Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an Johanna Fröbel in Zürich v. 28.8.1849 (Bad Liebenstein)


F. an Johanna Fröbel in Zürich v. 28.8.1849 (Bad Liebenstein)
(BlM XIX,1, Bl 31, Brieforiginal 1 Bl 8° 2 S., BlM XIX,1, Bl 32-34, Abschr. 1 B + 1 Bl 8° 4½ S.)

Bad Liebenstein bei Salzungen im Meiningschen am 28./VIII 49.

Am hundertjährigen Geburtstage Göthe's.
Liebe Nichte.

Sie haben mich durch Ihre gemüthlichen Zeilen sehr erfreut.
Hätte ich Zeit so würde ich Ihnen aus dem Schatze unserer
hiesigen Kindergarten-Erfahrungen eine Mehrheit freund[-]
licher Thatsachen als dankende Gegengabe schreiben; denn,
ob ich gleich noch nicht wie Sie, einen geschlossenen Kindergar[-]
ten habe, dessen Herstellung jetzt im Werke ist, und der, wenn
sie gelingt, nächstem [sc.: nächsten] Winter, während meiner Wirksamkeit
in Hamburg, von der Vorsteherin der weiblichen Seite der
hiesigen Anstalt ausgeführt werden soll - so versammeln
sich doch täglich in zwei verschiedenen Stunden von 11-12, Vor[-]
mittags und jetzt von 5-6 Nachmittags freiwillig und
unbestimmt eine Anzahl von Kindern zum Spielen und
Beschäftigen in meiner Wohnung. Vormittags wird nun in
dieser in einem eigens dazu bestimmten Zimmer gespielt[.]
Nachmittags aber, wenn es das Wetter erlaubt auf einer
sich nahe bei meiner Wohnung befindlichen Trift, oder Rasen.
Die Zahl der jederzeit spielenden Kinder ist sehr verschieden
indem die Kinder ganz ungebunden kommen; daher ist die
Zahl oft sehr klein zu Zeiten auch sehr groß, besonders wenn
uns Kinder aus einem benachbarten Dorfe oder junge
Turner aus dem oben genannten Städtchen besuchen. In dem
vorletzten Fall haben wir schon einen Spielkreis von 80 Kin-
dern gehabt die sich dann unter meine, nach Umständen 6[-]
8 und 10 Kindergärtnerinnen vertheilen. Da sehr oft
Kinder der Curgäste an dem Spiel Antheil nehmen, so /
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finden sich zum öfteren auch von den Curgästen auch die-
jenigen Frauen und Jungfrauen als Mitspielende
ein, welche eben besondern Antheil an meinem Wirken
nehmen z.B. die Töchter des Herrn Seminardirector
Diesterweg
und andere.
Es ist dann eine wahre Freude diesen schönen Kinder-
und Jungfrauen Kreis und die kleinen klar gekämmten
und rein gewaschenen, wenn auch zum Theil nett, oft aber
auch noch in zerrissener Jacke gekleideten Barfüßler
neben den fein und S städtisch gekleideten Kindern und
mit denselben in heiterer Eintracht spielen zu sehen
und sich nicht zu kümmern ob Herzogl. und Königliche
Hoheiten oder ob ihre nächsten Bekannten sich ihrer
frohen Spiele erfreuen; denn die Eltern und Verwand[-]
ten besonders der Kinder eines benachbarten Dorfes
begleiten diese zum öftern hierher.
Sie sehen hieraus meine, liebe Nichte, daß es mir
endlich zu gelingen scheint die beglückenden Kinderspie[-]
le und entwickelnden Kinderbeschäftigungen ins Volk
wie in Familien einzuführen.
Heut waren eine Mehrheit von Volksschullehrern
aus der Nähe bei mir, welche mich ersuchten ihnen
bei einem im nächsten Monat hier zu gebenden Kin-
derspielfeste, auch Jugendfest soll es werden - thätige
Hülfe zu leisten. Ich habe es versprochen um der so schön
beginnenden Entwickelung nicht in den Weg zu treten,
ob mir gleich die Arbeit bald über den Kopf wächst.
- Nach Ihres lieben Karl's Briefe hoffe ich Sie mit dem-
selben wieder auf einem Erzieherverein in Deutschland zu
sehen, welchen ich jetzt schon vorbereite. Bitte bald wieder zu schreiben
Meine l. Nichte Johanna Fröbel IFrdFr.Fr.