Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an Heinrich Herz in Dresden v. 25.5.1849 (Bad Liebenstein)


F. an Heinrich Herz in Dresden v. 25.5.1849 (Bad Liebenstein)
(GSA 96/4238, Brieforiginal 1 B 8° 4 S., ed. Riedel 1941, 12f.)

Bad Liebenstein im Meiningschen, Am 25' Mai 1849


Mein werthgeschätzter, lieber Freund.

Wie hoch hat mich Ihr liebes Briefchen vom 18' d. Mon. erfreut; es war
die erste unmittelbare Kunde, welche ich von meinen lieben, theuern
Freunden in dem theilnehmenden Dresden erhielt; Sie können sich also
das Gefühl denken mit welchem ich den Poststempel "Dresden" sahe u.
die Wonne, welche ich empfand als ich Ihren lieben Namen las und aus
dem Briefe vernahm: "und sieh ihm fehlt kein theures Haupt".
Ich will nicht die Angst und Sorge wiederholen, welche mich in den Schrek-
kenstagen Dresdens obgleich wohl über 40 Meilen entfernt, erfüllten;
auch nicht die Gefühle und Gedanken die mich durchströmten und noch in
mir wogen, zu was kann das Alles helfen; nur Ein Gedanke ist es, der
wenn auch nicht uns doch unsern Kindern und Kindeskindern und so den
künftigen Geschlechtern, so unserm Volke wie der Menschheit Erlösung von
allem Übel, vielmehr von allem Bösen verspricht: - "Erziehung ist der
Damm der Noth, sie kann uns einzig retten". Wohl uns daher die wir uns
ihr widmen, wohl ihr, daß doch keiner unserer lieben Freunde, von allen die
sich ihrer unmittelbaren oder mittelbaren Pflege, ihrer unmittelbaren oder
mittelbaren Ausführung gewidmet haben; daß keiner und keine von allen
diesen im wilden graußigen Kampfe untergangen, auch keines von den
lieben Kleinen, auf welchen unsere Hoffnung steht, ein Unglück betroff[en] hat.
Lassen Sie uns darum treu seyn um unserer Kinder willen dem in uns erkannten
Berufe, in welch verschiedener Weise wir demselben auch leben, denn auch Sie,
werther Freund, sind ja in Ihrem Wollen und Thun, Schaffen und Wirken eine
erziehende Natur; allein in Eintracht, in Einigung in sich gegenseitig unter-
stützenden und fördernden Zusammenwirken, lassen Sie uns treu seyn in
unserm und für unsern erkannten Berufe. Schreiben Sie mir bald, recht
bald welche Bahn der Thätigkeit nun Ihr Geist betritt, welche er sich vielleicht neu
bricht, oder ob Ihre Wirksamkeit für die Zukunft als Archivar am Landtags-
Archiv, wenn auch jetzt unterbrochen und für jetzt in Gehaltsauszahlung unbe[-]
stimmt, doch als Anstellung und Amt gesichert bleibt. Ich halte es, so weit
es der Staat oder vielmehr die Regierungen immer erlauben für unerläß[-]
lich nothwenden [sc.: nothwendig], durch Erziehung, besonders in der und durch die früheste Erzieh[un]g /
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für die Kräftigung, für die geistige und leibliche Erstarkung des Menschen
und sey es auch zunächst der Einzelnen, so aber doch aufs Volk zu wirken,
ich meine blos in und durch geistiges Einverständniß; allein durch un-
mittelbare und mittelbare Förderung Eines Werkes Eines Unter-
nehmens. Die rein menschliche Erziehung kann in dem Allgemeinen der
Erziehung - und das ist eben ihr Großes - die einzeln menschliche Kraft nach
ihrem Wesen und Bedürfniß, kann sie nach Maaßgabe ihrer Anlagen
und Kräfte persönlich entwickeln ohne durch irgend eine einseitige Richtung sie früh
in ihrer Wirksamkeit zu untergraben. Dieß dünkt mich ist der Weg,
den wir [zum] Wohl aller schon betreten haben und zum Seegen aller nicht ver-
lassen dürfen.- Ich bitte, erlaubt es Ihre Zeit und Ihre Gemüthsstimmung, wie
Ihre augenblickliche Geistes- und Willensrichtung, so besprechen Sie sich über diesen
Punkt mit Marquart. Es hat mich schon hoch erfreut, daß Ihr gemeinsam
über das Fortbestehen, die Fortführung und gleichsam Wiedereröffnung des
Kindergartens Ihrer lieben Frau berathen und Euch für die baldige letzte-
re entschieden und sie schon öffentlich angekündigt hat [sc.: habt]. Die Menschen und
die Macht- und Gewalthaber müssen sehen, daß dieß ein Wirken u. Werk
ist, welches von den Zeitereignissen ganz unabhängig ist, und diejenigen
welche darinn festgehalten sind müssen endlich durchfühlen und ahnen, daß
nur in diesem Wirken und Werk das letzte und reinste Ziel jener, und so ihre
Lösung zu erwarten ist.- Ich bitte, mein theurer Herr Doctor, schenken
Sie diesem Gegenstande, sey es auch nur Anfangs zu Ihrer Zerstreuung,
zu Ihrer Erholung, etwas Ihre Aufmerksamkeit.-
In wessen Hand wird nun die Thätigkeit, die Wirksamkeit Köchlys
übergehen, da sich derselbe von Dresden entfernt hat?- (:Ich höre Köchly
sey in Begleitung eines, mir auch als Name ganz unbekannten Herrn Friese
über Meiningen nach Frankfurt a/m gegangen:) - Es ist sehr schade, daß
sein Plan, wenn auch nur zunächst ½ Duzzend Jungfrauen zu einer
möglichst vollkommenen Durchbildung hierher ins friedliche Liebenstein zu senden,
um wie in die Sache einsichtige, so in der Ausführung geübte Vorsteherinnen
für eine gleiche Anzahl Musterkindergärten Sachsens zu bekom[-]
men - wenigstens in der Kürze wohl nicht zur That werden wird;
indem Sie mir schreiben, daß Sie selbst für den Fortgang der Anstalt /
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Ihrer lieben Frau, aus Mangel an der so nöthigen Unterstützung fürchten.
Was hat Ihre Anzeige bewirkt?- Bitte schreiben Sie mirs.- Wie
steht es mit der Wirksamkeit unseres Marquart in Hinsicht seines Kin-
dergartens?- Warum mag mich derselbe wohl mit keinem Briefchen erfreuen?- er war doch der Erste mit an welchen ich nach Dresden schrieb.
- Aber nun zu einer nöthigen Geschäftsangelegenheit. Durch das heftige
sich Zusammendrängen einer Menge von Geschäften habe ich ganz ver-
gessen Henrietten Breymanns Kiste von Ihnen zur Mitbesorgung
hierher abholen zu lassen. Ob Henriette nun gleich noch nicht hier ist und
erst in der Pfingstwoche hier eintreffen wird, so hat sie doch schon sehr
sorgsame Anfragen und Bestimmungen gemacht wodurch ich selbst erst auf
meine Vergessenheit aufmerksam geworden bin; denn sie hatte mich gebeten
diese noch von ihr zurück gebliebene Kiste mit meinen Sachen hierher be-
fördern zu lassen. Ich ersuche Sie daher recht freundlich, ja so gütig zu
seyn und die Kiste vollständig gut verpacken, hinlänglich fest durch
Nägel, vielleicht auch durch Stricke (ich erinnere mich daß welche zu
diesem Zwecke von dem Hausmanne zurück gelegt wurden) noch gut
verwahren und dann durch Ihren Hausmann, freundschaftlich zu dem
Spediteur Jaessing und Becker in der Calbernbergschen (??) Zucker-
siederey dem neuen Theater gegenüber, zur Spedition nach Eisenach
an das Commissions[-] und Speditions[-]Geschäft Hrich Pabst
unter meiner Adresse und zur weite[re]n Beförderung hierher be-
sorgen zu lassen. Die desfallsigen Unkosten bitt ich von dem genann-
ten Speditions-Bureau Jaessing und Becker als Nachnahme
sich zurück zahlen zu lassen. Sehr dankbar werde außer Henrietten
ich noch besonders seyn, wenn Henriette bei ihrer Ankunft hier es
hier schon vorfinden kann; deßhalb bitte ich die Kiste als "Eilgut" be-
sorgen zu lassen. Eben fällt mir ein daß ich ja Ihnen gar keine
Mühe zu machen brauche, weßhalb ich einen Zettel hier beilege
welchen der Hausmann nur abzugeben braucht; sich aber auch sogleich
sein[en] Tragelohn als Nachnahme auszahlen läßt.
Abends spät. So weit war ich, als ich wegen des Besuches eines gewissen
Herrn Dr. Detmer aus Hamburg schnell abbrechen mußte und /
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jetzt muß, denn ich habe mich erboten einige empfehlende
Worte ihm nach Dresden an meine engeren Freunde
und an die besonderen Freunde der Kindergärten mit[-]
zugeben welche er in Hamburg im Vereine mit meinem [sc.: einem]
Frauen- und Jungfrauen Vereine zur Anerkennung und Ver[-]
allgemeinerung bringen will.- Ich habe mir erlaubt
Ihrer lieben Frau noch ein paar besondere Worte
deßhalb zu schreiben.
Nun muß ich Ihnen also für heut Lebewohl sagen
so gern ich Ihnen noch ein Einiges mitgetheilt hätte.
In Liebe, Treue u Dank
Ihr
treuergebener Freund
Friedrich Fröbel.