Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an Frau Stieler (Mutter von Emilie Stieler) in Rudolstadt v. 2.6.1849 (Bad Liebenstein)


F. an Frau Stieler (Mutter von Emilie Stieler) in Rudolstadt v. 2.6.1849 (Bad Liebenstein)
(StFSWH Brieforiginal 1 B 8° 2 S.)

Bad Liebenstein b. Eisenach am 2 Juni 1849


Geehrte Frau Stieler.

Nach Ihrem mütterlichen Wunsche kehrt Ihre liebe
Tochter, die von uns allen, wie von ihren Genossinnen
so von ihren Lehrern geachtete und geliebte Emilie zu
Ihnen zurück um nun in Vollkommenheit darzustellen
was sie schon früher in Liebe übte. Natürlich ist es, daß
Sie als Mutter bei Rückkehr derselben auch ein Zeugniß
der Zufriedenheit mit derselben in ihrem bisherigen
Verhältnisse wünschen. Ich freue mich nun sehr dieß
Zeugniß auch zu Ihrer Zufriedenheit der Emilie der
Wahrheit gemäß ertheilen zu können. Ganz ist es ei-
gentlich schon in dem ausgesprochen, was ich gleich Ein-
gangs dieses Briefes sagte: Durch ihre Aufmerk-
samkeit, ihren Fleiß, ihre Sittigkeit erwarb sie sich
meine wie ihrer anderen Lehrer Achtung, durch ihre
Aufrichtigkeit und schwesterlich freundschaftliches Be-
tragen die Liebe ihrer Genossinnen und Mitschülerin-
nen, wie durch ihre freundliche Hingabe die Zuneigung der
Kinder. Wünschen Sie daß ich noch Einzelheiten hervor
hebe, so war besonders der Herr Musicdirector Lecerf
mit ihrer Achtsamkeit und Fleiß bei den Gesangübungen
zufrieden, ich mit ihrer Anstelligkeit und Gewandtheit
bei den Kinderbeschäftigungen, Herr Frankenberg mit
ihrem freundlichen Umgange mit den Kindern. In unserm
Verkehr des geselligen Lebens war sie überall wohlge-
litten und gern gesehen, so daß ich nicht zweifle, sie wird /
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all die guten Eigenschaften welche dieselbe während
ihrer Bildungszeit mehr entwickelt und ausgebildet
hat nun auch zurückgekehrt in ihre Heimath und
bei Ausübung ihres schönen Berufes bewähren.
Wie man derselben nun in dem bisherigen Verhält-
nisse mit Vertrauen überall, wie sie es verdient
entgegen gekommen ist, so zweifle ich nicht, sie
wird sich dieß Vertrauen zu erhalten und zu si-
chern wissen, wenn es ihr nun auch von Ihnen zu Theil
werden wird.
Ich hielt es jetzt nicht für nöthig ein förmliches Zeug[-]
niß der Zufriedenheit mit Emilien hier beizulegen,
doch steht es derselben jederzeit zu Gebot, das beste
Zeugniß ist wohl, daß man sie gern in Dresden, wie
auch, nach einigem Aufenthalte in Gotha, als Kinder[-]
gärtnerin gern behalten hätte, indem sie sich bald
die Liebe der Kinder und das Vertrauen der Eltern
und der abgegangenen Kindergärtnerin zu erwerben
wußte, - wenn sie nicht vorgezogen hätte, dem Rufe
der Mutter und der heimathlichen Stadt den Vorzug
zu geben.
Mögen Sie geehrte Frau nun das selbst bestä-
tigt finden was ich nach meiner Überzeugung und als
Lebensthatsachen hier aussprach.
Mit achtendem Gruße
Ihr Ergebener
Friedrich Fröbel.