Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an Johanna Goldschmidt in Hamburg v. <15.>9.1849 (Bad Liebenstein)


F. an Johanna Goldschmidt in Hamburg v. <15.>9.1849 (Bad Liebenstein)
(BN 707a, Bl 59, undat. Entwurf 1 Bl 4° 1¼ S. Datierung nach Schreiben an Hamburger Frauenverein v. 15.9.49. 59V wurde eine Liste des Liebensteiner Kreises überschrieben, 59R vier weitere Texte: 1. Reflexion über die Zeit, 2. Gedicht über die Trauer, 3. Ideelle Liste Verwandter und Bekannter Fs in Form einer Tischordnung, 4. Spiellied.)

[Briefentwurf]

Lebens Ganzes
Friedrich Fröbel, Haupt des G[an]z[e]n
Luise Levin, Geschäftsführung
Allwina Middendorff (Kindergarten PflegTöchter)
Wilhelm Middendorff (Industrielles)
Richard Krell (Musik) Sohn
Friedrich Hoffmann (Redacteur) Freund
dessen Gattin (Hauswirthschaft) Freundin
Henriette Breymann (Sekretär Freundin)
Marius Benzen [Bendsen] (Kaufhändler).

Hochgeehrte Frau.
Viel Freundliches u Liebes ist mir schon im Leben geschehen u es steht lebenvoll im Gemüthe fest u blühet u grünt nun
allein es waren blos die Gaben vereinzelt stehender Edler Wesen welche die Nothwendigkeit d[urc]hgreifender Mittel zur
Erhebung des Menschen im Einzelnen u im Ganzen u die Einigung der großen Trennung im Leben zum Heil der Einzelnen u Ganzen als
Unerläßlich erkannten und so muß der Sache willen auch {deren / in den} Träger u Vertreter die Sache diese erheben durch
die Theilnahme einer Mehrheit eines geschlossen[en] Kreises von Frauen und noch überdieß solcher Theilnahme welche
es sich zur Aufgabe macht der die Verbreitung der Kindergärten u vielmehr der Erziehenden Grundlage derselben
zu werden dieser erfreute sich
die Idee bis her noch nicht so wünschenswerth ihr eine solche auch seyn müßte, Sie
können daraus erkennen wie sich erfreul[ich] mir die von Ihnen im Auftrage eines ga[n]zen Kreises ausgesprochene
förderl[ich] thätige Theilnahme an der Verbreitung eines allgemeingültigen menschheitl[ichen] Erziehungsgedankens seyn muß dessen Vertreter
ich im Laufe der Lebensentwickelung geworden bin. - Ja Sie haben g[an]z Recht - der Einzelne u Vereinzel[t]gestellte
u sey es mit den besten u rechtesten innern u äußern Mitteln zum schriftlichen Wirken ausgerüstet, vermag jetzt
- so ist des Schicksals Spruch und der Charakter der Geist der neuen Zeit - wenig sehr wenig zum Heil u Wohl des G[an]zen eines Ganzen und sey oder werde
dieß [sich] auf noch noch so enge Grenzen erstrecken zusammengezogen nur geeinigt u einig - so lautet jetzt der der hohe bedeutungsvolle Ruf zum Handeln
welcher an die E Menschen, an die Einzeln[en] wie an die Gesammtheit ertön[t.]
Freuen Sie sich daß dieser Ruf auch an Sie u ihren [sc.: Ihren] ges[sammten] hochgeacht[eten] Verein ergangen ist, preißen Sie sich glücklich das [sc.: daß]
Sie ihn gehört haben den bedeutungsvollen Ruf der Zeit allein, halten Sie aber auch das gewonnene u erfaßte
mit aller Kraft des Geistes mit aller Macht des Gemüthes und aller Ausdauer im Leben fest u sie [sc.: Sie] werden
sich des größten Erfolges des reichsten Seegens, der reifsten gesundesten Früchte erfreuen. Sie sagen Ihr Kreis sey
Klein - ich freue mich dessen, Sie kennen Schillers prophetisches Wort [:] wer gern das <Tüchtge> leisten wil[l], hätt gern was Großes geboren, der sammle im kleinsten Punkte die größte Kraft. [Gedicht Breite und Tiefe: Wer etwas Treffliches leisten will, Hätt gern was Großes geboren, Der sammle still und unerschlafft Im kleinsten Punkte die höchste Kraft]
In dem Sinne welcher sich in dem so eben von mir Ausgesprochenen Kund giebt [er] kennen Sie wohl m[eine] <Lebens[-]
Gesinnungen> wie gern ich -wenn mir des Schicksals Lauf und des Lebens jetzt noch dunkel
vor mir liegende Entwickelungsgang gestatte[t] - wie gern ich Ihnen u Ihres achtbaren Kreises Wünschen entgegen
kommen werde und dieß um so mehr als in dem was sie [sc.: Sie] erstreben ein solches Ziel liegt auch in demselben ein Ziel <indem ein> Entwickelungsziel oder <Norm> wirkt . O, ich bitte
sehen erfassen Sie ja den hohen Geist Ihrer werten Bestrebung in seiner g[an]zen Größe, in dem g[an]zen Umfange u Tiefe seines Wesens[.]
Es ist ein Weltstreben
es ist ein Weltgedanke, welcher ihren [sc.: Ihren] Gedanken, Bestrebungen u Wollen zum Grunde liegt, lassen Sie Sich
ja nicht d[urc]h die Unschein-
barkeit ich möchte sagen Gewöhnlichkeit und in seinen nächsten Grenzen> so <eng> gefaßten Gedanken abhal[-]
ten, den Gedanken in seiner g[an]zen Tiefe zu erfassen in seinem g[an]zen Umfange u Folgen anzuschauen: - Sehen Sie hoch
geehrte Frau! soll Einigung den Menschengeschl[echtern], den Völkern, den Glaubens[-] Religionspartheien kommen
so muß begonnen werden den längsten u ältesten Riß u Trennung auszufüllen. Glauben Sie so einfach sich der
Vorsatz u das Ziel ihres [sc.: Ihres] Strebens ausspricht als: - so tief erfaßt er die Sache, ja die Recht[e] der
Menschheit - allein es muß mit klaren festen Blut Geist erkannt u festen <Blutes> kräftigen Handelns festgehalten werden
u wenn man etwas will muß man sich nicht schämen [es] in sein[em] g[anze]n Umfang u Größe zu nehmen u festzuhalten [.]
Tief in der Geschauten Menschheitsentwickelung ist er gegründet - aus dem Frauengemüthe Leben u Seele
muß die Einigung [kommen] der das Menschengeschlecht
so vielfach bedarf - das Frauengemüth der Menschheit als ein Ganzes gleichsam muß dieß fassen u erkennen
welche hohe Aufnahme dersel[ben] wird, welche Forderung an dasselbe zum Wohle der Menschheit geschiehet. Erlauben Sie mir
es auszusprechen, denn ich bin tief betr[roffen] von der Wahrheit dieses Wortes und [von] der Sache überzeugt[.]
[Bezug des nachstehenden Satzes unklar] * waren, so mangelte ihnen die allgemeine u d[urc]hgreifende Einsicht in ihr hohes Wesen, Ziel der Erkenntniß
die rechten Wege und der richtige Gebrauch selbst der schon in der Zeit dazu vorliegenden Mittel[.] /
[59R]
<Einigung> u Erziehung in u d[urc]hs Frauengemüth u Frauenleben
das ist es was wir vor allem bedürfen, was die
Menschheit dazu jetzt bedarf. Solche Verein[igung] in
der Familie - in der Gesellschaft in der
Gemeinde, in der Genossenschaft im Volke
im Menschengeschlechte, in der Menschheit in
dem Leben des Geistes u des Geistes an u für
sich. Das ist es was uns allen jedem Einzelnen
wie jedem G[an]zen Noth thut[.]

[Reflexion über die Zeit]

Vergangenheit noch Unentwickelt vor uns liegt wenn es Menschsache wichtig ist, zur Entwicklung bringen
und in der Gegenwart gestalten
er soll die Gegenwart richtig erfassen, damit <er> sie zur Klärung <wecken>
Entfaltung u Bildung der Zukunft übergehen können
Er soll der Zukunft vertrauen
daß sie entfalten entwickeln
gestalten werde[.]

[Gedicht über die Trauer]

Die Cypresse auf dem Grabe des hinübergeschlummerten
entschlafenen geschieden[en] Lieblings der Mutter
Aus dem Trauern
Sproßt das Trauen
Aus dem Trauen
Sproßt knosp Grünt das Hoffen Mutter Sieh nur hier
Siehe es in der Sprosse zeigt es Dir
Darum Traure, traue hoffe
Traure daß die treue Pflege
Seines Leben[s] Dir genommen
Traue daß die hohe Liebe
Solche Pfleg nun übernommen
Hoffe daß ein Ein[i]gungsleben
Dir auch einst wird wiederkommen
Wo das Trauern hoffen Trauen
Wird zu einem friedig freudigen Schauen [.]

[Ideelle Liste von Verwandten und Bekannten Fs]

Großmutter (M)------------------Großv. (M)
Mutter-----------------------------Vater
Pathe Frie[derike] Kämpf--------Bruder Chr[i]stop[h]
Schwester Sophie-----------------Oheim Christoph Hoff[mann] in Stadtilm
Base (Willert)---------------------Oheim in Nette
Schwester Jul[iane]---------------Vater der Gattin
Caroline d.M.----------------------Fritze
Caroline d. T-----------------------Fritz v. Holzh.
Wilhelmine-------------------------Wilhelm Fr[ö]b[e]l
Die Mutter derselben--------------Bruder T[rau]gott
Die Base Hoffm[ann] (in N.[ette]-Oheim Bretmacher
Tante in Berlin---------------------Bruder Karl
Base [in] Königsee----------------Oheim [in] Königsee

[Spiellied]

Schnee vergeht
Saat ersteht
aus {dem/der} langen Winter{schlaf/ruh}
Halm hoch steigt
Ähr sich neigt
So mein Kindchen {so/dieß} auch thu
So bescheiden ich auch thu
voll Thatkraft ich auch thu [.]