Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an die Direktion des Vereins deutscher Frauen in Hamburg v. 15.9.1849 (Bad Liebenstein)


F. an die Direktion des Vereins deutscher Frauen in Hamburg v. 15.9.1849 (Bad Liebenstein)
(SUB Hamburg: Literatur-Archiv, Fröbel, Friedrich, 1967 / G 60, Brieforiginal 1 B 4° 3 S, weitere Datierung "16.9." - evt. Eingangsdatum - auf Briefkopf von anderer Hand; ed. Müller 1929, 105-107 mit "Johanna Goldschmidt" als Adressatin. Die beiden F.-Briefe v. 23.10.1849 zeigen aber, daß F. klar zwischen Goldschmidt als persönlicher Adressatin und der Direktion des Hamburger Frauenvereins unterscheidet.)

Den 16ten Septbr

       Der verehrlichen Direction des hochachtbaren Vereines deutscher Frauen
zu Hamburg.

Ihnen für Ihre vertrauensvolle und geneigte Zuschrift vom 8en dieses M.
achtungsvoll dankend, säume ich nicht dieselbe Ihrem Wunsche entsprechend
sobald zu beantworten, als es mir durch des Lebens Drängen irgend
möglich geworden ist.
1. Zuförderst danke ich Ihrem hochachtbaren Vereine sowohl als Ganzem
wie jedem einzelnen Gliede desselben besonders und der mir namentlich
bekannten verehrlichen Direction und deren geschätzten Gliedern nochmals
für das sich in gedachter Zuschrift mehrfach aussprechende persönliche Zutrau-
en[.] Ich hoffe, im Fall es mir vergönnt werden wird das Entwicklungs-Streben,
den Erziehungsgedanken, wie die Bildungsidee, um deren allgemeinere Anerkennung
und Verbreitung es sich handelt, Ihnen klar vorzulegen, in der Anwendbarkeit der-
selben sich zugleich der Dank aussprechen wird, welcher solchen Pflege gebiert [sc.: gebührt].-
2. Halte ich dagegen von Ihrer Seite das Versprechen fest mich mit Anfang
kommenden Monats Oktober definitiv in Kenntniß zu setzen: - ob die in Frage
stehenden Vorträge für nächsten Winter in Hamburg noch zu Stande kommen
werden, oder vielmehr zu Stande gekommen sind, dagegen erkläre aber auch ich,
daß ich bis dahin in mir, und in Beziehung auf die Anordnung meiner äußeren
Verhältnisse, das von mir gegebene Versprechen fest halte, nächsten Winter
Ihnen die eben gedachten Vorträge zu halten, wenn anders die dazu nöthige An-
zahl von Unterzeichnungen es möglich macht, so daß Sie alsdann sicher auf mein
Kommen zählen können.
3. Was nun aber den durch Einmischung einzelner Persönlichkeiten hervor-
gerufenen Irrthum und das daraus hervorgegangene Mißverständnis
betrifft, so werden Sie hoffentlich sowohl im Einzelnen als im Ganzen - nach
dem Ihnen durch die geneigte Vermittelung eines Ihrer verehrlichen Glieder
zugekommenen, neuerdings von mir an Frl. Amalie Mattfeld [Müller: Wattfeld] gerichteten
Briefe und den darinn enthaltenen weiteren wörtlichen Mittheilungen und /
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den gerad zu an mich ausgesprochenen Erwartungen und Anforderungen
von Seefeld und namentlich von Frl. Amalien Krüger aus - erkennen,
daß ich gar nicht anders handeln konnte, ja darf, als ich in Hinsicht auf die
Freistellung meiner Person und meines Wirkens that,- denn Sie erwarten
ja die freie, selbstständige Mittheilung und Darlegung einer ganz freien, selbst-
ständigen Idee, eines solchen Gedankens, und - ein solcher Gedanke, eine solche Idee
darf nicht gleich von vorne herein als Parthei und Partheisache erscheinen.
Niemand kann zugleich zweien Herren dienen, deren Einigung noch nicht
bekannt ist, und so könnte ich auch nicht den natürlichen Erwartungen eines ver-
ehrlichen Frauenvereines: klare und unabhängige Vorführung der von mir
als wahr erkannten ErziehungsIdee und dem Wunsche von Seefeld aus - mich
bei Ausführung einer Hochschule für weibliche Ausbildung in Hamburg zu
betheiligen zugleich entsprechen, indem ich ja noch gar nicht weiß in wiefern
diese Idee mit den Bestrebungen des verehrlichen Frauenvereines in Eins zusam[-]
men fallen. Aber selbst auf diesen Fall mußte ich, um diesen geeinten Dop-
pelwunsch zu erfüllen, erst das Wesen der weiblichen Hochschule genau kennen, ehe
ich bestimmen könnte in wiefern ein geeintes Doppelwirken auch wirklich zu einem
und demselben Ziele führe. Ja, ich müßte nicht nur das Wesen dieser weiblichen
Hochschule, sondern auch die Mittel, Wege, Weisen und das Ziel kennen in welchem
es sich kund thun solle, ehe ich bestimmen könnte, in wiefern mein Wirken ein leben-
volles Glied dieses größeren Ganzen sein könne. Denn daß man ernstlich das
Gute, ja das Beste, das Wahre gegenseitig und gemeinsam will, dieß ist noch ein
gar loses und lockeres Band, was sogar, in Mitten des gemeinsamen Wirkens
statt zu größerer Einigung, zum Gegentheil derselben, zur Trennung führen kann,
wenn man nicht vom Beginne an über die Mittel, Wege, Weisen und das Ziel
von einer durch die prüfende Erfahrung hindurch gegangenen Überzeugung aus,
innig einig ist. Denn schon die Ansichten des Guten einigen sich nicht leicht, nicht gleich,
nochweniger aber einigen sich leicht und sogleich die Mittel und Weisen.
Einigung, Einigung in der Sonderung das ist das Ziel und der Zweck des Welt-,
und ganz vor Allem gegenwärtig des Menschheitstrebens; damit es erreicht wer-
de, allgemeiner erreicht werde, ist es nöthig, daß es, und sey es im kleinsten Punkte,
zur Darstellung, zur Anschauung komme, eine Erfahrung werde, damit man
die obengenannten Bedingungen erkenne unter welchen sie mit Sicherheit zu
erreichen sey.- Eine solche, wenn auch nur kleine Probe inniger LebensEinigung /
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bei und in allseitig befriedigter und befriedigender Sonderung, habe ich mir
nun vorgesetzt während der in Frage stehenden sechsmonatlichen Winter-
vorträge in und durch Selbstbeachtung und Selbsterziehung, in und durch Natur-
und Lebensbeachtung und Betrachtung, ganz besonders aber durch frühe beach-
tende Kinderpflege, entwickelnde Kinderbethätigung und Spiel, namentlich aber
durch erziehende Kinderbeschäftigung und bildendes Vereinsleben derselben zu geben; damit
daran und dadurch die Bedingungen klar erkannt werden wodurch das Streben
der Menschheit und des Menschengeschlechtes, sich aussprechend in den verschiedenen
Sondervereinen und deren Gliedern und so auch in und durch den Ihrigen, erreicht werde[.]
Wie nun innige Lebenseinigung das Ziel meines Strebens, gegenseitige Ach-
tung und Vertrauen der Zweck meines Handelns ist, aber sich stützend auf
Einsicht und Erkenntniß, und, durch die Prüfung hindurch gegangene Überzeu-
gung, so werden Sie nun wohl erkennen, daß nicht Persönlichkeiten und noch
weniger unfreundliche, der Grund meines Benehmens sind, sondern die in und
mit der Sache selbst gegebene Nothwendigkeit[.]
So hochgeehrteste Frauen gedenke ich mir Ihre mir so schätzbare Achtung
zu verdienen, Ihr Vertrauen zu erhalten, ja selbst Ihre Anerkennung zu sichern.
Die verehrliche Direction ersuche ich ergebenst von mir die Versicherung
ausgezeichneter Hochachtung zu genehmigen so wie ich dieselbe in gleicher
Weise bitte den hochachtbaren Vereine deutscher Frauen so wie die hochgeschätz-
ten Glieder desselben achtungsvoll von mir zu grüßen.
Bad Liebenstein bei Eisenach am 15 Septbr. 1849
Friedrich Fröbel.

NS. Die Beilagen erklären sich selbst; sie sind beide jüngst erschienen.-