mich nemlich Dir hinsicht-
lich eines Lebensverbandes Deines Elbinger Bruders
mit mir und uns zu schreiben. Heute Abend war
nun der Drang dazu so stark ich [sc.: in] mir, daß ich schon
dieß Papier zum Schreiben an Dich hervor gesucht,
alles dazu in der Bereitschaft gelegt, selbst schon den
Beginn des Briefes mir ausgesprochen hatte, als der
Briefträger mir 3 Briefe brachte, unter welchen ich
zuerst den von Deiner lieben Hand erkannte. Als
ich ihn öffnete fiel mir zuerst die Einlage von frem[-]
der Hand ins Auge, welche darum auch von mir
zuerst gelesen wurde. Daß mich ihn lesend, da
ich Deine innige Liebe und Anhänglichkeit zu Bru-
der und Schwägerin kenne, herzlich theilnehmendes
Trauern durchdrang das brauche ich Dir wohl kaum
auszusprechen; allein im Augenblick stand auch le-
benvoll wieder der Gedanke, und meines Ermessens
nun mehrfach ge- und begründet vor meiner Seele
um welches willen ich Dir schon vor Empfang Deines
lieben Briefes Hinsichts Deines Bruders hatte schrei- /
[200R]
ben wollen. Laß! Dir dieß nun als ein Zeichen
der innigsten Theilnahme für Dich und Deinen Bru-
der seyn; Du wirst Dich vielleicht erinnern, daß
Du mir schon in einem früheren Briefe aus Rendsb[ur]g
eine Äußerung Deiner seel[igen] Schwägerin schriebst,
daß sie wegen ihres Mannes und ihrer Familie
bürgerlichen Bestehens in Elbing besorgt sey. Über
dieß hattest Du mir früher schon sehr viel Achtbares,
Biederes und Mannhaftes von Deinem lieben Bruder
mitgetheilt.
Nun weißt Du aber, daß das literarische Geschäft
ein Hauptgegenstand meiner erziehenden Wirk-
samkeit ist; daß wir, um diese zu fördern ich
selbst ein Verlags- wie Einzelverkaufsgeschäft
mit dem Ganzen verbunden habe. Du weißt,
daß außer der schnelleren Erscheinung und Verbrei[-]
tung der Lehrschriften und anderer Lehrmittel
zur innigen Verbindung aller im gleichen Gei[-]
ste seit längerer Zeit Arbeitenden, seit langem
schon die Fortsetzung des Sonntagsblattes gewünscht
wurde, dieß soll nun wo möglich von 1 Juli an
in vollkommenern Gestalt und weiter gehend
geschehen; Ein Redacteur dieses Blattes, ein mit
der Sache, als selbst [mit den] in <ihr> Arbeitenden, genau
bekannt, hat sich in einem gewissen Dr Marquart
in Dresden gefunden. Literarisches und artistisches /
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Material, also Manuscript und Zeichnung liegt in
Menge vor, wie der schaffende Geist in gar vieler
Beziehung noch reichen Stoff auf lange Zeit zur
Ausarbeitung in sich trägt; wie sich denn auch das
Interesse von und über diesen Gegenstand immer
mehr allseitig und gründlich belehrt zu werden sich
täglich mehr[t]; nun fehlt es an einem das ganze Ge-
schäft rüstig mit Liebe, Geist und Erfahrung wie
Einsicht betreibenden soliden Mann. Das Geschäft
ist nach Wesen, Umfang, Theilnahme der Art, daß
wenn es eben angemessen in geordneter Buchhan[-]
delsweise betrieben wird nicht nur seine Familie
nährt sondern noch einen namhaften Ertrag zur
Förderung und Ausbildung des Ganzen reicht.-
- Nach dem nun was Du, wie ich schon oben erwähn-
te, nun von Deinem Bruder so achtbares gesagt
was ich durch Dich von Deiner l. seel[igen] Schwägerin
über den ungewissen Stand seines Geschäftes
gehört hatte und was Dein Bruder in seinem Briefe
an Dich selbst bestätigt; dieß bestimmte mich
Deinem Bruder durch Dich auszusprechen: er möch-
te sich zur Betreibung des sich bald mehrseitig aus[-]
breitenden Buchhändlergeschäftes meiner gesamm-
ten Erziehungsunternehmung mit mir innig ver[-]
binden, ich wollte mit meinen Freunden für den
Stoff, das Materiale, er möge für die liberarische /
[201R]
Herstellung, den Druck und den Verschleiß sorgen.
Das Unternehmen ist ein allseitig festgegründetes
bei der immer größer werdenden Theilnahme,
welche meine Erziehungsgrundsätze und erziehen-
de Entwickelungs- und Lehr-, meine in diesem Geiste
wirkenden Spiel- und Beschäftigungsmittel und um
so mehr finden, als wir ja selbst die Abnehmer
Consumenten derselben schaffen. Nun fordert
eben das ganze Geschäfte einen redlichen, thätigen
rüstigen, soliden jungen Mann zur schwung-
haften Betreibung und wenn es diesen findet, so
soll es sich in einigen Jahren mit gar manchen
der artigen Geschäfte ge messen. Daß nun Dein
Bruder dieß der Sache [nach] seyn und werden möchte,
das wollte ich ihm durch Dich aussprechen, ehe noch
Dein heutiger Trauerbrief bei mir ankam. Dieser
bestätigt und bekräftigt mich aber nun noch mehr
in meinem Vorhaben; der Wunsch Deiner seel[igen]
Schwägerin; die Bitte Deines Bruders und seiner
Schwiegerältern, daß Du die Erzieherin der Kinder
werden möchtest, das was Dein Bruder selbst über
den Verfall seines Geschäftes in Elbing ausspricht,
alles dieß sagt mir, daß ein guter Genius, welcher
es mit Euch allen wie mit mir und der Sache gut
meint, mir den ausgesprochenen Gedanken gerad
in dem wichtigsten Augenblick des Leben[s] hat finden lassen. /
[202]
Ich beeile mich nun Dir l. Luise diesen Gedanken
zur Prüfung vorzulegen. Ich finde durch dessen
Ausführung die Wünsche, Bedürfnisse und Forde-
rungen aller erfüllt. Dein Bruder findet dadurch
zugleich Gelegenheit als treuer Vater für seine Kin-
der zu sorgen, wie Du der Weise [nach] auf das treueste
und genaueste den Wunsch Deiner seel[igen] Schwester
zu erfüllen, wie das ganze deutsche gesammte
Erziehungsunternehmen in Deinem <rechtlichen>,
erfahrenen, soliden und thätigen wie einsichtigen Bru-
der eine kräftige Hülfe und Stütze [erhält,] die ihr Noth
thut; so würde sich der Ausspruch bestätigen: -
wenn die Noth am größten ist die Hülfe am nächsten.
Daß ich ein treuer Mitvater ein sorgsamer Er-
zieher und Bildner der mut[t]erlosen Waisen seyn
würde, das brauche ich ja Dir l. Luise nicht auszu-
sprechen, denn es sind ja Deines Bruders und somit
in gewissem Betrachte Deine Kinder und wie sollte
ich für diese nicht alles thun; ich würde sie selbst
so beachten als von Gott durch Dich mir gegeben.-
- Da sich hier noch Raum findet, so will ich Dir doch
den ausführlichen Titel der Einigungsschrift wörtlich
mittheilen, damit Du eine Abschrift davon an Dei-
nen Bruder senden kannst; dieser ist dann schon im
Stande daraus auf das Ganze zu schließen; auch
magst Du noch eine gedruckte Anzeige, auch vielleicht /
[202R]
eine Abschrift des Dir früher mitgetheilten Planes
beilegen, damit Dein Bruder sich eine gewisse Einsicht
in das Ganze verschaffen kann. Mein jetziger
Wohnort Bad Liebenstein, so wie die im Meiningschen
schon in Kraft getretenen deutschen Grundrechte bie[-]
den [sc.: bieten] überdieß noch gar Manches meinem Lebens-
plan, Erziehungsunternehmen wie dem Dir und
Euch gemachten aufrichtigen und treugemeinten
Vorschlage Förderliches[.]- Der Titel des Blattes ist:
Zeitblatt
für
Familienliebe, Volkseinigung und Lebenserneuung,
begründet durch
entwickelnde Erziehung und Menschenbildung,
namentlich durch entsprechende Kindheitpflege in Familien und
Volkskindergärten
und durchgeführt
im Hause, in der Schule und im Leben.
Ein Einigungsblatt,
unterstützt von vielen Gleichgesinnten aller Lebensverhältnisse
in ganz Deutschland
und herausgegeben
von
Fr: Fr.
Die Verlagsbuchhandlung der Kinder- u Jugendbeschäftigungs-
Anstalt.
-----*----- /
[203]
Ich erlaube mir jetzt nicht noch weiter etwas hinzu[-]
zufügen, kann es auch nicht, denn es ist weit über
Mitternacht und der Brief soll noch morgen früh
mit der Post abgehen; alles Weitere überlasse ich
daher Deinem besten Ermessen was sich ja schon so [oft als] richtig
bewiesen hat.
Du wirst aber wohl thun Deinem Bruder sogleich
nach Empfang dieses Mittheilungen über meinen
Vorschlag zu machen; wenn Du anders, was ich
voraussetze, damit übereinstimmst; damit er, wenn
es möglich ist diesen Vorschlag noch vernehme ehe er
auf Deinen jüngsten Brief antwortet.-
So könnte denn das Deuten des Blühens Eurer
beiden Kalla eine ganz besondere Wahrheit werden.
Ich habe mich dieser Deiner Deutung gar sehr erfreut,
auch Dich in Deinem allseitig und besonders Kinder
liebenden Herzen (was mir so wohlthuend ist) ganz
darin gefunden. Mein Licht sagt gute Nacht
dem Leben. Auch ich sage dem L L, welches ich so-
gern auf dem Pettschaft lese gute Nacht; doch
vorher auch noch der sinnig trefflichen Fr. v. C.
und Augusten auch eine recht friedige Nacht;
Euch allen einen Nachtigallen Gruß.-
D.Fr.Fr.

Henriette ist noch nicht hier. /
[203R]
[leer]