Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an Luise Levin in Rendsburg v. 20.5.1849 (Bad Liebenstein)


F. an Luise Levin in Rendsburg v. 20.5.1849 (Bad Liebenstein)
(BlM XXIII,54, Bl 204-207, Brieforiginal 2 B 8° 8 S. Die jeweils ersten Bogenblätter tragen eine Rahmenverzierung. - In BlM werden die beiden Briefe vom 20.5. und vom 24.5.1849 an Luise Levin als ein Stück geführt. Aus dem Brief v. 24.5. geht aber eindeutig hervor, daß es sich um einen eigenen Brief handelt, da auf den "letzten" v. 20.5. inhaltlich angespielt wird.)

Bad Liebenstein im Meiningschen. Am 20 Mai 49.


Meine theure Luise, mein Herz.

Als ich gleich nach Empfang Deines jüngsten lieben
Briefes es für nöthig hielt Dir sogleich mit umgeh[-]
ender Post in Hinsicht auf die durch den Verlust
seiner Frau eingetretenen traurigen Lebens-
verhältnisse Deines lieben Bruders in Elbingen [sc.: Elbing]
namentlich als Vater zu schreiben; da mußte
die eigentliche Beantwortung Deines lieben, lie-
ben Briefes zurück treten; erlaube mir jetzt die[-]
selbe nachzuholen, damit solche in der festgesetzten
Ordnung womöglich am 24' bei Dir eintreffe
und ich dann im Beginne des neuen Monats Dei-
ne beglückende Rückantwort erhalte.
Deine Ahnung mich am 2en Mai auf der Reise
zu finden war gegründet, wie freue ich mich des-
sen denn es zeigt mir des Geistes Zusammenhang.
Am 2en früh waren wir von Dresden abgereist.
Wie freue ich mich aber noch mehr der innig ei[-]
nigen Thätigkeit Deines Gemüthes u. Geistes,
durch welche Du unser vereintes Streben so sin-
nig in Deinem so schönen Blumen- und Pflanzen-
bilde sahest was Deine liebe Hand selbst gewid-
met hatte; welches Wonnegefühl hast Du durch dieses
innig einige Zusammenwirken von Fühlen /
[204R]
Denken und Handeln, von Gemüths- Geistes- und Thatkraft
in meinem Innersten hervorgerufen; wird diesem Dei-
nem so in sich wirklich vollkommenen Lebensbilde unser
wirkliches Leben seyn, so werde ich mich nicht nur hochbe-
glückt fühlen, sondern wir werden uns gegenseitig
wahrhaft beglücken, einander Friede, Freude und Frei[-]
heit bringend und gebend seyn; nicht aber uns allein,
wie Du so wahr aussprichst als tief fühlst, sondern
allen denen auch, welche entweder persönlich oder in ihren
Kindern und durch dieselben ihr Leben mit dem unsrigen
einen; was denn auch der Geist der Einheit und Einigung,
der Geist des Friedens, der Freude und der Freiheit, der Geist
der Menschheit und so der Geist Gottes der in ihr und durch sie
wirkt, geben möge!-
Auch das ist wichtig, daß sich das Leben Vieler in einem
rein menschlichsen in dem rein menschlichsten Streben,
vollendeter Entwickelung, Erziehung und Darlebung des
Wesens der Menschheit wieder in Einem Sinnbilde
findet, in einem Sinnbilde, was so ganz dem Wesen des
Gegenstandes entspricht, wie dieß bei der Calla der
Fall ist; ich mache nur auf das Einfache, Einige, Weiße und
die Reinheit der Blumenkrone aufmerksam indem
ich das Übrige aufzufinden gern Deinem sinnigen Denken
überlasse. Denn Du warest und bist es ja schon wieder,
Dein sinniges Handeln ist es, welches diese Blume in mei-
nem Bewußtseyn zu diesem einenden Sinnbilde erhebt.
Lasse uns nun diesen Gedanken, dessen Verwirklichung
die Umstände so günstig entgegen kamen in Zukunft
mit Bewußtseyn und Sorgfalt pflegen. Aber eben /
[205]
pflegen denn die Pflege, die treue Pflege ist es, welche
die Ergebnisse erzeugt, die Erzeugnisse hervorbringt. Siehe
m. G. so glaube ich wirst Du durch die sinnig treue Pflege
die liebend, sorgfälltige Pflege Deiner Calla in einigen
Gemüthern Deiner Umgebenden auch solche Pflege des
rein Menschlichen in sich und in Andern geweckt haben. Siehe,
empfinde nun, welch ein Seegen Deines reinen Empfindens,
Deines lebenvollen Fühlens, Deines sinnig treuen Handelns!-
Siehest, empfindest, fühlst Du nun auch warum Du mir so lieb,
so herzinnig lieb bist?- Weil Du das Beste was ich in mir
und an mir finde, mein reinstes Wesen so freithätig liebend
in Dir aufnimmst, so ohne alles mein Zuthun, so ohne alle
Auf- und Anforderung von mir in Dir auf das sorgsamste
treu pflegest, zur vollendeten Gestalt in Dir ausbildest und
außer Dir wieder schön, somit lebenseinig, das Leben in sich
selber tragend - darstellst. *Wie sind dazu Dir aber auch
alle Lebensverhältnisse günstig!* Darum bist Du aber auch
an Gemüth, Geist und Thatkraft gesund und kräftig. Nimm
dagegen das Leben unserer, gewiß in sehr vielen Hinsichten
ausgezeichneten Allwina; ihr Leben kränkelt nicht, nein,
es krankt wie das ihrer Calla als ich diese sahe, es fehlt
ihrem Leben die entwickelnd,, einigende, einende Sonne.-
Wie hochbeglückt könntest und würdest nun Du, könnten und
würden nun wir werden, wenn Du nun Dein Leben und
Handeln ganz in diesem Sinn und Geist, wenn wir beide
es nicht nur in gegenseitiger, sondern in innig einiger
Verständigung und Gemeinsamkeit mit Deinem jetzt trau-
ernden Bruder auf dessen von der Mutter verwaiseten
Kinder übertrügen, wie vollkommen müßten dann deren Wünsche /
[205R]
und Bitten, mit welchen sie besonders zu Dir schied, erfüllt
werden.-
Nachmittags. Eben komme ich vom Tische, (wir essen nemlich
Mittags im Speise- das ist im Curhause) - welch eine Pracht
ist es im Freyen! Von dem Blüthenschmucke der Bäume über[-]
haupt als ganz besonders jetzt der Apfelbäume kann ich Dir kei-
ne Beschreibung, Du Dir schwerlich eine Vorstellung machen;
jeder Zweig, auch ohne irgend eine Ausnahme ist wie ein schön
gewundener Blumenkranz ganz dicht rundum, bei den Birn-
bäumen mit den gelblich weißen, bei den Äpfelbäumen mit
den äußerlich rosig rothen und im Innern Lilienweisen Blüthen,
honigduftigen Blüthen besetzt, so daß jede Baumkrone einem
einigen collosalen Blumenstrauß gleicht in dem Tausende
fleißige Bienen summend ihr Honig, gesundheitgebendes
Honig für die Menschen sammeln. So viele solcher Bäume
im Garten und sonst in der Umgebung des Hauses stehen,
so vieler ich deren auf den Spaziergängen sehe, so oft muß
ich immer und immer wiederkehrend Deiner gedenken
und immer hallt es in meinem Herzen wieder: "könnte doch
Deine Luise dieß mit Dir, Du es mit ihr sehen." Aber zufrie-
[den] bin ich nur schon Dir dieß ausgesprochen zu haben. Doch die Obst-
bäume zeigen nicht allein solche die liebenden Gemüther in
ihrem Anschauen einigende Pracht, auch die Waldbäume
thun das Gleiche. Welcher Glanz und welcher Schmuck, welche
Lichter und welche Schatten, welche beglückende Häuslichkeit,
Heimathlichkeit und Heimlichkeit zeigen jetzt die Buchenwal-
dungen, die colossalen Buchenbäume, welche in denselben stehn?
Wie zart, rein, mädchenhaft und jungfräulich, wie weiblich sanft
sind deren Blätter; so oft ich ein solches unverletztes Blatt sehe /
[206]
muß ich Deiner gedenken und unwillkührlich wünschen:
könnte ich doch all diese Himmelsherrlichkeit mit Dir betrach-
ten; so geht es mir wenn ich Pflanzenkunde habe, al-
les Gute was ich sage möchte ich, daß Du mit hörest und
so sage ich es wirklich im Gedanken mit Dir zu Dir; dabei
würdest Du mich [sc.: würde ich Dir], wie ich Dir schon in Bergedorf erschien,
kalt und trocken erscheinen und dennoch ist mein Gemüth
des regsten Lebens voll und theilt alles dies Leben,
als wenn es nun eben nicht anders seyn kann, un-
mittelbar mit Dir; so auch jetzt das beginnende Wun-
derleben der kraftvollen Eiche, welche in röthlich zar-
ten Spitzchen und Fädchen, den Staubwegen, in den
äußersten Enden der eben sich entwickelnden Zweige
das vielhundertjährige, im Raume colossale Leben
der Eiche einigt. Wahrlich ein sinnig vieldeutige[s], wahr-
haftes Wunder. Wie freue ich mich, nochmals gesagt
Dir mein in und durch die Natur mit Dir im Geist
geeintes Leben ausgesprochen zu haben. Schon
im vorigen Briefe drängte es mich dazu; allein
ich konnte nicht Zeit gewinnen es Dir auszusprechen.
- "Über solchen Schmuck, wie ihn Deine Blumengruppe
zeigte, gebe es nichts und wie verliert sich der Glanz
(der Kunst) bei der Natur" sagte Deine Fr. Kammer-
herrin. Und Du dachtest dabey: - "Das ist dasselbe
wie eine gekünstelte Erziehung im Vergleiche mit /
[206R]
Eurer g einer naturgetreuen."- Diese Menschen verführen
sich und Andere, und sind das Unglück ihrer Pflegebefohlenen;
denn sie machen glauben und hoffen, daß das was sie
erkennen auch in ihr Thun und Handeln übergehen werde;
allein darin fehlt es; wer es glaubt u hofft geht unter.-
- Wie mich die Bäume in ihrem Frühlingsschmuck und na-
mentlich die rosigen Apfelbäume mit Dir vereinen so
mögen Dich die Vögel in ihrem melodischen Gesang und na-
mentlich die liebend sehnende Nachtigall mir einen.-
Möge die wieder ganz hergestellte Gesundheit Deiner Auguste,
die ich ihr deshalb von Herzen mehrfach wünsche, Dir nun unge-
hemmt den erhebenden und kräftigenden Genuß d. Natur erlauben.
- Die Sonne geht jetzt ganz gerad meinen Stubenfenstern
gegen über unter, gestern und früher schon einigemale
gieng sie glühend hochroth unter, da trug ich ihr meine Grüße
an Dich auf.
Daß Du mir in den Mittheilungen aus Deinem Leben, welche
mir so viele, so hohe und reine Freuden geben auch den Kummer,
die Sorge und Bangigkeit nicht verschweigest, welche zu Zeiten
bei dem offnen Auge für die Gegenwart wie bei Deinem
Blicke in die Zukunft sich in Dein Herz einschleichen; auch dieß
danke ich Dir, danke es Dir recht innig; auch mir geht es zum
Öftern so; allein der Gedanke an die treue innige Gemein-
samkeit, die Gewißheit, daß aus jeder Einzellage des Lebens
wie sie auch immer beschaffen seyn möge, wenn wir sie
nur klar erkennen und recht behandeln Seegen und Heil
für unser Ganzleben hervorgehen wird [, hervorgehen] muß; diese Über-
zeugung giebt mir dann wieder Muth; denn klar zu erken-
nen, das [er]strebe ich im Leben und dem gemäß zu handeln wirst /
[207]
Du wirst helfend die Hand reichen.-
Daß ich vergessen habe, Dir bestimmt meine Einwilligung zu
offener Mittheilung unseres Verhältnisses an Deine l Mutter,
ihr zu einer Geburtsfreude zu geben, thut mir Leid; doch siehst
Du eben daraus, daß ich nichts dagegen gehabt habe, sonst
würde ich wohl meine Entgegnung nicht vergessen haben, al-
lein vorsichtig dünkt mich mußt Du immer mit solchen Mit-
theilungen seyn, indem eben nicht ein Jeder ein solches Ver-
hältniß würdigen kann.
Deine sorgliche Liebe fragt mich in welche Farbe ich Dich u.
selbst in den festlichsten Tagen gekleidet sehen möchte? - in
welche andere als in das sinnvolle Blau der Treue, welches
als solche die Liebe, das Vertrauen u.s.w. in sich schließt;
allein ich wünsche Dich nie prunkend sondern in allen Ver-
hältnissen des Lebens nur einfach gekleidet zu sehen;
und mich dünkt es müßte auch derartige feine Zeuge
geben ohne daß es eben Seide ist. Auch braucht es ja
wohl nicht eben ganz blau zu seyn? - giebt es nicht schöne
geschmackvolle, einfache Zeichnungen blau und weiß?-
Doch Du siehest meine gute, liebe Luise daß ich davon nicht
ein Joda [sc.: Jota] verstehe. Also kurz: ein schönes reines Blau
hat für mich eine ganz besondere Anziehung, warum?-
Ja, wenn ich es nur selbst wüßte!- Alles andre bleibt Dir überlassen.
Aber, theure, einzige Luise sind wir nicht schon für immer
einig?- Die Herzens- Seelen- Gemüths- und Geisteseinigung
- das fühle ich - kann durch persönliche Nähe nicht größer
inniger werden als sie ist. Sollten wir unsere Vereinigung
für immer erst von einem spätern Tage an rechnen, nein!
das wollen wir nicht, wir würden ja die Tage bis dahin verlieren. /
[207R]
Erwähnen muß ich doch, daß Du Geld durch Allwina
bekommen kannst wenn Du willst; ich habe schon früher
Allwinen im Voraus deshalb Anweisung gegeben und
werde in der Kürze noch weitere dahin senden; auch
hatte ich ihr schon wegen einem Kleide für Dich geschrieben.
Wähle aber Du ganz nach Deiner freien Bestimmung,
das ist mir das Liebste. Willst Du mir noch die Summe
nennen, welche Du in Hamburg zur Bestreitung Deiner
Gesammtbedürfnisse in Empfang zu nehmen wünschest, so
ist mir dieß sehr lieb um Dich vor jeder Verlegenheit
sicher zu wissen.
Alles was Du nicht als Passagiergut sogleich mit
Dir zu nehmen gedenkst sendest Du am besten
zur weiteren Beförderung hierher nach Liebenstein
an das
Commissions- und Speditions-Geschäfte
des Herrn Hrich Pabst in Eisenach.-
Wo wir uns zuerst wiedersehn werden?- Wenn
die Art Deiner Reise und so der Tag Deiner Ankunft
in Eisenach fest bestimmt ist, so denke ich Dich ent-
weder sogleich auf dem Bahn- oder Posthofe, oder doch
bestimmt in dem Gasthofe zum Thüringer Hofe an dem
Karlsplatze zu treffen. Einen Tag, denke ich, wird es Dir
dann Freude machen dort zu bleiben, dann gehen wir nach
unserm Liebenstein.- Grüße freundlichst die liebe Au-
guste, ich wollte längst den Kindern Briefchen schreiben
kann aber nicht dazu kommen. Ebenso grüße achtungsvoll
die mir sehr schätzbare Frau Kammerherrin; auch ihr wollte
ich mir erlauben einen Brief zu schreiben; allein er will gar
nicht zu Papiere kommen. Denke, aus Dresden habe ich noch kein Wort Nachricht.
In Liebe und Treue D.Fr.Fr.

Sobald Du Nachricht von Deinem Bruder erhältst schreibe mir ja. Meinen Vorschlag muß ich aber,
aus vielen Gründen, seiner ernstesten Prüfung werth achten.