Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an Luise Levin in Osterode v. 28.6.1849 (Bad Liebenstein)


F. an Luise Levin in Osterode v. 28.6.1849 (Bad Liebenstein)
(BlM XXIII,64, Bl 242-245, Brieforiginal 2 B 8° 8 S.)

Bad Liebenstein bei Eisenach am 28' Jun. 49.


Meine liebe Theure.

Du wirst Dich wundern, daß ich Dich in Osterode
nochmals brieflich begrüße, davon ist der Grund
ganz einfach, daß so weit meine Einsicht und vor
allem meine Kraft reicht, ich gern Halbes ver-
meide.- Halbes Thun wirkt ob [sc.: oft] nachtheiliger als da[s]
gänzliche Unterlassen. Ich habe nun in dem vori-
gen Briefe in Beziehung auf Deinen Bruder in
Elbing eigentlich Zutrauen zu mir und der Sache
gewünscht; ja, ich mußte es eben um der Sache wil[-]
len und um jedes Einzelnen, dabei Betheiligten es
forde[r]n. Nun habe ich zwar als Begründung meines
Wunsches und meiner Forderung mich dabei auf früh[-]
er genossenes und empfangenes gestützt z.B. in
Dresden; doch dieß könnte man sagen es ist vorbei
(allein das Blättchen welches ich Dir in Beziehung
auf mein Bild schickte beweist: daß auch dort noch
geeint eine Wahrheit für stetige Fortentwicke-
lung zur Vollkommenheit wirkt.) Ich habe das
Zutrauen zu mir und zu dem Ganzen, also eigent[-]
lich zur Idee in Deinem Familienkreise namentlich bei Deinem Bruder zu begründen
auf Hamburg für nächsten Winter hingewiesen
aber darauf kann man antworten: nun das liegt /
[242R]
in der Zukunft wer weiß obs geschieht. Also die
Beweise des Zutrauens auch in der Ge[-]
genwart zu meinem noch unvollkommenen Wir-
ken bin ich Dir, Euch und besonders Deinem Bruder,
- wenn Du anders davon Gebrauch machen willst -
schuldig. Da haben [sc.: habe] ich nun ganz jüngst ein paar Brie[-]
fe bekommen welche hoffentlich die bisherige Lücke hin-
länglich ausfüllen, welche ich darum hinsichtlich des
Wesentlichen wörtlich im Auszuge mittheilen will.
"Ramholz bei Schlüchtern in Kurhessen 20 Jun 49"
"...Ich habe eine Tochter von 21 Jahren, gebildet, und
"evangelisch, streng sittlich erzogen,gutmüthig, sanftmü-
"thig, in weiblichen Arbeiten, worin sie Unterricht
"erhalten hat, geschickt u fleißig, schreibt eine ziemlich gu-
"te Hand, versteht etwas Klavier u. kennt die
"Anfangsgründe der französischen Sprache. Diese hegt
"den sehnlichsten Wunsch sich zu dem Erzieher Beruf aus
"zu bilden. Wir, sie und ich wünschen, daß es unter
"ihrer [sc.: Ihrer] Leitung [geschieht] indem wir in Erfahrung gebracht haben,
"daß Sie Vorsteher einer solchen Anstalt sind, wie ei-
"ne Freundin meiner älteren Tochter befriedigte Schüler-
"in ist. Bitte deshalb um die Bedingungen.-["]
Warum ist mir dieß so wichtig, weil es die erste Mutter
ist die sich für in Beziehung auf ihre Tochter an mich wen-
det. Die Überzeugung der Tüchtigkeit der Sache hat sich
nun bis zu einem Mutterherzen Bahn gebrochen und es
wird /
[243]
es wird bei dieser Einen nicht bleiben; besonders wenn
meine Luise mit ihrem weiblich-mütterlich pflegenden
Sinne zur Seite steht; so wird gleicher Wunsch auch
in andern Mutterherzen geweckt werden; auch das
Gute wirkt wie ein Saamenkorn, sich vermehrend
fort.- Doch höre nun den zweiten Brief. (Der
vorige war von der Gattin des Amtm: Hildenbrand
im oben genannten Orte. Dieser ist von
"Rothenbaum bei Hamburg am 25. Juni 1849.
"G. Herr .... Ich werde die Freude haben, Ihnen mei-
ne Tochter Helene zuzuführen.... Das geregelte Ganze
Ihrer Lehrmethode, so wie die Idee selbst haben so wohl
meinen Mann als mich für die Sache begeistert, und
ich glaube, daß wir unserer Tochter keinen größeren Schatz
mitgeben können, daß nichts ihr Gemüth mehr veredeln
und nichts sie würdiger machen kann ihren Beruf als
Weib zu erfüllen wie die Anleitung unter ihrer [sc.: Ihrer] wür-
digen Aufsicht es thun wird. Helene: 19 Jahr alt,
unverdorben einfach mit kindlichem Gemüthe....ich
habe nun offen Ihnen Helene auch mit Ihren [sc.: ihren] Mängeln
geschildert, doch hoffe ich daß Sie selbige lieb gewinnen werden.
- Am 2en oder 3n Juli werden wir bei Ihnen eintreffen,["]
u.s.w. u.s.w. Warum lege ich nun auf diesen 2en Brief
der Gegenwart so viel Werth, nochmehr als auf jenen?-
Weil es der allererste Brief ist, wo Eltern geeint, so[-]
mit der Vater im Einklang mit Mutter und Tochter, sich /
[243R]
hinsichtlich der Bildung letzterer, nicht um eines Zwec-
kes
außerhalb derselben, sondern um ihrer eige-
nen Bildung, um ihrer Bildung zur Gattin u Mut-
ter willen an mich wenden. Und nicht als Gedan-
ke, Wunsch nein! mit augenblicklicher Ausführung
des Erkannten Rechten.- Siehe meine theure Luise.
Hier habe ich und nun doch einmal schon in mei-
nem Leben den höchsten meiner Wünsche, meiner Ziele
meiner Zwecke erreicht. Gelingt es mir nun an
Deiner Hand und mit Deiner Hilfe das Mädchen zur
treuen und vollkommenen Erfüllung ihr[er] einstigen
Gattin[-] und Mutterpflichten mit Selbstwahl und Selbst[-]
bestimmung von ihr aus, also mit freudigem Bewußt-
seyn hinzuführen, so habe ich das schönste Ziel meines
Strebens erreicht.- Doch bei dieser Einen wird
es dann auch nicht bleiben, und siehst Du so hat mein
Wirken in weiblichen, in Mutterherzen, im Familien-
Leben Wurzel geschlagen und so ist von nun an meine
Wirksamkeit nach jeder Seite und namentlich die
buchhändlerische u industrielle gesichert; mit jedem
Kinde das geboren wird wird das Bedürfniß <meiner>
Bildungsmittel geboren. Mit jeder meiner Schülerin[nen]
nur nicht abhängig von einer Stelle entwickelt sich das
Bedürfniß das hier anschaulich vorgeführte u durchlebte
nun auch zur bleibenden Fortbildung in Schrift Zeich[nun]g
und Ton zu besitzen. Ein solches Vertrauen ein solches /
[244]
Glauben an einen Mensch[en]wohl und Familienglück
zunächst begründeten Gedanken ist seit Jahrhunder-
ten nicht da gewesen und beides wird sich täglich
steigend entwickeln. Ein solches Vertrauen ein sol-
ches Glauben steigt jetzt wie die weißen Seerosen
aus der Tiefe auf die dunkle Oberfläche des Lebens.
Und - ein ganz gewöhnliches deutsches Sprichwort sagt
in der Weisheit auf der Gasse: - nicht an das Unter[-]
gehende hefte Dein Glück, sondern an das jugendlich
frisch u froh empor Strebende: - der alte Buchhandel
ist vernicht[et], auf dem unmittelbar lebendigen Lebens[-]
wege soll das über das Leben belehrende gedruckte
Wort ins Leben eingeführt werden. Doch nun genug.
Hat Dein Bruder keinen Muth, haben die widrigen
Lebenserfahrungen seine Kraft gebrochen, kann er von
stillen geheimen Zweifeln an die Sache sich nicht in sich
frei machen; so ist es für ihn für mich und Dich und
für die Sache in allen Beziehungen besser er bleibt
wo er ist, denn - der Zweifel ist das größte Gift
für jede aufstrebende gute, wahre, schöne Idee; er ist
der Teufel, der sie zu untergraben strebt.
Ich freue mich aber Dir, meine Vertrauende und
Deiner vertrauenden Mutter und vertrauenden Glie-
dern Deiner Familie in Osterode dieß durch Dich vor-
zuführen, denn auch sie werden nun, hoffentlich alle
mit erhöhtem Vertrauen, Dich in Deinen neuen /
[244R]
Wirkungskreis als den weiblichen Vorstand
in mein Erziehungsunternehmen ziehen lassen.-
Allein nicht nur treu in der Ferne hat man
eine gute, eine hoffende Meinung von meinem
Wirken. Tagtäglich und zum Öfteren zweimal
besucht mein Wirken und nimmt Theil an den
Vorträgen - Übungsstunden, - wie Kinderspielen
ein Badegast: - eine Frau Gehei von Mahrenholz
ihr Mann - von welchem sie glaube ich getrennet
lebt ist der Geheimerath Mahrenholz in Hannover.
In Ihrer [sc.: ihrer] Begleitung ist dann gewöhnlich ihre Tochter
wie andere Damen z.B. die Gema[h]lin des hiesigen
Badedirectors, des Oberamtmanns in dem nahe liegen-
den Städtch[en] Salzungen.
Heut war die Herzogin Bernhard von Wei-
mar, die Schwester des hiesigen regierenden Herzogs,
und die Schwester der verw: Königin von England
mit ihrer Toch[t]er der Prinzeß Anna drei Stund[en] hier.
Henriette Breimann selbst ist schon Lehrerin
zweier Kinder. Hab mich [sc.: ich] erst eine entsprechende
Hülfe zusammen, so findet sich bald eine größere
Schule und Knaben[-] wie Mädchenerziehungsanstalt.
- Ich wollte Du lerntest ein[en] jungen kräftigen bis [sc.: für]
das Wahre Schöne u Gute und dessen Darstellung begeisterten
Mann überwiegend mit Musik- und Gesangs-
fertigkeit kennen, und dächtest dann zugl[eich] auch auf /
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einen Weg wie Du uns beide gegenseitig bekannt
machtest aber, aber Luise - Thatkraft muß er
haben, der Begeisterung muß er fähig seyn. Mich vor-
zuspannen habe ich jetzt keine Zeit mehr, meine
helfenden müssen, durchdrungen vom Wahren, von Wegen
Mitteln und Weisen der Idee sich selbst treiben.-
- Nur solche Menschen kann ich brauchen[.] Es liegt zu viel
auf mir und uns. Unser Leben u Wirken ist in je[-]
der Hinsicht zu wichtig zu groß.
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Gestern habe ich ein Packet von hier an Dich abgesandt
ich hoffe daß Du es gestern [sc.: heute] erhalten hast es ist gez[eichnet]
Frl. L. L. Osterode am Harz.- In demselben hoffe
ich daß Du noch Ganz eine Tasse gefunden hast. Ich habe
aber vergessen zu sagen, wovon sie das Bild enthält,
- vom sogenannten "Alten Liebenstein" einer
schönen Ruine aber oben auf dem Berge, welcher sich
hinter Liebenstein hinzieht. Weil Du sie gewiß mal
besuchen u Deine[r] Mutter dann von ihren Gaben erzählen
wirst, so wählte ich diese Zeichnung für sie.
Solltest Du etwas von Osterode hierher senden
wollen z.B. Bett, so wäre es schön wenn Du es ein
paar Tage vor Deiner Abreise von Osterode ab-
sendtest damit es mit Dir zugleich ankäme.
Du übergiebst es am besten einen Commission [sc.: Commissionär ?] und sen-
dest es zur w. Bef. [sc.: weiteren Beförderung] an Hrich Pabst Speditions[-] u /
[245R]
CommissionsGeschäfte in Eisenach.-
An Friedrich Fr. auf dem Gute in Bad Liebenstein
Heut oder Morgen denke ich nun wirst Du von
Rendsburg abreisen; <nun / und> so erwarte ich bald
die bestimmte Anzeige Deiner Ankunft in Eisenach
Gott befohlen ich Du und wir alle.
- Grüße mit Liebe u Achtung all die Deinigen
DFrdFrFr.

Du kannst auch ehe Du wieder an Deinen Bruder nach
Elbing schreibst warden [sc.: warten] biß [sc.: bis] Du hier selbst alles
erfahren hast. Ich wollte nur daß Du es auch
mit den Deinen namentlich Deinen Bruder in O. be-
sprächest.- Allwine lebt bis Mitte Juli in
Gernrode jenseits des Harzes bei <Hohgrefen>.
Die Schreiberin des Hamburger Briefes ist -
die Gattin des reichen Kaufmann[s] Ehlers.