Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an Ida Seele in Darmstadt v. 21.5.1849 (Bad Liebenstein)


F. an Ida Seele in Darmstadt v. 21.5.1849 (Bad Liebenstein)
(BN 651, Bl 47-50, Brieforiginal 2 B 8° 8 S., ed. König 1990, 177-179)
(Verhältnis Originalzeile : Transkriptionszeile nicht 1 : 1)

Bad Liebenstein, bei Salzungen im Meiningschen
am 21 Mai 1849


Meine hochgeachtete, mir wahrhaft theure Ida.

Offen muß ich Ihnen gleich im Beginne meines Briefes gestehen, daß ich in der Meinung gewesen bin: ich habe zuletzt an Sie geschrieben und so zunächst einen Brief von Ihnen zu erwarten, wie freue ich mich nun doppelt daß Ihre Liebe und Treue mir geschrieben und mich so aus diesem Irrthum gerissen hat; denn sonst würden wir r dann gegenseitig lang auf Kunde von einander haben warten müssen.
Sie sehen, liebe Ida, ich bin Ihnen mit meinem Wohn- und Wirkeorte zunächst wenigstens für diesen Sommer bedeutend, ja vielleicht um die Hälfte gerad näher gerückt, wie wäre es, wenn Sie mich im Laufe dieses Sommers, ja jetzt unverweilt gleich zu Pfingsten besuchten. Es geht in Frankfurt ein Post Omnibus ab, dieser kommt früh 8 Uhr nach Vacha, bleibt dort bis 11 Uhr Vorm: liegen und geht dann über Salzungen nach Barchfeld, vonwo [sc.: von wo] aus man in einer kleinen Stunde zu Fuß auf einem zum größten Theil ganz guten Weg hierher nach Bad Liebenstein kommt. Mit diesem Post Omnibus kommt man nun in 24 Std von Frankfurt a/m nach Eisenach und bezahlt 3 rth. 23 Sgr. ohngefähr 6 fl 30 Kr.- In derselben Zeit müßten Sie nun /
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und für denselben Preiß hierher nach Liebenstein kommen. In Vacha ließen Sie sich entweder zunächst blos bis Salzungen und dann bis Barchfeld oder gleich wenn es angeht bis Barchfeld einschreiben, hier treffen Sie dann zwischen 3 und 4 glaub ich ein; wüßte ich wann Sie kämen, so holte ich Sie dann dort ab.- Wie wäre es wenn Sie diesen Plan gleich zu Pfingsten ausführten?- Hier träfen Sie wenigstens noch die Waldungen in ihrem Frühlingsschmuck. Dieser Gedanke kam mir selbst so überraschend, daß ich Ihnen denselben allem zuvor auch aussprechen mußte, möchten Sie solchen eben so schnell ausführen; Sie träfen dann auch, wenn Sie vielleicht die Pfingstwoche bei uns verweilten noch einige sehr liebe Mitgenossinnen und Kindergärtnerinnen bei mir die dann gerad auch eintreffen. Also überlegen Sie es. Nun zur Beantwortung Ihres lieben Briefes selbst. Rührend war mir zuförderst Ihre Theilnahme an meinem Geburtstagsfeste, wie denn fast alle meine lieben Schülerinnen, selbst die am weitesten entfernten mich mit dem Ausdruck Ihrer Theilnahme erfreut haben. Wohl freut es mich schon um meinet- und um meiner lieben Schülerinnen [willen], allein ich gestehe es offen noch weit, weit mehr um der Sache um der Kinder um der Kindheit, um unseres Volkes und um der Mensch- /
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heit selbst willen. Ich überzeuge mich, daß wenigstens unter und bei meinen Schülern und Schülerinnen der Geist und das Wesen meines und unseres Strebens erkannt und anerkannt, daß es und die Thatsache auf die es sich bezieht pflegend und fortbildend festgehalten. Wie wünschte ich, daß Sie liebe Ida, und alle meine fernen treuen Schüler und Schülerinnen zum Dank für Ihre Liebe und Treue an der dießjährigen Feyer meines Lebensfestes in Dresden hatten Antheil nehmen können. Diese Feyer war einzig, sie war einfach und doch geistreich, sie war sinnig und doch großartig. Alle meine Schülerinnen und Schüler Dresdens ohngefähr 40 an der Zahl hatten sich zu derselben vereint und ohngefähr noch halbsoviel ihrer und meiner Freunde dazu geladen. Die Feyer selbst fand in den schönen und entsprechenden Räumen des schönstgelegenen Hotels Dresdens "Zur Stadt Wien" in Neustadt[-]Dresden statt dessen Inhaber mit seiner ganzen Familie und Verwandtschaft meinem Streben auf das Theilnehmenste und Fördersamste geneigt ist; so, durch solchen Geist der Liebe, der Achtung, der Anerkennung konnte das Fest, den wirklich hohen, mich auf das tiefste und innerste ergreifende[n] festlichen Ausdruck erhalten. Besuchen Sie mich, dann sollen Sie alles hören und dann will ich /
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Ihnen durch Mittheilung der dabei gesungenen oder gesprochenen Worte die mir zur steten Erinnerung an dieß liebe Fest, mir gegenüber aufgestellten Sinnbilder: den Palmenzweig, den Lilienstengel und den Lorbe[e]rkranz im lebenvollen Zusammenhang mit all den übrigen deuten, welche mir von drei Genien den drei noch jungen Kindern des Hauses, zweier Knaben und einem Mädchen mit Hinweisung auf das mir dortmals gegenüberstehende schöne Transparent Corregio's Nacht, das Wesen und die Würde des Menschenkindes im Christuskind verklärt zeigend - überreicht wurden. Diese wenigen Andeutungen des lieblichen, ich möchte wahrhaft sagen: - allgemein menschlichen Festes - (denn so war mein tief im Innersten erregtes Gefühl) muß mir hier genügen. Ihnen meine liebe theure Ida, sage ich nur noch: es war ein wahrhaft reines, geistiges Einigungsfest für alle die wir uns nach der Forderung der tief in jedem Menschen und Kinde schon liegenden ErziehungsIdee, der Entwickelung und Erziehung, der belehrenden Bethätigung und so der Menschenwürdigen Bildung der freyen Selbsterziehung des Menschen nicht nach Willkühr, sondern nach einigem Gottesgesetz im Menschen, widmen. /
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Wie lieb mir nun in diesem schönen Vereine ganz besonders Ihre zwar verspäteten aber treu und wahr gemeinten Glückwünsche sind und wie selbst die Gaben der Liebe, die Sie mir schon in das Ganze einzufügen erlauben den Kranz derselben noch vervollständigen, das brauche ich Ihnen nun gewiß nicht noch auszusprechen. - Aber nun unser, mein armes Dresden jetzt!- Unser Fest erscheint mir jetzt als ein leuchtendes, reines Lichtmeteor, dem gleichsam neidisch ein vernichtendes Gewitter folgte von welchem noch der ganze Himmel nachtbedeckt ist. Wo mögen jetzt viele der Freunde seyn, welche dort menschlich hocherhoben in ächt menschlich brüderlicher Eintracht zusammen standen?- Ach, einige vielleicht gar nicht mehr unter den Lebenden! Und denken Sie sich, liebe, theilnehmende Ida, heut ist schon der 21' Mai, 6 Briefe, 4 unmittelbar und 2 durch Einschluß habe ich schon von hier aus nach Dresden geschrieben und noch keine Sylbe Antwort. Dresden ist für mich persönlich wie von der Erde geschwunden. Sie können nun fühlen wie mir zu Muthe ist, und dennoch muß ich Gott danken, daß ich gleichsam noch in den letzten friedlichen Augenblick - am 2' Mai früh - Dresden verließ. Den Freunden hätte ich doch nicht helfen können, u. leicht aber hätte mein ganzes /
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Wirken sein Ende erreichen können. So müssen wir am Schluß eines Lebensganzen immer Gottes Führung ehren und preißen. Aber auch Ihrer lieben Luise Gesinnung und Bitte, die auch Sie so gütig aussprechen: mit den etwa vaterlosen Waisen zu Ihnen zu kommen muß man hoch achten und ehren. Aber auch ich freue mich diesen Gedanken und Wunsch gehabt und ihn nach Dresden geschrieben zu haben, ich freue mich nun doppelt desselben, weil er mich nun auch als gleichfühlend und gleichdenkend mit Euch beiden inniger verbinden, als im Geist innig geeint, zeigt. Ich bitte darum mehrfach die beiden lieben Mädchen Luisen und Käthchen recht herzlich von mir zu grüßen.-
Daß unserer, so ehrenwerthen Frau Dr Herz wirklich schon mit schönen Anzeigen begonnenes vielen Seegen mehrseitig versprechendes Wirken einen sehr harten Stoß bekommen hat, das fürchte ich, weil zwei Männer die mir als ihre Stützen erschienen, wie ich höre Dresden verlassen haben.
Da ich Ihren Brief natürlich erst hier erhalten habe, so werde ich gel: Ihre theilneh[m]enden Gr. dahin besorgen. /
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Nun noch Einzelnes aus dem Leben was aber in innigen Verbande mit dem Ganzen steht. Middendorffs ältester Sohn "Wilhelm" welcher jüngst seine Vorbildung zur Universität in Wittenberg beendet hat, sich aber anstatt der Theologie der Pädagogik zu widmen gedenkt, arbeitet in dieser Absicht vor seinem Abgang zur Universität bei mir einen Bildungscursus durch, so, daß er jetzt an dem hiesigen Theil nimmt. Leider leidet er sehr an Augenentzündung so daß er zugleich das hiesige Kaltwasserbad brauchen muß was ihn theilweise in der Zeitbenutzung beschränkt.-
Auch seine Schwester Allwina war lange Zeit, über einen Monat in Hamburg bettlägerig sehr krank mit starken Rückfällen, jetzt hofft sie bald wieder den Kindergarten besorgen zu können.
In Hamburg nehmen, wohl sehr durch Allwinens Thätigkeit vermittelt die ächten Kindergärten ihren guten Fortgang: Außer Allwinen[s] Kindergarten der Madme Lütkens, gründete Anfangs d[es] Jahres ein gewisser Herr Beit einen Kindergarten, welchen Frl. Amalie Krüger einrichtete und da diese anfangs diesen Monats nach Zürich gegangen ist um dort bei der großen Bildungs- /
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anstalt des Carl Fröbel einen Kindergarten in unserm Geiste auszuführen. An deren Stelle ist nun Frl. Auguste Steiner in Marienberg getreten, deren Platz wieder durch eine unmittelbare Schülerin von ihr der Steiner selbst ersetzt worden ist.
Außer dieses zweiten Kindergarten des He. Beit wird jetzt noch ein dritter von einem gewissen He. Hoffmann, welcher diesen Wintercursus bei mir in Dresden machte, errichtet. Ausgeführt und eingerichtet wird derselbe durch Frl. Christiane Erdmann, bisher Kindergärtnerin in Gotha welche den 3' Pfingstfeyertag nach Hamburg abgehen wird. An ihre Stelle tritt Fr[au] Herold eine junge Landwirthswitt[w]e, früher Predigers Tochter, welche ebenfalls gleich Hoffmann den Wintercursus bei mich [sc.: mir] durch[ge]arbeitet hat.-
Einen vierten Kindergarten wird in Hamburg der Lehrer Ernst bei seiner Bildungsanstalt und Schule errichten. Seine Schwägerin Frl. Amalie Mattfeld war seit den Herbst vor[igen] Jahres meine sehr thätige Schülerin. Ich selbst bin aufgefordert einmal in Hamburg einen Bildungscursus zu geben[.] Gott seegne alles ferner u. auch l. Ida Ihr Wirken.
Schreiben Sie bald wieder. I. Frd. Fr. Fr.