Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an Ida Seele in Darmstadt v. 19.7.1849 (Bad Liebenstein)


F. an Ida Seele in Darmstadt v. 19.7.1849 (Bad Liebenstein)
(BN 651, Bl 51-53, Brieforiginal 1 ½ B 8° 6 S.)

Bad Liebenstein bei Salzungen am 19n Juli 1849


Liebe Ida.

Es thut mir gar sehr leid, daß Sie Ihren l. Brief
vom 11en dies: nach Keilhau überschrieben haben,
wodurch mir derselbe erst heut früh zugekommen
ist, Sie würden sonst 4-5 Tage früher die gewünschte
Antwort von mir erhalten haben. Sollte ich in mein[-]
nem vorigen, von hier aus geschriebenen Brief, den
Ort des Schreibens vergessen haben?- Doch dieß nur
zur Erklärung warum diese, wohl von Ihnen schon
erwartete Antwort erst heut bei Ihnen eintrifft.
Sie wünschen, liebe Ida, von mir meine Ansichten
über die Vorgänge i in Ihrer Seele und die leisen Wünsche
Ihres Innern, wie meinen Rath hinsichtlich des Ihnen von
Hamburg aus gemachten Antrages: Hier haben Sie in
größter Unbefangenheit, frei aus dem freien Geiste
beides.
Auf alle Vorgänge in der Seele, welche sich gleichsam wie
Funken und Keime, oder als immer von neuem, wohl sogar
verstärkt wiederkehrende Strebungen in derselben kund
thun und ohne mein Zuthun frei machen, lege ich persön-
lich großen Werth und um so ruhiger, vertrauender, ste-
tiger und ungestörter ich denselben nachgehe um so siche-
rer und klarer führen und bringen sie mich gewiß zu
dem geahneten schönen Ziele; nur darf ich, von Furcht oder
Zweifel auf einen Theil des Weges ergriffen, mich nicht
bestimmen zulassen stehen zu bleiben, anders oder gar
zurück zu gehen, sondern im festen Vertrauen auf Got-
tes Stimme im Innern, ebenso festen Schrittes nun muth-
voll vorwärts. Nie hat mich in meinem bis nun nahe
70jährigen Leben diese Stimme der Lebens-Einheit in meinem
Innern geteuscht; würde ich derselben nun auch immer und ganz /
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ungestört gefolgt seyn, so würde sich mein Leben gewiß
auch ebenso ungestört seiner Bestimmung entgegen ent-
wickelt und ausgebildet haben. Ich setze den Grund mei-
ner oft fast vernichtenden Störungen meines Lebens da-
rein, daß ich entweder jene Stimme mir nicht zur leben-
vollen Nachlebung gebracht habe, oder mich in derselben habe
irren lassen.
Diese meine zunächst persönliche Überzeugung hat sich mir
nun aber auch im Laufe der Lebenserfahrungen und ver-
gleichenden Lebensbeachtungen zu einem Hauptgrund-
satz früher Kindheitpflege und entwickelnd-erziehender
Kinder- und Menschenbildung aus d.h. die reinen Ahnungen
der Kinder ihnen zur Klarheit, zur Einsicht und zur Erfül-
lung zu bringen.
Sie sehen aus dieser Einleitung, daß das, was ich Ihnen
zunächst persönlich als Beantwortung auf Ihren und ver-
trauenden Brief zu sagen habe, aber von aller Persön-
lichkeit frei und ein reines Ergebniß der Beachtung des
allgemeinen Entwickelungsganges und der Bildungsgesetze
des Menschen ist, jedoch angewandt auf Ihr Leben rc.
Sie schreiben: - "Wenn nun auch mein Herz bei dem Ge-
danken Darmstadt zu verlassen ...... herben Schmerz fühlt;
so ist mir doch schon einige Zeit als zöge ein unnennbares Gefühl
mich von Darmstadt fort. ......["]
Nach meiner festen Überzeugung müssen Sie nun unbedingt
diesem, wie Sie es nennen unnennbaren Gefühle Folge leisten
so bald sich Ihnen dazu Gelegenheit und Aufforderung zeigt.
Dieß ist nun das Erste, was in mir in Beziehung auf Ihre
weitere Lebensentwickelung ganz fest steht.-
- (:Als Einschaltung und dem Mittheilungsgange Ihres Briefes
Briefes folgend will ich Ihnen nun auch sagen, daß ich mir eben[-]
falls Mühe gegeben habe Ihnen in Ihrer Vaterstadt einen Kinder[-]
garten zu bereiten; allein es wollte sich nie gestalten und
ich muß mir sagen, daß Sie sich dort nicht wohl finden würden:) - /
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Im Fortgange Ihres Briefes sagen Sie weiter:- "Die Fr
"Dr Herz
schreibt mir, daß Sie willens seien in Marien-
"thal (oder was gleich ist Liebenstein) eine große Erziehung-
"anstalt zu gründen. Wie habe ich mich bei dieser Nach-
"richt gefreut ....." "Dies Dürfte ich an dieser Anstalt
"mitwirken, das war mein nächster Gedanke." "
Sehen Sie nun, liebe Ida, dieser Gedanke, eben als ein klarer,
bestimmter Gedanke ist ebenfalls in der Beachtung und
Pflege festzuhalten, wenn auch von meiner Seite jetzt eben
noch nicht weiter etwas Bestimmtes darüber ausgespro-
chen werden kann, als daß ich eben diesen Vorsatz in mir
in Beziehung auf Liebenstein, was eben mit Marienthal
ganz gleich ist - zur Verwirklichung nicht nur ganz fest halte,
sondern auch den sich dazu günstig zeigenden Umständen und Ent-
wickelungen ruhig pflegend nachgehe.
Nun zur Hauptsache Ihres l. Briefes: Sie wünschen we-
gen des Antrages des Herrn Dr Detmer meinen Rath.
Lassen Sie uns nun vor allem die Verhältnisse welche
in Beziehung auf die Ausführung von Kindergärten in
Hamburg Statt finden ein Wenig betrachten
erstlich besteht seit 1½ Jahren ein Kindergarten in Verbindung
mit der weiblichen Bildungsanstalt der Frau Doris Lütkens
unter der unmittelbaren selbstständigen Leitung von
Allwinen Middendorff, als Kindergärtnerin, welche
in ihrem Berufe mit großen Seegen für Kinder und Er-
wachsene und zur Verbreitung der Sache durch Lehre und
Ausführung wirkt.
Zweitens besteht seit Anfang d. J. ein Kindergarten ge-
gründet von einem gewissen Herrn W. Beit, Lehrer. Ins Leben
gerufen von einer meiner wiederkehrenden Schülerin:
Amalien Krüger aus Halle, jetzt fortgeführt von Auguste
Steiner
, früher Kindergärtnerin in Marienberg im
obern Erzgebirge.- (Amalie Krüger ist als Kindergärtnerin
nach der Schweiz gegangen u. hat Sie auf d[en] Weg dahin viell[eicht] besucht.) /
[52R]
Drittens hat seit Anfangs dieses Monats ein gewisser
Herr Hoffmann, welcher im verflossenen Winter mein
Schüler in Dresden war ebenfalls einen Kindergarten
in Hamburg eröffnet und als Kindergärtnerin und Vor-
steherin an denselben Christianen Erdmann bisher Führe-
rin des Kindergartens in Gotha dahin gerufen (:der gotha-
sche Kindergarten wird nun von einer meiner innigsten
Schülerinnen Frau Bernhardine Herold fortgeführt:) -
Endlich viertens wird einer meiner jüngsten und schon Dres-
dner Schülerin - Amalie Mattfeldt, ohne welche jetzt
noch bei mir lebt in der Kürze nach Hamburg zurück
kehren um dort in Verbindung mit der Schulanstalt
ihres Schwagers ebenfalls einen Kindergarten auszu-
führen und vorzustehen[.]
Sie sehen hieraus l. Ida, daß wenn Sie in den Antrag des
Herrn Dr Detmer eingehen Sie in Hamburg recht in
die Mitte eines Kreises von Kindergärtnerinnen
kommen, aber ich bin in mir auch fest überzeugt daß
Sie liebe Ida, sämmtlich Ihre Mitgenossinnen, durch den
Umfang und die längere Dauer Ihrer stetigen Wirksam-
keit an Spielreichthum und Spielgewandtheit, an Kinder[-]
führungsgeschick und Erziehungserfahrungen übertreffen
werden, dieß werden die anderen nun sehr bald durchfühlen,
damit sich diese nun nicht etwa veranlaßt sehen sollten da-
rum einen besondern Werth auf ihre jüngste Schülerschaft
zu legen, indem natürlich jetzt der Gegenstand in einer
Vollständigkeit und Klarheit behandelt worden ist u wird
woran in Blankenburg nicht gedacht werden konnte, so
wünschte ich, daß Sie bei Ihrem in Frage stehenden Ver-
trage mit He. Detmer es sich zur festen Bedingung mach-
ten meine Vorträge, welche ich wie es den Anschein hat näch[-]
sten Winter in Hamburg auch für sich zu bildende Kinder[-]
gärtnerinnen
halten werde - stetig besuchen zu können.
Was nun aber Herrn Dr und Director Detmer betrifft, /
[53]
so kann ich über dessen Persönlichkeit wenig sagen;
allgemein scheint er als ein sehr tüchtiger Schulmann
geachtet zu seyn wovon die Wahrheit seine reichbesuchte
große Schulanstalt beweist. Wie es nun aber bei
jedem selbstständigen Manne ist, daß die Urtheile über
ihn getheilt sind, jedoch nicht sowohl in Beziehung auf die
Rechtlichkeit seines Charakters als über die Beweg-
gründe seines Handelns namentlich für - in der Zeit von
dem allgemeinen Urtheil hervorgehobene Gegenstände
wie z.B. jetzt die Sache der Kindergärten ist; wobei Man-
che nicht sowohl ein reines Interesse an der Sache eine reine
Gesinnung für dieselbe, als vielmehr in einem gewissen äu-
ßerlichen egoistischen und selbststischen Streben sehen und
finden wollen. Genug ich habe hierüber keinesweges ein
Urtheil; allein ich durfte Ihnen doch auch mir von sehr acht-
baren Seiten zugekommene Ansichten, ja schriftlich aus[-]
gesprochene Ansichten doch nicht vorenthalten.
Mein Gedanke wäre also der, daß, wenn Sie sonst
geneigt sind in Verhältniß als Kindergärtnerin zu
Herrn Dr u. Director Detmer zu treten - (wogegen ich
in mir auch nichts zu sagen habe) - so würde ich unter
der schon oben hervorgehobenen Bedingung zu gegenseitiger Sicherung, zunächst nur auf ein
Halbjahr eine Verbin-
dung eingehen, damit ich mir ganz die Entwickelung der
Verhältnisse und ihre Benutzung zum Heile der Sache
und zur Feststellung des Persönlichen Wohles offen ließ.
- Wie die Sachen jetzt stehen, so werde ich mit Anfang,
ja am 1' Nov. nach Hamburg gehen. Sie auch werden
wohl nicht vor Ende Oktober daselbst eintreffen können,
so könnten Sie dann vielleicht über hier, und wir ge-
meinsam von hier nach Hamburg reisen.- Es wird
mich nun freuen, wenn Sie mich recht bald mit Ihrem
Entschlusse und der [sc.: den] von Ihnen Herrn D. gesetzten Beding-
ungen bekannt machen wollen.- /
[53R]
Nun zu einem ganz andern, Ihnen jedoch nicht minder
wichtigen Gegenstand Ihres l. Briefes; Sie schreiben
nemlich in demselben von Ihrem "armen Bruder,
(dem Lithographen:) welcher Ihrer Hülfe und Unter-
stützung bedarf" " - Schreiben Sie mir nun ja und
zwar so bald als Sie immer können: in welcher Beziehung
Sie diesen Ihren Bruder (den Lithographen) arm nennen
und worinn und weshalb er Ihrer Hülfe und Unterstüt-
zung bedarf da er doch eine Kunst versteht, deren Jü[n]ger
jetzt so viel gesucht werden.-
Noch bitte ich, schreiben Sie mir in offenem töchterlichen
Vertrauen - wenn nicht Krankheit der Grund Ihrer
Unterstützung ist - über dessen Charakter, Kunstfertigkeit
und sonst äußere Lage, aber nochmals - bald.
Somit hätte ich Ihnen in Beziehung auf Ihren l. Brief
zunächst nichts weiter als ein herzliches Lebewohl und
viele Grüße an alle die zu sagen welchen mein Gruß
lieb ist und daß ich mich darauf freue bald wieder
etwas von meinen beiden Kleinen Töchterchen zu hören
u. zu sehen.- Gott mit uns. Stets in Treue
Ihr väterlich gesinnter
       Friedrich Fröbel

Alle mich Umgebenden, Lehrenden und Lernenden
Freundinnen, Töchter u Schülerinnen grüßen Sie
recht aufrichtig theilnehmend.
NB Als Forderung würde ich an Ihrer Stelle setzen
     1. freie Reisekosten. 2 ganz freie Station
     und 100 bis 120 rth jährlichen Gehalt. Vor allem
     aber die freie Entwickelung des Lebens; denn es könnte
     sich vielleicht einmal in einem Volkskindergarten sich
     Ihnen eine noch entsprechenderer [sc.: entsprechendere] Wirksamkeit eröffnen.-