Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an Luise Levin in Rendsburg v. 3.6./5.6.1849 (Mihla / Bad Liebenstein)


F. an Luise Levin in Rendsburg v. 3.6./5.6.1849 (Mihla / Bad Liebenstein)
(BlM XXIII,56, Bl 214-219, Brieforiginal 3 B 8° 11½ S. - Nur scheinbar ein am Anfang unvollständiger Brief; Datierung.: Dreifaltigkeitsfest 1849 = 3.6.)

[In] Mihla, einem Dörfchen an der Werra, 2 Stunden von Eisenach west- nörd-
lich, also Dir mein Herz, in gerader Linie wohl um einige Stunden
äußerlich näher, in einem schönen Erkerstübchen im 3en Stock mit
der von fröhlichen Vögeln belebten grünen Laubkrone einer feinblättrichen
Linde gerad vor dem Fenster mit dem Blicke auf grüne Saaten, wal[-]
dige Höhen und durch die zartästige Lindenkrone mit dem Blicke
in den reinen tief blauen Himmel hinein, sitze ich Sonntags frühe
9 Uhr, am schönen Dreieinigkeitsfeste, dem Feste der Einigung in
und durch Treue, hier und gedenke Dein, schreibe im Seelenvoll eingen
Leben mit Dir meine Luise, diese Zeilen an Dich meine Freude, mein
Leben. Dieß herzförmige Blättchen was hier beiliegt hat all dieß
reine Geistes[-] und [Gemüths]Leben mit gelebt, war Zeuge meines heiteren
frohen Blickes in die Ferne; möchte es Dir, meine Einzige ein recht freund-
liches Bild dessen was es mit mir sahe in Deinem innern Auge hervorrufen
aber ganz vor allem das friedige Leben in Deinem tiefen Gemüthe pflegen
welches es mit mir theilte als ich es in innigster Einigung im Geist u Gemüth
Fühlen und Denken mit Dir lebte.-
Lasse mich meine liebe Luise, meine Geliebte, sogleich in solch reiner
seeleneiniger Stimmung auf den Grund- und Hauptgedanken; das
Grund- und Hauptgefühl Deines jüngsten und Deines vorletzten lieben
Briefes zurücke kommen. Du wünschest, hoffst und erstrebst auch als
Wirkung der innersten Lebensreinheit, und wahrer innerer Lebenseinigung
welche auch Einklang, Harmonie, Übereinstimmung in dem äußeren Leben
damit nothwendig ersehnt[.] Du ersehnst auch bald äußere Lebensäußerung
Du sehnst die Form der äußeren Lebensäußerung welche der Ausdruck
der innersten, reinsten und seelenvollsten, ja beseeligensten ist. Du, die
Du mich nun ganz im Denken, Handeln und Fühlen kennst, für welche ich wirk[-]
lich kein Geheimniß in mir erkenne, kein anderes als das natürliche, nothwen-
dige, daß eben meine Gedanken, Empfindungen, Gefühle die Bestimmungen meines
Handelns, mein Wollen in mir - daheim, in mir heimisch ist - Du kannst
wohl wissen, fühlen, und in all meinem Handeln erkennen, daß Dein Wunsch
einer der inneren Lebenseinigung entsprechenden äußeren Form auch der meinige
auch aus mit mir ist, schon um der Harmonie, des reinen Lebenseinklanges
willen nach welchem jedes Edeln Menschen Herz u. Sinn strebt; daher Du /
[214R]
auch ganz natürlich finden wirst, daß dieser Gedanke mich selbst seit sehr
Langem und besonders in der jüngsten Zeit sehr ernstlich beschäftigt hat
daß mir aber das gesammte Leben zur Verwirklichung dieses Gedankens, zu
Erfüllung dieses unseres beidigen schon im Geiste einigenden Wunsches noch nicht rein,
noch nicht klar und fest genug entwickelt erscheint, auf einem reinen, klaren
festen auch äußeren Grund muß aber nothwendig im Leben wie aus einem solchen
inneren - erstehen welches auch Reinheit, Einheit u Klarheit in allen äußeren
Erscheinungen beurkunden soll, und ein solches erstreben wir ja beide. Wie sehr
ich aber auch nun wieder aus diesem Grund, von dieser Lebensansicht aus,
auch die äußere Form der Lebenseinigung für die innere segnende wünsche,
spricht sich Dir, mein Herz, darum aus, daß ich mit Dir ganz vollkommen über-
zeugt, und selbst in mir ganz davon durchdrungen bin: - "nur in einem ganz
harmonischen, Inneres und Äußeres in vollem Einklange, ja Einigung zeigenden
Leben, kann sich auch die wahre Einheit alles Lebens beurkunden."
O, fasse, durchdringe mit Deinem Gemüth und Geiste, erkläre Dir mit der
Gesammtheit Deiner Lebenserfahrungen diese wenigen Worte, und Du kannst
Du wirst mich in all meinem Handeln, meinem Fühlen, Denken, Thun; - in mei-
ner Liebe zu Dir, zu den Kindern, zu den Menschen, wirst mich in meiner
Hingabe, meiner Ausdauer meiner Treue verstehen: - das harmonische
Lebensganze, den hohen innigen, darum so gar einfachen Lebenseinklang er-
sehne ich, welchen zu erreichen, darzuleben ebenso gewiß bestimmt sind, als
ihn jedes Blümchen und Gräschen wie jede hundertjährige Tanne und jede
tausendjährige Eiche erreicht und darlebt.

So weit schrieb und dachte ich diesen Brief in dem mir so freundlichen, durch
Deine geistige Nähe und durch das geistige Zusammenleben mit Dir, so
lieben Erkerstübchen zu Mihla, als ich ihn zu schließen, mindestens
ihn fortzusetzen durch eine Einladung in eine Familiengesellschaft
verhindert wurde. Jetzt wieder auf meinem alten Platze in Liebenstein
sitzend, setze ich denselben Dienstags am 5 Juny am schönen klaren sonnigen
am alles befruchtenden und zu schöner Entwickelung, Wachsthum und
Reife führenden Morgen weiter fort.- "Möchte dieser Morgen auch
mein und unser beiderseitiges einiges Leben auch zu so schönen Ent-
wickelungen, Wachsthum und Reife führen!"- Siehe dieß ist ja nur meine
einzige Bitte, mein einziges Gebet, möchten mir uns geeint es erfüllt werden!! /
[215]
Aber siehe auch ferner und beachte es mit mir - dieß Gebet u. dieser
Wunsch der kann uns ja auch erfüllt werden, wir selbst können uns
ja denselben erfüllen wenn wir den Wegen die uns Gott wie
in unsrem Denken und Fühlen, in unseren eigenen Lebenserfahrungen
ganz besonders aber in dem was um uns geschiehet und in der Geschichte
oder vor allem aber in der Natur zeigt, offen und baar vor uns
liegt, daß wir diesen mit Einsicht und freier Selbstbestimmung nachgehen.
Alle Lebensthatsachen aber zeigen sämtlich erstlich: daß alle Ent-
wickelungen von einem ersten, bestimmten, angemessenen Punkte
ausgehen; daß zweitens, dieser Punkt im Raume eine eben so angemessene und
sichere Unterlage, festen Grund und Boden unter sich haben müsse
aus und durch welche er die Nahrung und Säfte sich aneignet, welche
ihm Wachsthum und Gedeihen geben. Endlich drittens aber daß
die gesammte Umgebung aber der Ort ist, daß nicht nur der Grund
und Boden Nahrung und Säfte daraus bieten und bereiten kann,
sondern daß auch die ganze Krone grünend, blühend und fruchtend
sich darüber bewegt. Also liebe, liebe Luise, an äußerer Lebens-
sicherung müssen wir vor Allem arbeiten, in, durch und mit un[-]
serer inneren Entwickelung dafür wirken; damit wir uns dann auch
eines freien innern Lebens erfreuen können, eines auch
äußerlich dafür geeinten Lebens - kurz mit einfachem Worte
lasse uns vor Allem gemeinsam dahin streben, daß ich wieder auf festes
ganz gesichertes, bürgerlich selbstständiges Bestehen er-
ringe. Ich trage nun in mir den festen Glauben, die gewisse
Zuversicht, die volle Überzeugung; im liebenden, treuen, schönen-
den, nachsichtigen, milden, und doch wieder ernsten, wandellosen
Zusammenleben und Wirken mit Dir erringe ich es. Gern will
ich arbeiten vom Morgen, wo die Kräfte frisch und jung bis zum Abend
wo sie abgespannt, wenn mich nur Ordnung, Lebensachtung, Beachtung
und Pflege umgiebt. Aber liebe, liebe Luise, dieses selbstständig
gesicherte bürgerliche Leben muß ich mir wieder erringen, ehe
unser Leben auch äußerlich als das innig geeinte und einige, wel-
ches es in sich ist hervortreten kann und somit darf. Liebe, gute
theure Luise, wir würden unser Leben in seinen ersten zartesten /
[215R]
Keimen zerstören, ja vergiften wenn wir anders handelten.
Lasse uns zunächst in uns geeint dem Glücke u.s.w. Ande-
rer Leben [sc.: leben] ihnen gleichsam Alles gebend, damit sie wieder geeint, wenig jeder gebend
aber dennoch durch das Wenige
Vieler unser Lebensglück fördern. Darum, meine theure
Luise verschließe Deine Wünsche, Deine Hoffnungen selbst gegen
Deine Freundinnen und Dir vertrautesten, wie sie Namen
haben mögen in Dir, heiße sie Schwester oder gar Mutter;
in Dir - handelst Du entgegengesetzt so legst Du Deinem Leben,
legst Dir, legst gleichsam der ewigen Vatergüte, welche
uns bisher so freundlich und friedig leitete - Fesseln an
- die Menschen gestalten so das Leben und deuten es nach ihrer
Meinung, nun das kann und muß man sich gefallen lassen, die
Lebensgestaltung selbst bleibt doch frei in eigner Hand; anders ist es
wenn man für seinem Leben selbst zu voreilig eine feste Gestalt be-
stimmt hat.-
Doch nun zu dem Gleichwichtigen Deiner Reise selbst; denn Deine
anderen Wünsche hinsichtl[ich] des Kleides dessen Preisbestimmung und des
Geldes selbst wird Dir ein Brief klar beantwortet haben, welchen
Du in den jüngsten Tagen von Allwinen erhalten haben wirst.-
Von Dresden schreibt man mir, daß Rosalie R. [sc.: Reinhard] über hier reisen
und in 8 Tagen hier eintreffen wird; so denke ich wird sie also
gegen [den] 22-23[ten] nach Rendsburg kommen. Deiner Abreise steht nun
dünkt mich für den 30 Juny (Sonnabends) nichts entgegen. Reisest
Du früh ab, so hast Du den ganzen Tag in Hamburg für Dich und Allwi-
nen - (:doch höre ich die soll wegen ihrem Krankseyn von Hamburg
weg vielleicht nach Gernerode [gegangen sein] - diese triffst Du dann vielleicht nicht
mehr in Hamburg. Frage sie doch einmal warum sie nicht lieber mit
Dir hierher reiset?-). Siehe Luise nun kommt es darauf an
ob Du über Osterode, oder geraden Weges von Hamburg über
Magdeburg Halle und Eisenach hierher - oder von Osterode
über Cassel und Eisenach hierher, oder was mich das Kürzeste dünkt
von Hamburg über Haarburg, Lüneburg, Ülzen,
Celle, Hildesheim, Corvey (?) Carlshafen, Cassel nach Eisenach hieher reisen willst. /
[216]
Doch eben sehe ich mir den Fahrplan noch einmal klar an -, da muß
ich mich dann überzeugen, daß wenn Du nicht über Osterode reisen
mußt und gern willst
- Du wohl am kürzesten billigsten und sichersten
über Hamburg, Haarburg, Braunschweig, Magdeburg, Halle, Eisenach
reisest. Wie mein Fahrplan sagt, so reisest Du Nachmittags von Haar-
burg
aus und kommst Abends nach Braunschweig , daß [sc.: das] kostet        1 rth 22 Sgr.
Von Braunschweig reisest Du des nächsten Tages frühe über Mag-
deburg und Halle nach Eisenach ab.- Ankunft in Eisen[ach] Abends, kostet      3 [rth] 23 Sgr
So würde die 1½ jährige tägige Reise von Haarb[urg] bis Eisenach kosten rth 5 15 Sgr[.]
Von Hamburg nach Haarburg Überfahrt, ich weiß es
nicht, ich will viel nehmen, Alles in Allem ---                     15 Sgr
die Nacht in Braunschweig u.s.w.                       1. --
So dünkt es mich würdest Du die wesentlichen Reisekosten
ohne berechnete Überfracht, wenn Du Dich immer gleich
auf die größt möglichen Strecken, vielleicht gleich von
Braunschweig bis Eisenach einschreiben ließest, so daß
Du mit Deinem Gepäck wenig zu schaffen hast - mit             rth 10.-
bis Eisenach bestreiten können. Doch enthält dieß, meine Luise,
keinesweges eine Bestimmung, sondern ist nur damit man im
Allgemeinen weiß worauf man zu rechnen hat. Doch eben fällt
mir ja ein, Du hast schon einmal diese Reise gemacht, hast also
durch die Erfahrung die beste Kenntniß.- Nur auf 2 Sachen erlaube
ich mich Dich noch aufmerksam zu machen: - mache nicht zu viel kleine
Packete und - verwahre alles gut mit Packtuch wenn es Schach-
teln sind, und Kisten mit Nägeln u Stricken.- Auch überlege es mit
Dir nach Deiner eigenen Erfahrung und mit Andern - im Fall Du viel Über-
gewicht haben solltest vielleicht ½ Centner, ob Du da nicht besser thä-
test dieß einem Spediteur zur Besorgung zu übergeben z.B. in Hamburg
"J.H. Basch gr. Reichenstr. No 46 Speditions- und Commiss-
        ions-Geschäfte", um die Sachen per Eisenbahn zu befördern[.]
Aber Du thu[s]t vielleicht noch besser, Deine Effecten in Haarburg selbst
auf der Gepäckkammer für Eilgüter abzugeben. Jedenfalls
läßt Du dann die Sache[n] zur weiteren Beförderung an Hrich Pabst
Speditions- u. Commissions-Geschäfte in Eisenach zu weiterer /
[216R]
Beförderung an Friedr. Fröbel in Bad Liebenstein, senden.
- Hattest Du ein Bett in Deutsch Keilhau?- Würdest Du Dir
ein Bett nebst Bettbezügen von [zu] Hause kommen lassen?-
Genug solltest Du Dir irgend etwas, was eine angemessene
Schwere hat auch von Osterode hierhersenden lassen, so
thust Du immer am besten wenn Du es einem Spediteur
übergiebst, und zwar wieder zur weiteren Spedition
an oben genannten:- Hrich Pabst Speditions-u. Commissions-
Geschäfte in Eisenach zur Beförderung an mich übersenden
läßt.-
Nach all diesen Auseinandersetzungen ließe sich nun folgender Reise[-]
plan machen: - Sonnabend den 30 Juny reisest Du Vormittags
von Rendsburg ab, so daß Du noch Vormittags nach Hamburg kämest
hier hättest Du den Nachmittag frey, besuchtest zunächst Allwinen
wenn sie noch da ist, und da diese von Deiner Ankunft benachrichtigt,
so könnte diese zum Nachmittag die Auguste Steiner - die Christiane
Erdmann
zu einem Spaziergang zu sich eingeladen haben; oder
auch blos die Auguste Steiner und Du und Allwina könnten dann
mit dieser zu Christiane Erdmann bei Herrn Hoffmann in seinen
Kindergarten gehen, hier könntet Ihr Euch gemeinsam und abwech-
selnd einzeln sprechen und einen natürlichen Berufs- und doch höhern
Lebens Bund bilden - einen Bund und Verein zur Förderung
von Fried und Freude durch Erziehung, durch frühe Erziehung in
Familien u Kindergärten.- Doctor Marquart aus Dresden
schreibt von einem Verein der Fröbelianer (wohl aus Scherz)
den er bilden wolle. Ich liebe solche unmittelbare persönliche
Beziehungen nicht, allein - sich zusammen zu finden, ja sich zu ver-
einen, zu einigen um Friede u Freude durch frühe Erziehung in
Familien und durch Kindergärten in unserm Volke und unter den
Menschen zu verbreiten, dieß ist ein heiterer Gedanke, dem Mädchen[-]
Herzen, dem Jungfrauen[-] u Frauengemüthe leicht zugänglich und leicht
ausführbar im Leben. Christiane Auguste u Allwina werden
ihn gern u leicht auffassen und kommst Du hierher, so wird er auch
hier leicht unter den Jungfrauen, wie auch in Dresden bei diesen, /
[217]
wie bei allen Kinderngärtnerinnen und bei allen Mädchen, Jung-
frauen und Frauen finden, welche meinem, welche unserm Wir-
ken gewogen, förderlich zu gethan sind.- Dieser Bund läßt sich
in scherzend hingeworfener Rede bilden, wie scherzend hingestreute
Saamen wohl keimten, wurzelten, wuchsen, grünten, blüheten und
fruchteten, wie des Mannes flüchtig hingeworfenes Wort welcher
zu mir sagte: - "werden Sie Schulmeister Fröbel"[.]
So sagest Du freylich zu Deiner Auguste: Laß uns Kind, wenn wir uns
auch jetzt äußerlich trennen doch in uns geeint bleiben zur Förderung
von Fried u. Freude unter den Kindern, im Hause, in der Familie im
Kindergarten, du hast alles selbst empfunden, weißt, was die Worte
alles Schönes einen; so sagst Du heiteren Sinnes zu Deiner Fr: Cammerh[erri]n[:]
Scheiden wir auch jetzt äußerlich, die gemeinsame Förderung von
Fried u Freude früh im Kindes[-], im häuslichen und im VereinsLeben der
Menschen wird auch uns stets einigen; so sprichst Du zu Rosalien,
so redest Du zu euch allen und - Fried und Freude ist Euer Scheide- und
im Scheiden Euer Einigungsgruß, wie eint der Gruß des frohen
Wiedersehens.- Friede und Freude sind für mich die schönsten und
Bedeutungsvollsten Worte der deutschen Sprache - Friede u Freude
umfassen das ganze Leben Friede, das innere Seelen- u Geistes Leben
wie es still u sinnig sich äußerlich offenbart, Freude das äußere
Natur- und Menschenleben, wie es in seiner tiefen Geistigkeit inner-
lich wiederempfunden wird. Friede u Freude sind die Zwillingsge-
schwister des innern u äußeren Lebens - die Freiheit ist das unsichtba-
re geistige Band zwischen Ihnen beiden; wo ließe sich reiner
Friede ohne ächte innere geistige Freiheit, wo und wie ließ sich ächte
Freude ohne reine innere geistige Freiheit, wie beide ohne Reinheit
des Herzens
denken. Aber Friede u Freude, sie lieben beide, sie lieben
beide gemeinsam Eines: die Freiheit, die Reinheit des Herzens, Friede u
Freude können gar nicht ohne gegenseitige Liebe, ohne wahre Liebe ge-
dacht werden, Friede und Freude schließen also die Liebe, wie so diese
die Treue, und so den unvergänglichen Dank in sich. Friede u Freude
schließen aber auch wie die Freiheit, so die Wahrheit, die Güte
die Schönheit das Wahre, das Gute, das Schöne in sich; denn /
[217R]
läßt sich ächter Friede, reine Freude ihre Einigung dieser
3 Genien des Lebens in sich schließend denken, wenn auch, wenn
man streng will denken, aber eigentlich nie empfinden. Was
kann es also für den einzelnen Menschen, wie für das Menschen-
geschlecht und die ganze Menschheit höheres es geben als die frühe
Erziehung und entwickelnde Pflege zum Frieden, zur Freude?-
Es wäre darum schön, wenn Du meine Freude, die Du nun
durch Deine Liebe, Deine Treue, Deine Wahrheit, Deinen Dank, durch
Deine Güte und die Schönheit Deiner Seele Lebens und Seelen Frieden giebst
wenn ungeahnet und ungekünstelt aus Deinem Gemüth Wort u. Hand ein
Band, ein Verein, eine Einigung zur frühen Pflege u. Erziehung der
Menschen zu Friede Freude hervorgieng. Und ist er ange-
bahnt, so vertraue ich Dir darüber noch mehr.-
Dieß Alles meine Luise wurde angeregt und erzeugt durch
den Gedanken eines Gefälligen Zusammenfindens am letzten
Sonnabend in Hamburg.-
Nun zum Sonntag Vormittag in Hamburg. In Hamburg, das
weißt Du hat sich ein Frauen- und Jungfrauen-Verein zur Förde-
rung der Verbreitung der Kindergärten gebildet. An der Spitze
derselben steht eine gewisse Frau Johanna Goldschmidt .
Hoffmann schreibt mir sie wohne in seiner Nähe. Vielleicht
kannst Du sie schon sich Sonnabend Abends sehen u sprechen, wo
nicht, so sieh ob Du sie Sonntags früh aufsuchen kannst.
Eine andere für die Sache der Kinder mitwirkende Frau in Hamburg ist Frau Traun
kannst Du auch diese sprechen so ist es
mir sehr lieb; auch sie gehört zu dem gedachten Frauenverein[.]
Dieser Verein wünscht - lasse Dir es nicht unerwartet kommen
wenn Du es hörst - daß ich auf einige Zeit nach Hamburg komme,
und hat sogar, um diesen Wunsch nach den von mir gemachten
Bedingungen auszuführen, eine eigene Commission ernannt,
an dessen Spitze ein gewisser Dr Detmer, Director einer
großen Lehranstalt in Hamburg steht. Kannst und willst Du
auch diesen ihn von mir grüßend heimsuchen, so ist es mir lieb,
denn ohne allen Zweifel ist Hamburg in diesem Augenblick /
[218]
der wichtigste Ort in Deutschland zur Pflege der Kindergärten
ist wie überhaupt der Pflege meiner und unserer erziehenden
Bestrebungen. Ich weiß nun zwar nicht wie lang oder wie kurz es Dir
möglich seyn wird in Hamburg zu verweilen; es kommt natürlich
wohl viel darauf an ob Allwina bei Deiner Ankunft oder vielmehr
Durchreise noch in Hamburg seyn wird oder nicht; allein, so kurz auch
immer Dein Aufenthalt daselbst seyn möge suche [D]ich etwas mit den
Richtungen der sich dort regenden Geister bekannt zu machen und
suche ihre, wenn auch in Manchem entgegengesetzte, doch auch in ande-
ren Beziehungen wieder gleich, - als entgegengesetzt gleiche Glieder
sey es auch in keiner sichtbaren vollen, doch in einer unsichtbaren
geistigen Mitte zu einen. Du verstehst dieß ja so vortrefflich.
Kürzestens würdest Du also eine Nacht von Sonnabend zum Sonntage
in Hamburg bleiben, also erst Sonntags Nachmittags so über
Haarburg abreisen, daß Du noch bis Braunschweig kämest.
Hier bliebest Du dann zu Nacht, vielleicht in dem zunächst gelegenen
Gasthaus "zur Stadt Bremen", welcher mittleren Art, oder in dem
etwas ferner gelegenen, auf dem Markte ich glaube Deutsches Haus
welches besser ist. Kehrst Du im ersteren ein so wohnst Du, wo auch
ich zweimal übernachtete.- Fährst Du nun Montags früh am 2n
July von Braunschweig weg, so würdest Du am selbigen Abend
gegen 8 Uhr in Eisenach ankommen. Würdest Du dagegen in
Hamburg durch die Umstände bestimmt einen Tag länger bleiben
so würdest Du Montags Nachmittags über Haarburg nach Braun[-]
schweig
und so am Dienstag Abends spät nach Eisenach kommen[.]
Jedenfall[s] wünsche ich Deine Ankunft in Eisenach ob sie am 2n, 3n
oder gar erst am 4n July sey ganz genau zu wissen, weil ich sehr
gern, wenn es mir anders das Leben möglich macht, Dich in Eisenach
empfangen möchte. Ich wünsche aber, daß Du ohne zufällige Be-
gleitung dahin kommest, es sey denn, daß es sich als wirklichen Zu[-]
fall fände, daß Du eine künftige Schülerin mitbrächtest, sonst
wünsche ich, daß Du allein nach Eisenach kommest um dort erst
ganz ruhig mit Dir [sc.: mir] das Leben zu besprechen. Einen und einen halben
Tag denke ich dann mit Dir in Eisenach zu verweilen; und nach- /
[218R]
dem Du Sonntag oder Montags Nachmittags von Hamburg ab-
reisetest, würdest Du Dienstags Montags oder Mittwochs Dienstags Abends in
Eisenach ankommen. Ich dächte wir setzen gleich im Allgemeinen
Dienstag den 3n Jul. fest. Weil jetzt wegen der jetzigen vielen
Reisenden und des Ziehens des Militärs oft alle Gasthäuser
überfüllt sind, so will ich einige Tage vorher uns Zimmer

im Thüringer Hof am Carlsplatz in Eisenach
für den 3', 4n bis 5n Nachmittags
bestellen. Ists möglich so hole ich Dich auf dem Bahnhofe ab,
wenigstens fändest Du dort einen Wagen mit dem gleichen Schilde
welcher Dich und Deine Sachen nach dem genannten Gasthofe
bringen wird.
Schreibe mir nun bald ob dieser Plan Deinen Wünschen und
Verhältnissen zusagt. Immer am 4n Tage der Aufgabe
erhalte ich Deine Briefe, wie auch Du aus Hamburg.
Gern hätte ich Dich mit der Nachricht überrascht, daß ich
vielen Bitten nachgegeben und mich habe zeichnen lassen
aber auch um zugleich unsere Bestrebungen dadurch zu för-
dern; da ich aber doch vermuthen muß daß man es Dir in
Hamburg sagt, so lege ich hier eine Einladung des sich in Dres-
den
für diesen Zweck gebildeten Vereines bey.-
Damit Dich auch in Hamburg nicht noch eine andere Nach-
richt überrasche die - daß ich den Hamburgern verspro-
chen habe auf einige Monate im kommenden Spätherbst
nach Hamburg zu gehen wenn sie mir Wohnung, Kost rc
ganz frei geben und mir dann monatlich noch eine reine
Einnahme von Rth 100 zusichern. Du wirst leicht einsehen
daß ich dadurch - wenn die Sache zu Stande kommt, die
Begründung unseres neuen Unternehmens sichern will,
außerdem denke ich wenigstens für Rth 100 Schriften
und BeschäftigungsMittel, wegen des Christfestes viel-
leicht noch mehr abzusetzen. Das Christfest denke ich dann
wieder in Liebenstein bei Dir zu verleben u. mit Dir. Ich schreibe
Dir dieß, damit Dich nichts in Hamburg überrasche; daß Du mich /
[219]
als einen treuen, sorgsamen Hausvater erkennst und liebst
welcher gern sein Haus auf sogenannt sichern Grund baut.
und [sc.: Und] gern werde ich dabei überall Deinen gestaltenden Geist,
Deine helfende Hand sehen.
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Deine und Deiner hoch geschätzten Eltern innige Freude an den
Kindern, an den Früchten Deiner liebenden Pflege theile ich
innig; gern schrieb ich jedem ein paar Worte; sage es ihnen mit
meinem Gruß; allein ich habe geistig, lehrend u schaffend zu
viel zu thun; nochmals grüße alle jeden in seiner Weise doch herzlich.
Die Mittheilungen von all Deinen lieben Pflänzchen, wenn Du
zu mir kommst werden sie oft der Gegenstand mich belehrender
Gespräche mit Dir seyn. Wie vieles werde ich von Dir, durch
Dich lernen! wie schaffend wird mein Leben unter dem Schutz
und der Beachtung Deiner Liebe hinfließen!-
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Sobald Du Antwort von Deinem Bruder bekommst, theile sie mir mit.
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Wegen des Kleides nur noch dieß eine Wort: jeder Stoff und jede
Farbe die und den Du wählst ist mir vollkommen recht; denn
ich wünsche darin Dich zu sehen, Dich darin friedig u freudig
zu sehen. Aber auch die Preisbestimmung lege ich in Deine Hand
schreibe mir nur ob Du glaubst zu Kleid, zur Reise, zu
Deinen sonstigen Bedürfnißen an dem Dir bei Allwinen an-
gewiesenen Gelde genug hast; ich kann ja nicht genau be-
stimmen wie viel Allwina abzahlen kann u wird; also
offen Deine weiteren Wünsche[.]
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Lasse es Dich ja nicht im Mindesten trüben, prüfe daran Deine Seele,
Deinen Geist, Dein Gemüth Dein Herz - Daß Du nicht auch äußerlich
ganz als die Meine in Liebenstein seyn oder eintreffen kannst -
es würde jetzt die größte Trübung u. Störung unseres reinen
Lebens geben; o bitte, bitte laß es Dich nicht trüben, vertraue
der liebenden Vatergüte welche uns bisher so liebend leitete, /
[219R]
vertraue auch mir dessen Leben mit dem Deinen ja eines ist,
daß er prüfend das Beste wählt.
Willst Du und glaubst Du in Lüneburg zur Förderung des Ganzen
oder, wie ich schon aussprach sonst noch wo auf Deiner Reise
einzusprechen [sc.: einsprechen] so habe ich gar nichts dagegen; denn was
das Leben irgend wie frei hier oder später fördern kann
muß mir ja wenn es gepflegt wird - lieb seyn.
Dein nächster Brief wird wohl der letztere seyn
welchen ich aus Rendsburg von Deiner Liebe erhalte.
In Liebe und Treu stets DFrFr.