Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an <Elise Meier> in Hamburg v. 21.8.1849 (Bad Liebenstein)


F. an <Elise Meier> in Hamburg v. 21.8.1849 (Bad Liebenstein)
(Staatsarchiv Hamburg: 731-5 Altonaer Autographen-Sammlung [Sammlung Ulex], Brieforiginal 1 B 8° 4 S. - Adressatin lt. einer Notiz von anderer Hand auf dem Bogen „Senatorin Elise Meier“; nicht gesichert.)

Bad Liebenstein bei Eisenach am 21en August 1849.


Verehrte Frau.

Ich traue wirklich meinen eigenen Augen nicht, als ich
eben, indem ich Ihren jüngsten mir so werthen Brief hervor suche
um denselben zu beantworten finde, daß er schon am 30.
Juni also vor mehr als 7 Wochen geschrieben und von mir
bisher unbeantwortet geblieben ist, ich kann mir dieß kaum
denken, und doch muß es so seyn, wenn ich alle Umstände er-
wäge, ob ich mich gleich überreden möchte, daß ich innerhalb die-
ser Zeit dennoch einige Zeilen wenigstens an Sie, hochgeach-
tete Frau abgeschickt habe. Was werden Sie wegen mei-
nes langen Schweigens auf Ihren so lieben als freundlichen
Brief von mir gedacht haben?- Wenn ich mich nun bemühe
die Ursache davon aufzusuchen, so finde ich sie zunächst darin,
daß Frau Ehlers gleich nach ihrer Ankunft hier aussprach
sie würde nur nach sehr kurzem Aufenthalt hier nach
Hamburg zurück kehren, mit dieser schönen Gelegenheit
nun wollte ich Ihren schätzbaren Brief beantworten;
doch zu den ersten Wochen des Hierseyns der Frau
Ehlers
reihete sich bald Woche und Woche indem sich
dieselbe hier gefiel, ich wurde überdieß in dieser
Zeit durch die drängende Gewalt des Lebens so unwohl
daß ich, um nachtheiligere Folgen davon zu vermeiden,
14 Tage das Bett hüten mußte und nun war wieder
nach völliger Herstellung meiner immer wieder
von einer kurzen Frist zur andern die nahe Abreise
der Frau Ehlers bestimmt, so die abermalige Verzöge- /
[1R]
rung der Absendung meiner Antwort, so daß mir
nun wegen dieser langen Verspätung nichts übrig
bleibt als Sie, hochgeehrte Frau, wegen derselben
recht sehr um gütige Nachsicht zu bitten.-
Der Eingang Ihres lieben Briefes berührt einen
Gegenstand, welchem ich durch mein ganzes Leben
die größte Aufmerksamkeit geschenkt habe, weil
er mir eben für das Leben von der größten Wichtig-
keit erschien, und noch erscheint. Sie sprechen nemlich
in Ihrem freundlichen Brief aus: - "wenn ich ü-
ber das Leben und die persönlichen Verhältnisse nachden-
ke und sehe wie eng verknüpft jetzt meine Gedanken
mit Ihren Bestrebungen sind so wird es mir immer,
daß Alles so und nicht ander[s] kommen sollte, kommen
mußte."- Solche Ahnungen und wirkliche augen-
blickliche Überzeugungen kommen wohl dem, das Leben
sinnig und aufmerksam Beachtenden zum Öfteren;
doch des Lebens Gewinn geht erst dann, allein nicht blos
für dem [sc.: den] Einzelnen dem jene Ahnung rc kam, sondern
für eine ganze Mehrheit und größeren Lebens-
kreis aus jener Ahnung hervor, wenn sie auch pflegend im Leben
fest gehalten wird und sich gleich
einem Nerv durch das Ganze Leben zieht. Es sind
dieß gewiß feine, rein geistige Wechselbeziehungen
welche bisher wenig, ja in ihrer Wichtigkeit für
besonders gemeinsame Lebens Entfaltung und Be-
waltung wenig beachtet und für dieselbe doch so
hochwichtig sind. Wir beachten und pflegen sie so /
[2]
wenig weil sie uns persönlich und individuell er-
scheinen und eben doch von allgemeiner Bedeutung sind.
Darum bleibt nun eben im Leben so vieles Gute un-
gethan, weil man so schwierig in dem beschränkten Be-
sondern das höhere Allgemeinere sieht; möge darum
aus dem was Sie so freundlich sind in obigen Zeilen in
Beziehung auf Besonderes auszusprechen viel Gutes
ja das Beste für Ihre größeren und größten Lebens-
kreise hervorgehen, die Möglichkeit dazu liegt nach
meiner Ansicht und Überzeugung wohl in dem be-
rührten Gegenstand, in den in Frage stehenden Bestre-
bungen.-
Sie schreiben mir zu meiner innigen Freude, daß
Sie in Ihrer Nähe in Ihrer neu gegründeten Warte-
schule - (:Warum aber haben Sie dieselbe nicht auch
gleich Kindergarten genannt? -:) wenn auch ei-
nen ganz kleinen doch immer einen ganz bestimmten
Anfang mit Anwendung meiner steigend sich bewäh-
renden Kinderpflege-, Spiel- und Beschäftigungs-
weise gemacht haben; möge der Erfolg Ihre Erwar-
tung bestätigt haben, zwei Gehülfen standen Ihnen
zur Seite He. Hoffmann und Frl. Erdmann, von de-
nen ich das Beste hoffen darf, mögen sie beide
im Fortgang ihrer Hülfsleistung diese Hoffnung
bestätigt haben.- Sie wünschen von mir noch be-
sonders für diese noch so unentwickelten Kinder
Zweckmäßiges aufgefunden zu sehen. Ohne genaue-
re Kenntniß des Ganzen und Besonderen kann ich /
[2R]
Ihnen, verehrte Frau, nun leider auch nichts eigen-
thümlich Auszuführendes weder für das Ganze u.
Allgemeine, noch für das Einzelne und Besonde-
re aussprechen. Diese, durch die Sache selbst bestimmte
Behandlung der allgemeinen Spiel- und Beschäfti-
gungsmittel und Weisen, muß auch von der un-
mittelbaren Kinderführung selbst aufgefunden
werden; wenn nun mein Kommen nach Ham-
burg, wie mich Herr und Frau Ehlers versichern
noch zur Wirklichkeit wird, so werde ich alles auf-
bieten Ihnen bei Ihrem schönen Werke nach Mög-
lichkeit zu helfen. Herrn Hoffmann habe ich, frei-
lich wohl etwas später als Sie erwartet haben wer-
den 12 Ex. sogenannte 3. Spielgabe und ebenso
      12 Ex. sogenannte 4. Spielgabe übersandt
ich zweifle nicht daß er und Frl. Erdmann davon
den besten Gebrauch in Ihrer Anstalt machen werden
- Ihre [sc.: Ich] freue mich sehr darauf Ihre schöne Schrift zu
lesen von welcher mir auch schon He. Diesterweg so
viel Gutes gesagt hat.
Fräulein Levin, die sorgliche Leiterin und Vorstehe-
rin alles dessen was meine hiesige Wirksamkeit
an weiblicher, an Haus- und Wirthschafts- und
erfahrner Jungfrauenführung fordert, trägt mir
die achtendsten und dankbarsten Grüße auf. Von
allem was Ihre gütige Theilnahme sonst von mei-
nem Wirken wissen möchte, wird Frau Ehlers ge-
wiß gern Kunde geben. Mit wahrer Hochachtung Ihnen ergeben
Friedrich Fröbel.