Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an Louise Breymann in Mahlum v. 18.5.1849 (Bad Liebenstein)


F. an Louise Breymann in Mahlum v. 18.5.1849 (Bad Liebenstein)
(BN 395, Bl 47-48, Brieforiginal 1 B 8° 2 S.)
(Verhältnis Originalzeile : Transkriptionszeile nicht 1:1)

Bad Liebenstein bei Eisenach. Am 18 Mai 49.


Meine liebe Muhme.
Wie könnte ich gegen die Mutterbitten Deines Herzens, gegen die väterlichen Wünsche Deines lieben Mannes und die brüderlichen Eures Sohnes, etwas Hemmendes, ihre Erfüllung Störendes einzuwenden vermögen?; immerhin mag also Henriette zu Eurer, wie zu ihrer Freude die Pfingstfeiertage in Deinem und Euern schönen Familienkreis verleben; allein wenn sie dann noch Willens ist zu mir zu kommen indem sie hofft die Forderungen ihres Herzens und Geistes zu finden, so wünsche ich aber auch, ja ich bin gezwungen zu wünschen, daß sie dann aber auch keinen einzigen Tag länger zu Hause bleibe; denn das Leben in seinen Entwickelungen und Forderungen wartet jetzt nicht eine Stunde auf uns, entweder müssen wir uns der Entwickelung und Forderung der Zeit willig fügen, oder wir müssen rasch und entschieden, frei- und selbstthätig, dem höhern und höchsten Geiste der Zeit getreu handeln. Entweder müssen wir uns die Welt werden und diese in unserm engen in sich abgeschlossenen Familienkreise finden oder wir müssen uns der Welt d.h. der Menschheit geben und in ihr und durch sie uns finden. Beides ist rein menschlich und ich entscheide nicht wohin der Mensch sich wenden soll; allein entscheiden muß sich jetzt der Mensch wenn er leben will. Es ist wahr: graußig ist die Aussicht in die Welt und der Erfolg kann graußiger werden als wir es ahnen, spricht nicht Dresdens Beispiel laut genug!- Was soll dann mit den Kindern werden, wer dieser sich annehmen?- Denn diese bleiben bleiben aller Unthat, ich möchte sagen Leider doch noch übrig. Und was ist am Ende der Damm aller Noth?- Erziehung! d.h. Ausbildung für menschenwürdiges Thun, solche That. /
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Ich denke jetzt unzählig oft an Pestalozzi. Wer bürgt uns dafür, daß nicht gar manche Gegenst [sc.: Gegend] Deutschlands ein Stanz [sc.: Stans] werde?- Allein der gute Wille hilft dann nicht, wer mag es ehrlicher hingebender meinen als Pestalozzi - nur der gebildete Wille, die gebildete Kraft vermag zu helfen; aber auch mit dieser Hilfe darf nicht so lang gewartet werden bis sie nötig ist; Wille und Kraft muß gebildet, die Mittel müssen angeeignet, die Wege gekannt seyn, daß dann die Hilfe auch die rechte, die ächte Früchte bringende sey. Schon von dieser Seite ist es nöthig daß Menschen von gleichen Gesinnungen sich nicht nur im Geiste einen sondern sich zu gleichem Zwecke, ich möchte sagen: schaaren. Wer sind aber von der Natur aus die Personen von gleichen, kinderpflegenden Gesinnungen und nicht nur im Geiste sondern in liebend, pflegend hingegebener That?- Es sind die Frauen und Jungfrauen; erstere gehören aber als Mütter oder Gattinen ihrer Häuslichkeit und so bleiben nur die Jungfrauen zunächst als die Pflegerinnen und Schützerinnen der aufkeimenden Menschheit. Und so siehst Du denn meine theure Muhme, daß eigentlich keines ich es bin, keinesweges meine Person der die Jungfrauen um mich versammeln möchte, sondern der höhere Menschheitsruf; doch Du erkennst hoffentlich auch daß ich dennoch die elterlichen Ansprüche, die Ansprüche der Familie ehre; und so bleibt es selbst bis zum letzteren Augenblicke Dir und Euch überlassen ob Ihr Henrietten ziehen lassen wollt; ihr selbst bleibt es anheim gegeben ob sie kommen will; nur bin ich außer Stand ihr Außenbleiben über die genannte Zeit noch hinauszuschieben. - Die herzinnigsten Grüße an alle Lieben Deiner Familie, ganz besonders an Deinen theuern Mann von Deinem treusinnigen
Vetter Friedrich Fröbel. /
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[Adresse:]
Frau Pastor Breymann in Mahlum.