Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an Ida Seele in Darmstadt v. 29.8.1849 (Bad Liebenstein)


F. an Ida Seele in Darmstadt v. 29.8.1849 (Bad Liebenstein)
(BN 651, Bl 54-55, Brieforiginal 1 B 8° 4 S., König 1990, 166f. 3 Sätze zit.[aus 55R])

Bad Liebenstein bei Salzungen im Meiningschen
Am 29' August 1849.


Werthgeschätzte, liebe Ida.

Sie werden schon seit mehreren Tagen Antwort auf Ihren jüng-
sten lieben Brief von mir erwartet haben. Ein Zweifaches
ist der Grund meiner etwas verspäteten Antwort: einmal
ein ganz ungewöhnliches Zusammendrängen von Lebensver-
hältnissen und Lebensanforderungen, wie sich solches in und von
einem Badeorte wohl denken läßt in dessen Nähe sich noch zwei
ja sogar 3 Hofhaltungen befanden und zum Theil noch befinden
welche sämtlich regen Antheil an meinen Bestrebungen nehmen.
Das Zweite was aber nicht minder zur Verspätung meiner Ant-
wort wohl wesentlich mit eingewirkt hat, ist, daß mir dieselbe
auf Ihren l. Brief nicht eben leicht wirkt: Sie wünschen aber[-]
mals Rath von mir und haben doch meinem vorigen Rath, welcher
wie mein Brief Ihnen in jedem Augenblick noch beweisen kann,
aus der tiefsten Erörterung der Sache und der Verhältnisse
geschöpft war gar kein Gehör gegeben, sondern denselben - übri[-]
gens alle Achtung gegen Ihre gegenseitige geschwisterliche Liebe
und das Wohlmeinen Ihres Bruders - gegen einen auf einer
einzelstehenden überdieß ganz äußerlichen, ja auch mir äußer-
lich aufgefaßten Thatsache verworfen; wenigstens hat alles
darüber schriftlich ausgesprochen auch gar keinen Grund und
Halt vor einer ächten und tiefen Lebenserfassung. Dieß klar
durch zu führen würde viel zu weitläufig seyn; nur leise An-
deutungen können mir genügen: Wie kann man das sehr ober-
flächlich gegründete Meinen als Gotteswillen und Geschick hin[-]
stellen?- freilich nun ist es für Sie Geschick geworden durch die nicht
minder persönlich einseitige Auffassung von Ihrer Seite.- Weiter:
Zum Glück oder Unglück kann uns Alles dienen, was nur
von und mit uns geschiehet, es kommt einzig auf unsere Auf- /
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fassung an; dort war wie Sie und Ihr HE Bruder schreiben
ein Betrüger mit im Spiele, hier ist ein solcher nirgend zu
erblicken, sondern Menschen welche es wie mit Ihnen und der
Sache, es auch höchstens dabei noch mit sich gut meinen; nun
das läßt sich den Menschen noch verzeihen, wenn man es
nur weiß und sich klar ausspricht. Doch verstehen Sie mich
liebe Ida recht: - ich bin keinesweges darüber ungehalten
daß Sie die Stelle ausgeschlagen haben, Gott behüte; aber un-
zufrieden bin ich mit den unhaltbaren Gründen, welche Sie
dafür aufführen, und welche Sie so rath[en] zu handeln und die
Stelle so kurz weg von der Hand zu weisen bestimmt haben;
Sie müßten nothwendig, wenn Sie einmal meinen Rath hören
und wie es sich dann von selbst versteht achten wollten, mir
Ihre Gegengründe mittheilen; dann wär der Entschluß, wenn
Sie mich zum zweitenmale gehört hätten, ein für Sie und von
Ihnen wohlbegründeter; Was Sie aber jetzt als Ansicht über
Dettmer hinzufügen kommt nur als hinkender Bothe hinterdrein
etwas zu bestätigen wo von gar keiner Bestätigung mehr die
Rede seyn kann da ihr Entschluß schon als festes abgemachtes
Handeln da steht. Doch genug und nur schon zuviel über den
Gegenstand. Ich meine nur: Sachen die keinesweges nur einzeln
und persönlich, sondern allgemein und großartig, wenn auch
noch nicht eben sind, doch sich so zu entwickeln den Keim in sich
tragen muß man nicht so kurz über das Knie abbrechen
sondern als ächtes vertrauendes, ich will noch zum Überfluß
hinzufügen, christlich gesinntes Gotteskind zu erforschen suchen
was Gott eigentlich durch das sich darbiethende neue Verhält-
niß mit uns und durch uns will, zu welchem göttlichen bleibenden
Zwecke wir ihm als irdisches, menschliches, äußerlich vergäng-
liches Mittel dienen soll[en]. Genug es wäre unnütz dieß alles
weiter nunmehr auszuführen, mein voriger Brief hat dieß /
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Ihnen alles hinlänglich angedeutet. Man muß nicht, wenn es
sich um allgemein Menschliches handelt, wie die Erziehung, ja
die Erziehung einer Mehrheit von Kindern verschiedener Stände
und Lebensverhältnisse ist, wenn es überdieß dabei um die
prüfende Anwendung einer nach Allgemeinheit strebenden ErziehungsIdee,
also für Familien, wie für Gemeinden und fürs Volks selbst
wichtigen Sache zu thun ist, man muß dabei sage ich nicht so
sehr auf persönlichen Eindrücken und Verhältnissen ruhen.-
- Nun Sie wollen aber für und in Beziehung auf das Ihnen
neuerdings gewordene Anerbiethen meinen Rath. Hier
kann er nur sehr beschränkt seyn, denn ich kenne hier weder
Personen, noch Verhältnisse noch Bildungsgrad u.s.w. was
soll und kann ich hier rathen? Nichts auch gar nichts!-
Sie führen als Grund zur Annahme dieser Stelle Ihre Gesund[-]
heit an; dieser Grund ist zu wichtig und gewichtig als daß sich
dagegen noch etwas sagen ließe. Weiter führen Sie die Mög-
lichkeit Ihrer Fortbildung an; nun ja sie ist möglich; aber ich weiß
und kenne von Ihr, und dieß nur durch Ihr Wort diese Möglich-
keit. Jedenfalls aber halte ich die Annahme dieser neuen Stelle
für Sie angemessner, als das Behalten Ihrer gegenwärtigen
welche ich auf die Dauer für Sie Geist, Gemüth und Körper
tödtend halte, selbst wenn die neue Stelle Ihnen keinesweges
die versprechende Dauer gewähren sondern blos ein Durchgangspunkt zu
einer höheren Wirksamkeit seyn sollte. Bleiben Sie aber
bis zum 14. Jahr dann würde ich einen dauernden Jahrgehalt
von mindestens <90 fl.> jährlich mir, oder Sicherstellung einer
mir genügenden fernern Wirksamkeit schriftl. u vertrags-
mäßig ausbedingen. Leuten, dieses Vermögens soll man der [sc.: die] Höchste
gute KinderErziehung auch nur um guten Preiß geben.-
Aber freilich werden Sie durch meine verspätete Antwort, wohl
die Ihrige schon bestimmt abgegeben haben; was mir in dieser Hin- /
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sich[t] leid thun würde.
Nun, wie Sie sich auch immer entschieden haben, so thei-
len Sie mir jedenfalls bald die von Ihnen gefaßte Ent-
schließung mit; denn wir leben in einer Zeit des Wechsels
und wer kann es wissen ob ich ich Ihnen nicht doch noch einen
Rath einmal zu geben habe, welchen Sie allseitig als gut
erkennen müssen.
Lassen Sie sich ja durch den Ernst mit welchem ich mich jetzt
über Ihr Handeln aussprechen mußte nicht abhalten,
mir fortgehend treue Kunde von Ihrem Leben, dessen Fort-
entwickelung und dessen weiteren Forderungen zu geben;
denn eben jener Ernst muß Ihnen der sicherste Beweis seyn,
daß ich wahrhaft gut mit Ihnen meine und Ihnen für
Geist, Gemüth u Leben, Wirken und Bestehen das Beste wünsche
und für Sie erstrebe.
Doch noch Eins in Beziehung auf Ihr Verhältniß zu Fr. Andreä:
- ich würde mich an Ihrer Stelle nicht auf mehrere Jahre ver[-]
bindlich machen, wie ich Ihnen dieß auch in Beziehung auf Ham-
burg rieth; damit Sie der Entwickelung Ihres Lebens nicht Thür
und Thor verschließen. Und wir leben in der Zeit der Entwickelungen[.]
- Die Art wie man hier mehrseitig [über] mein erziehendes Wir-
ken und Streben denkt, sagen Ihnen die beiliegenden Stimmen zu[-]
nächst 3er hies[ig]en [sc.: hiesiger] Curgäste.- Aber denken Sie seit wohl 6 Wochen
ist Diesterweg mit 2 seiner Töchter täglich 3-4 Stunden in meinen
Vorträgen - wie er sich selbst wenn auch nur scherzweise nennt - mein
Schüler; jedoch machen Sie von diesem Worte weiter nicht besonderen
Gebrauch denn wir leben auch in einer Zeit der Verdrehung
besonders brieflicher Mittheilungen.- Kennen Sie ["]Muttersorgen
und Mutterfreuden" ein kleines Buch welches so eben in Hamburg heraus[-]
gekommen?- Dort gedenkt Diesterw[e]g in der Vorrede u [sc.: auf] das Buch S[.] 138
der Verfasserin (eine Mutter) freundlich meiner Bestrebungen.-
Senden Sie mir doch die Probearbeit Ihres Bruders, von welche[r] Sie in
Ihrem Brief reden, ehe[r] kann ich nichts für denselben thun.- Kennen Sie -
Fröbels Kindergarten von Frau Doris Lütkens?- Eine treffliche Entgegnung
Fölsi[n]gs - die sollten Sie sich kommen lassen. Stets Ihr FrFr.