Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an Johanna Goldschmidt in Hamburg v. 29.9.1849 (Bad Liebenstein)


F. an Johanna Goldschmidt in Hamburg v. 29.9.1849 (Bad Liebenstein)
(BN Anh. 48, Bl PG 76 - PG 87, Abschrift 3 B 8° 12 S., ed. Müller 1929, 107-110. - Das Original war lt. Abschreibernotiz auf blauem Oktavpapier geschrieben; es befand sich im Besitz von Pauline Goldschmidt, Hamburg.)
(Verhältnis Originalzeile : Transkriptionszeile nicht 1 : 1)

Bad Liebenstein am 29 Septbr 1849.


Hochgeschätzte Frau.

Ihrem freundlichen Wunsche gern entsprechend beeile ich mich Ihren lieben Brief vom 26. d. M. welchen ich heut früh empfangen habe in seinen geschäftlichen Punkten sogleich zu beantworten. Zuforderst sage ich Ihnen meinen besten Dank für die Mittheilung der mancherlei erfreulichen Nachrichten die Angelegenheit der Kindergärten betreffend. Es ist wahr, der Gegenstand wird jetzt gründlich und vielseitig behandelt; Sie haben selbst mit einem so fördersamen Eingehen in die Sache und /
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durch einen so trefflichen Aufsatz wieder für dieselbe gewirkt, daß, wenn dadurch nichts bewirkt werden sollte, man wirklich an dem redlichen Sinne der Menschen verzweifeln müßte doch wir wollen es nicht thun; sind doch die Worte mit denen Sie zu dem Publikum sprechen so eindringlich als einfach, und sind doch auch die Wege, besonders der letzte Weg welchen Sie mir nennen, der: - "einen Kindergarten für den ärmeren Mittelstand der Handwerker u.s.w. ins Leben zu rufen, indem die Kinder des kleinen Mittelstandes der Fürsorge fast bedürftiger in /
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dieser Zeit sind als die der Armen selbst" - ist doch dieser Weg ein solcher welcher nothwendig zum Ziele führen wird. Aufrichtig freue ich mich, daß Sie und Ihre Freunde ihn aufgefunden, nochmehr aber daß Sie ihn betreten haben. Gern werde ich zur Förderung dieses Unternehmens und zu dessen Zielerreichung alles beitragen was ich kann, denn nach dieser Seite hin ist es ganz besonders, wo ich die Kindergärten thätig und wirksam wünsche.
Doch zur Hauptsache Ihres gütigen Briefes:
In Herrn Beits Antrag welcher dem verehrl. Fr. Vereine /
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"sein sehr hübsches Locale (:doch in der Bleichgasse?-) zum Cursus, Kindergarten und zu meiner Wohnung angeboten" - habe ich gar keinen Grund nicht einzugehen, wenn anders das Zimmer oder Saal groß genug ist die Versammlung zu fassen; denn das eben ist es was mich ganz besonders für den gefelligen [sc.: gefälligen] Antrag des Herrn Beit stimmt daß meine Wohnung und der Saal zum Vortrage in diesem und demselben Locale seyn könnte. Was das Störende der Familie betrifft, so muß ich nur dieselbe zum Voraus recht sehr bitten, daß sie mir es keines weges übel deutet, wenn ich mich zum Öfteren /
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und, ich will es gleich ganz offen und unumwunden aussprechen, am meisten einsiedlerisch in meine vier Wände zurück beziehe; dieß ist ein Bedürfniß welches, oder vielmehr dessen Erfüllung ich mir unter allen Verhältnissen reserviren muß, weil ich meine Vorträge und über meine Vorträge mir nie etwas niederschreibe, sondern sie immer aus dem Gedächtniß und ganz von neuem für jeden Vortrag aus mir hervor arbeite, wodurch sie eben für mich immer gleich frisches lebenvolles Interesse haben, was ich so auch gern in meinen Zuhöre[r]n hervorrufen möchte, so muß ich denn die Stunden /
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vor den Vorträgen nothwendig zur neuen Durcharbeitung des betreffenden Gegenstandes für mich haben. In dieser Hinsicht meine ich aber werden Herr Beit und ich uns bald verständigen.
Was die Wahl der Kindergärtnerin betrif[f]t, so dünkt es mich können wir uns diese noch offen erhalten; doch ist damit keines weges gesagt als habe ich zum Voraus einen leisen Zweifel in die Fähigkeit der [sc.: des] Frl. Stieler, nur gestehe ich offen daß ich sie in ihrer ausübenden Thätigkeit als allein führend noch nicht kenne; doch wo mir ein willig eingehender Sinn entgegen- /
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kommt, wie ich es von Frl. Stieler ganz gewiß bin, da bin ich auch so billig, als schonend wie helfend und so hoffe ich, werde ich auch von dieser Seite die Forderungen erfüllen, welche man billiger weise zu fordern berechtigt ist. Das Vollkommenste vor zu führen, das kann nicht gefordert werden, denn das würde ganz seinen eigenen Zeitaufwand kosten; nur das kann man fordern zu sehen und einzusehen, wie man selbst das Vollkommenste auszuführen im Stande sey.- Zu solchen Productionen z.B. wie Ihnen Herr Middendorff gegeben haben wird, darauf kann ich nie ein- /
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gehen; denn es fordert zwei ganz verschiedene Zustände und Stimmungen des Menschen darüber zu belehren und darin gleichsam Unterricht zu geben wie gleichsam solche Productionen zu schaffen, und anderer Seits die Sachen sogleich selbst schön und lebenvoll auszuführen, denn dort muß im[m]er der beachtende, reflectirende, prüfende, critische Geist zur Seite gehen, während man es hier blos mit der lebenvollen Darstellung zu thun hat.
Ich fürchte darum Herr Middendorff hat uns, wenn auch für den Augenblick z.B. hinsichtlich der Unter- /
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zeichnung durch seine Vorführung am Sonntage die Sache erleichtert; aber wesentlich und in der Hauptsache fürchte ich hat er solche uns sehr erschwert, denn er hat den Menschen sogleich die Blüthe gezeigt, diese ist aber nur durch schmucklosen Ernst trocknen Fleiß und Ausdauer zu erreichen. Möge dieß mir zu üben für die Theilnehmen [sc.: Theilnehmer] nach dem Geschauten nicht zu schwer fallen. Doch dieß wird sich auch finden[.]
Doch zu Ihrer dritten Frage, oder vielmehr Mittheilung[.] Hier löse ich kurz und gern Ihr gegebenes Wort hinsichtlich der Verwandlung der /
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zweimaligen Vortrege [sc.: Vorträge] aus den zweistündigen, doch so daß jeder ein vollstendiges [sc.: vollständiges] Ganzes bildet. Sie können, darum hochgeehrte Frau, wegen Ihrer übernommenen Bürgschaft meiner Beistimmung völlig beruhigt seyn keinesweges sehe ich darim [sc.: darin] einen Eingriff in meine persönliche Freiheit sondern nur den redenden Beweis wie Ihr stetes Streben nach der Wahl des Besten gerichtet ist und wer sollte solches Streben nicht gern unterstützen, wenn es selbst wie Sie sagen an Opfer geknüpft ist.
Zuletzt aber sage ich Ihnen noch meinen recht herzlichen Dank wegen /
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der mir dargebothenen Garantie[.] Ich warte recht gern bis der verehrliche Frauen Verein nach Maaßgabe der vor ihm liegenden Unterzeichnungen sich bestimmen kann einen festen Entschluß hinsichtlich meiner Berufung zu fassen. Ich werde es möglich zu machen suchen am ersten Dienstag, oder was wie ich höre dem Hamburger ein noch lieberer Tag zum Beginne einer neuen Unternehmung ist - am ersten Donnerstag im Monat Novbr. meinen Vort[r]ag zu beginnen, selbst wenn die Entscheidung erst nach dem 9en 8br oder später noch bei mir eintrifft[.]- Noch muß ich er- /
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wähnen, daß wenn auch das Locale für die öffentlichen Vorträge ein anderes ist als für den Bildungscursus, mir dieß nichts aus macht.
So hoffe ich ist alles in Ordnung.- Meine Zusendung der Diesterwegschen Schrift rc. haben Sie doch erhalten?-
Ich grüße Sie, verehrte Fr. und alle Freunde

I. Frd. Fr. Fr.