Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an Luise Levin in Hamburg v. 27.6.1849 (Bad Liebenstein)


F. an Luise Levin in Hamburg v. 27.6.1849 (Bad Liebenstein)
(BlM XXIII,63, Bl 238-241, Brieforiginal 2 B 8° 8 S.)

Bad Liebenstein am 27 Juni 1849


Meine theure Luise.

Anfangs dachte ich Dir auf Deinen letzten lieben
Brief aus Rendsburg recht viel zu antworten, ein[-]
mal in Beziehung auf unser eigendstes persönliches
Verhältniß hinsichtlich der Trauer und Klage, die
sich darin von Dir ausspricht, welche doch auch nicht die
leiseste innere Begründung hat - (unser Verhältniß
ist aber ein vorwaltend innerlich begründetes, und
dadurch erhält es eben seine Reinheit, seine Kraft, die
Möglichkeit seiner Verwirklichung im Äußeren)
erhält - wir waren also über unser Leben und seine
Äußerung stets ganz gleicher Meinung; mir aber
hängt die Äußerung eines Innern, eben, weil es
im Äußern hervortritt von Zeit, Ort und Umständen [ab,]
welche man nicht in jedem Augenblick in seiner Gewalt
hat, das sind ja eben die Eingriffe, welche sich die
Summe der Lebensgeschicke, das Schicksal auf den
Menschen, hat, ist das was die alten classischen
Naturvölker Fatum nannten und welches zu achten
und anzuerkennen so sehr auffordert. Gegen das
Ende Deines lieben Briefes sagst Du durch die letzt[-]
empfangenen Briefe veranlaßt: - "Laß uns auch
"Alles andere so behandeln, so sorgsam prüfen". - /
[238R]
Das ist es ja eben, was meinem Leben für mich
noch einen solchen Werth gieb[t], daß ich es in Ei-
nigung mit Dir in Klarheit, Reinheit u. Voll-
kommenheit darleben soll. Nun lehrt uns aber
der Baum, daß ein inneres Leben auf verschiedene
Weise in Klarheit, Reinheit und Vollkommenheit
dargelebt werden kann: als Blätterknospen- und
Zweigleben - als Blüthenknospen- und Blüthenleben, u.
als Fruchtleben in verschiedenen Abstufungen: von
dem sauern Fruchtansatz, bis zu vollendet reifen Früchten
aber alle Darstellungsstufen sind an Zeit u Raum, Ort
gebunden und keine darf zur vollendeten Darstel-
lung und Ablösung der Frucht übersprungen [werden]. Ver[-]
zeihe mir, mein Leben, daß ich über diesen Gegenstand
noch so viel sage indem mir der Schluß Deines Briefes
sagt, daß wir im Gemüth u Geist, somit auch im Han-
deln einig sind; - doch es ist gut, daß sich innere
Gemüths- und Geisteseinigung, auch in einer äußern
Sach- u Gegenstandsanschauung einige.
Wie nun an der klaren und vollkommenen Ent-
wickelung Deines Lebens, nehme ich auch Theil an dem
Deines Bruders in Elbing; denn wie könnte ich das
Wohl eines Gliedes einer, sich in Lebenseinigung fühlen[den]
Familie mich zu fördern bemühen, ohne dabei das /
[239]
Wohl der Ganzen Familie und jedes einzelnen Glie[-]
des derselben im Auge zu haben, wenn nun noch be-
sonders die Forderung {einiger / vieler} derselben sich in dem höchsten
bedeutungsvollsten Ruf der aufkeimenden Mensch-
heit - die das Leben durchlebte; in dem Rufe: "Erziehung"
ausspricht. Das Urtheil Deines Bruders, seine Lebensan-
sicht ist recht, ist im höchsten Grad wahr; allein es ist eben
so im höchsten Grad "falsch" er ist damit auf dem Holz-
wege
des Leben[s], wird er ihm folgen; so wird er entwe-
der in ein Labyrinth des Lebens kommen aus welchem
er sich kaum herausfinden wird: er wird ein Raub des
Minotaurus des Lebens werden; oder er wird mit
seinem Wünschen, Wollen und Streben sich immer mehr Zwang[-]
artig zusammenziehen, wodurch er nur das Kleinste
selbst- und freithätig erreicht, was er früher erstrebte.
Der Grund davon ist ganz einfach, und das Lebensganze
hängt sozusammen, in diesem ist mein Urtheil gegründet
es ist nicht mein Urtheil, es ist das Urtheil der fortge-
schrittenen Zeit u Menschheit. Wie ich sagte Dein Bruder
hat Recht, vollkommen wahr, allein es gründet sich auf
die vor unsern Augen unsichtbar abgelaufene alte
Zeit; doch der Frühling will nicht nach dem Winter, der
Sommer nicht nach dem Frühling u.s.w. beurtheilt werden
der alte Bücherverschleiß, oder Bücherverkauf und Bücher[-] /
[239R]
umsatz hat auf aufgehört. Der Verkauf eines Buches
hängt im Allgemeinen nicht mehr von den Literaturzei[-]
tungen, Renzensionen [sc.: Rezensionen] und Annoncen ab, sondern von
der praktischen Bewährung des Buches im Leben, welche
sich von Mund zu Mund und so von Personen zu Personen
mittheilt. Ich habe ja den Beweis in Händen: wo
ich den Geist, den Gebrauch, den Nutzen meiner Erzieh[un]gs-
mittel nachweisen kann, da werden solche, wirklich
mit Begierde gesucht gelesen und beachtet. Alle meine
Kindergärten und die Orte, wo ich Mittheilungen, persön[-]
liche und mündliche Mittheilungen davon machte sind Zeuge
davon. So z.B. Soll ich nächsten Winter einen Kreis von
100 Frauen, und einem andern von 20-25 Jungfrauen
in Hamburg Mittheilungen darüber machen.- Wenig-
stens die Hälfte davon werden sich im Laufe der Vor[-]
träge meine Erziehungs- und Kinderbeschäftigungsmittel
aneignen u. kaufen, ja durch ihre Mittheilungen wird
sich das Urtheil von deren Werth weiter verbreiten[.]
Anderer Städte werden im gleichen Sinn u Geiste
nachfolgen, und - so haben wir für unsere litera-
rischen und industriellen Producte die Consumen-
ten
, deren Käufer und ihre Vermehrung in unserer Hand;
da ich aber völlig von der geistigen Seite der Darstel-
lung von den Vorträgen ganz in Anspruch genommen [bin,] /
[240]
so kann ich meine Kraft weder auf die industrielle und
buchhändlerische Ausführung der Gegenstände richten
- (:die doch nebenbey sey es gesagt von den Freunden meiner
Bestrebungen so sehr ersehnt werden:) - noch auf die industrielle Dar-
stellung der Kinderentwickelungs- und er-
ziehenden Beschäftigungsmittel; Aufträge bis nach <Trie[-]
est> lagen mir vor, es war mir unmöglich sie auszuführen
wie früher selbst nach Warschau. Hunderte hätte ich an-
nehmen können, hätte ein Mann, in den Geist der Sache
eingedrungen, das Geschäft geführt, wie es mir nicht ein-
mal möglich ist manche Posten einzucassiren, wie ich den
furchtbaren Verlust erlitten hatte; dadurch, daß ich mit ein-
fachem Worte: - der geistigen Fortbildung des Gegen[-]
standes hingegeben - die Sache im Äußerlichen und im
so nöthigen strengen Geschäftsgang - sich ganz selbst ü-
berlassen mußte. Wie es nun gieng, so gieng es.- Hun-
derte gingen dadurch verloren, Tausende blieben da-
durch unentwickelt, in dem dunkeln Schacht der Men-
schenkraft vergraben. Sollten wir nun nicht wenigst[ens]
wünschen, daß solches Gliedern des erziehenden Kreis[es]
zu Gute käme?- In meinem engern Lebenskreis ist
aber kein Geschäftsmann und nochweniger ein Geschäfts[-]
Mann nach dieser Seite hin - und so komme u kam ich
zu dem Antrage welchen ich Deinem Bruder machte und
wiederhole. Was will ich denn von Deinem Bruder?-
Er soll mir nicht glauben; ich will ihn nicht zu der Annahme /
[240R]
bestimmen, allein ich wünsche, daß er als Dein Lieber
von Dir geliebter Bruder, und mir darum werth u.
achtbarer Mann und Vater die Sache ernstlich prüfe.
Nach Deinem Briefe schreibt er Dir .... "dann würde
"mir das Offert Fröbels ein Rettungsanker seyn" -
ja offen gestanden, ich wünsche, daß es ihm das werden
soll; er fährt aber fort, ["]wenn ich zu Verlags-unter-
nehmungen Vertrauen haben könnte["]
. Ich mit meinen Er-
fahrungen in Beziehungen auf den hergebrachten, alten Schlen-
drian des Buchhandels unterschreibe dieß 10 und 20mal
darum müssen wir ein ganz neues, ganz anderes Buchhänd-
ler- und Verlagsgeschäft und VerbrauchsWeg und Gang
hervorrufen. Darüber läßt sich nun aber nicht schriftlich u
brieflich mittheilen, so etwas muß mann [sc.: man] im Leben in
der Wirklichkeit schauen und darauf sein Urtheil sein
Handeln gründen, deshalb bitte ich nur nochmals: er soll
sobald Du hier wirkend in Deinen Beruf eingetreten bist, Dich
und uns besuchen, allein er soll das ominöse "Zu spät!["] mei[den].
Ich setze dabei freilich voraus, daß Dein Bruder ein allseitig
lebenskräftiger, verständiger u vernünftiger, thätiger
aber auch wirklich was die Zeit jetzt vom Manne fordert:
ein unternehmender Mann ist. Dir u Euch liegt nun das
Ganze vor, ich habe nichts mehr zu sagen.-
- Sehr gern nun möchte ich Dir und Euch meine Theilnah-
me an Euerm schönen erhebenden Lebens- und Familienfeste
bethätigen. Zu diesem Ende übersende ich Dir für die geehrte [Mutter] /
[241]
Deines lieben Pathchens - "Die Mutter- und Koselieder" und
für Deinen kleinen Pathen eine Farbenfolge von Bällen
mit den dazu gehörigen Liedern. Gerne hätte ich zu dem
Familienbuch ein paar Worte hinzugefügt: doch ich war und
bin noch geistig sehr in Anspruch genommen, daß es mir nicht
möglich werden wollte. Doch Du kennst alle Personen besser
und so wirst Du, wenn Du willst auch Besseres hinzufügen.
Auch zu den Bällen wollte ich für Dein kleines Pathchen ein
paar Worte andeuten, doch sie liegen nahe und es ist über[-]
wiegend besser, sie gehen frisch u frei aus Dir hervor, denn
die Worte, welche meine Pathin bei meiner Taufe in einem
bei uns sogenannten Pathenbrief schrieb, sind für mein ganzes
Leben bestimmend gewesen, als ich solche später fand.-
- Der Ball ist dem Kindchen zuerst ein Vertreter jedes
Einzelnen Dinges, des Einigen wie des All[s]; des selbst-
ständigen Ruhens in sich, der selbstthätigen Bewegung
es ist Stoff und Maaß für seine Kraftäußerungen
und so Frieden, Befriedigungen, Freude, Lust und Frei-
heit, Selbstwahl, Selbstprüfung herbeiführend, sie
als ein Farbenganzes führen ein in das Reich, des Lichtes,
der Harmonie, des Einklanges, und so abermals zum
Frieden, zur Freude und Freiheit der Thätigkeit, - wer
darum als Kind an der Mutterhand u von ihr geleitet
geführt in diese Reiche eingeführt worden, den werden die
drei Genien Friede, Freude u Freyheit durch das ganze Leben
geleiten; dieß aber wünsche ich Dir mein Kind heut am Tage /
[241R]
Deiner Einführung und Einweihung in des Lebens Einklang
in die Einigung alles Lebens, also in die Einigung aus
Gott der Lebens Einheit, des Lebens Grund u Quelle,
mit Jesu[s] der als der Erste und hier bis dorthin Einzelne
dasteht welcher die Menschen und frühe schon im Kindchen zu
dieser Gotteseinigung hinführen lehrte; und zur Einigung mit allem
Göttlichen, dem Geist Gottes der sich in allem u Jeden [zeigt,] weil
alles und Jedes nur diesem Geiste sein Daseyn verdankt,
somit am Tage Deiner Einweihung in die alleserschöpfende
und befriedigende LebensEinigung.
Wie Deiner lieben Schwägerin u Pathchen so auch Deiner
lieben Mutter (durch die Tasse) Deiner lieben Schwester
Dorothe (durch die Prosche welche die Wartburg darstellt)
Und [sc.: und] Deinem lieben Bruder (durch den Aschenbecher) wünsche
ich meine Theilnahme an Eurem LebensFeste zu bethätigen.
- Du findest nun noch eine Prosche mit dem Curhause u
dem Springbrunnen von demselben. Als ich in der Porzel-
lanhandl[un]g war hatte ich nicht an die Koselieder gedacht
daher bestimmte ich diese Prosche für Deine Schwägerin, die Frau des
Festes, Du kannst solche ihr nun auch noch geben damit in diesen
Gaben unter diesen 4 Harmonie sey, oder sie verwenden wie Du Lust
hast.- Ich hoffe nun von Dir in so rascher Zeit Nachricht
Deines Abgangs v. O.- [sc.: von Osterode] und Eintreffens in Eisenach, daß ich Dich
mit Sicherheit dort treffen u abholen kann. Ich hoffe Du
wirst in jedem Worte meine herzlichen Grüße an die lieben
Deinen finden, daß es keiner Aufforderung mehr bedarf, sie auszu[-]
sprechen.- Ich weiß nicht wieviel Du kleine Neffen u Nichten hast, so lege ich ein paar
Spiele für sie bey. DFrFr.